Lektion 11.4

Bedingte Wahrscheinlichkeit und Unabhängigkeit

30 min Lesezeit

Ein medizinischer Schnelltest zeigt bei dir ein positives Ergebnis an. Wie wahrscheinlich bist du tatsächlich krank? Viele Menschen antworten mit der Trefferquote des Tests, etwa 90 %90\,\%. Das ist aber eine andere Frage. Die Trefferquote sagt: Wenn jemand krank ist, wie oft erkennt der Test das? Die Frage nach deiner Situation lautet dagegen: Wenn der Test positiv ist, wie oft ist die Person krank?

Beide Fragen haben die Form „Wie wahrscheinlich ist AA, wenn ich schon weiß, dass BB eingetreten ist?". Das ist die bedingte Wahrscheinlichkeit. Sie ist eines der wichtigsten Werkzeuge der Stochastik, weil du in der Praxis fast immer zusätzliches Wissen hast.

Definition

Bedingte Wahrscheinlichkeit

Seien AA und BB Ereignisse mit P(B)>0P(B) > 0. Die bedingte Wahrscheinlichkeit von AA unter der Bedingung BB ist die Wahrscheinlichkeit, dass AA eintritt, wenn man schon weiß, dass BB eingetreten ist. Man schreibt P(A∣B)P(A \mid B), gesprochen „PP von AA unter BB".

Du schränkst den Blick auf die Fälle ein, in denen BB eintritt, und fragst, welcher Anteil davon auch zu AA gehört. Aus der Definition folgt die allgemeine Produktregel: Die Wahrscheinlichkeit, dass beide eintreten, ist die Wahrscheinlichkeit von BB mal die bedingte Wahrscheinlichkeit von AA unter BB. Das ist genau die erste Pfadregel im Baumdiagramm.

P(A∣B)=P(A∩B)P(B),P(A∩B)=P(B)⋅P(A∣B)P(A \mid B) = \frac{P(A \cap B)}{P(B)}, \qquad P(A \cap B) = P(B)\cdot P(A \mid B)
Beispiel

Vierfeldertafel zum Schnelltest

Wir stellen uns 10001000 Personen vor. Davon sind 2020 krank (2 %2\,\%). Der Test erkennt 90 %90\,\% der Kranken, also 1818 von 2020. Bei den 980980 Gesunden zeigt er fälschlich bei 5 %5\,\% ein positives Ergebnis, das sind 4949 Personen. Diese Zahlen trägst du in eine Vierfeldertafel ein, die Häufigkeiten nach beiden Merkmalen sortiert:

  • krank und positiv: 1818, krank und negativ: 22 (Summe 2020)
  • gesund und positiv: 4949, gesund und negativ: 931931 (Summe 980980)
  • positiv insgesamt: 18+49=6718 + 49 = 67, negativ insgesamt: 933933
P(krank∣positiv)=1867≈0,269P(\text{krank} \mid \text{positiv}) = \frac{18}{67} \approx 0{,}269

Obwohl der Test 90 %90\,\% der Kranken findet, sind nur etwa 27 %27\,\% der positiv Getesteten wirklich krank. Der Grund: Die Krankheit ist selten, deshalb stammen die meisten positiven Ergebnisse von den vielen Gesunden. Mit Anzahlen statt Prozenten sieht man das sofort.

Satz

Satz von Bayes

Wenn du P(B∣A)P(B \mid A) kennst, aber P(A∣B)P(A \mid B) suchst, kannst du die Bedingung umkehren. Mit dem Satz der totalen Wahrscheinlichkeit im Nenner gilt:

Im Beispiel: P(krank)=0,02P(\text{krank}) = 0{,}02, P(pos∣krank)=0,9P(\text{pos} \mid \text{krank}) = 0{,}9, P(pos∣gesund)=0,05P(\text{pos} \mid \text{gesund}) = 0{,}05. Dann ist der Zähler 0,9⋅0,02=0,0180{,}9 \cdot 0{,}02 = 0{,}018 und der Nenner 0,018+0,05⋅0,98=0,018+0,049=0,0670{,}018 + 0{,}05 \cdot 0{,}98 = 0{,}018 + 0{,}049 = 0{,}067. Das Ergebnis ist wieder 0,0180,067≈0,269\frac{0{,}018}{0{,}067} \approx 0{,}269.

P(A∣B)=P(B∣A) P(A)P(B∣A) P(A)+P(B∣A‾) P(A‾)P(A \mid B) = \frac{P(B \mid A)\,P(A)}{P(B \mid A)\,P(A) + P(B \mid \overline{A})\,P(\overline{A})}
Definition

Stochastische Unabhängigkeit

Zwei Ereignisse AA und BB heißen stochastisch unabhängig, wenn das Wissen über BB die Wahrscheinlichkeit von AA nicht verändert, also P(A∣B)=P(A)P(A \mid B) = P(A). Gleichwertig, und bequemer zu prüfen:

Beispiel: Zwei Münzwürfe sind unabhängig, denn die erste Münze weiß nichts von der zweiten. Beim Ziehen ohne Zurücklegen sind aufeinanderfolgende Züge dagegen abhängig.

P(A∩B)=P(A)⋅P(B)P(A \cap B) = P(A)\cdot P(B)

Zusammenfassung

  • P(A∣B)=P(A∩B)/P(B)P(A \mid B) = P(A \cap B) / P(B): die Wahrscheinlichkeit von AA, wenn BB schon feststeht.

  • Produktregel: P(A∩B)=P(B)⋅P(A∣B)P(A \cap B) = P(B)\cdot P(A \mid B); sie ist die Pfadregel im Baumdiagramm.

  • Mit einer Vierfeldertafel (Anzahlen statt Prozent) kannst du bedingte Wahrscheinlichkeiten sicher ablesen.

  • Satz von Bayes kehrt die Bedingung um und erklärt, warum selten auftretende Ereignisse auch bei guten Tests viele Fehlalarme erzeugen.

  • Unabhängigkeit: P(A∩B)=P(A) P(B)P(A \cap B) = P(A)\,P(B).

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Wie groß ist im Schnelltest-Beispiel die Wahrscheinlichkeit, dass eine positiv getestete Person tatsächlich krank ist? Gib einen Dezimalwert mit drei Stellen an.

Aufgabe 2Multiple Choice

Ein Würfel wird einmal geworfen. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit für eine Sechs, wenn man weiß, dass die Augenzahl gerade ist?

Aufgabe 3Numerisch

Die Ereignisse AA und BB sind unabhängig mit P(A)=0,5P(A) = 0{,}5 und P(B)=0,4P(B) = 0{,}4. Berechne P(A∩B)P(A \cap B).

Aufgabe 4Freitext

Beim Würfeln sei AA das Ereignis „gerade Zahl" und BB das Ereignis „Zahl höchstens 22". Prüfe, ob AA und BB unabhängig sind.