Lektion 11.1

Lage- und Streumaße einer Stichprobe

40 min Lesezeit

Nach dieser Lektion kannst du

  • arithmetisches Mittel als Balancepunkt einer Punktwolke deuten,

  • Median und Mittel unterscheiden, besonders bei Ausreißern,

  • Varianz und Standardabweichung als mittlere quadratische Abweichung vom Mittel lesen,

  • eine Stichprobe von einer Zufallsgröße mit Erwartungswert trennen.

Zehn Klausuren, Punkte: 8,9,9,10,10,10,11,12,12,408, 9, 9, 10, 10, 10, 11, 12, 12, 40. Das Mittel zieht der 4040 kräftig nach oben. Der Median — der Wert in der Mitte der sortierten Liste — bleibt bei 1010 und beschreibt „die typische Klausur“ besser.

Beide Zahlen sind Lagemaße: Wo sitzt die Wolke? Wie weit sie auseinanderliegt, sagen Streumaße. Die Standardabweichung ist groß, sobald Ausreißer weit vom Mittel wegstehen — weil quadriert wird, zählen große Abweichungen überproportional.

Vermute zuerst

Drei Werte 00, 00, 1212. Was ist das arithmetische Mittel, was der Median?

Balancepunkt: der Erwartungswert als Mittel mit Gewichten

Stichprobenmittel und Erwartungswert sind dieselbe Idee: Balancepunkt. Einmal aus Daten, einmal aus einem Modell.

Probier es aus

Definition

Mittel, Median, Varianz

Stichprobe x1,…,xnx_1,\ldots,x_n.

  • Arithmetisches Mittel: xˉ=1n∑i=1nxi\bar{x} = \dfrac{1}{n}\sum_{i=1}^n x_i.
  • Median: nach dem Sortieren der mittlere Wert (bei geradem nn das Mittel der zwei zentralen).
  • Empirische Varianz (hier mit nn im Nenner, die „Bevölkerung“ in der Stichprobe): s2=1n∑(xi−xˉ)2s^2 = \dfrac{1}{n}\sum (x_i - \bar{x})^2.
  • Standardabweichung: s=s2s = \sqrt{s^2}, dieselbe Einheit wie die Daten.

In manchen Formelsammlungen steht n−1n-1 im Nenner (unverzerrte Schätzung). In der Oberstufe muss die Aufgabe sagen, welche Variante gemeint ist. Die Idee bleibt: mittlere quadratische Abweichung vom Mittel.

Das Mittel minimiert die Summe der Quadratabweichungen. Der Median minimiert die Summe der Betragsabweichungen.

Schritt für Schritt

Mittel und Streuung von 2,4,62, 4, 6

Drei Werte, übersichtlich.

  1. Mittel xˉ=(2+4+6)/3=4\bar{x} = (2+4+6)/3 = 4. Median ebenfalls 44.

Schritt 1 von 3
Beispiel

Ausreißer

1,2,3,4,1001,2,3,4,100. Mittel 2222, Median 33. Die Standardabweichung ist groß wegen 100−22100-22.

xˉ=22,x~=3\bar{x} = 22, \quad \tilde{x} = 3

Wer „das typische Einkommen“ beschreibt, nimmt oft den Median. Wer Gesamtmenge und Durchschnitt braucht (Steuer, Verbrauch), das Mittel.

Kurz geprüft

Warum ist die Varianz von 1,31,3 dieselbe wie die von 101,103101,103?

Häufige Fehler

Mittel der Abweichungen ohne Quadrat

1n∑(xi−xˉ)\frac1n \sum (x_i-\bar{x}) ist immer 00, das ist die Definition des Mittels. Wer das als Streuung ausgibt, misst nichts.

Auch: Median bei geradem nn vergessen (zwei mittlere Werte). Und Stichprobe mit Grundgesamtheit verwechseln: xˉ\bar{x} ist eine Zahl aus Daten, E(X)E(X) eine Zahl aus einem Modell.

Richtig ist

Streuung: Quadrate oder Beträge. Lage: Mittel oder Median, je nach Frage.

Zusammenfassung

  • Mittel: Balancepunkt, nutzt alle Werte. Median: Mitte der sortierten Liste, robust gegen Ausreißer.

  • Varianz: mittlere quadratische Abweichung. Standardabweichung: Wurzel, gleiche Einheit.

  • Nenner nn oder n−1n-1: der Aufgabentext entscheidet.

  • Verschieben ändert die Lage, nicht die Streuung. Strecken ändert beides.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Arithmetisches Mittel von 2,4,6,82, 4, 6, 8.

Aufgabe 2Numerisch

Median von 1,2,1001, 2, 100.

Aufgabe 3Multiple Choice

Ein einzelner sehr großer Ausreißer

Aufgabe 4Freitext

Warum kann die Summe der Abweichungen vom Mittel keine Streuung messen?