Lektion 12.3

Sigma-Regeln und Prognoseintervall

35 min Lesezeit

Nach dieser Lektion kannst du

  • erklären, warum man bei vielen Versuchen nicht einen einzelnen Wert, sondern einen Bereich vorhersagt

  • mit den Sigma-Regeln abschätzen, in welchem Bereich um μ\mu eine binomialverteilte Zufallsgröße mit bestimmter Wahrscheinlichkeit liegt

  • Prognoseintervalle für absolute und relative Häufigkeiten aufstellen und die Laplace-Bedingung prüfen

  • begründen, warum die Genauigkeit einer Prognose nur mit n\sqrt{n} wächst

Wie viele Sechsen sind normal? Ein Würfel wird 600600-mal geworfen. Im Mittel erwartet man 600⋅16=100600 \cdot \frac{1}{6} = 100 Sechsen. Genau 100100 Sechsen kommen aber selten vor: Die Wahrscheinlichkeit dafür ist nur etwa 4,4 %4{,}4\,\%. Mal sind es 9393, mal 108108. Jemand wirft 600600-mal und erhält 121121 Sechsen. Ist das noch Zufall, oder ist der Würfel gezinkt?

Um das zu entscheiden, braucht man einen Bereich, in dem die Anzahl der Sechsen bei einem fairen Würfel fast immer liegt. Man könnte ihn mit der Binomialverteilung mühsam Wert für Wert ausrechnen. Es geht aber viel einfacher: Bei großem nn hängt die Antwort nur vom Erwartungswert μ\mu und von der Standardabweichung σ\sigma ab. Das besagen die Sigma-Regeln.

Vermute zuerst

Bei 600600 Würfen eines fairen Würfels: In welchem Bereich liegt die Zahl der Sechsen mit etwa 95 %95\,\% Wahrscheinlichkeit?

Sigma-Intervalle im Histogramm

Der helle Streifen über dem Histogramm ist das Sigma-Intervall. Gezählt werden alle ganzen Zahlen, die darin liegen.

Probier es aus

Satz

Sigma-Regeln

Ist XX binomialverteilt und gilt die Laplace-Bedingung σ>3\sigma > 3, dann liegt XX ungefähr mit den folgenden Wahrscheinlichkeiten im Intervall [μ−kσ; μ+kσ][\mu - k\sigma;\ \mu + k\sigma]:

Intervallμ±1σ\mu \pm 1\sigmaμ±2σ\mu \pm 2\sigmaμ±3σ\mu \pm 3\sigmaμ±1,64σ\mu \pm 1{,}64\sigmaμ±1,96σ\mu \pm 1{,}96\sigmaμ±2,58σ\mu \pm 2{,}58\sigma
Wahrscheinlichkeit68,3 %68{,}3\,\%95,4 %95{,}4\,\%99,7 %99{,}7\,\%90 %90\,\%95 %95\,\%99 %99\,\%

Die ersten drei Werte sind leicht zu merken. Die letzten drei braucht man, wenn eine runde Wahrscheinlichkeit verlangt ist. Weil nur ganze Zahlen im Intervall zählen, weicht die genaue Wahrscheinlichkeit um einige Prozentpunkte ab. Für Abschätzungen ist das gut genug.

Definition

Prognoseintervall

Ist die Trefferwahrscheinlichkeit pp bekannt, so kann man vor dem Experiment vorhersagen, in welchem Bereich die Trefferzahl XX mit einer gewählten Wahrscheinlichkeit γ\gamma (griechisch gamma, zum Beispiel 95 %95\,\%) liegen wird. Dieser Bereich heißt Prognoseintervall zur Sicherheitswahrscheinlichkeit γ\gamma:

[μ−kσ; μ+kσ]mit k=1,64 (90 %), k=1,96 (95 %), k=2,58 (99 %).\displaystyle [\mu - k\sigma;\ \mu + k\sigma] \quad \text{mit } k = 1{,}64 \ (90\,\%), \ k = 1{,}96 \ (95\,\%), \ k = 2{,}58 \ (99\,\%).

Weil XX nur ganze Zahlen annimmt, rundet man die Grenzen auf die ganzen Zahlen innerhalb des Intervalls: die untere Grenze auf, die obere ab.

Schritt für Schritt

Prognoseintervall für die Zahl der Sechsen

Gesucht ist das 95 %95\,\%-Prognoseintervall für die Zahl der Sechsen bei 600600 Würfen.

  1. Erwartungswert und Standardabweichung:

    μ=600⋅16=100,σ=600⋅16⋅56≈9,13\mu = 600 \cdot \tfrac{1}{6} = 100, \qquad \sigma = \sqrt{600 \cdot \tfrac{1}{6} \cdot \tfrac{5}{6}} \approx 9{,}13
Schritt 1 von 4
Kurz geprüft

Eine Münze wird 400400-mal geworfen. Bestimme das 95 %95\,\%-Prognoseintervall für die Zahl der Wappen. Gib die obere Grenze an (nach innen gerundet).

Von der Anzahl zum Anteil. Bei Umfragen interessiert nicht die Anzahl, sondern der Anteil. Wird eine Partei von 30 %30\,\% der Wahlberechtigten gewählt und befragt man 10001000 zufällig ausgewählte Personen, so ist die Zahl XX ihrer Wählerinnen und Wähler binomialverteilt mit μ=300\mu = 300 und σ=1000⋅0,3⋅0,7≈14,49\sigma = \sqrt{1000 \cdot 0{,}3 \cdot 0{,}7} \approx 14{,}49. Das 95 %95\,\%-Prognoseintervall ist 300±28,4300 \pm 28{,}4, also [272; 328][272;\ 328].

Teilt man durch n=1000n = 1000, erhält man ein Intervall für die relative Häufigkeit h=Xnh = \frac{X}{n}: Sie liegt mit 95 %95\,\% Wahrscheinlichkeit zwischen 27,2 %27{,}2\,\% und 32,8 %32{,}8\,\%. Eine Umfrage mit 10001000 Befragten kann also um fast drei Prozentpunkte danebenliegen, ohne dass irgendjemand einen Fehler gemacht hat.

Satz

Prognoseintervall für die relative Häufigkeit

Mit Wahrscheinlichkeit von etwa 95 %95\,\% liegt die relative Häufigkeit h=Xnh = \frac{X}{n} im Intervall

[ p−1,96p(1−p)n;  p+1,96p(1−p)n ]\left[\, p - 1{,}96 \sqrt{\frac{p(1-p)}{n}};\ \ p + 1{,}96 \sqrt{\frac{p(1-p)}{n}} \,\right]
Prognoseintervalle zu runden Wahrscheinlichkeiten

Probier es aus

Kurz geprüft

Eine Umfrage mit 10001000 Befragten hat ein 95 %95\,\%-Prognoseintervall mit einer halben Breite von etwa 2,82{,}8 Prozentpunkten. Wie viele Personen muss man befragen, damit die halbe Breite nur noch 1,41{,}4 Prozentpunkte beträgt?

Beispiel

Vom Prognoseintervall zum Test

Ein Hersteller gibt an, dass 90 %90\,\% seiner Samen keimen. In einer Stichprobe von 200200 Samen keimen nur 167167. Passt das zur Angabe?

μ=180,σ=200⋅0,9⋅0,1≈4,24,μ±1,96σ≈[171,7; 188,3]\mu = 180, \quad \sigma = \sqrt{200 \cdot 0{,}9 \cdot 0{,}1} \approx 4{,}24, \quad \mu \pm 1{,}96\sigma \approx [171{,}7;\ 188{,}3]

Das 95 %95\,\%-Prognoseintervall ist [172; 188][172;\ 188]. Der beobachtete Wert 167167 liegt deutlich darunter, sogar unter μ−3σ≈167,3\mu - 3\sigma \approx 167{,}3. Wenn die Angabe stimmt, kommt so ein Ergebnis sehr selten vor. Man wird die Angabe des Herstellers deshalb anzweifeln. Genau dieses Vorgehen wird beim Hypothesentest zu einem festen Verfahren ausgebaut.

Häufige Fehler

Die Laplace-Bedingung nicht prüfen

Man verwendet die Sigma-Regeln für n=20n = 20 und p=0,1p = 0{,}1.

Richtig ist

Dann ist σ=20⋅0,1⋅0,9≈1,34\sigma = \sqrt{20 \cdot 0{,}1 \cdot 0{,}9} \approx 1{,}34. Das Histogramm ist schief und besteht aus wenigen Säulen, die Prozentwerte stimmen nicht. In diesem Fall rechnet man direkt mit der Binomialverteilung.

Häufige Fehler

Die Wurzel vergessen

Man glaubt, eine zehnmal größere Stichprobe mache die Prognose zehnmal genauer.

Richtig ist

Die halbe Breite des Intervalls für den Anteil ist 1,96p(1−p)n1{,}96 \sqrt{\frac{p(1-p)}{n}}. Zehnmal mehr Versuche machen sie nur um den Faktor 10≈3,2\sqrt{10} \approx 3{,}2 kleiner.

Häufige Fehler

Prognose und Schätzung verwechseln

Aus „Mit 95 %95\,\% liegt hh in [p−c; p+c][p - c;\ p + c]“ macht man „Mit 95 %95\,\% liegt pp in [h−c; h+c][h - c;\ h + c]“.

Richtig ist

Das Prognoseintervall setzt voraus, dass pp bekannt ist, und sagt die Stichprobe vorher. Der umgekehrte Weg, von einer beobachteten Stichprobe auf das unbekannte pp zu schließen, führt zum Konfidenzintervall. Er ist eng verwandt, aber die Rechnung und die Deutung sind anders.

Zusammenfassung

  • Bei binomialverteilten Zufallsgrößen mit σ>3\sigma > 3 gilt: Im Intervall μ±σ\mu \pm \sigma liegen etwa 68 %68\,\%, in μ±2σ\mu \pm 2\sigma etwa 95 %95\,\%, in μ±3σ\mu \pm 3\sigma etwa 99,7 %99{,}7\,\% der Fälle.

  • Für runde Wahrscheinlichkeiten: 1,64σ1{,}64\sigma für 90 %90\,\%, 1,96σ1{,}96\sigma für 95 %95\,\%, 2,58σ2{,}58\sigma für 99 %99\,\%.

  • Prognoseintervall: [μ−kσ; μ+kσ][\mu - k\sigma;\ \mu + k\sigma], die Grenzen nach innen auf ganze Zahlen gerundet.

  • Für den Anteil h=Xnh = \frac{X}{n}: p±kp(1−p)np \pm k\sqrt{\frac{p(1-p)}{n}}. Die Breite schrumpft nur mit 1n\frac{1}{\sqrt{n}}.

  • Liegt ein beobachteter Wert weit außerhalb des Prognoseintervalls, spricht das gegen das angenommene pp.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Berechne für n=500n = 500 und p=0,2p = 0{,}2 die Standardabweichung σ\sigma der Binomialverteilung auf zwei Nachkommastellen.

Aufgabe 2Multiple Choice

Für welche Werte ist die Laplace-Bedingung erfüllt?

Aufgabe 3Numerisch

Ein Medikament wirkt bei 70 %70\,\% der Patienten. Es wird an 300300 Patienten gegeben. Bestimme das 90 %90\,\%-Prognoseintervall für die Zahl der Patienten, bei denen es wirkt. Gib die untere Grenze an (nach innen gerundet).

Aufgabe 4Numerisch

In einer Stadt nutzen 40 %40\,\% der Haushalte Ökostrom. Wie groß ist die halbe Breite des 95 %95\,\%-Prognoseintervalls für den Anteil in einer Stichprobe von 600600 Haushalten? Gib sie in Prozentpunkten auf eine Nachkommastelle an.

Aufgabe 5Numerisch

Wie viele Haushalte muss man in Aufgabe 4 mindestens befragen, damit die halbe Breite höchstens 22 Prozentpunkte beträgt?

Aufgabe 6Multiple Choice

Bei 12001200 Würfen eines Würfels fallen 240240 Sechsen. Was folgt daraus?

Aufgabe 7Freitext

Ein Zeitungsartikel meldet: „Die Partei A ist von 31 %31\,\% auf 33 %33\,\% gestiegen.“ Die Umfrage hatte 10001000 Befragte. Beurteile die Aussage mit einem Prognoseintervall.