Lektion 12.4

Simulationen von Zufallsexperimenten

35 min Lesezeit

Nach dieser Lektion kannst du

  • ein Zufallsexperiment mit Zufallszahlen nachbilden und dabei jedem Ergebnis den richtigen Bereich von Zufallszahlen zuordnen

  • mit vielen Simulationsdurchläufen Wahrscheinlichkeiten und Erwartungswerte schätzen, die man nicht leicht ausrechnen kann

  • das Gesetz der großen Zahlen erklären und mit der Ungleichung von Tschebyschow begründen

  • einschätzen, wie genau ein Simulationsergebnis ist und wie viele Durchläufe man braucht

Wenn Rechnen zu schwer wird. Bei manchen Zufallsexperimenten ist die Wahrscheinlichkeitsrechnung einfach: Für zwei Sechsen in zwei Würfen genügt die Pfadregel. Schon bei harmlos klingenden Fragen wird es aber schnell unübersichtlich. Wie oft muss man im Mittel würfeln, bis jede Augenzahl mindestens einmal gefallen ist? Wie viele Packungen muss man kaufen, bis man alle Sammelbilder einer Serie hat? Wie wahrscheinlich ist es, dass in einer Klasse von 2525 Personen zwei am selben Tag Geburtstag haben?

Statt zu rechnen, kann man das Experiment nachspielen: sehr oft, schnell und billig, mit einem Computer und Zufallszahlen. Die relative Häufigkeit aus vielen Durchläufen ist dann ein Schätzwert für die Wahrscheinlichkeit. Dieses Vorgehen heißt Simulation. Es ist heute in Physik, Wirtschaft, Medizin und Klimaforschung ein Standardwerkzeug, oft unter dem Namen Monte-Carlo-Methode, nach dem Spielcasino in Monaco.

Vermute zuerst

Man würfelt so lange, bis jede Augenzahl von 11 bis 66 mindestens einmal gefallen ist. Wie viele Würfe braucht man im Mittel?

Würfeln, bis alle Augenzahlen da sind

Jeder Balken zählt, wie viele Durchläufe genau so viele Würfe gebraucht haben. Die durchgezogene Linie ist der Mittelwert aller Durchläufe.

Probier es aus

Definition

Simulation

Eine Simulation bildet ein Zufallsexperiment mit Zufallszahlen nach. Sie läuft in vier Schritten ab:

1. Modell festlegen. Welche Ergebnisse gibt es, und mit welchen Wahrscheinlichkeiten? Welche Größe wird gezählt oder gemessen?
2. Zufallszahlen zuordnen. Jedem Ergebnis wird ein Bereich von Zufallszahlen zugeordnet, dessen Anteil genau der Wahrscheinlichkeit des Ergebnisses entspricht.
3. Oft wiederholen. Das Experiment wird viele Male durchgespielt, jedes Mal mit neuen Zufallszahlen.
4. Auswerten. Die relative Häufigkeit eines Ereignisses schätzt seine Wahrscheinlichkeit, der Mittelwert einer Größe schätzt ihren Erwartungswert.

Zufallszahlen liefern Taschenrechner (Taste „Ran#“) und Tabellenkalkulationen: ZUFALLSZAHL()\texttt{ZUFALLSZAHL()} ergibt eine Zahl zwischen 00 und 11, ZUFALLSBEREICH(1;6)\texttt{ZUFALLSBEREICH(1;6)} eine ganze Zahl von 11 bis 66. Computer erzeugen sie mit einer festen Rechenvorschrift. Streng genommen sind es deshalb Pseudozufallszahlen, für Simulationen verhalten sie sich aber wie echter Zufall.

Schritt für Schritt

Zufallszahlen den Ergebnissen zuordnen

Eine Reißzwecke landet mit Wahrscheinlichkeit 0,620{,}62 mit der Spitze nach oben. Ein Würfel zeigt jede Augenzahl mit 16\frac{1}{6}. Wie simuliert man beides mit einer Zufallszahl zz zwischen 00 und 11?

  1. Reißzwecke: Die Zahlen von 00 bis 11 in zwei Bereiche teilen, deren Längen den Wahrscheinlichkeiten entsprechen.

    z<0,62 ⇒ Spitze oben,z≥0,62 ⇒ Spitze untenz < 0{,}62 \ \Rightarrow\ \text{Spitze oben}, \qquad z \ge 0{,}62 \ \Rightarrow\ \text{Spitze unten}
Schritt 1 von 3
Kurz geprüft

Eine Basketballspielerin trifft einen Freiwurf mit Wahrscheinlichkeit 0,70{,}7. Du simulierst mit einstelligen Zufallsziffern 00 bis 99. Welche Zuordnung ist richtig?

Warum funktioniert das überhaupt? Eine Simulation liefert nie den exakten Wert. Nach 100100 Durchläufen kann die relative Häufigkeit noch deutlich danebenliegen. Dass sie sich mit mehr Durchläufen der Wahrscheinlichkeit nähert, ist eine der wichtigsten Tatsachen der Stochastik: das Gesetz der großen Zahlen. Im folgenden Versuch kannst du es selbst beobachten. Bei der Reißzwecke kennt man pp nicht im Voraus. Die Simulation tut hier so, als würdest du echte Würfe zählen.

Die relative Häufigkeit pendelt sich ein

Das helle Band reicht von p−1np - \frac{1}{\sqrt{n}} bis p+1np + \frac{1}{\sqrt{n}}. Es wird mit wachsendem nn enger, aber nur langsam: Für die halbe Breite braucht man viermal so viele Würfe.

Probier es aus

Satz

Gesetz der großen Zahlen (Bernoulli)

Ein Ereignis habe bei jedem Versuch die Wahrscheinlichkeit pp, die Versuche seien unabhängig. hnh_n sei die relative Häufigkeit des Ereignisses nach nn Versuchen. Dann gilt für jede noch so kleine Abweichung ε>0\varepsilon > 0:

P(∣hn−p∣≥ε)≤p(1−p)n ε2 → n→∞  0P\big(|h_n - p| \ge \varepsilon\big) \le \frac{p(1 - p)}{n\,\varepsilon^2} \ \xrightarrow{\ n \to \infty\ }\ 0
Die Zahl π\pi mit Zufallspunkten schätzen

Die kräftig gefärbten Punkte liegen im Viertelkreis mit dem Radius 11, die blassen außerhalb. Der Viertelkreis hat die Fläche π4≈0,785\frac{\pi}{4} \approx 0{,}785, das Quadrat die Fläche 11.

Probier es aus

Beispiel

Wie genau ist eine Simulation?

Der Anteil der Punkte im Viertelkreis ist eine relative Häufigkeit mit p=π4≈0,785p = \frac{\pi}{4} \approx 0{,}785. Seine Standardabweichung ist p(1−p)n\sqrt{\frac{p(1-p)}{n}}. Der Schätzwert für π\pi ist viermal so groß, also auch seine Standardabweichung:

σπ=4⋅0,785⋅0,215n≈1,64n\sigma_{\pi} = 4 \cdot \sqrt{\frac{0{,}785 \cdot 0{,}215}{n}} \approx \frac{1{,}64}{\sqrt{n}}

Mit n=10 000n = 10\,000 Punkten ist σπ≈0,016\sigma_\pi \approx 0{,}016. Nach der 2σ2\sigma-Regel liegt der Schätzwert dann mit etwa 95 %95\,\% Wahrscheinlichkeit zwischen 3,113{,}11 und 3,173{,}17. Für eine weitere richtige Stelle muss σπ\sigma_\pi zehnmal kleiner werden, also n\sqrt{n} zehnmal größer und nn hundertmal größer. Für π\pi gibt es viel bessere Verfahren. Für Fragen ohne Formel ist die Simulation aber oft der einzige Weg, und dieselbe Abschätzung sagt, wie viele Durchläufe man braucht.

Kurz geprüft

Eine Simulation schätzt eine Wahrscheinlichkeit von etwa 0,50{,}5. Wie viele Durchläufe braucht man ungefähr, damit die Standardabweichung der relativen Häufigkeit höchstens 0,010{,}01 beträgt?

Simulation und Rechnung vergleichen

Wo man die Wahrscheinlichkeiten ausrechnen kann, kann man eine Simulation an ihnen prüfen. Das ist der übliche Test, ob ein Simulationsprogramm richtig arbeitet.

Probier es aus

Häufige Fehler

Zu wenige Durchläufe

Nach 2020 Durchläufen gibt man die relative Häufigkeit 0,350{,}35 als Wahrscheinlichkeit an.

Richtig ist

Bei n=20n = 20 ist die Standardabweichung der relativen Häufigkeit bis zu 0,2520≈0,11\sqrt{\frac{0{,}25}{20}} \approx 0{,}11. Das Ergebnis kann leicht um 0,20{,}2 danebenliegen. Man braucht hunderte oder tausende Durchläufe und gibt nur so viele Stellen an, wie die Genauigkeit erlaubt.

Häufige Fehler

Ein Bereich zu viel oder zu wenig

Für p=0,25p = 0{,}25 ordnet man mit zweistelligen Zufallszahlen 0000 bis 2525 dem Treffer zu.

Richtig ist

Das sind 2626 Zahlen, also p=0,26p = 0{,}26. Richtig ist 0000 bis 2424. Bei jeder Zuordnung zählt man nach, ob die Anzahl stimmt.

Häufige Fehler

Auf einen Ausgleich warten

Nach vielen Würfen ohne Sechs glaubt man, die Sechs sei jetzt „fällig“.

Richtig ist

Unabhängige Versuche haben kein Gedächtnis. Die Wahrscheinlichkeit bleibt bei jedem Wurf 16\frac{1}{6}. Das Gesetz der großen Zahlen macht eine Aussage über relative Häufigkeiten auf lange Sicht, nicht über den nächsten Wurf.

Zusammenfassung

  • Eine Simulation bildet ein Zufallsexperiment mit Zufallszahlen nach: Modell, Zuordnung, viele Wiederholungen, Auswertung.

  • Jedem Ergebnis wird ein Bereich der Zufallszahlen zugeordnet, dessen Anteil seiner Wahrscheinlichkeit entspricht.

  • Relative Häufigkeiten schätzen Wahrscheinlichkeiten, Mittelwerte schätzen Erwartungswerte.

  • Gesetz der großen Zahlen: P(∣hn−p∣≥ε)≤p(1−p)nε2→0P(|h_n - p| \ge \varepsilon) \le \frac{p(1-p)}{n\varepsilon^2} \to 0. Es folgt aus der Ungleichung von Tschebyschow.

  • Die Genauigkeit wächst nur mit n\sqrt{n}: Für eine weitere Stelle braucht man hundertmal so viele Durchläufe.

  • Abweichungen gleichen sich nicht aus. Sie verlieren nur bei wachsendem nn an Gewicht.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Mit zz als Zufallszahl zwischen 00 und 11: Welche Formel simuliert einen Würfel mit den Augenzahlen 11 bis 66?

Aufgabe 2Numerisch

Bei einer Simulation von 500500 Durchläufen tritt ein Ereignis 185185-mal ein. Welchen Schätzwert für seine Wahrscheinlichkeit liefert die Simulation?

Aufgabe 3Numerisch

Wie viele Würfe braucht man im Mittel, bis zum ersten Mal eine Sechs fällt?

Aufgabe 4Numerisch

Eine Sammelserie hat 44 verschiedene Figuren, jede Packung enthält eine zufällige davon, alle gleich wahrscheinlich. Wie viele Packungen braucht man im Mittel für die vollständige Serie? Gib zwei Nachkommastellen an.

Aufgabe 5Numerisch

Eine Münze wird 10 00010\,000-mal geworfen. Schätze mit der Ungleichung von Tschebyschow nach oben ab, wie wahrscheinlich die relative Häufigkeit von Wappen um mindestens 0,020{,}02 von 0,50{,}5 abweicht.

Aufgabe 6Multiple Choice

Bei einem Roulette fiel neunmal hintereinander Rot. Was gilt für den zehnten Wurf?

Aufgabe 7Freitext

Beschreibe eine Simulation, mit der man die Wahrscheinlichkeit schätzen kann, dass in einer Klasse mit 2525 Personen mindestens zwei am selben Tag Geburtstag haben. Gib alle vier Schritte an und sage, wie viele Durchläufe für eine Genauigkeit von etwa ±0,02\pm 0{,}02 sinnvoll sind.