Lektion 12.1

Zufallsgrößen, Erwartungswert und Varianz

40 min Lesezeit

Nach dieser Lektion kannst du

  • erklären, was eine Zufallsgröße ist, und ihre Wahrscheinlichkeitsverteilung als Tabelle und Diagramm angeben

  • den Erwartungswert berechnen und als langfristigen Mittelwert und als Schwerpunkt deuten

  • entscheiden, ob ein Spiel fair ist, und faire Einsätze bestimmen

  • Varianz und Standardabweichung berechnen und als Maß für das Risiko deuten

Lohnt sich das Spiel? Auf einem Schulfest wird ein Würfelspiel angeboten. Man zahlt 22 Euro Einsatz und würfelt einmal. Bei einer Sechs bekommt man 1010 Euro ausgezahlt, bei einer Fünf bekommt man den Einsatz zurück, sonst nichts.

Ob man ein einzelnes Spiel gewinnt, ist Zufall. Aber wer oft spielt, wird ein Muster bemerken: Im Mittel gewinnt oder verliert man pro Spiel einen bestimmten Betrag. Um diesen Betrag zu berechnen, braucht man zwei Begriffe. Zuerst ordnet man jedem Ergebnis eine Zahl zu, hier den Gewinn. Diese Zuordnung heißt Zufallsgröße. Dann bildet man einen Mittelwert, bei dem jeder Gewinn so stark zählt, wie wahrscheinlich er ist. Das ist der Erwartungswert.

Definition

Zufallsgröße und Wahrscheinlichkeitsverteilung

Eine Zufallsgröße (auch Zufallsvariable) XX ordnet jedem Ergebnis eines Zufallsexperiments eine reelle Zahl zu. Man schreibt Zufallsgrößen mit großen Buchstaben, ihre möglichen Werte mit kleinen: x1,x2,…,xnx_1, x_2, \ldots, x_n.

P(X=xi)P(X = x_i) ist die Wahrscheinlichkeit, dass XX den Wert xix_i annimmt. Die Tabelle aller Werte mit ihren Wahrscheinlichkeiten heißt Wahrscheinlichkeitsverteilung von XX. Die Wahrscheinlichkeiten müssen sich zu 11 addieren, denn irgendeinen Wert nimmt XX immer an.

Beim Würfelspiel ist der Gewinn GG (Auszahlung minus Einsatz) eine Zufallsgröße:

Augenzahl1,2,3,41, 2, 3, 45566
Gewinn gg−2-20088
P(G=g)P(G = g)46\frac{4}{6}16\frac{1}{6}16\frac{1}{6}

Verschiedene Ergebnisse dürfen denselben Wert liefern: Die Augenzahlen 11 bis 44 führen alle zu G=−2G = -2, ihre Wahrscheinlichkeiten werden addiert.

Vermute zuerst

Man zahlt 22 Euro, bei einer Sechs gibt es 1010 Euro, bei einer Fünf den Einsatz zurück. Was passiert, wenn man sehr oft spielt?

Der Gewinn beim Würfelspiel

Das Dreieck steht dort, wo die Säulen auf einer Wippe im Gleichgewicht wären: Wahrscheinlichkeit mal Abstand ist links und rechts gleich groß.

Probier es aus

Definition

Erwartungswert

Nimmt XX die Werte x1,…,xnx_1, \ldots, x_n mit den Wahrscheinlichkeiten p1,…,pnp_1, \ldots, p_n an, dann heißt

E(X)=x1⋅p1+x2⋅p2+…+xn⋅pn\displaystyle E(X) = x_1 \cdot p_1 + x_2 \cdot p_2 + \ldots + x_n \cdot p_n

der Erwartungswert von XX. Man schreibt auch μ\mu (griechisch my).

Es gibt zwei Arten, ihn zu verstehen:

  • Als langfristiger Mittelwert. Wiederholt man das Experiment sehr oft, nähert sich der Durchschnitt der beobachteten Werte dem Erwartungswert. Ein Wert, der mit Wahrscheinlichkeit pip_i kommt, macht auf lange Sicht etwa den Anteil pip_i aller Versuche aus. Der Durchschnitt ist dann x1p1+…+xnpnx_1 p_1 + \ldots + x_n p_n.
  • Als Schwerpunkt. Legt man an jede Stelle xix_i ein Gewicht pip_i, so ist E(X)E(X) der Punkt, an dem die Anordnung im Gleichgewicht ist.

Ein Spiel heißt fair, wenn der Erwartungswert des Gewinns 00 ist.

Schritt für Schritt

Die faire Auszahlung bestimmen

Ein anderes Spiel: Einsatz 11 Euro, ein Würfelwurf, nur bei einer Sechs wird der Betrag aa ausgezahlt. Wie groß muss aa sein, damit das Spiel fair ist?

  1. Gewinn als Zufallsgröße aufschreiben:

    G=a−1 mit P=16,G=−1 mit P=56G = a - 1 \ \text{mit } P = \tfrac{1}{6}, \qquad G = -1 \ \text{mit } P = \tfrac{5}{6}
Schritt 1 von 3
Kurz geprüft

Welchen Erwartungswert hat die Augenzahl XX beim Wurf eines fairen Würfels?

Gleicher Mittelwert, ganz anderes Risiko. Vergleiche zwei faire Spiele. Bei Spiel A gewinnt oder verliert man mit gleicher Wahrscheinlichkeit 11 Euro. Bei Spiel B gewinnt man mit Wahrscheinlichkeit 1 %1\,\% 9999 Euro, sonst verliert man 11 Euro. Beide haben den Erwartungswert 00:

E(A)=1⋅0,5+(−1)⋅0,5=0,E(B)=99⋅0,01+(−1)⋅0,99=0.E(A) = 1 \cdot 0{,}5 + (-1) \cdot 0{,}5 = 0, \qquad E(B) = 99 \cdot 0{,}01 + (-1) \cdot 0{,}99 = 0.

Trotzdem fühlen sie sich völlig verschieden an. Bei A bleibt man immer nah bei null. Bei B verliert man meistens ein bisschen und gewinnt selten sehr viel. Der Erwartungswert sagt nichts darüber, wie weit die Werte um ihn herum streuen. Dafür braucht man ein zweites Maß.

Definition

Varianz und Standardabweichung

Die Varianz von XX ist der Erwartungswert der quadrierten Abweichung vom Erwartungswert μ\mu:

V(X)=(x1−μ)2⋅p1+(x2−μ)2⋅p2+…+(xn−μ)2⋅pn.\displaystyle V(X) = (x_1 - \mu)^2 \cdot p_1 + (x_2 - \mu)^2 \cdot p_2 + \ldots + (x_n - \mu)^2 \cdot p_n.

Die Standardabweichung ist ihre Wurzel: σ=V(X)\sigma = \sqrt{V(X)} (griechisch sigma).

Warum quadrieren? Die Abweichungen xi−μx_i - \mu selbst haben immer den Mittelwert 00, denn die positiven und die negativen gleichen sich genau aus. Das ist ja gerade die Schwerpunkteigenschaft. Durch das Quadrieren werden alle Abweichungen positiv, große Abweichungen zählen dabei besonders stark. Weil die Varianz dann in „Euro zum Quadrat“ gemessen wird, zieht man die Wurzel: Die Standardabweichung hat wieder dieselbe Einheit wie XX und lässt sich als typischer Abstand vom Erwartungswert lesen.

Schritt für Schritt

Varianz für die Zahl der Wappen bei drei Münzwürfen

Eine Münze wird dreimal geworfen, XX ist die Zahl der Wappen. Die Verteilung ist P(X=0)=18P(X = 0) = \frac{1}{8}, P(X=1)=38P(X = 1) = \frac{3}{8}, P(X=2)=38P(X = 2) = \frac{3}{8}, P(X=3)=18P(X = 3) = \frac{1}{8}.

  1. Erwartungswert:

    μ=0⋅18+1⋅38+2⋅38+3⋅18=128=1,5\mu = 0 \cdot \tfrac{1}{8} + 1 \cdot \tfrac{3}{8} + 2 \cdot \tfrac{3}{8} + 3 \cdot \tfrac{1}{8} = \tfrac{12}{8} = 1{,}5
Schritt 1 von 4
Schwerpunkt und Streuung

Probier es aus

Kurz geprüft

Berechne die Standardabweichung von Spiel A (Gewinn +1+1 oder −1-1 Euro, je mit Wahrscheinlichkeit 0,50{,}5) und von Spiel B (+99+99 Euro mit 0,010{,}01, sonst −1-1 Euro). Gib die Standardabweichung von Spiel B an.

Satz

Verschiebungssatz

Oft rechnet sich die Varianz bequemer so: Man bildet den Erwartungswert von X2X^2 und zieht das Quadrat des Erwartungswerts ab.

V(X)=E(X2)−μ2,E(X2)=x12p1+…+xn2pnV(X) = E(X^2) - \mu^2, \qquad E(X^2) = x_1^2 p_1 + \ldots + x_n^2 p_n
Kurz geprüft

Berechne die Varianz der Augenzahl beim fairen Würfel mit dem Verschiebungssatz. Gib das Ergebnis auf zwei Nachkommastellen an.

Satz

Lineare Umrechnung

Wird jeder Wert mit aa multipliziert und um bb verschoben, so gilt

E(aX+b)=a⋅E(X)+b,V(aX+b)=a2⋅V(X),σ(aX+b)=∣a∣⋅σ(X)E(aX + b) = a \cdot E(X) + b, \qquad V(aX + b) = a^2 \cdot V(X), \qquad \sigma(aX + b) = |a| \cdot \sigma(X)
Häufige Fehler

Der Erwartungswert als wahrscheinlichster Wert

Man glaubt, E(X)E(X) sei der Wert, der am häufigsten vorkommt, oder ein Wert, den XX annehmen kann.

Richtig ist

Beim Würfel ist E(X)=3,5E(X) = 3{,}5, und diesen Wert gibt es gar nicht. Beim Spiel B ist E=0E = 0, aber man gewinnt oder verliert immer. Der Erwartungswert ist ein Mittelwert auf lange Sicht, keine Vorhersage für einen einzelnen Versuch.

Häufige Fehler

Bei der Varianz das Gewichten vergessen

Man addiert die quadrierten Abweichungen und teilt durch die Anzahl der Werte.

Richtig ist

Das ist nur richtig, wenn alle Werte gleich wahrscheinlich sind. Im Allgemeinen wird jede quadrierte Abweichung mit ihrer Wahrscheinlichkeit pip_i multipliziert.

Häufige Fehler

Auszahlung und Gewinn verwechseln

Bei einem Spiel mit Einsatz rechnet man mit den Auszahlungen und erhält einen positiven Erwartungswert.

Richtig ist

Fair heißt: Der Erwartungswert des Gewinns ist 00, also der Erwartungswert der Auszahlung gleich dem Einsatz. Entweder man zieht den Einsatz von jeder Auszahlung ab oder man vergleicht E(Auszahlung)E(\text{Auszahlung}) mit dem Einsatz.

Zusammenfassung

  • Eine Zufallsgröße XX ordnet jedem Ergebnis eine Zahl zu. Ihre Verteilung gibt zu jedem Wert die Wahrscheinlichkeit an, die Summe ist 11.

  • Erwartungswert: E(X)=∑xipiE(X) = \sum x_i p_i. Er ist der langfristige Mittelwert und der Schwerpunkt der Verteilung.

  • Ein Spiel ist fair, wenn der erwartete Gewinn 00 ist.

  • Varianz: V(X)=∑(xi−μ)2pi=E(X2)−μ2V(X) = \sum (x_i - \mu)^2 p_i = E(X^2) - \mu^2. Standardabweichung: σ=V(X)\sigma = \sqrt{V(X)}, ein typischer Abstand vom Erwartungswert.

  • E(aX+b)=aE(X)+bE(aX + b) = aE(X) + b und σ(aX+b)=∣a∣ σ(X)\sigma(aX + b) = |a|\,\sigma(X).

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Eine Zufallsgröße hat die Verteilung P(X=1)=0,2P(X = 1) = 0{,}2, P(X=2)=0,5P(X = 2) = 0{,}5, P(X=5)=0,3P(X = 5) = 0{,}3. Berechne E(X)E(X).

Aufgabe 2Numerisch

Berechne die Varianz der Zufallsgröße aus Aufgabe 1.

Aufgabe 3Numerisch

Bei einem Glücksrad gewinnt man mit Wahrscheinlichkeit 0,10{,}1 einen Betrag von 2020 Euro, mit 0,30{,}3 einen Betrag von 22 Euro, sonst nichts. Bei welchem Einsatz (in Euro) ist das Spiel fair?

Aufgabe 4Multiple Choice

Die Temperatur TT in Grad Celsius hat an einem Ort den Erwartungswert 1515 und die Standardabweichung 44. In Fahrenheit ist F=1,8 T+32F = 1{,}8\,T + 32. Welche Werte gelten für FF?

Aufgabe 5Numerisch

Zwei Würfel werden geworfen, SS ist die Augensumme. Berechne P(S=7)P(S = 7) als Dezimalzahl auf drei Stellen.

Aufgabe 6Numerisch

Bei einem Spiel zieht man aus einer Urne mit 33 roten und 22 blauen Kugeln zwei Kugeln ohne Zurücklegen. Für jede rote Kugel bekommt man 11 Euro. Berechne den Erwartungswert der Auszahlung.

Aufgabe 7Freitext

Eine Versicherung verlangt für eine Handyversicherung 6060 Euro im Jahr. Mit Wahrscheinlichkeit 5 %5\,\% muss sie einen Schaden von 800800 Euro bezahlen, mit 10 %10\,\% einen kleinen Schaden von 100100 Euro. Berechne den erwarteten Gewinn der Versicherung pro Vertrag und erkläre, warum es für den Kunden trotzdem sinnvoll sein kann, die Versicherung abzuschließen.