Lektion 9.2

Eindimensionaler Potenzialtopf, Pauli-Prinzip und Franck-Hertz-Versuch

23 min Lesezeit

Ein Elektron im Atom ist gebunden, und seine Energie kann nur bestimmte Werte annehmen. Warum eigentlich? Und warum sitzen in einem Atom mit vielen Elektronen nicht alle im Zustand tiefster Energie? Sonst gäbe es kein Periodensystem mit seinen Gruppen und Perioden.

In dieser Lektion rechnest du mit einem einfachen Modell, in dem man die erlaubten Energien ausrechnen kann: ein Elektron in einem Kasten. Dann lernst du das Pauli-Prinzip kennen und einen Versuch, der die Energiestufen direkt zeigt, ohne Spektrometer.

Definition

Eindimensionaler Potenzialtopf

Das einfachste Modell für ein gebundenes Quantenobjekt ist ein eindimensionaler Potenzialtopf mit unendlich hohen Wänden: Ein Elektron kann sich nur im Bereich 0<x<L0 < x < L aufhalten und niemals außerhalb. Seine Wellenfunktion ist an den Wänden null. In den Topf passen darum nur stehende Wellen, wie bei einer Saite mit festen Enden: L=n λ/2L = n\,\lambda/2. Die erlaubten Wellenlängen sind λn=2L/n\lambda_n = 2L/n, der Impuls ist pn=h/λn=n h/(2L)p_n = h/\lambda_n = n\,h/(2L). Im Topf ist das Potenzial null, die Energie ist rein kinetisch:

En=pn22m=n2 h28 m L2,n=1,2,3,…E_n = \frac{p_n^2}{2m} = n^2\,\frac{h^2}{8\,m\,L^2}, \qquad n = 1, 2, 3, \dots
Definition

Eigenschaften und Grenzen des Modells

Für ein Elektron ist h2/(8 me)=0,376 eV⋅nm2h^2/(8\,m_e) = 0{,}376\,\text{eV·nm}^2, also En=n2⋅0,376 eV⋅nm2/L2E_n = n^2 \cdot 0{,}376\,\text{eV·nm}^2 / L^2. Daraus folgt:

  • Die Energien sind diskret und wachsen mit n2n^2. Je schmaler der Topf, desto größer sind E1E_1 und die Abstände der Niveaus (∼1/L2\sim 1/L^2).
  • Die niedrigste Energie E1E_1 ist größer als null. Wer das Elektron auf den Bereich LL einsperrt, legt seinen Ort fest und der Impuls muss streuen (Unbestimmtheitsrelation). Es kann nicht ruhen. Das ist die Nullpunktsenergie.
  • Die Aufenthaltswahrscheinlichkeit ∣ψn∣2|\psi_n|^2 hat n−1n - 1 Nullstellen im Topf. Bei n=2n = 2 ist sie in der Mitte null.
  • Bei einem makroskopischen Topf (Murmel in einer Schachtel) liegen die Niveaus so dicht, dass man keine Stufen erkennt.

Grenzen: Reale Wände sind nicht unendlich hoch, die Wellenfunktion dringt in die Wand ein, und die Energien liegen tiefer als im Modell. Ein Atom ist dreidimensional und das Potenzial ähnelt −1/r-1/r statt einem Kasten, darum folgen dort die Energien −1/n2-1/n^2 statt n2n^2. Auch die Abstoßung zwischen mehreren Elektronen fehlt. Als grobe Näherung taugt das Modell für Elektronen in sehr kleinen Strukturen, etwa langen Molekülen oder Quantenpunkten.

Beispiel

Elektron im Topf der Breite 0,50 nm

Ein Elektron befindet sich in einem Potenzialtopf mit unendlich hohen Wänden und der Breite L=0,50 nmL = 0{,}50\,\text{nm}. Berechne E1E_1, E2E_2, E3E_3 und die Wellenlänge des Photons beim Übergang 2→12 \to 1.

E1=0,376 eV⋅nm2:(0,50 nm)2=0,376:0,25 eV=1,50 eVE_1 = 0{,}376\,\text{eV·nm}^2 : (0{,}50\,\text{nm})^2 = 0{,}376 : 0{,}25\,\text{eV} = 1{,}50\,\text{eV}.

E2=4 E1=6,02 eVE_2 = 4\,E_1 = 6{,}02\,\text{eV} und E3=9 E1=13,5 eVE_3 = 9\,E_1 = 13{,}5\,\text{eV}.

Übergang 2→12 \to 1: ΔE=E2−E1=3 E1=4,51 eV\Delta E = E_2 - E_1 = 3\,E_1 = 4{,}51\,\text{eV}. Das Photon hat λ=1240 eV⋅nm:4,51 eV=275 nm\lambda = 1240\,\text{eV·nm} : 4{,}51\,\text{eV} = 275\,\text{nm}, also ultraviolettes Licht.

Elektron im Potenzialtopf

Stelle "Breite des Topfs" auf 0,5 nm: Der Ablesesatz nennt E₁ von etwa 1,5 eV, wie im Beispiel. Verkleinere die Breite, und alle Energien wachsen. Wähle bei "Zustand" nacheinander n = 1, n = 2 und n = 3 und vergleiche, wie viele Knoten die stehende Welle hat.

Definition

Wasserstoffähnliche Atome und Quantenzahlen

Ein wasserstoffähnliches Atom besitzt nur ein Elektron, aber die Kernladung Z eZ\,e mit Z>1Z > 1, zum Beispiel He+\text{He}^+ (Z=2Z = 2) oder Li2+\text{Li}^{2+} (Z=3Z = 3). Die Anziehung ist ZZ-mal so stark, die Energien sind Z2Z^2-mal so groß. Für ein inneres Elektron schwerer Atome nimmt man näherungsweise eine verringerte Kernladung, das führt zum Moseleyschen Gesetz der nächsten Lektion.

Die Zustände eines Elektrons im Atom kennzeichnet man durch Quantenzahlen:

  • Hauptquantenzahl n=1,2,3,…n = 1, 2, 3, \dots: bestimmt beim Wasserstoff Energie und Größe des Orbitals.
  • Nebenquantenzahl l=0,1,…,n−1l = 0, 1, \dots, n - 1: bestimmt die Form (s für l=0l = 0, p für l=1l = 1, d für l=2l = 2).
  • Magnetquantenzahl ml=−l,…,+lm_l = -l, \dots, +l: bestimmt die Ausrichtung im Raum.
  • Spinquantenzahl ms=+1/2m_s = +1/2 oder −1/2-1/2: gibt die Einstellung des Spins an, des Eigendrehimpulses des Elektrons.

Zu n=2n = 2 gehören l=0l = 0 mit einem mlm_l und l=1l = 1 mit drei Werten von mlm_l. Das sind 4=n24 = n^2 Orbitale.

En=−Z2⋅13,6 eVn2E_n = -\frac{Z^2 \cdot 13{,}6\,\text{eV}}{n^2}
Beispiel

Das Ion He⁺

Berechne für He+\text{He}^+ die Ionisierungsenergie aus dem Grundzustand und die Wellenlänge des Übergangs 2→12 \to 1.

Ionisierungsenergie: E1=−4⋅13,6 eV/1=−54,4 eVE_1 = -4 \cdot 13{,}6\,\text{eV} / 1 = -54{,}4\,\text{eV}, also 54,4 eV.

Übergang 2→12 \to 1: ΔE=54,4 eV⋅(1−1/4)=40,8 eV\Delta E = 54{,}4\,\text{eV} \cdot (1 - 1/4) = 40{,}8\,\text{eV}. Dann λ=1240 eV⋅nm:40,8 eV=30,4 nm\lambda = 1240\,\text{eV·nm} : 40{,}8\,\text{eV} = 30{,}4\,\text{nm}. Das Licht ist ultraviolett und viermal so energiereich wie bei Wasserstoff.

Definition

Pauli-Prinzip und Mehrelektronensysteme

Wolfgang Pauli formulierte 1925: In einem Atom stimmen zwei Elektronen nie in allen vier Quantenzahlen überein. Folgerungen:

  • Ein Orbital (n,l,ml)(n, l, m_l) nimmt höchstens zwei Elektronen auf, mit entgegengesetztem Spin.
  • Die Schale mit der Hauptquantenzahl nn nimmt höchstens 2n22n^2 Elektronen auf: 2, 8, 18, 32, ...
  • Im Grundzustand besetzen die Elektronen die Niveaus von unten nach oben.

In einem Atom mit mehreren Elektronen stoßen sich die Elektronen ab, und die inneren schirmen den Kern teilweise ab. Darum hängt die Energie auch von ll ab, 2s liegt tiefer als 2p, und es gibt keine einfache Formel mehr. Die Auffüllung folgt grob der Reihenfolge 1s, 2s, 2p, 3s, 3p, 4s, 3d. Das erklärt das Periodensystem: Natrium (11 Elektronen) hat 1s² 2s² 2p⁶ 3s¹. Das einzelne 3s-Elektron ist leicht abzulösen.

Auch im Potenzialtopf gilt Pauli: In jedes Niveau nn passen zwei Elektronen mit entgegengesetztem Spin.

Definition

Franck-Hertz-Versuch

James Franck und Gustav Hertz zeigten 1914 direkt, dass Atome nur bestimmte Energien aufnehmen. Eine Röhre enthält Quecksilberdampf von geringem Druck, eine Glühkathode K, ein Gitter G und eine Auffängerelektrode A. Zwischen K und G liegt die einstellbare Beschleunigungsspannung UU, zwischen G und A eine kleine Gegenspannung von etwa 1 bis 2 V. (Quecksilberdampf ist giftig, die Röhre ist heiß und zerbrechlich. Den Versuch führt die Lehrkraft mit einer geschlossenen Röhre durch.)

Beobachtung: Der Auffängerstrom steigt mit UU, bricht bei etwa 4,9 V stark ein, steigt wieder, bricht bei etwa 9,8 V erneut ein und so fort. Die Einbrüche liegen 4,9 V auseinander.

Erklärung: Bei kleiner Energie stoßen die Elektronen elastisch mit den schweren Quecksilberatomen und verlieren kaum Energie. Erreicht ein Elektron 4,9 eV, kann es ein Atom anregen (unelastischer Stoß) und gibt dabei fast seine ganze Energie ab. Dann überwindet es die Gegenspannung nicht mehr, und der Strom bricht ein. Bei höherem UU geschieht der Stoß früher, das Elektron wird erneut beschleunigt und kann ein zweites Mal anregen. Die angeregten Atome senden ultraviolettes Licht aus. Das Atom nimmt bei diesen Stößen also genau 4,9 eV auf, keine Zwischenwerte. Franck und Hertz erhielten dafür 1925 den Nobelpreis.

Beispiel

Franck-Hertz-Versuch mit Quecksilber

Die Einbrüche des Auffängerstroms liegen 4,9 V auseinander. a) Welche Wellenlänge hat das Licht, das die angeregten Atome aussenden? b) Wie viele unelastische Stöße kann ein Elektron bei 22 V Beschleunigungsspannung höchstens erleiden (Kontaktspannung vernachlässigt)?

a) Die Anregungsenergie ist 4,9 eV. Beim Zurückfallen sendet das Atom ein Photon mit dieser Energie aus: λ=1240 eV⋅nm:4,9 eV=253 nm\lambda = 1240\,\text{eV·nm} : 4{,}9\,\text{eV} = 253\,\text{nm}. Das ist ultraviolett und passt zu einer gemessenen Quecksilberlinie bei etwa 254 nm.

b) 22 V:4,9 V=4,522\,\text{V} : 4{,}9\,\text{V} = 4{,}5, also höchstens 4 Stöße. Der Strom bricht dann bei etwa 4,9 V, 9,8 V, 14,7 V und 19,6 V ein.

Häufige Fehler

Im Grundzustand ruht das Elektron im Topf

„Im Grundzustand hat ein Elektron im Potenzialtopf die Energie null, es ruht.“

Richtig ist

Die niedrigste Energie ist E1=h2/(8 m L2)>0E_1 = h^2/(8\,m\,L^2) > 0. Der Zustand n=0n = 0 gäbe eine Wellenfunktion, die überall null ist, also kein Elektron. Wer den Ort einsperrt, bekommt einen streuenden Impuls (Nullpunktsenergie).

Häufige Fehler

Pauli: Nie zwei Elektronen im selben Orbital

„Nach dem Pauli-Prinzip darf jedes Orbital nur ein Elektron haben.“

Richtig ist

Ein Orbital darf zwei Elektronen aufnehmen, wenn ihr Spin entgegengesetzt ist. Sie unterscheiden sich dann in msm_s. Ein drittes Elektron passt nicht mehr hinein.

Zusammenfassung

  • Im unendlich hohen Potenzialtopf gilt En=n2 h2/(8 m L2)E_n = n^2\,h^2/(8\,m\,L^2). Für Elektronen ist das n2⋅0,376 eV⋅nm2/L2n^2 \cdot 0{,}376\,\text{eV·nm}^2/L^2. Es gibt eine Nullpunktsenergie E1>0E_1 > 0.

  • Grenzen des Modells: unendlich hohe Wände, nur eine Dimension, kein Coulomb-Potenzial, keine Abstoßung zwischen Elektronen.

  • Wasserstoffähnliche Atome haben En=−Z2⋅13,6 eV/n2E_n = -Z^2 \cdot 13{,}6\,\text{eV}/n^2. Die Zustände kennzeichnen die Quantenzahlen nn, ll, mlm_l und msm_s.

  • Pauli-Prinzip: Zwei Elektronen stimmen nie in allen vier Quantenzahlen überein. Ein Orbital nimmt zwei Elektronen auf, eine Schale 2n22n^2.

  • In Mehrelektronenatomen hängt die Energie auch von ll ab. Das erklärt den Aufbau des Periodensystems.

  • Im Franck-Hertz-Versuch bricht der Strom alle 4,9 V ein (Quecksilber). Die Atome nehmen nur die Energie 4,9 eV auf, das belegt diskrete Energiestufen.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Wie groß ist die Grundenergie E1E_1 eines Elektrons in einem unendlich hohen Potenzialtopf der Breite 0,25 nm, in eV? Rechne mit En=n2⋅0,376 eV⋅nm2/L2E_n = n^2 \cdot 0{,}376\,\text{eV·nm}^2/L^2.

Aufgabe 2Numerisch

Ein Elektron im Potenzialtopf der Breite 0,50 nm geht vom Niveau n=3n = 3 in das Niveau n=2n = 2 über. Welche Wellenlänge hat das ausgesandte Photon, in Nanometern? (E1=1,504 eVE_1 = 1{,}504\,\text{eV}, h c=1240 eV⋅nmh\,c = 1240\,\text{eV·nm})

Aufgabe 3Multiple Choice

Wie viele Elektronen können sich nach dem Pauli-Prinzip höchstens in der Schale mit der Hauptquantenzahl n=3n = 3 befinden?

Aufgabe 4Numerisch

Wie groß ist die Ionisierungsenergie des Ions Li2+\text{Li}^{2+} (Z=3Z = 3, ein Elektron) aus dem Grundzustand, in eV?

Aufgabe 5Numerisch

Eine Franck-Hertz-Röhre mit Quecksilber hat die Anregungsenergie 4,9 eV. Wie viele unelastische Stöße kann ein Elektron bei einer Beschleunigungsspannung von 22 V höchstens erleiden? (Die Kontaktspannung wird vernachlässigt.)

Aufgabe 6Freitext

Erkläre, warum der Strom im Franck-Hertz-Versuch bei 4,9 V einbricht und nicht schon bei 2 V, und warum er danach wieder ansteigt.