Lektion 9.3

Röntgenstrahlung: Röntgenröhre, Bremsspektrum und charakteristisches Spektrum

20 min Lesezeit

Beim Arzt zeigt ein Röntgenbild Knochen, aber kaum Muskeln. Ein Metallprüfer sieht Risse im Inneren eines Bauteils, und Forschende bestimmen mit Röntgenstrahlen, wie Atome in einem Kristall angeordnet sind. Alle diese Anwendungen nutzen Strahlung, die so energiereich ist, dass sie Materie durchdringt.

Wie entsteht sie in einer Röntgenröhre? Warum zeigt ihr Spektrum ein glattes Band und darüber scharfe Linien? Und wie verrät eine Linie, welches Element in der Anode steckt? Du wendest dazu Photonen, Energieniveaus und die Bragg-Bedingung an.

Definition

Röntgenröhre

Wilhelm Conrad Röntgen entdeckte die Strahlung 1895. Sie entsteht in der Röntgenröhre, einer evakuierten Röhre mit zwei Elektroden. Aus der Glühkathode treten Elektronen aus (Glühemission). Die Hochspannung UBU_B beschleunigt sie zur Anode, die aus Wolfram, Molybdän, Kupfer oder einem anderen Metall besteht. Dort werden sie abgebremst. Jedes Elektron hat beim Auftreffen die kinetische Energie e UBe\,U_B. Schulgeräte arbeiten bis etwa 35 kV, in der medizinischen Diagnostik nutzt man etwa 25 kV bis 150 kV.

Der Anodenstrom, also die Zahl der Elektronen pro Sekunde, wird über die Heizung der Kathode geregelt und bestimmt die Intensität. Die Spannung bestimmt, wie energiereich die Photonen höchstens sein können. Nur etwa 1 % der Elektronenenergie oder weniger wird zu Röntgenstrahlung, der Rest wird zu Wärme. Darum kühlt man die Anode, und bei starken Geräten dreht sie sich (Drehanode). Röntgenstrahlung ist ionisierend und schädigt Gewebe. Versuche macht nur die Lehrkraft, und Schulröntgengeräte sind Vollschutzgeräte, die die Strahlung abschirmen.

Definition

Kontinuierliches Röntgenbremsspektrum

Die Elektronen werden im elektrischen Feld der Atomkerne in der Anode abgelenkt und abgebremst. Beschleunigte Ladungen senden Strahlung aus: die Bremsstrahlung. Ein Elektron kann seine Energie in einem Schritt oder in mehreren Schritten abgeben. Darum haben die Photonen alle Energien von nahe null bis zu einem Höchstwert. Das Bremsspektrum ist kontinuierlich.

Die größte Photonenenergie entsteht, wenn ein Elektron seine ganze Energie auf ein Photon überträgt: h fmax⁡=e UBh\,f_{\max} = e\,U_B. Die kleinste Wellenlänge ist die Grenzwellenlänge λmin⁡\lambda_{\min} (Duane-Hunt-Gesetz). Sie hängt nur von UBU_B ab, nicht vom Anodenmaterial. Erhöht man UBU_B, rückt sie zu kleineren Wellenlängen, und die Intensität steigt. Das ist die Umkehrung des Fotoeffekts. Misst man λmin⁡\lambda_{\min}, kann man daraus hh bestimmen.

λmin⁡=h ce UB\lambda_{\min} = \frac{h\,c}{e\,U_B}
Beispiel

Grenzwellenlänge und Bestimmung von h

a) Welche Grenzwellenlänge hat die Strahlung einer Röntgenröhre bei UB=25 kVU_B = 25\,\text{kV}? b) Bei UB=20 kVU_B = 20\,\text{kV} misst man λmin⁡=62 pm\lambda_{\min} = 62\,\text{pm}. Welchen Wert hat hh?

a) Die Elektronen haben 25 keV: λmin⁡=1240 eV⋅nm:25 000 eV=0,0496 nm=49,6 pm\lambda_{\min} = 1240\,\text{eV·nm} : 25\,000\,\text{eV} = 0{,}0496\,\text{nm} = 49{,}6\,\text{pm}.

b) Aus λmin⁡=h c/(e UB)\lambda_{\min} = h\,c/(e\,U_B) folgt h=e UB λmin⁡/c=1,602⋅10−19 C⋅2,0⋅104 V⋅62⋅10−12 m:3,00⋅108 m/s=6,6⋅10−34 J⋅sh = e\,U_B\,\lambda_{\min}/c = 1{,}602 \cdot 10^{-19}\,\text{C} \cdot 2{,}0 \cdot 10^{4}\,\text{V} \cdot 62 \cdot 10^{-12}\,\text{m} : 3{,}00 \cdot 10^{8}\,\text{m/s} = 6{,}6 \cdot 10^{-34}\,\text{J·s}.

Definition

Charakteristische Röntgenstrahlung

Ein Elektron kann beim Auftreffen ein Elektron aus einer inneren Schale des Anodenatoms herausschlagen, zum Beispiel aus der K-Schale (n=1n = 1). Dazu muss e UBe\,U_B mindestens so groß sein wie die Bindungsenergie dieses Elektrons. Die Lücke füllt ein Elektron aus einer höheren Schale, und die Energiedifferenz wird als Photon ausgesandt. Beim Übergang L nach K (n=2→1n = 2 \to 1) heißt die Linie KαK_\alpha, beim Übergang M nach K (n=3→1n = 3 \to 1) heißt sie KβK_\beta.

Die inneren Elektronen sind stark gebunden, darum liegen die Photonenenergien bei keV. Die Linien bilden die charakteristische Röntgenstrahlung, denn sie hängt nur vom Anodenmaterial ab. Sie erscheint erst, wenn e UBe\,U_B die Bindungsenergie der K-Schale übersteigt (bei Kupfer etwa 9 keV). Eine Änderung von UBU_B verschiebt die Linien nicht, sie ändert nur ihre Intensität.

Das Röntgenspektrum einer Röhre ist die Überlagerung: ein kontinuierliches Bremsspektrum, das bei λmin⁡\lambda_{\min} beginnt, und darüber einzelne scharfe Linien.

AnodeZKαK_\alpha-Energie (etwa)KαK_\alpha-Wellenlänge (etwa)
Kupfer298,05 keV0,154 nm
Molybdän4217,4 keV0,0711 nm
Wolfram7459,3 keV0,0209 nm
Definition

Moseleysches Gesetz

Henry Moseley fand 1913: Die Wurzel aus der Frequenz der KαK_\alpha-Linie wächst linear mit der Ordnungszahl ZZ der Anode. Das Gesetz erklärt sich mit dem Energiestufenmodell: Beim Übergang n=2→1n = 2 \to 1 springt ein Elektron im Feld des Kerns, den das zweite K-Elektron zum Teil abschirmt. Die wirksame Kernladung ist näherungsweise (Z−1) e(Z - 1)\,e. Die Energien wasserstoffähnlicher Atome liefern dann:

EKα=34⋅13,6 eV⋅(Z−1)2≈10,2 eV⋅(Z−1)2,fKα∼(Z−1)E_{K\alpha} = \frac{3}{4} \cdot 13{,}6\,\text{eV} \cdot (Z - 1)^2 \approx 10{,}2\,\text{eV} \cdot (Z - 1)^2, \qquad \sqrt{f_{K\alpha}} \sim (Z - 1)
Beispiel

Moseleysches Gesetz anwenden

a) Berechne die KαK_\alpha-Energie und die Wellenlänge für Kupfer (Z=29Z = 29). b) Eine Anode sendet eine KαK_\alpha-Linie mit λ=0,0711 nm\lambda = 0{,}0711\,\text{nm} aus. Welche Ordnungszahl hat sie?

a) EKα=10,2 eV⋅282=10,2⋅784 eV=8,0 keVE_{K\alpha} = 10{,}2\,\text{eV} \cdot 28^2 = 10{,}2 \cdot 784\,\text{eV} = 8{,}0\,\text{keV} und λ=1240 eV⋅nm:8000 eV=0,155 nm\lambda = 1240\,\text{eV·nm} : 8000\,\text{eV} = 0{,}155\,\text{nm}. Der gemessene Wert ist 0,154 nm, das Gesetz passt gut.

b) E=1240:0,0711 eV=17 440 eVE = 1240 : 0{,}0711\,\text{eV} = 17\,440\,\text{eV}. Aus (Z−1)2=17 440:10,2=1710(Z - 1)^2 = 17\,440 : 10{,}2 = 1710 folgt Z−1=41,4Z - 1 = 41{,}4, also Z≈42Z \approx 42. Das ist Molybdän.

Definition

Bragg-Bedingung und Röntgenspektrometer

Wellenlängen von Röntgenstrahlung misst man mit einem Kristall als Beugungsgitter. Die Netzebenen mit dem Abstand dd reflektieren die Strahlung. Verstärkung gibt es nur, wenn die Bragg-Bedingung 2 d sin⁡θ=k λ2\,d\,\sin\theta = k\,\lambda erfüllt ist (θ\theta ist der Glanzwinkel zur Netzebene, k=1,2,…k = 1, 2, \dots die Ordnung). Dreht man den Kristall und misst die Intensität unter dem jeweiligen Winkel, erhält man das Röntgenspektrum: Jeder Glanzwinkel gehört zu einer Wellenlänge. Bei k=2k = 2 erscheint dieselbe Wellenlänge unter einem größeren Winkel. Als Kristall dient oft Natriumchlorid mit d=0,282 nmd = 0{,}282\,\text{nm} für die Würfelebenen.

Beispiel

Spektrometer mit Natriumchlorid

Die KαK_\alpha-Linie von Kupfer (λ=0,154 nm\lambda = 0{,}154\,\text{nm}) trifft auf einen Natriumchlorid-Kristall mit d=0,282 nmd = 0{,}282\,\text{nm}. Unter welchen Glanzwinkeln erscheint sie in erster und zweiter Ordnung?

Erste Ordnung: sin⁡θ1=λ/(2 d)=0,154:0,564=0,273\sin\theta_1 = \lambda/(2\,d) = 0{,}154 : 0{,}564 = 0{,}273, also θ1=15,8∘\theta_1 = 15{,}8^\circ.

Zweite Ordnung: sin⁡θ2=2 λ/(2 d)=0,546\sin\theta_2 = 2\,\lambda/(2\,d) = 0{,}546, also θ2=33,1∘\theta_2 = 33{,}1^\circ.

Häufige Fehler

Die Linien wandern mit der Röhrenspannung

„Erhöht man die Röhrenspannung, verschieben sich die Linien der Anode zu kürzeren Wellenlängen.“

Richtig ist

Nur die Grenzwellenlänge λmin⁡\lambda_{\min} des Bremsspektrums verschiebt sich. Die Linien liegen fest, denn sie hängen nur vom Anodenmaterial ab. Mit größerem UBU_B werden sie höchstens kräftiger, und sie erscheinen erst über einer Mindestspannung.

Häufige Fehler

Beide Strahlungsarten entstehen gleich

„Bremsstrahlung und charakteristische Strahlung entstehen beide, wenn Elektronen im Anodenmaterial abgebremst werden.“

Richtig ist

Die Bremsstrahlung entsteht beim Abbremsen im Feld der Kerne und ist kontinuierlich. Charakteristische Strahlung entsteht, wenn ein Elektron einer inneren Schale herausgeschlagen wurde und die Lücke aufgefüllt wird. Sie bildet Linien.

Zusammenfassung

  • In der Röntgenröhre beschleunigt die Spannung UBU_B Elektronen aus der Glühkathode zur Anode. Nur etwa 1 % oder weniger ihrer Energie wird Strahlung, der Rest Wärme.

  • Das Bremsspektrum ist kontinuierlich und beginnt bei der Grenzwellenlänge λmin⁡=h c/(e UB)\lambda_{\min} = h\,c/(e\,U_B). Sie hängt nur von der Spannung ab, nicht vom Anodenmaterial.

  • Charakteristische Strahlung entsteht, wenn ein Elektron der inneren Schale herausgeschlagen und die Lücke aufgefüllt wird (KαK_\alpha: L nach K, KβK_\beta: M nach K). Die Linien hängen nur vom Anodenmaterial ab und erscheinen erst über einer Mindestspannung.

  • Das Röntgenspektrum ist die Überlagerung aus Bremskontinuum und scharfen Linien.

  • Moseleysches Gesetz: EKα≈10,2 eV⋅(Z−1)2E_{K\alpha} \approx 10{,}2\,\text{eV} \cdot (Z - 1)^2. Mit ihm bestimmt man die Ordnungszahl eines Elements.

  • Die Bragg-Bedingung 2 d sin⁡θ=k λ2\,d\,\sin\theta = k\,\lambda liefert mit einem Kristall die Wellenlängen des Röntgenspektrums.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Welche Grenzwellenlänge hat die Röntgenstrahlung einer Röhre bei 40 kV, in Pikometern? Rechne mit h c=1240 eV⋅nmh\,c = 1240\,\text{eV·nm}.

Aufgabe 2Numerisch

Das Bremsspektrum einer Röntgenröhre beginnt bei der Grenzwellenlänge 24,8 pm. Mit welcher Röhrenspannung wird die Röhre betrieben, in kV?

Aufgabe 3Multiple Choice

Eine Röntgenröhre mit Kupferanode läuft zuerst bei 20 kV, dann bei 40 kV. Was ändert sich?

Aufgabe 4Numerisch

Berechne mit dem Moseleyschen Gesetz die Energie der KαK_\alpha-Linie von Eisen (Z=26Z = 26), in keV. Rechne mit EKα=10,2 eV⋅(Z−1)2E_{K\alpha} = 10{,}2\,\text{eV} \cdot (Z - 1)^2.

Aufgabe 5Numerisch

Die KαK_\alpha-Linie von Molybdän (λ=0,0711 nm\lambda = 0{,}0711\,\text{nm}) trifft auf einen Kristall mit dem Netzebenenabstand d=0,282 nmd = 0{,}282\,\text{nm}. Unter welchem Glanzwinkel erscheint sie in erster Ordnung, in Grad?

Aufgabe 6Freitext

Erkläre, wie die charakteristische Röntgenstrahlung entsteht und warum sie erst oberhalb einer Mindestspannung auftritt.