Lektion 9.1

Atomvorstellungen: Energiestufenmodell, Linienspektren und Orbitale

20 min Lesezeit

Viele Straßenlampen leuchten gelb, Leuchtreklamen oft rot oder blau. Zerlegt man das Licht einer Glühlampe mit einem Prisma, entsteht ein Regenbogen. Zerlegt man das Licht eines leuchtenden Gases, entstehen nur einzelne farbige Linien. Im Licht der Sonne fehlen dagegen einzelne Linien.

Warum sendet ein Gas nur bestimmte Wellenlängen aus? Die Antwort liegt im Bau der Atomhülle: Ein Elektron im Atom kann nicht jede Energie haben. Du lernst, wie man das Atom darstellt, wie Linien entstehen und was ein Orbital ist.

Definition

Von Rutherford zu Bohr

Rutherford fand 1911 einen winzigen Kern mit der Hülle aus Elektronen. Die klassische Physik sagt: Ein Elektron auf einer Kreisbahn sendet elektromagnetische Wellen aus, verliert Energie und stürzt in den Kern. Das Atom wäre nicht stabil, und sein Licht hätte ein kontinuierliches Spektrum. Beides widerspricht der Beobachtung.

Niels Bohr nahm 1913 an: (1) Das Elektron läuft nur auf bestimmten Kreisbahnen, ohne zu strahlen. (2) Für diese Bahnen gilt m v r=n ℏm\,v\,r = n\,\hbar mit ℏ=h/(2π)\hbar = h/(2\pi) und n=1,2,3,…n = 1, 2, 3, \dots (3) Beim Wechsel zwischen zwei Bahnen wird ein Photon mit der Energiedifferenz ausgesandt oder aufgenommen. De Broglie ergänzte: Die Bedingung bedeutet, dass auf den Bahnumfang genau nn Wellenlängen passen, 2πr=n λ=n h/(m v)2\pi r = n\,\lambda = n\,h/(m\,v), das Elektron bildet auf der Bahn eine stehende Welle.

Das Bohrsche Modell liefert die richtigen Energien des Wasserstoffatoms, außerdem den Bohrschen Radius a0=0,0529 nma_0 = 0{,}0529\,\text{nm} der innersten Bahn (rn=n2 a0r_n = n^2\,a_0). Seine Grenzen: Es gilt nur für Atome mit einem Elektron. Es erklärt weder Linienintensitäten noch Atome mit mehreren Elektronen. Im Grundzustand wäre der Drehimpuls ℏ\hbar, in Wirklichkeit ist er null. Und eine scharfe Bahn, bei der Ort und Impuls zugleich bekannt sind, gibt es nicht.

Definition

Energiestufenmodell des Wasserstoffatoms

Ein Atom kann nur bestimmte Energien haben, die Energieniveaus oder Energiestufen. Beim Wasserstoffatom ist die Gesamtenergie des Elektrons so festgelegt, dass sie null ist, wenn Elektron und Kern weit voneinander entfernt ruhen. Gebundene Zustände haben deshalb negative Energie. Für n=1,2,3,…n = 1, 2, 3, \dots gilt:

En=−13,6 eVn2E_n = -\frac{13{,}6\,\text{eV}}{n^2}
Definition

Grundzustand, angeregte Zustände und Ionisierungsenergie

Der Zustand n=1n = 1 heißt Grundzustand, die Zustände mit n>1n > 1 heißen angeregte Zustände. Mit wachsendem nn rücken die Niveaus zusammen und nähern sich der Energie 0. Die Energie, die nötig ist, um das Elektron aus dem Grundzustand ganz abzulösen, ist die Ionisierungsenergie, hier 13,6 eV13{,}6\,\text{eV}.

nn12345∞\infty
EnE_n in eV−13,60−3,40−1,51−0,85−0,540
Definition

Emission, Absorption und Linienspektren

Fällt ein Atom von einem Niveau EmE_m auf ein tieferes Niveau EnE_n, sendet es ein Photon aus (Emission). Das Photon trägt genau die Energiedifferenz, h f=Em−Enh\,f = E_m - E_n. Umgekehrt nimmt ein Atom ein Photon nur auf (Absorption), wenn dessen Energie genau einer Differenz zweier Niveaus entspricht. Angeregte Atome fallen meist nach einigen Nanosekunden zurück. Die Wellenlänge folgt aus λ=h c/ΔE\lambda = h\,c/\Delta E mit h c≈1240 eV⋅nmh\,c \approx 1240\,\text{eV·nm}.

Weil es nur bestimmte Differenzen gibt, enthält das Licht eines leuchtenden Gases nur bestimmte Wellenlängen: ein Linienspektrum. Jede Linie gehört zu einem Übergang. Läuft weißes Licht durch ein kühles Gas, fehlen genau diese Wellenlängen: ein Absorptionsspektrum mit dunklen Linien, wie im Sonnenlicht. Ein glühender Festkörper liefert dagegen ein kontinuierliches Spektrum. Jedes Element hat sein eigenes Linienmuster, darum kann man Elemente nachweisen (Spektralanalyse, Kirchhoff und Bunsen, um 1860). Helium wurde 1868 im Sonnenspektrum entdeckt, bevor man es auf der Erde fand.

Zeichnet man die Niveaus als waagerechte Striche übereinander und die Übergänge als Pfeile, erhält man das Energieniveauschema. Übergänge mit demselben Endniveau bilden eine Serie:

SerieEndniveauBereichBeispiel
Lymann=1n = 1Ultraviolett2→12 \to 1: 10,2 eV, 121,6 nm
Balmern=2n = 2sichtbar3→23 \to 2: 1,89 eV, 656 nm
Paschenn=3n = 3Infrarot4→34 \to 3: 0,66 eV, 1875 nm
Beispiel

Linien der Balmer-Serie

Berechne die Wellenlängen der Übergänge 3→23 \to 2 und 4→24 \to 2 im Wasserstoffatom. Welche Farben haben die Linien?

3→23 \to 2: ΔE=13,6 eV⋅(1/4−1/9)=13,6⋅0,1389=1,89 eV\Delta E = 13{,}6\,\text{eV} \cdot (1/4 - 1/9) = 13{,}6 \cdot 0{,}1389 = 1{,}89\,\text{eV}. Dann λ=1240 eV⋅nm:1,89 eV=656 nm\lambda = 1240\,\text{eV·nm} : 1{,}89\,\text{eV} = 656\,\text{nm}, ein rotes Licht.

4→24 \to 2: ΔE=13,6⋅(1/4−1/16)=13,6⋅0,1875=2,55 eV\Delta E = 13{,}6 \cdot (1/4 - 1/16) = 13{,}6 \cdot 0{,}1875 = 2{,}55\,\text{eV}. Dann λ=1240:2,55=486 nm\lambda = 1240 : 2{,}55 = 486\,\text{nm}, ein blaugrünes Licht.

Beide Linien liegen im sichtbaren Bereich. Alle Übergänge mit dem Endniveau n=2n = 2 bilden die Balmer-Serie.

Übergänge im Wasserstoffatom

Stelle "Oberes Niveau n" auf 3 und "Unteres Niveau n" auf 2: Der Ablesesatz nennt etwa 656 nm, wie im Beispiel. Probiere dann oberes Niveau 4. Setze "Unteres Niveau n" auf 1: Die Photonen sind energiereicher, die Wellenlänge liegt im Ultravioletten. Die Tabelle unter der Zeichnung nennt die Serie.

Beispiel

Absorption im Grundzustand

Wasserstoffatome im Grundzustand werden mit Photonen von 10,2 eV, 11,0 eV und 14,0 eV bestrahlt. Was geschieht jeweils?

10,2 eV: E2−E1=−3,40 eV−(−13,60 eV)=10,2 eVE_2 - E_1 = -3{,}40\,\text{eV} - (-13{,}60\,\text{eV}) = 10{,}2\,\text{eV}. Das Photon passt genau und wird absorbiert, das Atom geht in n=2n = 2 über.

11,0 eV: Weder E2−E1=10,2 eVE_2 - E_1 = 10{,}2\,\text{eV} noch E3−E1=12,09 eVE_3 - E_1 = 12{,}09\,\text{eV} passt, und zur Ionisierung reicht es nicht. Das Photon wird nicht absorbiert.

14,0 eV: Das ist mehr als die Ionisierungsenergie. Das Atom wird ionisiert, das Elektron fliegt mit 14,0 eV−13,6 eV=0,4 eV14{,}0\,\text{eV} - 13{,}6\,\text{eV} = 0{,}4\,\text{eV} kinetischer Energie davon.

Definition

Quantenmechanisches Atommodell und Orbitale

Das quantenmechanische Modell beschreibt das Elektron im Atom als Materiewelle im Feld des Kerns. Es gibt keine Bahn. Nur bestimmte stehende Wellen passen in das Feld, wie nur bestimmte Töne auf eine eingespannte Saite passen. Das macht die Energien diskret. In einem solchen Zustand ändert sich die Verteilung der Aufenthaltswahrscheinlichkeit nicht mit der Zeit. Den Raumbereich, in dem man das Elektron mit großer Wahrscheinlichkeit (etwa 90 %) nachweist, nennt man Orbital.

Beim Wasserstoffatom gilt:

  • Das Orbital kleinster Energie (n=1n = 1, 1s) ist kugelsymmetrisch. Das Elektron hält sich meist innerhalb von etwa 0,1 nm um den Kern auf. Der Bohrsche Radius a0=0,0529 nma_0 = 0{,}0529\,\text{nm} ist der wahrscheinlichste Abstand.
  • Bei n=2n = 2 gibt es ein kugelsymmetrisches 2s-Orbital und drei hantelförmige 2p-Orbitale, die in die drei Raumrichtungen zeigen.
  • Mit wachsendem nn werden die Orbitale größer. Die Energie hängt beim Wasserstoff nur von nn ab.

Die Energien EnE_n des Wasserstoffatoms sind dieselben wie im Bohrschen Modell. Das quantenmechanische Modell erklärt zusätzlich Form, Atome mit mehreren Elektronen und die Linienintensitäten.

Häufige Fehler

Das Elektron kreist wie ein Planet

„Das Elektron im Wasserstoffatom läuft auf einer festen Kreisbahn um den Kern.“

Richtig ist

Das Bohrsche Modell hilft bei den Energien, aber das Elektron hat keine scharfe Bahn. Ort und Impuls lassen sich nicht beide scharf festlegen. Das quantenmechanische Modell beschreibt es durch Orbitale, also Aufenthaltswahrscheinlichkeiten.

Häufige Fehler

Jedes energiereiche Photon wird absorbiert

„Ein Atom nimmt jedes Photon auf, dessen Energie größer ist als der Abstand zum nächsten Niveau.“

Richtig ist

Für eine Anregung muss die Photonenenergie genau zu einer Niveaudifferenz passen. Nur zur Ionisierung genügt jede Energie ab der Ionisierungsenergie, der Überschuss bleibt beim Elektron als kinetische Energie.

Zusammenfassung

  • Das Bohrsche Modell erklärt die Energien des Wasserstoffatoms, hat aber Grenzen: Es gilt nur für ein Elektron, verlangt scharfe Bahnen, die es nicht gibt, und kann Intensitäten nicht erklären.

  • Energiestufenmodell: Das Wasserstoffatom hat die Energien En=−13,6 eV/n2E_n = -13{,}6\,\text{eV}/n^2. n=1n = 1 ist der Grundzustand, die Ionisierungsenergie beträgt 13,6 eV.

  • Emission und Absorption erfolgen mit Photonen der Energie h f=Em−Enh\,f = E_m - E_n. Absorption (ohne Ionisierung) braucht genau diese Energie.

  • Weil die Niveaus diskret sind, sind die Spektren von Gasen Linienspektren. Jedes Element hat sein eigenes Linienmuster. Absorptionsspektren zeigen dunkle Linien an denselben Stellen.

  • Im Energieniveauschema bilden Übergänge mit demselben Endniveau eine Serie: Lyman (UV), Balmer (sichtbar), Paschen (Infrarot).

  • Im quantenmechanischen Modell gibt es keine Bahnen. Ein Orbital ist der Raumbereich, in dem man das Elektron mit großer Wahrscheinlichkeit nachweist: 1s ist kugelförmig, 2p hantelförmig.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Welche Wellenlänge hat das Photon beim Übergang 5→25 \to 2 im Wasserstoffatom, in Nanometern? Rechne mit En=−13,6 eV/n2E_n = -13{,}6\,\text{eV}/n^2 und h c=1240 eV⋅nmh\,c = 1240\,\text{eV·nm}.

Aufgabe 2Numerisch

Wie viel Energie braucht ein Wasserstoffatom im Zustand n=2n = 2 mindestens, um ionisiert zu werden, in eV?

Aufgabe 3Multiple Choice

Ein Wasserstoffatom im Grundzustand wird durch Absorption eines Photons angeregt, ohne ionisiert zu werden. Welche Photonenenergie kann das sein?

Aufgabe 4Numerisch

Ein Wasserstoffatom befindet sich im Zustand n=4n = 4. Es kann in einem Schritt oder über Zwischenniveaus bis in den Grundzustand fallen. Wie viele verschiedene Photonenenergien (Linien) sind dabei insgesamt möglich?

Aufgabe 5Multiple Choice

Was ist ein Orbital?

Aufgabe 6Freitext

Nenne zwei Grenzen des Bohrschen Atommodells und erkläre, wie das quantenmechanische Modell das Elektron beschreibt.