Lektion 2.2

Energie in der Mechanik und Energiebilanzen

20 min Lesezeit

Eine Radfahrerin rollt einen Hügel hinab, ohne zu treten. Unten rollt sie noch ein Stück weiter, aber auf der anderen Seite erreicht sie nicht mehr die Starthöhe. Ein Gummiball springt nach jedem Aufprall weniger hoch, bis er liegen bleibt. Im Alltag heißt es dann, die Energie sei „verbraucht“.

Aber stimmt das? Du lernst, Energie mit Arbeit zu bilanzieren, ein System abzugrenzen und zu rechnen, wohin die Energie geht. Du erfährst auch, was „Energieentwertung“ bedeutet.

Definition

Mechanische Arbeit

Die Arbeit WW ist die Energie, die eine Kraft längs eines Wegs auf einen Körper überträgt. Bei konstanter Kraft FF und geradlinigem Weg ss zählt nur die Kraftkomponente in Wegrichtung. Dabei ist α\alpha der Winkel zwischen Kraft und Weg. Bei α=90°\alpha = 90° ist W=0W = 0, etwa für die Normalkraft auf einer ebenen Bahn. Bei α>90°\alpha > 90° ist WW negativ, die Kraft entzieht Energie, wie die Reibung. Die Einheit ist 1 J=1 N m1\,\text{J} = 1\,\text{N m}.

Ändert sich die Kraft längs des Wegs, ist WW die Fläche unter dem FF-ss-Diagramm. Bei einer Feder mit F=DsF = D s ist das ein Dreieck mit der Fläche 12Ds2\tfrac{1}{2} D s^2. Arbeit ist keine Eigenschaft des Körpers, sondern ein Vorgang, bei dem Energie übertragen wird.

W=F s cos⁡αW = F\,s\,\cos\alpha
Definition

Kinetische, Lage- und Spannenergie, Arbeit-Energie-Satz

Die kinetische Energie Ekin=12mv2E_{\text{kin}} = \tfrac{1}{2} m v^2 steckt in der Bewegung. Die Lageenergie Epot=mghE_{\text{pot}} = m g h gilt nahe der Erdoberfläche, wo gg als konstant gilt. Die Höhe hh misst du von einem frei gewählten Nullniveau, nur Unterschiede zählen. Die Spannenergie der Feder ist ESp=12Ds2E_{\text{Sp}} = \tfrac{1}{2} D s^2 mit der Federkonstante DD und der Verformung ss.

Zwischen Arbeit und kinetischer Energie besteht ein Satz. Aus Fres=maF_{\text{res}} = m a und v2=v02+2asv^2 = v_0^2 + 2 a s folgt Fres s=mas=12mv2−12mv02F_{\text{res}}\,s = m a s = \tfrac{1}{2} m v^2 - \tfrac{1}{2} m v_0^2. Die Arbeit der resultierenden Kraft ist die Änderung der kinetischen Energie:

Wres=ΔEkin=12 m v2−12 m v02W_{\text{res}} = \Delta E_{\text{kin}} = \tfrac{1}{2}\,m\,v^2 - \tfrac{1}{2}\,m\,v_0^2
Beispiel

Arbeit beim Ziehen eines Schlittens

Ein Schlitten wird 100 m weit mit 50 N gezogen. Das Seil bildet mit dem Boden einen Winkel von 30°. Welche Arbeit verrichtet die Zugkraft? Welche Arbeit verrichtet die Gewichtskraft?

Zugkraft: W=50⋅100⋅cos⁡30°≈4330W = 50 \cdot 100 \cdot \cos 30° \approx 4330 J, also etwa 4,3 kJ. Nur die waagerechte Komponente 50⋅cos⁡30°≈43,350 \cdot \cos 30° \approx 43{,}3 N trägt dazu bei. Die Gewichtskraft steht senkrecht zum waagerechten Weg (α=90°\alpha = 90°) und verrichtet keine Arbeit.

Definition

Systeme und Energiebilanz

Für eine Energiebilanz legst du zuerst ein System fest: die Körper, die du betrachtest, und die Grenze zur Umgebung. Ein System ist abgeschlossen, wenn keine Energie über die Grenze fließt, sonst offen. Dann wird von außen Arbeit WextW_{\text{ext}} am System verrichtet oder abgegeben (negativ). Du vergleichst Anfangs- und Endzustand.

Gewichtskraft und Federkraft sind konservativ: Ihre Arbeit hängt nur von Anfangs- und Endpunkt ab, nicht vom Weg. Sie wandeln nur zwischen EkinE_{\text{kin}}, EpotE_{\text{pot}} und ESpE_{\text{Sp}} um. In einem abgeschlossenen System ohne Reibung bleibt deshalb die mechanische Energie Emech=Ekin+Epot+ESpE_{\text{mech}} = E_{\text{kin}} + E_{\text{pot}} + E_{\text{Sp}} konstant (Energieerhaltungssatz der Mechanik). Die Reibung wandelt mechanische Energie in thermische Energie EthermE_{\text{therm}} um, es ist Etherm=FR sE_{\text{therm}} = F_R\,s mit dem zurückgelegten Weg ss. Allgemein gilt die Bilanz:

Emech,1+Wext=Emech,2+EthermE_{\text{mech},1} + W_{\text{ext}} = E_{\text{mech},2} + E_{\text{therm}}
Beispiel

Radfahrt bergauf

Eine Radfahrerin (mit Rad 90 kg) fährt mit konstant 6,0 m/s eine 400 m lange Steigung hinauf, die 20 m Höhe überwindet. Reibung und Luftwiderstand wirken zusammen mit angenommen 15 N entgegen. Welche Arbeit verrichtet der Antrieb, und welche mittlere Leistung ist nötig? Ihr Körper gibt angenommen 25 % der umgesetzten Energie als Antriebsarbeit ab. Wie viel Energie setzt er um?

System: das Rad mit der Masse der Fahrerin als ein bewegter Körper. Die Antriebsarbeit WextW_{\text{ext}} kommt von außen, das System ist offen. Die Geschwindigkeit ist konstant, also ΔEkin=0\Delta E_{\text{kin}} = 0. Lageenergie: ΔEpot=90⋅9,81⋅20=17658\Delta E_{\text{pot}} = 90 \cdot 9{,}81 \cdot 20 = 17658 J. Thermisch: Etherm=15⋅400=6000E_{\text{therm}} = 15 \cdot 400 = 6000 J. Bilanz: Wext=17658+6000=23658W_{\text{ext}} = 17658 + 6000 = 23658 J, etwa 23,7 kJ.

Dauer: 400:6,0≈66,7400 : 6{,}0 \approx 66{,}7 s. Leistung: P=W:t=23658:66,7≈355P = W : t = 23658 : 66{,}7 \approx 355 W. Umgesetzte Energie des Körpers: 23,7:0,25≈9523{,}7 : 0{,}25 \approx 95 kJ. Die übrigen etwa 71 kJ gibt der Körper als Wärme ab.

Definition

Leistung, Wirkungsgrad und Energieentwertung

Die Leistung ist die Arbeit je Zeit, P=W:tP = W : t. Bei konstanter Kraft in Bewegungsrichtung gilt P=F vP = F\,v. Der Wirkungsgrad ist der Anteil der nutzbaren Energie an der zugeführten, η=Enutz:Ezu=Pnutz:Pzu\eta = E_{\text{nutz}} : E_{\text{zu}} = P_{\text{nutz}} : P_{\text{zu}}. Bei jeder realen Maschine ist η<1\eta < 1, weil ein Teil als thermische Energie an die Umgebung geht.

Energie geht dabei nicht verloren, sie wird entwertet. Die thermische Energie verteilt sich ungeordnet auf sehr viele Teilchen der Umgebung. Aus ihr lässt sich nur ein kleiner Teil, bei Umgebungstemperatur gar nichts, wieder als mechanische Arbeit gewinnen. Mechanische Energie lässt sich vollständig in thermische umwandeln, die Umkehrung nicht. Warum das so ist, klärt die Thermodynamik.

Beispiel

Looping

Ein Wagen rollt reibungsfrei aus der Ruhe aus der Höhe hh eine Bahn hinab und durchläuft einen Looping mit dem Radius r=5,0r = 5{,}0 m. Wie hoch über dem tiefsten Punkt muss er mindestens starten, damit er oben nicht abhebt?

Oben (Höhe 2r2r) muss die Zentripetalkraft mindestens so groß wie die Gewichtskraft sein. Im Grenzfall liefert die Gewichtskraft sie allein: mg=mv2:rm g = m v^2 : r, also v2=grv^2 = g r.

Energieerhaltung zwischen Start (Höhe hh, v=0v = 0) und höchstem Punkt: mgh=mg⋅2r+12mv2m g h = m g \cdot 2r + \tfrac{1}{2} m v^2. Einsetzen von v2=grv^2 = g r ergibt h=2r+12r=2,5 r=12,5h = 2r + \tfrac{1}{2} r = 2{,}5\,r = 12{,}5 m. Masse und gg kürzen sich heraus.

Häufige Fehler

Energie wird verbraucht

„Durch Reibung geht Energie verloren, und beim Bremsen wird sie verbraucht.“

Richtig ist

Die Gesamtenergie bleibt erhalten. Die mechanische Energie nimmt ab, und genauso viel thermische Energie entsteht in Reifen, Bremsen und Umgebung. Verloren geht nur die Nutzbarkeit: Die Energie ist entwertet.

Häufige Fehler

Tragen ist Arbeit

„Wer eine Last waagerecht trägt oder nur hält, verrichtet Arbeit im physikalischen Sinn.“

Richtig ist

Die Haltekraft zeigt nach oben, der Weg verläuft waagerecht (α=90°\alpha = 90°), also ist W=0W = 0. Beim bloßen Halten ist s=0s = 0. Die Muskeln ermüden trotzdem, weil sie innerlich Energie umsetzen.

Zusammenfassung

  • Die Arbeit W=Fscos⁡αW = F s \cos\alpha überträgt Energie. Nur die Kraftkomponente in Wegrichtung zählt. Bei veränderlicher Kraft ist WW die Fläche unter dem FF-ss-Diagramm.

  • Ekin=12mv2E_{\text{kin}} = \frac{1}{2} m v^2, Epot=mghE_{\text{pot}} = m g h, ESp=12Ds2E_{\text{Sp}} = \frac{1}{2} D s^2. Die Arbeit der resultierenden Kraft ist ΔEkin\Delta E_{\text{kin}}.

  • In einem abgeschlossenen System ohne Reibung bleibt die mechanische Energie erhalten. Sonst gilt die Bilanz Emech,1+Wext=Emech,2+EthermE_{\text{mech},1} + W_{\text{ext}} = E_{\text{mech},2} + E_{\text{therm}}.

  • Reibung wandelt mechanische in thermische Energie um: Etherm=FRsE_{\text{therm}} = F_R s.

  • Leistung P=W:t=FvP = W : t = F v. Der Wirkungsgrad η=Enutz:Ezu\eta = E_{\text{nutz}} : E_{\text{zu}} ist bei realen Maschinen kleiner als 1.

  • Energie bleibt erhalten, wird aber entwertet: Thermische Energie der Umgebung lässt sich nicht mehr vollständig nutzen.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Eine Kiste wird 20 m weit mit 80 N gezogen. Die Zugkraft bildet mit dem Weg einen Winkel von 60°. Welche Arbeit verrichtet die Zugkraft, in J?

Aufgabe 2Numerisch

Ein Auto (1000 kg) bremst auf gerader Strecke von 20 m/s auf 10 m/s ab. Der Bremsweg beträgt 50 m. Wie groß ist die konstante Bremskraft, in N? Schreibe die Zahl ohne Punkt.

Aufgabe 3Numerisch

Ein Ball fällt aus 2,0 m Höhe auf den Boden und springt nur bis 1,5 m Höhe zurück. Welcher Anteil seiner mechanischen Energie wird beim Aufprall in thermische Energie umgewandelt, in Prozent? Luftwiderstand wird vernachlässigt.

Aufgabe 4Multiple Choice

Was bedeutet Energieentwertung?

Aufgabe 5Freitext

Ein Schlitten startet aus der Ruhe und rutscht eine Rampe aus 0,50 m Höhe hinab. Unten erreicht er eine Geschwindigkeit, die kleiner ist als 2gh\sqrt{2 g h}. Erkläre das mit einer Energiebilanz.