Lektion 5.2

Gedämpfte und erzwungene Schwingungen, Resonanz

18 min Lesezeit

Eine angestoßene Schaukel kommt von selbst zur Ruhe: Reibung entzieht ihr Energie. Wer im richtigen Takt nachschiebt, schaukelt sie mit kleinen Stößen hoch, im falschen Takt gelingt das kaum. Ein Autofahrwerk soll Schwingungen schnell abbauen, und eine Waschmaschine ruckelt bei einer bestimmten Drehzahl auffällig stark.

Die letzte Lektion beschrieb den Idealfall ohne Reibung und ohne äußeren Antrieb. Hier fragst du: Wie klingt eine Schwingung ab? Wie antwortet ein Schwinger auf eine periodische Kraft von außen? Und warum gibt es eine Frequenz, bei der er besonders stark reagiert?

Definition

Lineares Kraftgesetz und Schwingungsgleichung

Auf einen Schwinger der Masse mm wirke die lineare Rückstellkraft F=−DxF = -Dx. Nach Newton gilt mx¨=−Dxm\ddot{x} = -Dx. Mit der Eigenkreisfrequenz ω0=D/m\omega_0 = \sqrt{D/m} ist das die Schwingungsgleichung des ungedämpften Schwingers. Ihre Lösungen sind x=x^cos⁡(ω0t+φ0)x = \hat{x}\cos(\omega_0 t + \varphi_0); zweimaliges Ableiten bestätigt es. Die Gleichung ist linear: xx und seine Ableitungen kommen nur in der ersten Potenz vor. Reibung und äußere Kraft fügen weitere lineare Glieder hinzu. Das Fadenpendel erfüllt die Gleichung nur für kleine Winkel.

x¨+ω02 x=0ω0=Dm\ddot{x} + \omega_0^2\,x = 0 \qquad \omega_0 = \sqrt{\frac{D}{m}}
Definition

Gedämpfte Schwingung

Reibung wandelt Schwingungsenergie in Wärme um, die Amplitude nimmt ab. Als Modell setzt man eine Reibungskraft proportional zur Geschwindigkeit an: FR=−bx˙F_R = -b\dot{x} mit der Dämpfungskonstanten bb in kg/s. Das passt zur Reibung in Flüssigkeiten bei kleinen Geschwindigkeiten; Gleitreibung wäre dagegen konstant. Aus mx¨=−Dx−bx˙m\ddot{x} = -Dx - b\dot{x} wird mit der Abklingkonstanten δ=b/(2m)\delta = b/(2m) in 1/s die Gleichung der gedämpften Schwingung:

x¨+2δ x˙+ω02 x=0\ddot{x} + 2\delta\,\dot{x} + \omega_0^2\,x = 0
Definition

Schwingfall, Grenzfall und Kriechfall

Für schwache Dämpfung (δ<ω0\delta < \omega_0) ist die Lösung eine Kosinusschwingung unter einer abklingenden e-Funktion; Einsetzen bestätigt es. Sie schwingt mit ωd=ω02−δ2\omega_d = \sqrt{\omega_0^2 - \delta^2}, etwas langsamer als ohne Dämpfung. Aufeinanderfolgende Maxima nehmen um denselben Faktor ab, x^n/x^n+1=eδTd\hat{x}_n/\hat{x}_{n+1} = e^{\delta T_d}: Die Amplitude sinkt exponentiell, die Energie wie e−2δte^{-2\delta t}.

Bei δ=ω0\delta = \omega_0, also b=2mDb = 2\sqrt{mD}, tritt der aperiodische Grenzfall ein: Der Körper kehrt am schnellsten zur Ruhelage zurück, ohne zu überschwingen. Das wird angestrebt, wo ein Zeiger oder eine Tür rasch zur Ruhe kommen soll. Bei δ>ω0\delta > \omega_0 (Kriechfall) kriecht der Körper langsam zurück, ohne zu schwingen.

x(t)=x^0 e−δtcos⁡(ωdt+φ0)ωd=ω02−δ2x(t) = \hat{x}_0\,e^{-\delta t}\cos(\omega_d t + \varphi_0) \qquad \omega_d = \sqrt{\omega_0^2 - \delta^2}
Beispiel

Gedämpfter Federschwinger

Ein Federschwinger (m=0,50 kgm = 0{,}50\,\mathrm{kg}, D=20 N/mD = 20\,\mathrm{N/m}, b=0,30 kg/sb = 0{,}30\,\mathrm{kg/s}) wird um 10 cm ausgelenkt und losgelassen. Wie groß sind TdT_d und der Abnahmefaktor je Schwingung, und welche Amplitude hat er nach drei Schwingungen?

ω0=20/0,50 s−1=6,325 s−1\omega_0 = \sqrt{20/0{,}50}\,\mathrm{s^{-1}} = 6{,}325\,\mathrm{s^{-1}} und δ=0,30/(2⋅0,50) s−1=0,30 s−1\delta = 0{,}30/(2\cdot 0{,}50)\,\mathrm{s^{-1}} = 0{,}30\,\mathrm{s^{-1}}. Wegen δ≪ω0\delta \ll \omega_0 schwingt er. Es ist ωd=40−0,09 s−1=6,317 s−1\omega_d = \sqrt{40 - 0{,}09}\,\mathrm{s^{-1}} = 6{,}317\,\mathrm{s^{-1}}, also Td=2π/ωd=0,9946 sT_d = 2\pi/\omega_d = 0{,}9946\,\mathrm{s}. Ohne Dämpfung wären es 0,9935 s, nur etwa 0,1 % weniger.

Der Faktor je Schwingung ist e−δTd=e−0,298=0,742e^{-\delta T_d} = e^{-0{,}298} = 0{,}742. Nach drei Schwingungen bleiben 10 cm⋅0,7423≈4,1 cm10\,\mathrm{cm}\cdot 0{,}742^3 \approx 4{,}1\,\mathrm{cm}.

Gedämpfte Schwingung beobachten

Der Versuch läuft mit den Werten des Beispiels (m = 0,50 kg, D = 20 N/m, b = 0,30 kg/s, Startauslenkung 10 cm). Drücke "Start": Im Diagramm Auslenkung gegen Zeit werden die Ausschläge von Schwingung zu Schwingung kleiner, die Dauer einer Schwingung bleibt fast gleich. Mit "Pause" liest du die Auslenkung ab, mit "Von vorn" beginnst du neu.

Definition

Erzwungene Schwingung

Eine periodische äußere Kraft F(t)=F^cos⁡(Ωt)F(t) = \hat{F}\cos(\Omega t) mit der Erregerkreisfrequenz Ω\Omega treibt den Schwinger (den Resonator) an: mx¨+bx˙+Dx=F^cos⁡(Ωt)m\ddot{x} + b\dot{x} + Dx = \hat{F}\cos(\Omega t). Nach einem Einschwingvorgang, in dem die Eigenschwingung abklingt, schwingt er mit der Frequenz des Erregers, nicht mit seiner eigenen, und mit konstanter Amplitude: Die zugeführte Energie deckt die Reibungsverluste. Der Resonator hinkt dem Erreger um einen Phasenwinkel nach, bei Ω≪ω0\Omega \ll \omega_0 etwa 0°, bei Ω=ω0\Omega = \omega_0 genau 90°, bei Ω≫ω0\Omega \gg \omega_0 etwa 180°. Die Amplitude hängt von Ω\Omega ab:

x^(Ω)=F^/m(ω02−Ω2)2+4δ2Ω2\hat{x}(\Omega) = \frac{\hat{F}/m}{\sqrt{(\omega_0^2 - \Omega^2)^2 + 4\delta^2\Omega^2}}
Definition

Resonanz und Resonanzkurve

Die Resonanzkurve zeigt die Amplitude x^\hat{x} in Abhängigkeit von Ω\Omega. Sie beginnt für Ω→0\Omega \to 0 bei der statischen Auslenkung F^/D\hat{F}/D, hat nahe ω0\omega_0 ein Maximum und fällt für große Ω\Omega gegen null. Resonanz heißt: Die Erregerfrequenz liegt nahe der Eigenfrequenz, die Amplitude ist maximal. Bei Ω=ω0\Omega = \omega_0 gilt x^=F^/(b ω0)\hat{x} = \hat{F}/(b\,\omega_0). Der Grund: Bei 90° Phasenverschiebung ist die Geschwindigkeit in Phase mit der Erregerkraft, die Kraft wirkt stets in Bewegungsrichtung und führt ständig Energie zu.

Je kleiner die Dämpfung, desto höher und schmaler der Gipfel. Er liegt bei Ω=ω02−2δ2\Omega = \sqrt{\omega_0^2 - 2\delta^2}, also etwas unter ω0\omega_0, bei stärkerer Dämpfung weiter darunter. Ohne Dämpfung wäre die Amplitude unbegrenzt, reale Systeme werden durch Dämpfung begrenzt oder beschädigt. Man nutzt Resonanz gezielt (Musikinstrumente) und vermeidet sie, wo Bauteile Schaden nehmen.

Beispiel

Punkte einer Resonanzkurve

Derselbe Federschwinger (m=0,50 kgm = 0{,}50\,\mathrm{kg}, D=20 N/mD = 20\,\mathrm{N/m}, b=0,30 kg/sb = 0{,}30\,\mathrm{kg/s}) wird mit F^=0,20 N\hat{F} = 0{,}20\,\mathrm{N} angetrieben. Berechne die Amplitude für Ω=0,5 ω0\Omega = 0{,}5\,\omega_0, ω0\omega_0 und 2 ω02\,\omega_0.

Es ist ω0=6,32 s−1\omega_0 = 6{,}32\,\mathrm{s^{-1}}, δ=0,30 s−1\delta = 0{,}30\,\mathrm{s^{-1}}, F^/m=0,40 m/s2\hat{F}/m = 0{,}40\,\mathrm{m/s^2}.

Resonanz: x^=F^/(bω0)=0,20/(0,30⋅6,32) m=0,105 m\hat{x} = \hat{F}/(b\omega_0) = 0{,}20/(0{,}30\cdot 6{,}32)\,\mathrm{m} = 0{,}105\,\mathrm{m}. Für Ω=2ω0\Omega = 2\omega_0 ist Ω2=160 s−2\Omega^2 = 160\,\mathrm{s^{-2}} und der Nenner (40−160)2+4⋅0,09⋅160=120,2\sqrt{(40-160)^2 + 4\cdot 0{,}09\cdot 160} = 120{,}2, also x^=0,40/120,2 m=0,33 cm\hat{x} = 0{,}40/120{,}2\,\mathrm{m} = 0{,}33\,\mathrm{cm}. Für 0,5 ω00{,}5\,\omega_0 rechnet man ebenso.

ErregerkreisfrequenzAmplitude
00 (statisch)1,0 cm
0,5 ω00{,}5\,\omega_01,33 cm
ω0\omega_010,5 cm
2 ω02\,\omega_00,33 cm

Bei Resonanz ist die Amplitude etwa 10,5-mal so groß wie bei einer ruhenden Kraft derselben Stärke.

Definition

Vergleich mit dem elektromagnetischen Schwingkreis

Ein Kondensator (Kapazität CC), eine Spule (Induktivität LL) und ein Widerstand RR in Reihe werden von derselben Gleichung beschrieben. Mit der Ladung QQ des Kondensators und dem Strom I=Q˙I = \dot{Q} ergeben nach der Maschenregel die Spannungen an der Spule (LI˙=LQ¨L\dot{I} = L\ddot{Q}), am Widerstand (RQ˙R\dot{Q}) und am Kondensator (Q/CQ/C) zusammen die angelegte Spannung u(t)u(t): LQ¨+RQ˙+Q/C=u(t)L\ddot{Q} + R\dot{Q} + Q/C = u(t). Das ist die Gleichung des Federschwingers mit anderen Namen.

mechanischelektromagnetisch
Elongation xxLadung QQ
Geschwindigkeit v=x˙v = \dot{x}Stromstärke I=Q˙I = \dot{Q}
Masse mm (Trägheit)Induktivität LL
Federhärte DD1/C1/C
Dämpfungskonstante bbWiderstand RR
Erregerkraft FFErregerspannung uu
Spannenergie 12Dx2\frac12 Dx^2Energie des Kondensators Q2/(2C)Q^2/(2C)
Bewegungsenergie 12mv2\frac12 mv^2Energie der Spule 12LI2\frac12 LI^2

Alle Ergebnisse dieser Lektion lassen sich übertragen, zum Beispiel ω0=1/LC\omega_0 = 1/\sqrt{LC} und δ=R/(2L)\delta = R/(2L). Wie ein solcher Kreis ohne Dämpfung schwingt, zeigt die nächste Lektion.

Häufige Fehler

Der Resonator schwingt mit seiner Eigenfrequenz

„Bei einer erzwungenen Schwingung schwingt der Körper mit seiner Eigenfrequenz, der Erreger bestimmt nur die Stärke.“

Richtig ist

Nach dem Einschwingen schwingt der Resonator mit der Frequenz des Erregers. Die Eigenfrequenz bestimmt nur, wie stark er antwortet: Er reagiert am stärksten, wenn beide Frequenzen nahe beieinander liegen.

Häufige Fehler

Bei Resonanz wird die Amplitude unendlich groß

„Bei Resonanz wächst die Amplitude über alle Grenzen, die Dämpfung spielt keine Rolle.“

Richtig ist

Die Dämpfung begrenzt die Amplitude auf F^/(b ω0)\hat{F}/(b\,\omega_0). Sie wird nur bei b→0b \to 0 unbegrenzt, und das ist eine Idealisierung. Je kleiner bb, desto höher und schmaler der Gipfel der Resonanzkurve.

Zusammenfassung

  • Lineares Kraftgesetz F=−DxF = -Dx ergibt die Schwingungsgleichung x¨+ω02x=0\ddot{x} + \omega_0^2 x = 0 mit ω0=D/m\omega_0 = \sqrt{D/m}.

  • Gedämpft (FR=−bx˙F_R = -b\dot{x}): x¨+2δx˙+ω02x=0\ddot{x} + 2\delta\dot{x} + \omega_0^2 x = 0 mit δ=b/(2m)\delta = b/(2m). Bei δ<ω0\delta < \omega_0 klingt die Amplitude wie e−δte^{-\delta t} ab, bei δ=ω0\delta = \omega_0 liegt der aperiodische Grenzfall vor, bei δ>ω0\delta > \omega_0 der Kriechfall.

  • Eine erzwungene Schwingung läuft nach dem Einschwingen mit der Erregerfrequenz und konstanter Amplitude.

  • Resonanz: Bei Ω≈ω0\Omega \approx \omega_0 ist die Amplitude maximal, bei Ω=ω0\Omega = \omega_0 gilt x^=F^/(bω0)\hat{x} = \hat{F}/(b\omega_0) und der Resonator hinkt 90° nach.

  • Kleine Dämpfung ergibt eine hohe, schmale Resonanzkurve, große Dämpfung eine flache, breite.

  • Mechanische und elektromagnetische Schwingungen haben dieselbe Gleichung: x↔Qx \leftrightarrow Q, m↔Lm \leftrightarrow L, D↔1/CD \leftrightarrow 1/C, b↔Rb \leftrightarrow R.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Bei einer schwach gedämpften Schwingung ist der erste Ausschlag 8,0 cm und der Ausschlag nach einer vollen Schwingung 6,0 cm. Wie groß ist der Ausschlag nach drei vollen Schwingungen in Zentimetern?

Aufgabe 2Multiple Choice

Ein Federschwinger mit der Eigenfrequenz 2,0 Hz wird von einem Motor mit der Frequenz 3,0 Hz angetrieben. Womit schwingt er nach dem Einschwingen?

Aufgabe 3Numerisch

Ein Schwinger hat die Masse 2,0 kg und die Federhärte 50 N/m. Bei welcher Dämpfungskonstanten b (in kg/s) tritt der aperiodische Grenzfall ein?

Aufgabe 4Numerisch

Ein Schwinger mit m = 0,50 kg, D = 18 N/m und b = 0,50 kg/s wird mit der Kraftamplitude 0,60 N genau bei der Eigenfrequenz angetrieben. Wie groß ist die Amplitude in Zentimetern?

Aufgabe 5Freitext

Die Dämpfung eines Resonators wird vergrößert, die Erregeramplitude bleibt gleich. Beschreibe, wie sich die Resonanzkurve verändert, und begründe es mit der Energie.