Lektion 5.4

Wechselstromkreise

18 min Lesezeit

An der Steckdose liegt eine Spannung von 230 V an, die 50-mal in der Sekunde ihre Richtung wechselt. Trotzdem heizt ein Heizlüfter an der Steckdose so stark wie an einer Gleichspannung von 230 V, obwohl die Spannung zeitweise über 300 V steigt und zeitweise null ist. Wie passt das zusammen?

Außerdem verhalten sich Bauteile im Wechselstromkreis anders als bei Gleichstrom: Ein Kondensator sperrt Gleichstrom, lässt aber Wechselstrom zu, eine Spule bremst Wechselstrom, Gleichstrom aber nicht. Du lernst, mit Effektivwerten, Widerständen und Phasenverschiebungen zu rechnen.

Definition

Wechselspannung und Wechselstrom

Ein Generator erzeugt durch Induktion in einer rotierenden Spule eine Wechselspannung, die sich sinusförmig mit der Zeit ändert. Kleinbuchstaben (uu, ii) bezeichnen Momentanwerte, Großbuchstaben mit Dach (U^\hat{U}, I^\hat{I}) die Scheitelwerte. Frequenz ff und Kreisfrequenz ω=2πf\omega = 2\pi f sind wie bei jeder Schwingung definiert. Im deutschen Netz ist f=50 Hzf = 50\,\mathrm{Hz}, also ω=314 s−1\omega = 314\,\mathrm{s^{-1}}. Ein Strom, der sich mit dieser Spannung sinusförmig ändert, heißt Wechselstrom.

u(t)=U^ sin⁡(ωt)ω=2πfu(t) = \hat{U}\,\sin(\omega t) \qquad\qquad \omega = 2\pi f
Definition

Effektivwerte

Der Mittelwert einer Wechselspannung über eine Periode ist null und sagt nichts über ihre Wirkung. Entscheidend ist die Leistung am ohmschen Widerstand RR: P=R i2=RI^2sin⁡2ωtP = R\,i^2 = R\hat{I}^2\sin^2\omega t. Der Mittelwert von sin⁡2\sin^2 über eine Periode ist 12\frac12: sin⁡2\sin^2 und cos⁡2\cos^2 verlaufen gleich, nur um eine Viertelperiode verschoben, und ihre Summe ist 1. Die mittlere Leistung ist also 12RI^2\frac12 R\hat{I}^2.

Der Effektivwert IeffI_{\text{eff}} ist die Stärke des Gleichstroms, der im selben Widerstand dieselbe mittlere Leistung umsetzt: R Ieff2=12RI^2R\,I_{\text{eff}}^2 = \frac12 R\hat{I}^2. Entsprechend gilt es für die Spannung. Angaben wie „230 V“ und die Anzeige üblicher Messgeräte sind Effektivwerte.

Ieff=I^2Ueff=U^2I_{\text{eff}} = \frac{\hat{I}}{\sqrt{2}} \qquad\qquad U_{\text{eff}} = \frac{\hat{U}}{\sqrt{2}}
Beispiel

Heizlüfter am Netz

Ein Heizlüfter (ohmscher Widerstand) nimmt an 230 V Netzspannung die Leistung 2,0 kW auf. Berechne IeffI_{\text{eff}}, I^\hat{I}, RR und den Scheitelwert der Spannung.

Ieff=P/Ueff=2000 W/230 V=8,7 AI_{\text{eff}} = P/U_{\text{eff}} = 2000\,\mathrm{W}/230\,\mathrm{V} = 8{,}7\,\mathrm{A}. Scheitelwert: I^=2⋅8,7 A=12,3 A\hat{I} = \sqrt{2}\cdot 8{,}7\,\mathrm{A} = 12{,}3\,\mathrm{A}. Widerstand: R=Ueff/Ieff=230 V/8,7 A=26 ΩR = U_{\text{eff}}/I_{\text{eff}} = 230\,\mathrm{V}/8{,}7\,\mathrm{A} = 26\,\Omega. Spannung: U^=2⋅230 V=325 V\hat{U} = \sqrt{2}\cdot 230\,\mathrm{V} = 325\,\mathrm{V}. Das erklärt die Motivation: Die Spannung steigt auf 325 V, ihre Wirkung entspricht aber 230 V Gleichspannung.

Definition

Induktiver und kapazitiver Widerstand

Der Strom sei i=I^sin⁡ωti = \hat{I}\sin\omega t. Was muss die Spannung tun?

  • Ohmscher Widerstand: u=R iu = R\,i. Spannung und Strom sind in Phase.
  • Spule: Die Spannung muss die Selbstinduktion überwinden: uL=Li˙=ωLI^cos⁡ωt=ωLI^sin⁡(ωt+π/2)u_L = L\dot{i} = \omega L\hat{I}\cos\omega t = \omega L\hat{I}\sin(\omega t + \pi/2). Die Spannung eilt dem Strom um 90° voraus. Der induktive Widerstand XL=ωLX_L = \omega L wächst mit der Frequenz und ist bei Gleichstrom (ω=0\omega = 0) null.
  • Kondensator: Aus i=Q˙i = \dot{Q} folgt Q=−I^ωcos⁡ωtQ = -\frac{\hat{I}}{\omega}\cos\omega t, also uC=Q/C=I^ωCsin⁡(ωt−π/2)u_C = Q/C = \frac{\hat{I}}{\omega C}\sin(\omega t - \pi/2). Die Spannung hinkt dem Strom um 90° hinterher. Der kapazitive Widerstand XC=1/(ωC)X_C = 1/(\omega C) sinkt mit der Frequenz und wird bei Gleichstrom unendlich groß: Der Kondensator sperrt.

Für Scheitel- und Effektivwerte gilt jeweils U^=X I^\hat{U} = X\,\hat{I} und Ueff=X IeffU_{\text{eff}} = X\,I_{\text{eff}}. Beide Widerstände haben die Einheit Ohm.

XL=ωL=2πfLXC=1ωC=12πfCX_L = \omega L = 2\pi f L \qquad\qquad X_C = \frac{1}{\omega C} = \frac{1}{2\pi f C}
Definition

Phasenverschiebung und Zeigerdiagramm

Eine Sinusgröße lässt sich als Zeiger darstellen: ein Pfeil mit der Länge des Scheitelwerts, der mit der Winkelgeschwindigkeit ω\omega gegen den Uhrzeigersinn um den Ursprung rotiert. Die Höhe der Pfeilspitze über der waagerechten Achse ist der Momentanwert. Haben zwei Größen dieselbe Frequenz, drehen sich ihre Zeiger gleich schnell, und der Winkel φ\varphi zwischen ihnen bleibt: die Phasenverschiebung.

Man zeichnet den Stromzeiger waagerecht. Der Spannungszeiger am Widerstand zeigt in dieselbe Richtung, der an der Spule 90° gegen den Uhrzeigersinn (voraus), der am Kondensator 90° im Uhrzeigersinn (hinterher). Ihre Längen sind RI^R\hat{I}, XLI^X_L\hat{I} und XCI^X_C\hat{I}. In einer Reihenschaltung gilt zu jedem Zeitpunkt u=uR+uL+uCu = u_R + u_L + u_C. Weil die Höhe einer Zeigersumme die Summe der Höhen ist, ergibt sich die Gesamtspannung als Summe der Zeiger, nicht der Beträge.

Definition

Impedanz der Reihenschaltung

Bei Reihenschaltung von RR, LL und CC fließt überall derselbe Strom. Die Zeiger U^L\hat{U}_L und U^C\hat{U}_C zeigen entgegengesetzt, ihre Summe hat die Länge ∣U^L−U^C∣|\hat{U}_L - \hat{U}_C| und steht senkrecht auf U^R\hat{U}_R. Der Satz des Pythagoras liefert U^2=U^R2+(U^L−U^C)2\hat{U}^2 = \hat{U}_R^2 + (\hat{U}_L - \hat{U}_C)^2. Dividiert man durch I^2\hat{I}^2, erhält man die Impedanz (den Scheinwiderstand) Z=U^/I^=Ueff/IeffZ = \hat{U}/\hat{I} = U_{\text{eff}}/I_{\text{eff}} und die Phasenverschiebung φ\varphi der Gesamtspannung gegenüber dem Strom.

Ist φ>0\varphi > 0 (XL>XCX_L > X_C), eilt die Spannung voraus, bei φ<0\varphi < 0 hinkt sie nach. Bei XL=XCX_L = X_C, also ω=1/LC\omega = 1/\sqrt{LC}, wird Z=RZ = R am kleinsten, φ=0\varphi = 0, und die Stromstärke ist am größten: Resonanz der Reihenschaltung, bei der Eigenfrequenz des Schwingkreises. Die Widerstände RR, XLX_L und XCX_C darf man nicht einfach addieren.

Z=R2+(XL−XC)2tan⁡φ=XL−XCRZ = \sqrt{R^2 + (X_L - X_C)^2} \qquad\qquad \tan\varphi = \frac{X_L - X_C}{R}
Beispiel

Reihenschaltung aus R, L und C am Netz

Ein Widerstand R=100 ΩR = 100\,\Omega, eine Spule L=0,50 HL = 0{,}50\,\mathrm{H} und ein Kondensator C=10 μFC = 10\,\mu\mathrm{F} liegen in Reihe an 230 V, 50 Hz. Berechne XLX_L, XCX_C, ZZ, IeffI_{\text{eff}}, φ\varphi und die Teilspannungen.

ω=100π s−1=314,2 s−1\omega = 100\pi\,\mathrm{s^{-1}} = 314{,}2\,\mathrm{s^{-1}}. Dann XL=ωL=157,1 ΩX_L = \omega L = 157{,}1\,\Omega und XC=1/(ωC)=1/(314,2⋅10−5) Ω=318,3 ΩX_C = 1/(\omega C) = 1/(314{,}2\cdot 10^{-5})\,\Omega = 318{,}3\,\Omega.

Impedanz: Z=1002+(157,1−318,3)2 Ω=35 985 Ω=189,7 ΩZ = \sqrt{100^2 + (157{,}1 - 318{,}3)^2}\,\Omega = \sqrt{35\,985}\,\Omega = 189{,}7\,\Omega. Stromstärke: Ieff=230 V/189,7 Ω=1,212 AI_{\text{eff}} = 230\,\mathrm{V}/189{,}7\,\Omega = 1{,}212\,\mathrm{A}. Phasenverschiebung: tan⁡φ=−161,2/100\tan\varphi = -161{,}2/100, also φ=−58,2°\varphi = -58{,}2°. Die Spannung hinkt dem Strom um 58° hinterher, denn XC>XLX_C > X_L.

Teilspannungen: UR=121 VU_R = 121\,\mathrm{V}, UL=190 VU_L = 190\,\mathrm{V}, UC=386 VU_C = 386\,\mathrm{V}. Ihre Beträge ergeben zusammen 697 V, die Zeigersumme aber 1212+(190−386)2 V=230 V\sqrt{121^2 + (190 - 386)^2}\,\mathrm{V} = 230\,\mathrm{V}. Die Teilspannungen an Spule und Kondensator sind also größer als die angelegte Spannung.

Häufige Fehler

Der Effektivwert ist der Mittelwert

„Der Effektivwert ist der Durchschnitt der Wechselspannung über eine Periode.“

Richtig ist

Der Mittelwert einer Sinusspannung über eine Periode ist null. Der Effektivwert ist der Gleichspannungswert mit derselben mittleren Leistung, ein quadratischer Mittelwert: Ueff=U^/2U_{\text{eff}} = \hat{U}/\sqrt{2}.

Häufige Fehler

Spannungen und Widerstände einfach addieren

„In der Reihenschaltung gilt U=UR+UL+UCU = U_R + U_L + U_C und Z=R+XL+XCZ = R + X_L + X_C.“

Richtig ist

Die Teilspannungen sind gegeneinander phasenverschoben, ihre Scheitelwerte treten nicht zugleich auf. Man addiert Zeiger: U^2=U^R2+(U^L−U^C)2\hat{U}^2 = \hat{U}_R^2 + (\hat{U}_L - \hat{U}_C)^2 und Z=R2+(XL−XC)2Z = \sqrt{R^2 + (X_L - X_C)^2}. Im Beispiel sind die Teilspannungen zusammen weit größer als die Netzspannung.

Zusammenfassung

  • Wechselspannung: u=U^sin⁡ωtu = \hat{U}\sin\omega t mit ω=2πf\omega = 2\pi f. Der Effektivwert ist der Scheitelwert geteilt durch 2\sqrt{2} und liefert dieselbe mittlere Leistung wie eine gleich große Gleichspannung.

  • Ohmscher Widerstand: Spannung und Strom in Phase. Spule: XL=ωLX_L = \omega L, die Spannung eilt 90° voraus. Kondensator: XC=1/(ωC)X_C = 1/(\omega C), die Spannung hinkt 90° nach.

  • Zeiger drehen mit ω\omega. Der Winkel zwischen Spannungs- und Stromzeiger ist die Phasenverschiebung.

  • Reihenschaltung: Die Spannungszeiger werden addiert. Die Impedanz ist Z=R2+(XL−XC)2Z = \sqrt{R^2 + (X_L - X_C)^2}, und es gilt Ueff=Z IeffU_{\text{eff}} = Z\,I_{\text{eff}}.

  • Es gilt tan⁡φ=(XL−XC)/R\tan\varphi = (X_L - X_C)/R. Bei XL=XCX_L = X_C ist Z=RZ = R am kleinsten und φ=0\varphi = 0.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Eine Wechselspannung hat den Effektivwert 12 V. Wie groß ist ihr Scheitelwert in Volt?

Aufgabe 2Multiple Choice

Welche Aussage über eine ideale Spule im Wechselstromkreis ist richtig?

Aufgabe 3Numerisch

In einer Reihenschaltung ist R = 30 Ω, X_L = 70 Ω und X_C = 30 Ω. Wie groß ist die Impedanz in Ohm?

Aufgabe 4Numerisch

Ein Kondensator mit C = 4,0 µF liegt an einer Wechselspannung mit der Frequenz 500 Hz. Wie groß ist sein kapazitiver Widerstand in Ohm?

Aufgabe 5Freitext

Erkläre, warum ein Kondensator in einem Wechselstromkreis einen Strom zulässt, obwohl er Gleichstrom sperrt. Nutze den kapazitiven Widerstand.