Lektion 6.2

Überlagerung von Wellen: Interferenz und stehende Wellen

18 min Lesezeit

Zwei Steine fallen nebeneinander ins Wasser. Wo sich ihre Kreiswellen kreuzen, entsteht ein festes Muster: Stellen mit hohen Wellen und Stellen, an denen das Wasser fast ruhig bleibt. Hinter der Kreuzung laufen die Kreise weiter, als wäre nichts geschehen.

Ein Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung nimmt den Lärm auf und sendet ein passendes Gegensignal. Das Ergebnis ist Stille im Ohr, obwohl zwei Schallwellen ankommen. Eine Gitarrensaite klingt nur in bestimmten Tönen. Alle drei Beobachtungen beruhen darauf, dass sich Wellen überlagern. Du lernst, wie man das Ergebnis vorhersagt.

Definition

Superposition und Interferenz

Treffen zwei Wellen an einem Ort zusammen, addieren sich ihre Auslenkungen in jedem Augenblick (Superpositionsprinzip). Danach laufen beide ungestört weiter. Das gilt für Wellen mit kleiner Amplitude in guter Näherung.

Zwei Pulse auf einem Seil mit den Auslenkungen 3 cm3\,\text{cm} und 2 cm2\,\text{cm} nach oben ergeben beim Treffen 5 cm5\,\text{cm}. Hat der zweite Puls die Auslenkung −2 cm-2\,\text{cm} (nach unten), ergibt sich nur 1 cm1\,\text{cm}. Bei gleich hohen, entgegengesetzten Pulsen ist das Seil für einen Augenblick glatt. Die Energie ist dann nicht verschwunden: Das Seil bewegt sich noch, und die Pulse laufen danach weiter.

Interferenz nennt man die Überlagerung von Wellen, die zu einem zeitlich stabilen Muster aus Verstärkung und Abschwächung führt.

y(x,t)=y1(x,t)+y2(x,t)y(x, t) = y_1(x, t) + y_2(x, t)
Definition

Interferenz zweier Wellenerreger, Gangunterschied

Zwei Erreger Q1Q_1 und Q2Q_2 schwingen im gleichen Takt, also gleichzeitig mit Berg und Tal. Ein Punkt PP hat die Abstände s1s_1 und s2s_2 zu den Erregern. Der Gangunterschied ist Δs=∣s1−s2∣\Delta s = |s_1 - s_2|.

  • Ist Δs\Delta s ein ganzes Vielfaches der Wellenlänge λ\lambda, treffen in PP Berg auf Berg und Tal auf Tal: konstruktive Interferenz. Das Wasser schwingt mit doppelter Amplitude (Bauch).
  • Ist Δs\Delta s ein ungerades Vielfaches von λ/2\lambda/2, kommt ein Berg zusammen mit einem Tal an: destruktive Interferenz. Das Wasser bleibt in Ruhe (Knoten).

Die Punkte gleichen Gangunterschieds liegen auf Hyperbeln, den Bauchlinien und den Knotenlinien. Der Gangunterschied ist höchstens so groß wie der Abstand dd der Erreger.

Δs=k λ    (Versta¨rkung),Δs=(k+12)λ    (Auslo¨schung),k=0,1,2,…\Delta s = k\,\lambda \;\;\text{(Verstärkung)}, \qquad \Delta s = \left(k + \tfrac{1}{2}\right)\lambda \;\;\text{(Auslöschung)}, \qquad k = 0, 1, 2, \dots
Definition

Kohärenz

Ein stabiles Interferenzmuster entsteht nur, wenn die Erreger kohärent sind: Sie haben dieselbe Frequenz und eine zeitlich konstante Phasenverschiebung. Zwei Stifte, die ein Motor gemeinsam antreibt, sind kohärent. Zwei verschiedene Glühlampen sind es nicht, denn jede sendet Licht in kurzen, voneinander unabhängigen Wellenzügen, deren Phase sich ständig ändert. Man sieht dann keine Streifen, sondern nur eine gleichmäßige Helligkeit. Kohärentes Licht erhält man mit einem Laser oder indem man das Licht einer Quelle auf zwei Spalte lenkt.

Schwingen die Erreger mit einer festen Phasenverschiebung von 180∘180^\circ (der eine hat Berg, wenn der andere Tal hat), vertauschen Bauch- und Knotenlinien ihre Plätze.

Beispiel

Knoten und Bäuche zwischen zwei Quellen

Zwei gleichphasige Quellen im Abstand d=55 mmd = 55\,\text{mm} erzeugen in einer Wanne Wellen mit λ=20 mm\lambda = 20\,\text{mm}. a) Ein Punkt PP hat die Abstände 83 mm83\,\text{mm} und 113 mm113\,\text{mm} zu den Quellen. Liegt dort ein Knoten oder ein Bauch? b) Wie viele Knoten- und Bauchlinien gibt es?

a) Δs=113 mm−83 mm=30 mm=1,5 λ=(1+12) λ\Delta s = 113\,\text{mm} - 83\,\text{mm} = 30\,\text{mm} = 1{,}5\,\lambda = (1 + \tfrac{1}{2})\,\lambda. Das ist ein ungerades Vielfaches von λ/2\lambda/2: Dort liegt ein Knoten.

b) Es muss Δs<d=55 mm=2,75 λ\Delta s < d = 55\,\text{mm} = 2{,}75\,\lambda sein. Bauchlinien: Δs=0,±20,±40 mm\Delta s = 0, \pm 20, \pm 40\,\text{mm} (±60 mm\pm 60\,\text{mm} ist zu groß). Das sind 5 Linien. Knotenlinien: Δs=±10,±30,±50 mm\Delta s = \pm 10, \pm 30, \pm 50\,\text{mm}. Das sind 6 Linien.

Interferenz zweier Quellen in der Wellenwanne

Stelle "Frequenz der Quelle" auf 12,5 Hz (Wellenlänge 2,0 cm) und "Abstand der Quellen" auf 55 mm. Unter der Szene steht die Zahl der Knoten- und Bauchlinien, wie im Beispiel. Vergrößere den Abstand oder die Frequenz: Es entstehen mehr Linien. Stelle dann die "Phasenverschiebung" auf 180°: Knoten- und Bauchlinien tauschen ihre Plätze.

Definition

Stehende Welle

Überlagern sich zwei Wellen gleicher Frequenz und Amplitude, die in entgegengesetzte Richtungen laufen, entsteht eine stehende Welle. Das geschieht, wenn eine Welle an einem Ende reflektiert wird und der zurücklaufenden Welle begegnet. Es gibt feste Stellen ohne Schwingung, die Knoten, und Stellen mit maximaler Amplitude (doppelt so groß wie die der Einzelwelle), die Bäuche. Zwischen zwei Knoten schwingen alle Teilchen im Gleichtakt, im nächsten Abschnitt im Gegentakt. Wellenberge laufen nicht mehr fort.

Benachbarte Knoten haben den Abstand λ/2\lambda/2, ein Knoten und der nächste Bauch den Abstand λ/4\lambda/4.

Das Ende bestimmt, was bei der Reflexion geschieht. Am festen Ende (Seil an einer Wand befestigt) kommt ein Berg als Tal zurück, die Phase springt um 180∘180^\circ, und das Ende ist ein Knoten. Am losen Ende (frei bewegliches Seilende, offenes Rohrende für Schall) gibt es keinen Phasensprung, und das Ende ist ein Bauch. Ein geschlossenes Rohrende wirkt für Schall wie ein festes Ende: Die Luft kann dort nicht schwingen.

dKnoten=λ2d_{\text{Knoten}} = \frac{\lambda}{2}
Definition

Eigenschwingungen

Ist ein Seil, eine Saite oder eine Luftsäule begrenzt, bleiben nur stehende Wellen übrig, die an jedem Ende zur Bedingung (Knoten am festen, Bauch am losen Ende) passen. Mit der Länge LL gilt:

  • Beide Enden fest (Saite) oder beide lose (offene Pfeife): In die Länge passen nn halbe Wellenlängen, L=n⋅λ/2L = n \cdot \lambda/2 mit n=1,2,3,…n = 1, 2, 3, \dots
  • Ein Ende fest, ein Ende lose (gedackte Pfeife): L=(2n−1)⋅λ/4L = (2n - 1) \cdot \lambda/4. Die Grundschwingung (n=1n = 1) hat also λ=4L\lambda = 4L.

Mit c=λ⋅fc = \lambda \cdot f ergeben sich die möglichen Frequenzen, die Eigenfrequenzen. Regt man mit genau so einer Frequenz an, schwingt das System kräftig.

fn=n⋅c2L(n=1,2,3,… )f_n = n \cdot \frac{c}{2L} \quad (n = 1, 2, 3, \dots)
Beispiel

Wellenlänge und Geschwindigkeit aus einer stehenden Welle

Ein Seil wird mit 30 Hz erregt und schwingt als stehende Welle. Vom 1. bis zum 5. Knoten sind es 1,00 m1{,}00\,\text{m}. Bestimme die Wellenlänge und die Ausbreitungsgeschwindigkeit.

Vom 1. bis zum 5. Knoten liegen 4 Abstände zu je λ/2\lambda/2, also 4⋅λ/2=2λ=1,00 m4 \cdot \lambda/2 = 2\lambda = 1{,}00\,\text{m}. Daraus folgt λ=0,50 m\lambda = 0{,}50\,\text{m}. Die Geschwindigkeit ist c=λ⋅f=0,50 m⋅30 Hz=15 m/sc = \lambda \cdot f = 0{,}50\,\text{m} \cdot 30\,\text{Hz} = 15\,\text{m/s}. Der Abstand mehrerer Knoten ergibt genauere Werte als der eines einzelnen Knotenpaares.

Beispiel

Gedackte Pfeife

Eine gedackte Pfeife ist 0,17 m0{,}17\,\text{m} lang. Welche Frequenz hat der Grundton, und welche hat die nächste Eigenschwingung? (c=343 m/sc = 343\,\text{m/s})

Grundschwingung: L=λ/4L = \lambda/4, also λ=4L=0,68 m\lambda = 4L = 0{,}68\,\text{m} und f1=c/λ=343:0,68≈504 Hzf_1 = c/\lambda = 343 : 0{,}68 \approx 504\,\text{Hz}. Die nächste Schwingung (n=2n = 2) hat L=3λ/4L = 3\lambda/4. Ihre Frequenz ist 3f1≈1513 Hz3 f_1 \approx 1513\,\text{Hz}. Eine gedackte Pfeife hat nur ungerade Vielfache des Grundtons.

Häufige Fehler

Bei Auslöschung geht Energie verloren

„Wenn sich zwei Wellen auslöschen, ist ihre Energie weg.“

Richtig ist

Die Energie wird umverteilt. An den Bäuchen ist die Schwingung stärker, an den Knoten schwächer. Insgesamt bleibt die Energie erhalten.

Häufige Fehler

Am Knoten kommt keine Welle an

„An einer Knotenlinie ist das Wasser ruhig, weil dort keine Welle ankommt.“

Richtig ist

Von beiden Quellen kommt eine Welle an. Sie haben dort den Gangunterschied (k+12) λ(k + \tfrac{1}{2})\,\lambda und heben sich gegenseitig auf.

Zusammenfassung

  • Bei der Superposition addieren sich die Auslenkungen: y=y1+y2y = y_1 + y_2. Danach laufen die Wellen unverändert weiter.

  • Der Gangunterschied Δs=∣s1−s2∣\Delta s = |s_1 - s_2| entscheidet bei gleichphasigen Erregern: Δs=k λ\Delta s = k\,\lambda gibt Verstärkung, Δs=(k+12) λ\Delta s = (k + \tfrac{1}{2})\,\lambda gibt Auslöschung.

  • Ein stabiles Interferenzmuster erfordert kohärente Erreger: gleiche Frequenz und konstante Phasenverschiebung.

  • Eine stehende Welle entsteht aus zwei gegenläufigen Wellen. Knoten und Bäuche liegen fest, benachbarte Knoten haben den Abstand λ/2\lambda/2.

  • Am festen Ende ist ein Knoten (Phasensprung 180∘180^\circ), am losen Ende ein Bauch (kein Phasensprung).

  • Saite und offene Pfeife: L=n λ/2L = n\,\lambda/2. Gedackte Pfeife: L=(2n−1) λ/4L = (2n-1)\,\lambda/4.

  • Aus dem Knotenabstand folgt die Wellenlänge, aus c=λ⋅fc = \lambda \cdot f dann die Geschwindigkeit.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Zwei gleichphasige Erreger senden Wellen mit λ = 0,20 m. Ein Punkt hat 1,20 m Abstand zum ersten und 1,50 m zum zweiten Erreger. Was liegt dort vor?

Aufgabe 2Numerisch

Zwei gleichphasige Quellen haben den Abstand 7,0 cm und senden Wellen mit λ = 2,0 cm. Wie viele Bauchlinien gibt es?

Aufgabe 3Numerisch

Eine Saite der Länge 0,80 m schwingt in der Grundschwingung (beide Enden fest) mit 220 Hz. Wie groß ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Welle in der Saite in m/s?

Aufgabe 4Numerisch

Eine gedackte Pfeife ist 0,25 m lang (c = 343 m/s). Wie groß ist die Frequenz des Grundtons in Hz?

Aufgabe 5Multiple Choice

Warum sieht man zwischen zwei verschiedenen Glühlampen kein Interferenzmuster?

Aufgabe 6Freitext

Erkläre, wie sich die Reflexion an einem festen und an einem losen Seilende unterscheidet und welche Stelle am Ende der stehenden Welle jeweils liegt.