Lektion 6.1

Wellen: Kenngrößen, Polarisation, Reflexion, Brechung und Beugung

20 min Lesezeit

Wirfst du einen Stein in einen Teich, laufen Kreise nach außen. Ein Korken auf dem Wasser hüpft dabei nur auf und ab und bleibt, wo er ist. Was sich ausbreitet, ist nicht das Wasser, sondern der Schwingungszustand. Beim Schall ist es genauso: Die Luft strömt nicht von der Bühne zu dir, und du hörst trotzdem die Musik.

Hinter einer offenen Tür hörst du jemanden sprechen, ohne ihn zu sehen, aber ein Schatten hat scharfe Kanten. Diese Lektion beschreibt Wellen mit wenigen Größen und klärt die Gesetze für Grenzflächen und Spalte. Vorausgesetzt werden Amplitude, Periodendauer und Frequenz einer Schwingung.

Definition

Welle und ihre Kenngrößen

Eine Welle ist eine Schwingung, die sich im Raum ausbreitet: Ein Erreger schwingt, und jedes Teilchen des Mediums (Wasser, Seil, Luft) nimmt seinen Nachbarn mit. Dabei wird Energie transportiert, aber keine Materie. Bei einer harmonischen Welle schwingt jedes Teilchen sinusförmig mit der Frequenz ff des Erregers. Eine Wellenfront ist die Fläche, auf der alle Teilchen gleich schwingen, zum Beispiel alle Wellenberge.

  • Frequenz ff (in Hz) und Periodendauer T=1/fT = 1/f (in s): So oft beziehungsweise so lange schwingt ein Teilchen.
  • Wellenlänge λ\lambda (in m): der kleinste Abstand zweier Teilchen, die gleich schwingen, etwa zweier benachbarter Wellenberge.
  • Ausbreitungsgeschwindigkeit cc (in m/s): wie schnell ein Zustand, etwa ein Wellenberg, weiterläuft. Das ist nicht die Geschwindigkeit, mit der die Teilchen schwingen.

In einer Periodendauer TT schwingt der Erreger einmal, und die Welle ist genau eine Wellenlänge weitergelaufen. Daraus folgt:

c=λT=λ⋅fc = \frac{\lambda}{T} = \lambda \cdot f
Definition

Transversalwelle, Longitudinalwelle und Schall

Man unterscheidet Wellen nach der Richtung, in der die Teilchen schwingen.

  • Bei einer Transversalwelle (Querwelle) schwingen die Teilchen senkrecht zur Ausbreitungsrichtung. Beispiel: eine Welle auf einem gespannten Seil.
  • Bei einer Longitudinalwelle (Längswelle) schwingen die Teilchen in Ausbreitungsrichtung hin und her. Es entstehen Verdichtungen und Verdünnungen. Beispiel: eine Welle auf einer langen Schraubenfeder.

Schall ist in Luft und Flüssigkeiten eine Longitudinalwelle: Die Teilchen schwingen vor und zurück, und der Druck schwankt. Hörbar ist Schall von etwa 20 Hz bis 20 kHz. Die Schallgeschwindigkeit beträgt in Luft etwa 343 m/s bei 20 °C und in Wasser etwa 1,5 km/s.

Beispiel

Wellenlänge und Geschwindigkeit

a) Ein Ton mit 440 Hz läuft durch Luft (343 m/s). Wie groß ist seine Wellenlänge?

b) Auf einem See ziehen Wellenberge im Abstand von 12 m an einer Boje vorbei. Die Boje hebt sich alle 4,0 s. Wie schnell laufen die Wellen?

a) Aus c=λ⋅fc = \lambda \cdot f folgt λ=c/f=343 m/s:440 Hz≈0,78 m\lambda = c/f = 343\,\text{m/s} : 440\,\text{Hz} \approx 0{,}78\,\text{m}.

b) Es ist λ=12 m\lambda = 12\,\text{m}. Die Boje hebt sich einmal je Welle, also ist T=4,0 sT = 4{,}0\,\text{s}. Dann gilt c=λ/T=12 m:4,0 s=3,0 m/sc = \lambda / T = 12\,\text{m} : 4{,}0\,\text{s} = 3{,}0\,\text{m/s}. Die Boje selbst bewegt sich nur auf und ab.

Wellenlänge, Frequenz und Geschwindigkeit ablesen

Wähle bei "Schwingungsrichtung" die Einstellung "Transversal", stelle "Frequenz" auf 0,50 Hz und "Ausbreitungsgeschwindigkeit" auf 1,00 m/s: Unter der Szene steht die Wellenlänge λ = c : f = 2 m. Erhöhe die Frequenz: Die Wellenlänge wird kleiner. Bei "Longitudinal" schwingen die Teilchen längs der Ausbreitung.

Definition

Lineare Polarisation

Zu einer Transversalwelle gibt es viele Richtungen senkrecht zur Ausbreitung. Schwingen alle Teilchen in einer festen Ebene, heißt die Welle linear polarisiert. Eine senkrecht angeregte Seilwelle passiert einen senkrechten Spalt, einen waagerechten nicht.

Eine Longitudinalwelle schwingt nur in Ausbreitungsrichtung: Es gibt keine Auswahl, Schall lässt sich nicht polarisieren. Was sich polarisieren lässt, ist transversal. Licht lässt sich polarisieren, wie die Polarisationsbrille zeigt. Also ist Licht eine Transversalwelle.

Definition

Huygenssches Prinzip

Jeder Punkt einer Wellenfront ist Ausgangspunkt einer Elementarwelle, einer Kreiswelle (im Raum Kugelwelle), die mit derselben Geschwindigkeit cc und Frequenz ff läuft (Christiaan Huygens). Die neue Wellenfront nach der Zeit Δt\Delta t ist die Einhüllende aller Elementarwellen mit dem Radius c⋅Δtc \cdot \Delta t. Daraus folgen die Gesetze zu Reflexion, Brechung und Beugung.

Definition

Reflexion und Brechung

Trifft eine Welle auf eine Grenzfläche, wird ein Teil zurückgeworfen (Reflexion), ein Teil läuft im zweiten Medium weiter (Brechung). Winkel misst man zum Lot, der Senkrechten auf der Grenzfläche.

Reflexionsgesetz: Einfallswinkel α\alpha und Reflexionswinkel α′\alpha' sind gleich.

Brechung: Im zweiten Medium gilt die Geschwindigkeit c2c_2. Die Frequenz bleibt gleich, also ändert sich die Wellenlänge im selben Verhältnis: λ2/λ1=c2/c1\lambda_2 / \lambda_1 = c_2 / c_1. Herleitung: Die Punkte AA und BB der Grenzfläche haben den Abstand ss. Während die schräge Front im ersten Medium von AA nach BB läuft (c1Δtc_1 \Delta t), kommt die Elementarwelle von AA im zweiten Medium c2Δtc_2 \Delta t weit. Die rechtwinkligen Dreiecke mit der Hypotenuse ss geben sin⁡α1=c1Δt/s\sin\alpha_1 = c_1 \Delta t / s und sin⁡α2=c2Δt/s\sin\alpha_2 = c_2 \Delta t / s. Ist c2<c1c_2 < c_1, wird zum Lot hin gebrochen.

sin⁡α1sin⁡α2=c1c2=λ1λ2\frac{\sin\alpha_1}{\sin\alpha_2} = \frac{c_1}{c_2} = \frac{\lambda_1}{\lambda_2}
Beispiel

Wasserwelle läuft in flaches Wasser

Eine Wasserwelle mit f=10 Hzf = 10\,\text{Hz} läuft von tiefem Wasser (c1=25 cm/sc_1 = 25\,\text{cm/s}) auf eine flache Stelle (c2=15 cm/sc_2 = 15\,\text{cm/s}). Der Einfallswinkel zum Lot beträgt 40∘40^\circ. Bestimme beide Wellenlängen und den Brechungswinkel.

Wellenlängen: λ1=c1/f=2,5 cm\lambda_1 = c_1 / f = 2{,}5\,\text{cm} und λ2=15:10=1,5 cm\lambda_2 = 15 : 10 = 1{,}5\,\text{cm}. Die Welle wird im flachen Wasser kürzer, die Frequenz bleibt.

Brechungswinkel: sin⁡α2=sin⁡40∘⋅15/25=0,643⋅0,6=0,386\sin\alpha_2 = \sin 40^\circ \cdot 15/25 = 0{,}643 \cdot 0{,}6 = 0{,}386, also α2≈22,7∘\alpha_2 \approx 22{,}7^\circ. Zum Lot hin, weil die Welle langsamer wird.

Definition

Beugung

Trifft eine Welle auf einen Spalt oder ein Hindernis, läuft sie auch in den Raum hinter der Kante, den eine geradlinige Ausbreitung nicht erreichen würde: Beugung. Nach Huygens gehen von den Punkten in der Öffnung Elementarwellen aus. Ist die Spaltbreite bb ungefähr so groß wie λ\lambda oder kleiner, wirkt der Spalt wie eine Punktquelle, und es entsteht eine Kreiswelle. Ist bb viel größer als λ\lambda, läuft die Welle fast geradlinig weiter.

Deshalb hörst du Sprache (Wellenlänge einige Zentimeter bis einige Meter) um die Ecke, während Licht (etwa 0,5 µm) scharfe Schatten wirft.

Definition

Wellengleichung der harmonischen Welle

Der Erreger bei x=0x = 0 schwingt mit y(0,t)=y^ sin⁡(ωt)y(0, t) = \hat{y}\,\sin(\omega t) und der Kreisfrequenz ω=2πf=2π/T\omega = 2\pi f = 2\pi / T. Die Welle läuft in xx-Richtung. Ein Teilchen bei xx führt dieselbe Schwingung aus, aber um die Laufzeit x/cx / c später. Mit der Wellenzahl k=2π/λ=ω/ck = 2\pi / \lambda = \omega / c folgt:

y(x,t)=y^ sin⁡ ⁣(ω (t−x/c))=y^ sin⁡ ⁣(2π (t/T−x/λ))y(x, t) = \hat{y}\,\sin\!\big(\omega\,(t - x/c)\big) = \hat{y}\,\sin\!\big(2\pi\,(t/T - x/\lambda)\big)
Beispiel

Auslenkung an einer Stelle

Eine Welle hat y^=2,0 cm\hat{y} = 2{,}0\,\text{cm}, f=5,0 Hzf = 5{,}0\,\text{Hz} und c=40 cm/sc = 40\,\text{cm/s}. Wie groß ist die Auslenkung bei x=10 cmx = 10\,\text{cm} zur Zeit t=0,30 st = 0{,}30\,\text{s}?

Es ist T=0,20 sT = 0{,}20\,\text{s} und λ=c/f=8,0 cm\lambda = c/f = 8{,}0\,\text{cm}. Das Argument des Sinus ist 2π (1,5−1,25)=π/22\pi\,(1{,}5 - 1{,}25) = \pi/2. Also ist y=2,0 cm⋅sin⁡(π/2)=2,0 cmy = 2{,}0\,\text{cm} \cdot \sin(\pi/2) = 2{,}0\,\text{cm}: Dort liegt ein Wellenberg.

Definition

Dopplereffekt

Bewegen sich Quelle und Empfänger relativ zueinander, misst der Empfänger eine andere Frequenz fEf_{\text{E}} als die Quelle sendet (ff). Bewegt sich die Quelle mit vv auf den ruhenden Empfänger zu, ist der Abstand der Wellenberge nur λE=(c−v) T\lambda_{\text{E}} = (c - v)\,T, und es gilt fE=c/λEf_{\text{E}} = c / \lambda_{\text{E}}. Entfernt sich die Quelle, steht c+vc + v im Nenner. Bewegt sich der Empfänger mit vv auf die ruhende Quelle zu, trifft er mehr Wellenberge pro Sekunde: fE=f (c+v)/cf_{\text{E}} = f\,(c + v)/c (beim Entfernen c−vc - v). Die Formeln gelten für v<cv < c.

fE=f⋅cc−v(Quelle na¨hert sich),fE=f⋅cc+v(Quelle entfernt sich)f_{\text{E}} = f \cdot \frac{c}{c - v} \quad \text{(Quelle nähert sich)}, \qquad f_{\text{E}} = f \cdot \frac{c}{c + v} \quad \text{(Quelle entfernt sich)}
Beispiel

Krankenwagen mit Martinshorn

Ein Krankenwagen sendet 700 Hz und fährt mit 25 m/s25\,\text{m/s} geradlinig auf dich zu, später geradlinig von dir weg. Welche Frequenzen hörst du? (c=343 m/sc = 343\,\text{m/s})

Annäherung: fE=700 Hz⋅343/(343−25)=700 Hz⋅343/318≈755 Hzf_{\text{E}} = 700\,\text{Hz} \cdot 343 / (343 - 25) = 700\,\text{Hz} \cdot 343 / 318 \approx 755\,\text{Hz}.

Entfernen: fE=700 Hz⋅343/(343+25)=700 Hz⋅343/368≈652 Hzf_{\text{E}} = 700\,\text{Hz} \cdot 343 / (343 + 25) = 700\,\text{Hz} \cdot 343 / 368 \approx 652\,\text{Hz}.

Häufige Fehler

Teilchen wandern mit der Welle

„Bei einer Wasserwelle strömt das Wasser mit der Welle zum Ufer.“

Richtig ist

Die Teilchen schwingen nur um ihre Ruhelage. Transportiert wird Energie, keine Materie.

Häufige Fehler

Höhere Frequenz bedeutet höhere Geschwindigkeit

„Aus c=λ⋅fc = \lambda \cdot f folgt: Verdoppele ich die Frequenz, läuft die Welle doppelt so schnell.“

Richtig ist

Die Geschwindigkeit cc hängt vom Medium ab, nicht von der Frequenz. Verdoppelst du ff im selben Medium, halbiert sich die Wellenlänge, und cc bleibt gleich.

Zusammenfassung

  • Eine Welle transportiert Energie, keine Materie. Es gilt c=λ⋅f=λ/Tc = \lambda \cdot f = \lambda / T. Beim Wechsel des Mediums bleibt ff gleich.

  • Bei Transversalwellen schwingen die Teilchen quer, bei Longitudinalwellen längs zur Ausbreitung. Schall in Luft ist longitudinal.

  • Nur Transversalwellen lassen sich linear polarisieren. Licht ist polarisierbar und deshalb transversal.

  • Nach Huygens ist jeder Punkt einer Wellenfront Ausgangspunkt einer Elementarwelle. Daraus folgen Reflexion (α=α′\alpha = \alpha'), Brechung (sin⁡α1/sin⁡α2=c1/c2\sin\alpha_1 / \sin\alpha_2 = c_1 / c_2) und Beugung.

  • Beugung ist stark, wenn die Öffnung etwa so breit ist wie die Wellenlänge oder schmaler.

  • Leistungskurs: y(x,t)=y^ sin⁡(2π(t/T−x/λ))y(x,t) = \hat{y}\,\sin(2\pi(t/T - x/\lambda)). Beim Dopplereffekt gilt für die bewegte Quelle fE=f c/(c∓v)f_{\text{E}} = f\,c/(c \mp v).

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Eine Seilwelle hat die Frequenz 4,0 Hz und die Wellenlänge 0,75 m. Wie groß ist die Ausbreitungsgeschwindigkeit in m/s?

Aufgabe 2Numerisch

Eine Wasserwelle läuft mit c1 = 25 cm/s auf flacheres Wasser mit c2 = 20 cm/s. Der Einfallswinkel zum Lot beträgt 30°. Wie groß ist der Brechungswinkel in Grad (auf Zehntel gerundet)?

Aufgabe 3Multiple Choice

Eine Tür ist 0,9 m breit. Welche Welle wird beim Durchgang am stärksten gebeugt?

Aufgabe 4Freitext

Erkläre, warum man Schall nicht polarisieren kann, Licht aber schon.

Aufgabe 5Numerisch

Leistungskurs: Eine Pfeife sendet 400 Hz und nähert sich dir mit 30 m/s (c = 343 m/s). Welche Frequenz hörst du, in Hz auf ganze Zahlen gerundet?