Lektion 7.2

Einzelspalt, Interferometer und Bragg-Beugung

19 min Lesezeit

Ein Laserstrahl fällt auf einen sehr engen Spalt. Man erwartet einen schmalen hellen Streifen, doch auf der Wand erscheint ein breites Muster mit hellem Mittelstreifen und blassen Streifen daneben. Je enger der Spalt, desto breiter das Muster.

Mit Interferenz lassen sich außerdem Längen messen, die kleiner sind als eine Lichtwellenlänge, und mit Röntgenstrahlen kann man die Anordnung der Atome in einem Kristall bestimmen. Diese Lektion behandelt beides.

Definition

Einzelspalt und Intensitätsverteilung

Paralleles, einfarbiges Licht der Wellenlänge λ\lambda trifft senkrecht auf einen Spalt der Breite bb. Nach Huygens ist jeder Punkt im Spalt Ausgangspunkt einer Elementarwelle. Wir betrachten die Richtung unter dem Winkel α\alpha. Teilt man den Spalt in zwei Hälften, haben zwei Elementarwellen, die um b/2b/2 versetzt starten, den Gangunterschied (b/2) sin⁡α(b/2)\,\sin\alpha. Ist er λ/2\lambda/2, löschen sich alle Paare aus den beiden Hälften aus: Das erste Minimum liegt bei b sin⁡α1=λb\,\sin\alpha_1 = \lambda. Mit vier, sechs, … gleich großen Teilen ergeben sich die weiteren Minima.

In der Mitte (α=0\alpha = 0) schwingen alle Elementarwellen im Gleichtakt: Dort liegt das hellste Maximum, das Zentralmaximum. Zwischen den Minima liegen Nebenmaxima, die schnell schwächer werden. Das erste hat nur etwa 5 % der Intensität des Zentralmaximums. Das Zentralmaximum ist doppelt so breit wie ein Nebenmaximum. Die Intensität folgt I(α)=I0 (sin⁡β/β)2I(\alpha) = I_0\,(\sin\beta / \beta)^2 mit β=πbsin⁡α/λ\beta = \pi b \sin\alpha / \lambda. Ist b<λb < \lambda, gibt es kein Minimum: Das Licht breitet sich in den ganzen Halbraum aus.

b sin⁡αk=k λ(k=±1,±2,… )b\,\sin\alpha_k = k\,\lambda \qquad (k = \pm 1, \pm 2, \dots)
Definition

Kleinwinkelnäherung

Auf einem Schirm im Abstand a≫ba \gg b gilt tan⁡αk=yk/a\tan\alpha_k = y_k / a für den Abstand yky_k des kk-ten Minimums von der Mitte. Für kleine Winkel (etwa unter 5∘5^\circ, der Fehler liegt dann unter 0,5 %0{,}5\,\%) sind sin⁡α\sin\alpha, tan⁡α\tan\alpha und α\alpha (im Bogenmaß) praktisch gleich. Dann folgt eine einfache Formel. Das Zentralmaximum hat die Breite 2 y12\,y_1. Je schmaler der Spalt, desto breiter das Zentralmaximum.

yk≈k λ ab,Breite des Zentralmaximums ≈2 λ aby_k \approx k\,\frac{\lambda\,a}{b}, \qquad \text{Breite des Zentralmaximums } \approx \frac{2\,\lambda\,a}{b}
Beispiel

Breite des Zentralmaximums

Ein Helium-Neon-Laser (λ=633 nm\lambda = 633\,\text{nm}) beleuchtet einen Spalt der Breite b=0,10 mmb = 0{,}10\,\text{mm}. Der Schirm steht a=3,0 ma = 3{,}0\,\text{m} entfernt. Wie breit ist das Zentralmaximum?

Es ist sin⁡α1=λ/b=633⋅10−9:1,0⋅10−4=6,33⋅10−3\sin\alpha_1 = \lambda / b = 633 \cdot 10^{-9} : 1{,}0 \cdot 10^{-4} = 6{,}33 \cdot 10^{-3}, also α1≈0,36∘\alpha_1 \approx 0{,}36^\circ: Die Kleinwinkelnäherung gilt. Dann ist y1=λa/b=633⋅10−9 m⋅3,0 m:1,0⋅10−4 m=1,9⋅10−2 m=19 mmy_1 = \lambda a / b = 633 \cdot 10^{-9}\,\text{m} \cdot 3{,}0\,\text{m} : 1{,}0 \cdot 10^{-4}\,\text{m} = 1{,}9 \cdot 10^{-2}\,\text{m} = 19\,\text{mm}. Das Zentralmaximum ist 2⋅19 mm=38 mm2 \cdot 19\,\text{mm} = 38\,\text{mm} breit. Mit b=0,05 mmb = 0{,}05\,\text{mm} wäre es doppelt so breit, also 76 mm76\,\text{mm}.

Einzelspalt mit Licht

Stelle "Anzahl der Spalte" auf 1. Jetzt erscheint der Regler "Spaltbreite". Verkleinere die Spaltbreite: Das Zentralmaximum auf dem Schirm wird breiter. Unter der Szene steht, bei welchem Winkel das erste Minimum liegt. Ändere die "Wellenlänge": Mit längeren Wellen wird das Muster ebenfalls breiter.

Definition

Wellengleichung und Überlagerung zweier Teilwellen

Eine harmonische Welle, die in xx-Richtung läuft, beschreibt man durch y(x,t)=y^ sin⁡(ωt−kx)y(x,t) = \hat{y}\,\sin(\omega t - kx) mit ω=2πf\omega = 2\pi f und der Wellenzahl k=2π/λk = 2\pi/\lambda. Legt eine Welle den Weg ss zurück, ändert sich ihre Phase um k s=2πs/λk\,s = 2\pi s / \lambda. Ein Wegunterschied Δs\Delta s führt deshalb zu einer Phasendifferenz Δφ=2π Δs/λ\Delta\varphi = 2\pi\,\Delta s / \lambda. Die Intensität einer Welle ist proportional zum Quadrat ihrer Amplitude.

Satz

Überlagerung zweier gleich starker Teilwellen

Zwei Teilwellen gleicher Amplitude y^\hat{y} und Frequenz treffen sich in einem Punkt, nachdem sie die Wege s1s_1 und s2s_2 zurückgelegt haben. Die resultierende Welle hat die Amplitude 2y^ ∣cos⁡(Δφ/2)∣2\hat{y}\,|\cos(\Delta\varphi/2)| mit Δφ=2π (s2−s1)/λ\Delta\varphi = 2\pi\,(s_2 - s_1)/\lambda. Für die Intensität gilt mit der größten Intensität Imax⁡I_{\max}:

I=Imax⁡ cos⁡2 ⁣(Δφ2)=Imax⁡ cos⁡2 ⁣(π Δsλ)I = I_{\max}\,\cos^2\!\left(\frac{\Delta\varphi}{2}\right) = I_{\max}\,\cos^2\!\left(\frac{\pi\,\Delta s}{\lambda}\right)
Definition

Michelson- und Mach-Zehnder-Interferometer

Ein Interferometer teilt einen Lichtstrahl in zwei Teilstrahlen, schickt sie auf verschiedenen Wegen und überlagert sie wieder. Beim Michelson-Interferometer teilt ein halbdurchlässiger Spiegel (Strahlteiler) den Strahl. Beide Teilstrahlen laufen zu je einem Spiegel, kehren zurück und treffen am Strahlteiler wieder zusammen. Verschiebt man einen Spiegel um Δx\Delta x, wird der Weg dieses Teilstrahls um 2Δx2\Delta x länger (hin und zurück). Pro Verschiebung um λ/2\lambda/2 durchläuft die Helligkeit einmal Maximum, Minimum und wieder Maximum. Zählt man NN Maxima, gilt Δx=N λ/2\Delta x = N\,\lambda/2.

Beim Mach-Zehnder-Interferometer werden die Teilstrahlen an einem ersten Strahlteiler getrennt, laufen über zwei Spiegel und werden an einem zweiten Strahlteiler vereint. Es gibt zwei Ausgänge: Ist es an einem hell, ist es am anderen dunkel (Energieerhaltung). Bringt man in einen Arm ein Stück Material der Dicke dd und der Brechzahl nn, passen dort n d/λn\,d/\lambda statt d/λd/\lambda Wellenlängen. Der Unterschied ist (n−1) d/λ(n-1)\,d/\lambda, und um so viele Streifen verschiebt sich das Muster. So misst man Brechzahlen und kleinste Dichteänderungen.

Δx=N⋅λ2,ΔN=(n−1) dλ\Delta x = N \cdot \frac{\lambda}{2}, \qquad \Delta N = \frac{(n-1)\,d}{\lambda}
Beispiel

Wellenlänge mit dem Michelson-Interferometer

Ein Spiegel wird um 0,150 mm0{,}150\,\text{mm} verschoben, dabei zählt man 474 Maxima. Wie groß ist λ\lambda?

Aus Δx=N λ/2\Delta x = N\,\lambda/2 folgt λ=2 Δx/N=2⋅0,150⋅10−3 m:474=6,33⋅10−7 m=633 nm\lambda = 2\,\Delta x / N = 2 \cdot 0{,}150 \cdot 10^{-3}\,\text{m} : 474 = 6{,}33 \cdot 10^{-7}\,\text{m} = 633\,\text{nm}.

Definition

Röntgenbeugung und Braggsche Gleichung

Röntgenstrahlung ist elektromagnetische Strahlung mit Wellenlängen um 0,1 nm0{,}1\,\text{nm}. Das entspricht dem Abstand der Atome in einem Kristall. In einem Kristall liegen die Atome auf parallelen Netzebenen im Abstand dd. Jede Ebene reflektiert einen kleinen Teil der einfallenden Strahlung. Der Glanzwinkel θ\theta wird zwischen dem Strahl und der Netzebene gemessen, nicht zum Lot. Der Strahl, der an der nächsten Ebene reflektiert wird, legt den Umweg 2 d sin⁡θ2\,d\,\sin\theta zurück. Die reflektierten Strahlen verstärken sich, wenn dieser Gangunterschied ein ganzes Vielfaches von λ\lambda ist (Max von Laue 1912, W. H. und W. L. Bragg 1913):

2 d sin⁡θ=k λ(k=1,2,3,… )2\,d\,\sin\theta = k\,\lambda \qquad (k = 1, 2, 3, \dots)
Beispiel

Reflexe an einem Natriumchlorid-Kristall

Röntgenstrahlung mit λ=0,154 nm\lambda = 0{,}154\,\text{nm} trifft auf Netzebenen von Natriumchlorid (d=0,282 nmd = 0{,}282\,\text{nm}). Bei welchen Glanzwinkeln gibt es Intensitätsmaxima?

Aus sin⁡θk=k λ/(2d)\sin\theta_k = k\,\lambda / (2d) folgt sin⁡θk=k⋅0,154/0,564=k⋅0,273\sin\theta_k = k \cdot 0{,}154 / 0{,}564 = k \cdot 0{,}273. Für k=1k = 1: θ1≈15,8∘\theta_1 \approx 15{,}8^\circ. Für k=2k = 2: sin⁡θ2=0,546\sin\theta_2 = 0{,}546 und θ2≈33,1∘\theta_2 \approx 33{,}1^\circ. Für k=3k = 3: sin⁡θ3=0,819\sin\theta_3 = 0{,}819 und θ3≈55,0∘\theta_3 \approx 55{,}0^\circ. Für k=4k = 4 wäre sin⁡θ4=1,09>1\sin\theta_4 = 1{,}09 > 1. Es gibt also drei Reflexe.

Häufige Fehler

Enger Spalt, schmales Muster

„Je enger der Spalt ist, desto schmaler ist das Beugungsmuster.“

Richtig ist

Es ist umgekehrt: Aus y1=λa/by_1 = \lambda a / b folgt, dass das Zentralmaximum mit kleinerem bb breiter wird. Je näher die Spaltbreite an λ\lambda kommt, desto stärker ist die Beugung.

Häufige Fehler

Glanzwinkel wie beim Reflexionsgesetz

„Den Winkel in der Braggschen Gleichung misst man zum Lot, wie beim Reflexionsgesetz.“

Richtig ist

Der Glanzwinkel θ\theta ist der Winkel zwischen Strahl und Netzebene. Zum Lot gemessen wäre es 90∘−θ90^\circ - \theta. Wer zum Lot misst, setzt in 2 d sin⁡θ=k λ2\,d\,\sin\theta = k\,\lambda den falschen Winkel ein.

Zusammenfassung

  • Für die Minima eines Einzelspalts gilt b sin⁡αk=k λb\,\sin\alpha_k = k\,\lambda mit k=±1,±2,…k = \pm 1, \pm 2, \dots. Das Zentralmaximum ist am hellsten und doppelt so breit wie die schwachen Nebenmaxima.

  • In Kleinwinkelnäherung ist yk≈k λa/by_k \approx k\,\lambda a / b. Ein schmalerer Spalt gibt ein breiteres Muster.

  • Eine harmonische Welle hat die Form y=y^ sin⁡(ωt−kx)y = \hat{y}\,\sin(\omega t - kx). Ein Wegunterschied Δs\Delta s bedeutet eine Phasendifferenz Δφ=2π Δs/λ\Delta\varphi = 2\pi\,\Delta s/\lambda. Zwei gleich starke Teilwellen ergeben I=Imax⁡ cos⁡2(Δφ/2)I = I_{\max}\,\cos^2(\Delta\varphi/2).

  • Im Michelson-Interferometer ändert sich der Gangunterschied bei Spiegelverschiebung um Δx\Delta x um 2Δx2\Delta x. Es gilt Δx=N λ/2\Delta x = N\,\lambda/2.

  • Im Mach-Zehnder-Interferometer verschiebt eine Probe der Dicke dd und Brechzahl nn das Muster um (n−1) d/λ(n-1)\,d/\lambda Streifen.

  • Bei der Röntgenbeugung am Kristall gilt die Braggsche Gleichung 2 d sin⁡θ=k λ2\,d\,\sin\theta = k\,\lambda. Der Glanzwinkel θ\theta wird zur Netzebene gemessen.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Licht mit 500 nm fällt auf einen Spalt der Breite 0,20 mm. Der Schirm ist 4,0 m entfernt. Wie breit ist das Zentralmaximum (Abstand der beiden ersten Minima) in mm?

Aufgabe 2Multiple Choice

Der Spalt wird bei sonst gleichen Bedingungen schmaler. Was passiert mit dem Zentralmaximum?

Aufgabe 3Numerisch

Ein Spiegel im Michelson-Interferometer wird um 0,080 mm verschoben, dabei zählt man 253 Maxima. Wie groß ist die Wellenlänge in nm?

Aufgabe 4Numerisch

In einem Arm eines Mach-Zehnder-Interferometers steht ein Glasplättchen (Dicke 20 µm, Brechzahl 1,50). Die Wellenlänge ist 500 nm. Um wie viele Streifen verschiebt sich das Muster?

Aufgabe 5Numerisch

Röntgenstrahlung mit λ = 0,154 nm trifft auf Netzebenen mit dem Abstand 0,200 nm. Unter welchem Glanzwinkel liegt das erste Maximum (in Grad, auf Zehntel gerundet)?

Aufgabe 6Freitext

Warum verwendet man für die Beugung am Kristall Röntgenstrahlung und nicht sichtbares Licht?