Lektion 1.2

Chromosomen, Zellzyklus, Mitose und Meiose

17 min Lesezeit

Du schürfst dir das Knie auf. Nach ein paar Tagen ist die Haut geschlossen. Die neuen Hautzellen tragen dieselbe Erbinformation wie die anderen Zellen deines Körpers. Wie bekommt jede neue Zelle eine vollständige Kopie?

Du bist aus einer einzigen befruchteten Eizelle entstanden. Würden Eizelle und Spermium ihre ganze Erbinformation mitbringen, hätte jede Generation doppelt so viel wie die davor. Und Geschwister haben dieselben Eltern und sehen doch verschieden aus.

Du klärst, wie Zellen sich teilen und wie Keimzellen entstehen.

Definition

Chromosomen, Chromosomensatz und Karyogramm

Die DNA ist der Stoff, in dem die Erbinformation gespeichert ist. Sie liegt im Zellkern verpackt in Chromosomen. Ein Chromosom besteht aus DNA und Proteinen. Vor einer Zellteilung verdichten sich die Chromosomen und werden im Mikroskop sichtbar. Dann besteht jedes Chromosom aus zwei identischen Längshälften, den Chromatiden, die an einer Einschnürung (Centromer) zusammenhängen. Vor der DNA-Verdopplung hat ein Chromosom nur ein Chromatid.

Menschliche Körperzellen haben 46 Chromosomen, geordnet in 23 Paaren. Von jedem Paar stammt ein Chromosom von der Mutter und eines vom Vater. Die beiden Chromosomen eines Paares heißen homolog. Zellen mit zwei Chromosomensätzen nennt man diploid (2n = 46). Eizellen und Spermien haben nur einen Satz: Sie sind haploid (n = 23). 22 Paare sind die Autosomen, bei Frau und Mann gleich. Das 23. Paar sind die Gonosomen, die Geschlechtschromosomen: Frauen haben XX, Männer XY.

Ein Karyogramm ist ein Foto der Chromosomen einer Zelle in der Teilung. Man sortiert sie nach Größe und Form paarweise und nummeriert die Autosomen. Daran sieht man Geschlecht und die Zahl der Chromosomen.

Beispiel

Chromosomenzahlen beim Menschen

Wie viele Chromosomen und welche Gonosomen haben eine Muskelzelle eines Mannes, ein Spermium und eine Eizelle?

Eine Muskelzelle ist diploid: 46 Chromosomen, also 44 Autosomen plus X und Y.

Ein Spermium ist haploid: 23 Chromosomen, nämlich 22 Autosomen und entweder X oder Y.

Eine Eizelle hat 22 Autosomen und ein X, zusammen 23 Chromosomen. Ein Y kann sie nicht enthalten.

Definition

Zellzyklus

Der Zellzyklus ist der Kreislauf einer Zelle von einer Teilung bis zur nächsten. Er hat zwei Abschnitte.

  • Die Interphase ist der längste Abschnitt. Die Zelle wächst und arbeitet. In der G1-Phase hat jedes Chromosom ein Chromatid. In der S-Phase wird die DNA identisch verdoppelt: Jedes Chromosom hat danach zwei identische Chromatiden. In der G2-Phase bereitet sich die Zelle auf die Teilung vor.
  • Die Mitose ist die Kernteilung. Danach teilt sich auch das Zellplasma.

Eine typische sich teilende Zelle des Menschen braucht angenommen etwa einen Tag für einen ganzen Zyklus. Davon dauert die Mitose nur etwa eine Stunde. Nervenzellen teilen sich im Erwachsenen nicht mehr, Zellen der Darmschleimhaut sehr oft.

Definition

Mitose

Die Mitose verteilt die verdoppelte Erbinformation gleichmäßig auf zwei Zellkerne.

PhaseWas geschieht
ProphaseDie Chromosomen verkürzen und verdichten sich. Die Kernhülle löst sich auf. Spindelfasern, ein Gerüst aus feinen Fasern, bilden sich.
MetaphaseDie Chromosomen ordnen sich in der Mitte der Zelle in einer Ebene an. Die Spindelfasern sind an ihnen befestigt.
AnaphaseDie beiden Chromatiden jedes Chromosoms werden getrennt und zu entgegengesetzten Polen der Zelle gezogen.
TelophaseAn jedem Pol bildet sich eine neue Kernhülle. Die Chromosomen entspannen sich.

Danach teilt sich das Zellplasma (bei Tierzellen schnürt es sich ein, bei Pflanzenzellen wächst eine neue Wand ein). Es entstehen zwei Tochterzellen. Jede hat 46 Chromosomen mit je einem Chromatid und die gleiche Erbinformation wie die Mutterzelle. Diese Erbgleichheit ist der Sinn der Mitose. Sie sorgt für Wachstum, Ersatz abgestorbener Zellen und Wundheilung.

Beispiel

Chromosomen und Chromatiden zählen

Eine menschliche Körperzelle teilt sich. Wie viele Chromosomen und wie viele Chromatiden hat sie in der G1-Phase, in der Metaphase und in der späten Anaphase, kurz vor der Zellteilung?

G1-Phase: 46 Chromosomen mit je einem Chromatid, also 46 Chromatiden.

Metaphase: Die DNA wurde in der S-Phase verdoppelt. Es sind weiter 46 Chromosomen, aber jedes hat zwei Chromatiden. Das sind 46 mal 2 = 92 Chromatiden.

Späte Anaphase: Die Chromatiden sind getrennt. Jedes getrennte Chromatid zählt nun als eigenes Chromosom. Die Zelle hat 92 Chromosomen, an jedem Pol 46. Nach der Teilung hat jede Tochterzelle 46 Chromosomen mit je einem Chromatid.

Definition

Meiose und Keimzellbildung

Die Meiose (Reifeteilung) bildet Keimzellen. Aus einer diploiden Zelle entstehen haploide Zellen. Vor der Meiose wird die DNA einmal verdoppelt, dann folgen zwei Teilungen.

  • Meiose I (Reduktionsteilung): Die homologen Chromosomen lagern sich paarweise zusammen und werden dann getrennt. Zu jedem Pol wandert von jedem Paar ein Chromosom mit zwei Chromatiden. Es entstehen zwei Zellen mit 23 Chromosomen.
  • Meiose II: Sie läuft wie eine Mitose ab. Die Chromatiden werden getrennt. Es entstehen insgesamt vier haploide Zellen mit 23 Chromosomen mit je einem Chromatid.

Die vier Zellen sind genetisch verschieden. Das liegt an der Rekombination, der Neukombination der Erbinformation. Sie hat zwei Ursachen. Erstens wandert in Meiose I von jedem Paar zufällig das mütterliche oder das väterliche Chromosom zu einem Pol. Zweitens tauschen homologe Chromosomen beim Zusammenlagern Stücke aus (Crossing-over), sodass Chromosomen mit gemischter Erbinformation entstehen.

Beim Mann entstehen aus einer Zelle vier Spermien. Bei der Frau entsteht aus einer Zelle meist nur eine funktionsfähige, große Eizelle. Die anderen Zellen sind sehr klein und gehen zugrunde.

MerkmalMitoseMeiose
WoKörperzellenBildung der Keimzellen
Teilungeneinezwei
Ergebniszwei Zellenvier Zellen
Chromosomenzahlbleibt (diploid)halbiert sich (haploid)
Erbinformationgleich wie die Mutterzelleverschieden
Beispiel

Wie viele Keimzellen sind möglich?

Eine Fruchtfliege hat 4 Chromosomenpaare. Wie viele verschiedene Kombinationen mütterlicher und väterlicher Chromosomen können in ihren Keimzellen entstehen, wenn man nur die zufällige Verteilung betrachtet? Wie ist es beim Menschen?

Für jedes Paar gibt es zwei Möglichkeiten: Das mütterliche oder das väterliche Chromosom kommt in die Keimzelle. Bei 1 Paar sind das 2, bei 2 Paaren 2 mal 2 = 4, bei 3 Paaren 8, bei 4 Paaren 2 · 2 · 2 · 2 = 16 Möglichkeiten.

Beim Menschen sind es 23 Paare, also 2 hoch 23 = 8 388 608 Möglichkeiten, mehr als 8 Millionen. Wenn zwei Keimzellen verschmelzen, kommen 8 388 608 mal 8 388 608 Paarungen zusammen, mehr als 70 Billionen. Das Crossing-over ist dabei noch nicht mitgezählt.

Definition

Befruchtung

Bei der Befruchtung verschmelzen Spermium und Eizelle und mit ihnen ihre Zellkerne. Die befruchtete Eizelle, die Zygote, ist wieder diploid: 23 Chromosomen von der Mutter und 23 vom Vater, zusammen 46. Ob sie ein X oder ein Y vom Spermium bekommt, entscheidet über das Geschlecht. Die Zygote teilt sich durch Mitose in viele erbgleiche Zellen. Die Meiose halbiert die Chromosomenzahl, die Befruchtung stellt sie wieder her. So bleibt die Zahl von Generation zu Generation gleich.

Definition

Geschlechtliche und ungeschlechtliche Fortpflanzung, Klonen

Bei der ungeschlechtlichen Fortpflanzung genügt ein Elternteil. Die Nachkommen entstehen ohne Keimzellen, bei Pflanzen und Tieren durch Mitose. Beispiele sind die Zweiteilung von Bakterien, die Ausläufer der Erdbeere und die Knollen der Kartoffel. Die Nachkommen sind erbgleich zum Elternteil, also Klone (Lebewesen mit gleicher Erbinformation). Das geht schnell und braucht keinen Partner. Es entsteht aber keine Vielfalt: Ändert sich die Umwelt oder kommt eine Krankheit, trifft es alle gleich.

Bei der geschlechtlichen Fortpflanzung entstehen die Nachkommen aus der Verschmelzung zweier Keimzellen. Weil die Keimzellen verschieden sind, sind es auch die Nachkommen. Diese Vielfalt macht es wahrscheinlicher, dass einige Nachkommen unter neuen Bedingungen überleben. Der Preis ist der Aufwand für Partnersuche und Paarung.

Natürliche Klone sind auch eineiige Zwillinge: Ein früher Embryo trennt sich in zwei. Künstliches Klonen geht durch Zellkerntransfer: Aus einer Eizelle wird der Zellkern entfernt, dafür kommt der Kern einer Körperzelle des Spenders hinein. Die Eizelle wird zur Teilung angeregt, und der Embryo wächst in einem Muttertier heran. So entstand 1996 das Schaf Dolly. Ein Klon ist dem Spender genetisch fast gleich, aber nicht in allem, denn auch die Umwelt prägt ein Lebewesen.

Häufige Fehler

Mehr Chromosomen heißt höher entwickelt

„Der Hund hat 78 Chromosomen, der Mensch nur 46. Also ist der Hund höher entwickelt.“

Richtig ist

Die Zahl der Chromosomen sagt nichts über die Entwicklungshöhe. Die Fruchtfliege hat 8, der Hund 78, der Mensch 46 Chromosomen. Entscheidend ist, welche Erbinformation sie tragen.

Häufige Fehler

Geschwister haben dasselbe Erbgut

„Geschwister haben dieselben Eltern, also haben sie auch dasselbe Erbgut.“

Richtig ist

Jede Keimzelle hat durch die Rekombination eine andere Mischung von Chromosomen. Geschwister haben darum verschiedenes Erbgut. Nur eineiige Zwillinge haben dasselbe, denn sie entstehen aus einer einzigen Zygote.

Zusammenfassung

  • Die DNA liegt in Chromosomen verpackt. Der Mensch hat 46 Chromosomen in 23 Paaren: 22 Autosomenpaare und zwei Gonosomen (XX oder XY). Ein Karyogramm ordnet sie nach Paaren.

  • Der Zellzyklus besteht aus Interphase (mit identischer Verdopplung der DNA) und Mitose.

  • Die Mitose (Prophase, Metaphase, Anaphase, Telophase) liefert zwei Tochterzellen, die untereinander und zur Mutterzelle erbgleich sind. Sie dient Wachstum, Ersatz und Wundheilung.

  • Die Meiose besteht aus zwei Teilungen und bildet vier haploide Keimzellen. In Meiose I werden die homologen Chromosomen getrennt.

  • Die Rekombination, also zufällige Verteilung der Chromosomen und Crossing-over, macht die Keimzellen genetisch verschieden.

  • Bei der Befruchtung entsteht eine diploide Zygote. Geschlechtliche Fortpflanzung erzeugt Vielfalt, ungeschlechtliche erbgleiche Klone.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Die Körperzellen der Erbse haben 14 Chromosomen. Wie viele Chromosomen hat eine Eizelle der Erbse?

Aufgabe 2Numerisch

Eine Fruchtfliegenzelle hat in der G1-Phase 8 Chromosomen. Wie viele Chromatiden hat sie in der Metaphase der Mitose?

Aufgabe 3Multiple Choice

Was geschieht in der Meiose I?

Aufgabe 4Numerisch

Eine Tierart hat 5 Chromosomenpaare. Wie viele verschiedene Kombinationen von mütterlichen und väterlichen Chromosomen sind in ihren Keimzellen möglich, wenn man nur die zufällige Verteilung betrachtet?

Aufgabe 5Freitext

Erkläre, warum sich die Chromosomenzahl von Generation zu Generation nicht verdoppelt, obwohl bei der Befruchtung zwei Zellen verschmelzen.