Lektion 1.3

Vererbungsregeln, Mutationen und Humangenetik

18 min Lesezeit

Zwei braunäugige Eltern bekommen ein Kind mit blauen Augen. Zwei Eltern mit Blutgruppe A bekommen ein Kind mit Blutgruppe 0. Eine Krankheit tritt in manchen Familien in jeder Generation auf, in anderen überspringt sie Generationen.

Solche Muster folgen Regeln, die Gregor Mendel um 1860 an Erbsen gefunden hat. Du lernst sie kennen, dazu Veränderungen des Erbguts und den Umgang damit in der Humangenetik.

Definition

Gen, Allel, Genotyp und Phänotyp

Ein Gen ist ein Abschnitt der DNA mit der Bauanleitung für ein Protein. So beeinflusst es ein Merkmal, zum Beispiel die Blütenfarbe. Jedes Gen hat einen festen Ort auf einem Chromosom. Weil es zwei homologe Chromosomen gibt, hat man auf den Autosomen jedes Gen zweimal. Die Varianten eines Gens heißen Allele.

Sind beide Allele gleich, ist man für das Merkmal homozygot (reinerbig), sind sie verschieden, heterozygot (mischerbig). Die Allele einer Person sind ihr Genotyp, das sichtbare Merkmal ihr Phänotyp. Ein dominantes Allel prägt den Phänotyp auch dann, wenn nur ein Exemplar da ist. Ein rezessives Allel zeigt sich nur, wenn beide Allele rezessiv sind. Man schreibt dominante Allele mit Großbuchstaben (B), rezessive mit Kleinbuchstaben (b).

Definition

Die Mendelschen Regeln

Mendel kreuzte Erbsen, die sich in Merkmalen reinerbig unterschieden. Die Eltern heißen P-Generation, ihre Kinder F1 und deren Kinder F2.

  • Uniformitätsregel: Kreuzt man zwei reinerbige Eltern, die sich in einem Merkmal unterscheiden (BB mal bb), sind alle Kinder der F1 gleich (Bb).
  • Spaltungsregel: Kreuzt man die F1 untereinander (Bb mal Bb), treten in der F2 beide Merkmale wieder auf. Die Genotypen BB, Bb und bb stehen im Verhältnis 1 : 2 : 1, bei dominant-rezessiver Vererbung die Phänotypen im Verhältnis 3 : 1.
  • Unabhängigkeitsregel: Unterscheiden sich die Eltern in zwei Merkmalen, deren Gene auf verschiedenen Chromosomen liegen, werden die Allele unabhängig voneinander vererbt (Grund: zufällige Verteilung der Chromosomen in der Meiose). Es entstehen neue Kombinationen. Bei zwei dominant-rezessiven Merkmalen ist das Verhältnis in der F2 gleich 9 : 3 : 3 : 1, denn mit 3/4 mal 3/4 = 9/16 zeigen beide dominanten Merkmale.

Ein Kreuzungsschema zeigt alle Kombinationen der Keimzellen in einer Tabelle.

Beispiel

Blütenfarbe der Erbse

Purpurne Blüten (B) sind dominant über weiße (b). Eine reinerbig purpurne Pflanze wird mit einer weißen gekreuzt. Zwei Pflanzen der F1 werden gekreuzt. Welche Genotypen und Phänotypen entstehen, und wie viele weiße Pflanzen erwartet man bei 160 Pflanzen in der F2?

P: BB mal bb. BB bildet nur Keimzellen B, bb nur Keimzellen b. Alle Kinder der F1 sind Bb und purpurn (Uniformität).

F1 mal F1: Beide Pflanzen bilden Keimzellen B und b.

KeimzellenBb
BBBBb
bBbbb

Die Genotypen BB : Bb : bb stehen im Verhältnis 1 : 2 : 1. Purpurn sind BB und Bb, weiß ist nur bb: Phänotypen 3 purpurn zu 1 weiß. Bei 160 Pflanzen erwartet man 1/4 mal 160 = 40 weiße. Der Zufall kann die Zahlen leicht verschieben.

Definition

Erbgänge, Geschlecht und Blutgruppen

Liegt das Gen auf einem Autosom, heißt der Erbgang autosomal, liegt es auf einem Gonosom, gonosomal. Dazu gibt es dominante und rezessive Erbgänge.

Das Geschlecht wird gonosomal bestimmt: Alle Eizellen tragen ein X. Die Hälfte der Spermien trägt ein X, die andere Hälfte ein Y. Verschmilzt ein X-Spermium mit der Eizelle, entsteht ein Mädchen (XX), sonst ein Junge (XY). Die Wahrscheinlichkeit ist jeweils etwa 50 Prozent.

Das Y-Chromosom ist klein und trägt viele Gene des X nicht. Ein Allel auf dem X-Chromosom wirkt bei Männern darum auch, wenn es rezessiv ist. Beispiele sind die Rot-Grün-Sehschwäche und die Bluterkrankheit. Frauen sind meist nur betroffen, wenn beide X das Allel tragen. Mit einem gesunden und einem kranken Allel (XHXh\text{X}^{\text{H}}\text{X}^{\text{h}}) sind sie meist gesund und geben das Allel mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit weiter (Überträgerinnen).

Die Blutgruppen des AB0-Systems werden von einem Gen mit drei Allelen bestimmt: A, B und 0. Jeder Mensch hat zwei davon. A und B sind kodominant: Sind beide da, werden beide ausgeprägt. 0 ist rezessiv gegenüber A und B.

GenotypAA oder A0BB oder B0AB00
BlutgruppeABAB0
Beispiel

Blutgruppen der Kinder

Der Vater hat Blutgruppe A mit dem Genotyp A0, die Mutter Blutgruppe B mit dem Genotyp B0. Welche Blutgruppen können die Kinder haben?

Der Vater bildet Keimzellen A und 0, die Mutter Keimzellen B und 0.

KeimzellenB0
AABA0
0B000

Die Genotypen AB, A0, B0 und 00 sind gleich wahrscheinlich. Die Blutgruppen sind AB, A, B und 0, jeweils mit 25 Prozent Wahrscheinlichkeit. Alle vier sind möglich.

Definition

Familienstammbäume

Ein Stammbaum zeigt, wie ein Merkmal in einer Familie auftritt. Ein Quadrat steht für einen Mann, ein Kreis für eine Frau. Gefüllte Symbole tragen das Merkmal. Eine Linie verbindet Paare, darunter stehen ihre Kinder. Regeln für den Erbgang:

  • Bekommen zwei Eltern ohne das Merkmal ein Kind mit Merkmal, ist es in der Regel rezessiv. Beide Eltern sind heterozygot.
  • Bekommen zwei Eltern mit dem Merkmal ein Kind ohne Merkmal, ist es in der Regel dominant.
  • Ist bei einem rezessiven Merkmal ein Mädchen betroffen, dessen Vater das Merkmal nicht hat, ist der Erbgang autosomal. Bei X-chromosomalem Erbgang müsste der Vater betroffen sein.
Beispiel

Einen Stammbaum auswerten

Ein Elternpaar ohne die Stoffwechselkrankheit hat drei Kinder: Eine Tochter ist krank, ein Sohn und eine weitere Tochter sind gesund. Welcher Erbgang liegt vor, und wie wahrscheinlich ist ein viertes krankes Kind?

Gesunde Eltern haben ein krankes Kind, also ist das Merkmal rezessiv. Das Allel sei a. Die kranke Tochter ist aa, jedes Elternteil gibt ein a. Die Eltern sind gesund, also Aa. Der Vater ist gesund, die Tochter krank: autosomal.

Aa mal Aa gibt AA, Aa, Aa und aa. Nur aa ist krank, also 1/4, das sind 25 Prozent. Das gilt für jedes Kind neu.

Definition

Mutationen und Modifikation

Eine Mutation ist eine zufällige, dauerhafte Veränderung des Erbguts. Ursachen sind Fehler beim Verdoppeln der DNA oder mutagene Einflüsse wie UV-Strahlung, Röntgen- und radioaktive Strahlung und bestimmte Chemikalien (zum Beispiel im Tabakrauch). Viele Mutationen haben keine Folgen, manche schaden, wenige nützen. Vererbt werden nur Mutationen in Keimzellen.

  • Genmutation: Ein einzelnes Gen ist verändert, das Protein arbeitet nicht oder anders. Bei der Mukoviszidose fällt ein Kanalprotein der Zellmembran aus, das Chloridionen durchlässt. Der Schleim in Lunge und Darm wird zäh. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv. Bei der Sichelzellenanämie ist im Gen für das Hämoglobin ein Baustein ausgetauscht, sodass eine falsche Aminosäure eingebaut wird. Die roten Blutkörperchen verformen sich sichelförmig und verstopfen Gefäße. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv. Heterozygote sind etwas besser vor Malaria geschützt.
  • Chromosomenmutation: Der Bau eines Chromosoms ändert sich, etwa weil ein Stück verloren geht, verdoppelt oder umgedreht wird.
  • Genommutation: Die Zahl der Chromosomen ändert sich. Bei der Trisomie 21 (Down-Syndrom) ist das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Meist haben sich die Chromosomen des Paares in der Meiose nicht getrennt, und die Keimzelle hat 24 statt 23 Chromosomen. Das Kind hat 47 Chromosomen. Etwa 1 von 700 Neugeborenen ist betroffen, die Ausprägung ist sehr verschieden.

Eine Modifikation ist eine Veränderung des Phänotyps durch die Umwelt bei gleichem Genotyp. Sie ist nicht erblich. Der Genotyp legt nur einen Spielraum fest (Reaktionsnorm). Beispiele: Muskeln durch Training, Sonnenbräune, die dunklen Ohren und Pfoten des Himalayakaninchens, die nur in kühler Umgebung dunkel werden.

Definition

Erbkrankheiten, pränatale Diagnostik und genetische Beratung

Eine Erbkrankheit entsteht durch eine erbliche Mutation. Bei Kinderwunsch oder in der Schwangerschaft berät eine Fachärztin oder ein Facharzt für Humangenetik, wenn es in der Familie Erbkrankheiten gibt: Sie erstellt einen Stammbaum, schätzt das Risiko und erklärt die Möglichkeiten. Die genetische Beratung ist freiwillig, und die Entscheidung bleibt bei den Eltern.

Pränatale Diagnostik untersucht das Kind vor der Geburt: durch Ultraschall, durch die Fruchtwasseruntersuchung (ab etwa der 15. Schwangerschaftswoche, kindliche Zellen aus dem Fruchtwasser ergeben ein Karyogramm) und die Chorionzottenbiopsie (Zellen aus dem Mutterkuchen, ab etwa der 11. Woche). Beide Eingriffe haben ein kleines Risiko für eine Fehlgeburt. Ein Bluttest bei der Mutter untersucht kindliche DNA darin, ohne Risiko, liefert aber nur Hinweise. Ein Befund stellt Eltern vor schwere Entscheidungen, darum wird auch gesellschaftlich über die Diagnostik gestritten.

Häufige Fehler

Dominant heißt häufig

„Ein dominantes Allel ist häufiger oder besser als ein rezessives.“

Richtig ist

Dominant sagt nur, welches Allel sich im Phänotyp durchsetzt. Die Blutgruppe 0 ist rezessiv und trotzdem häufig. Manche Erbkrankheiten sind dominant und selten.

Zusammenfassung

  • Gene haben Allele. Der Genotyp sind die Allele einer Person, der Phänotyp das Merkmal. Dominante Allele setzen sich durch, rezessive nur bei zwei Exemplaren.

  • Mendels Regeln: Uniformität (F1 gleich), Spaltung (3 : 1 und 1 : 2 : 1 in der F2) und Unabhängigkeit (9 : 3 : 3 : 1).

  • Ein Kreuzungsschema zeigt alle Keimzellenkombinationen. Das Geschlecht bestimmt das Spermium (X oder Y). X-chromosomal-rezessive Merkmale zeigen sich häufiger bei Männern.

  • Die Blutgruppen A und B sind kodominant, 0 ist rezessiv.

  • Aus einem Stammbaum liest man Erbgang und Genotypen. Gesunde Eltern mit krankem Kind bedeuten: rezessiv.

  • Mutationen sind Gen-, Chromosomen- oder Genommutationen (Trisomie 21). Modifikationen sind Umweltwirkungen und nicht erblich.

  • Genetische Beratung und pränatale Diagnostik helfen Eltern, ein Erbkrankheitsrisiko einzuschätzen.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Zwei Eltern mit Blutgruppe A bekommen ein Kind mit Blutgruppe 0. Welche Genotypen haben die Eltern?

Aufgabe 2Numerisch

Zwei heterozygote Erbsenpflanzen (Bb) werden gekreuzt, B purpurn und b weiß. Wie viele der 200 Nachkommen erwartet man weiß?

Aufgabe 3Numerisch

Bei Erbsen sind gelb (G) und rund (R) dominant. Die Gene liegen auf verschiedenen Chromosomen. Zwei Pflanzen GgRr werden gekreuzt. Wie viele von 320 Nachkommen erwartet man gelb und rund?

Aufgabe 4Multiple Choice

Ein Junge hat eine Rot-Grün-Sehschwäche (X-chromosomal-rezessiv). Seine Eltern sehen normal. Von wem hat er das Allel?

Aufgabe 5Freitext

Ein Mann hat durch jahrelanges Training sehr kräftige Muskeln. Ist sein Sohn deshalb von Geburt an muskulös? Begründe mit den Begriffen Modifikation und Genotyp.