Exponentielle Wachstums- und Zerfallsprozesse
Zwei Sparmodelle starten mit 1000 Euro. Bei Modell A kommen jedes Jahr 50 Euro dazu. Bei Modell B bekommst du jedes Jahr 5 Prozent Zinsen, und die Zinsen werden im nächsten Jahr mitverzinst. Nach 10 Jahren hat A genau 1500 Euro, B etwa 1629 Euro. Nach 30 Jahren sind es bei A 2500 Euro, bei B etwa 4322 Euro. Der Abstand wächst immer schneller.
Modell A zeigt lineares, Modell B exponentielles Wachstum. In dieser Lektion lernst du, beide zu unterscheiden und einen Prozess Schritt für Schritt oder mit einer Formel zu beschreiben. Du lernst Halbwertszeit und Verdopplungszeit kennen. Am Ende siehst du, warum viele Prozesse in der Wirklichkeit an eine Grenze stoßen.
Lineares und exponentielles Wachstum
Eine Größe ändert sich in gleich langen Zeitschritten. Sie wächst linear, wenn in jedem Schritt derselbe Betrag dazukommt. Dann ist die Differenz benachbarter Werte konstant. Sie wächst exponentiell, wenn in jedem Schritt mit demselben Faktor multipliziert wird. Dann ist der Quotient benachbarter Werte konstant. Für ist es Wachstum, für ein Zerfall, also eine Abnahme. In Anwendungen heißt der Startwert , und die Variable ist die Zeit . Der exponentielle Prozess ist die Funktion aus der letzten Lektion mit anderen Buchstaben.
Ob ein Prozess linear oder exponentiell ist, prüfst du in einer Wertetabelle mit Differenzen und Quotienten:
| 0 | 1 | 2 | 3 | |
|---|---|---|---|---|
| Reihe A | 80 | 100 | 120 | 140 |
| Reihe B | 80 | 96 | 115,2 | 138,24 |
Bei Reihe A kommen immer 20 dazu, sie ist linear. Bei Reihe B ist jeder Wert das 1,2-Fache des vorigen ( und ), sie ist exponentiell.
Iterativ und explizit
Du kannst einen exponentiellen Prozess auf zwei Arten beschreiben. Iterativ gibst du den Startwert und die Vorschrift für den nächsten Schritt an und rechnest Schritt für Schritt. Explizit gibst du eine Formel an, mit der du jeden Wert direkt berechnest. Nach Schritten wurde -mal mit multipliziert.
Der Faktor folgt aus der Änderungsrate: Wächst eine Größe je Schritt um Prozent, ist . Nimmt sie um Prozent ab, ist .
Zinseszinsformel
Wird ein Kapital zu Prozent pro Jahr angelegt und werden die Zinsen am Jahresende dem Kapital zugeschlagen, wächst das Kapital exponentiell mit . Nach ganzen Jahren beträgt es . Das ist die Zinseszinsformel. Ohne Zinseszins kämen jedes Jahr nur die Zinsen vom Startkapital dazu, das wäre lineares Wachstum.
Linear oder exponentiell?
Linear oder exponentiell?
Prüfe, welche Wertetabelle linear und welche exponentiell ist, und gib die Gleichung an.
| 0 | 1 | 2 | 3 | |
|---|---|---|---|---|
| a) | 5 | 8 | 11 | 14 |
| b) | 5 | 10 | 20 | 40 |
| c) | 64 | 48 | 36 | 27 |
In a) ist die Differenz konstant, der Prozess ist linear. In b) und c) sind die Quotienten konstant, beide sind exponentiell. Die Reihe c) ist ein Zerfall, denn . Das sind 25 Prozent Abnahme je Schritt.
Zinseszins iterativ und explizit
Zinseszins iterativ und explizit
2000 Euro werden mit 3 Prozent Zinsen pro Jahr angelegt. Berechne das Kapital nach 2 Jahren iterativ und nach 8 Jahren explizit. Vergleiche mit einer Anlage ohne Zinseszins.
Iterativ multiplizierst du jedes Jahr mit 1,03. Explizit brauchst du nur eine Rechnung mit der Potenz. Ohne Zinseszins kämen jedes Jahr 3 Prozent von 2000 Euro dazu, also 60 Euro. Nach 8 Jahren wären es 2480 Euro. Der Unterschied von etwa 54 Euro entsteht durch die Zinsen auf die Zinsen.
Verdopplungszeit und Halbwertszeit
Bei exponentiellem Wachstum braucht die Größe immer gleich lang, um sich zu verdoppeln. Diese Zeit heißt Verdopplungszeit . Bei exponentiellem Zerfall heißt die Zeit, nach der nur noch die Hälfte übrig ist, Halbwertszeit . Der Grund: Soll gelten, kürzt sich , und es bleibt . Der Startwert spielt keine Rolle.
Kennst du oder , schreibst du die Formel so, mit in derselben Zeiteinheit wie . Der Exponent zählt, wie viele Verdopplungen oder Halbierungen vergangen sind. Er darf auch ein Bruch sein, wenn kein Vielfaches von ist.
Halbwertszeit und Verdopplungszeit
Halbwertszeit und Verdopplungszeit
a) Eine Substanz hat angenommen die Halbwertszeit 8 Tage. Zu Beginn sind es 80 g. Wie viel ist nach 24 Tagen und nach 4 Tagen übrig?
b) Ein Kapital wächst mit 5 Prozent pro Jahr. Schätze durch Probieren die Verdopplungszeit.
In a) sind 24 Tage genau 3 Halbwertszeiten, also g. Bei 4 Tagen ist erst eine halbe Halbwertszeit vergangen, der Exponent ist . Das Ergebnis liegt zwischen 80 g und 40 g. In b) suchst du mit . Nach 14 Jahren ist das Kapital noch nicht ganz verdoppelt, nach 15 Jahren schon. Die Verdopplungszeit liegt zwischen 14 und 15 Jahren, egal wie hoch das Startkapital ist. Genauer geht es mit Logarithmen, die in den nächsten Lektionen folgen.
Begrenztes Wachstum
Kein Wachstum läuft ewig exponentiell weiter: Ein Akku lädt nicht über 100 Prozent, ein Tee wird nicht kälter als der Raum. Bei begrenztem Wachstum nähert sich die Größe einer festen Grenze, der Schranke . Liegt der Startwert über , nimmt die Größe ab, wie bei einem heißen Tee, der sich der Raumtemperatur nähert. Der Abstand zur Schranke nimmt dabei exponentiell ab: mit . Aufgelöst nach ergibt das die Formel unten. Ihr Graph hat die Gerade als waagerechte Asymptote. Je näher die Größe an kommt, desto kleiner wird der Zuwachs je Schritt.
Begrenztes Wachstum: Akku
Begrenztes Wachstum: Akku
Ein Akku hat 20 Prozent Ladung. In einem vereinfachten Modell (angenommen) sinkt der Teil, der noch bis 100 Prozent fehlt, in jeder Stunde auf 60 Prozent seines vorigen Werts. Es ist also , und . Berechne den Ladezustand nach 1, 2 und 3 Stunden.
Am Anfang fehlen 80 Prozent. Nach einer Stunde fehlen , nach zwei Stunden , nach drei Stunden . Der Zuwachs je Stunde wird kleiner: 32, 19,2, 11,52. Die Ladung kommt 100 immer näher und erreicht es im Modell nie.
Prozentsätze addieren
Prozentsätze addieren
Eine Größe wächst jedes Jahr um 5 Prozent. Jemand sagt: „Nach 10 Jahren ist sie um 50 Prozent gewachsen.“
Die 5 Prozent beziehen sich jedes Jahr auf den neuen, größeren Wert. Nach 10 Jahren ist der Faktor . Das sind etwa 62,9 Prozent mehr. Prozentsätze verschiedener Jahre darfst du nicht einfach addieren.
Zwei Halbwertszeiten
Zwei Halbwertszeiten
Die Halbwertszeit einer Substanz ist 8 Tage. Jemand sagt: „Nach 16 Tagen ist nichts mehr übrig.“
Nach 8 Tagen ist die Hälfte übrig, nach weiteren 8 Tagen wieder die Hälfte davon, also ein Viertel. Es gilt . Im Modell des exponentiellen Zerfalls wird die Menge immer kleiner, erreicht aber nie genau 0.
Zusammenfassung
Bei linearem Wachstum ist die Differenz benachbarter Werte konstant, bei exponentiellem der Quotient. Das prüfst du in einer Wertetabelle.
Exponentiell iterativ: . Explizit: . Bei Prozent Zunahme ist , bei Abnahme .
Zinseszinsformel: . Ohne Zinseszins wächst das Kapital nur linear.
Die Verdopplungszeit bei Wachstum und die Halbwertszeit bei Zerfall sind unabhängig vom Startwert. Es gilt und .
Bei begrenztem Wachstum nähert sich die Größe einer Schranke : mit . Die Gerade ist Asymptote.
Übungen
Ein Kapital von 500 Euro wird mit 4 Prozent Zinsen pro Jahr angelegt. Wie viel Euro sind es nach 3 Jahren, auf Cent gerundet?
Welche Folge beschreibt exponentielles Wachstum?
Ein Pilz bedeckt 200 cm² und wächst angenommen jeden Tag um 10 Prozent. Wie viel Quadratzentimeter bedeckt er nach 2 Tagen?
Von 64 mg einer Substanz mit der Halbwertszeit 5 Tage sind nach 20 Tagen noch wie viel Milligramm übrig?
Ein Tee kühlt in einem Raum ab. Seine Temperatur in Grad Celsius nach Minuten ist . Welche Temperatur hat er nach 20 Minuten?
Begründe, warum die Verdopplungszeit bei exponentiellem Wachstum nicht vom Startwert abhängt.