Lektion 5.3

Exponentielle Wachstums- und Zerfallsprozesse

17 min Lesezeit

Zwei Sparmodelle starten mit 1000 Euro. Bei Modell A kommen jedes Jahr 50 Euro dazu. Bei Modell B bekommst du jedes Jahr 5 Prozent Zinsen, und die Zinsen werden im nächsten Jahr mitverzinst. Nach 10 Jahren hat A genau 1500 Euro, B etwa 1629 Euro. Nach 30 Jahren sind es bei A 2500 Euro, bei B etwa 4322 Euro. Der Abstand wächst immer schneller.

Modell A zeigt lineares, Modell B exponentielles Wachstum. In dieser Lektion lernst du, beide zu unterscheiden und einen Prozess Schritt für Schritt oder mit einer Formel zu beschreiben. Du lernst Halbwertszeit und Verdopplungszeit kennen. Am Ende siehst du, warum viele Prozesse in der Wirklichkeit an eine Grenze stoßen.

Definition

Lineares und exponentielles Wachstum

Eine Größe ändert sich in gleich langen Zeitschritten. Sie wächst linear, wenn in jedem Schritt derselbe Betrag dd dazukommt. Dann ist die Differenz benachbarter Werte konstant. Sie wächst exponentiell, wenn in jedem Schritt mit demselben Faktor qq multipliziert wird. Dann ist der Quotient benachbarter Werte konstant. Für q>1q > 1 ist es Wachstum, für 0<q<10 < q < 1 ein Zerfall, also eine Abnahme. In Anwendungen heißt der Startwert B0B_0, und die Variable ist die Zeit tt. Der exponentielle Prozess ist die Funktion a⋅bxa \cdot b^x aus der letzten Lektion mit anderen Buchstaben.

Ob ein Prozess linear oder exponentiell ist, prüfst du in einer Wertetabelle mit Differenzen und Quotienten:

tt0123
Reihe A80100120140
Reihe B8096115,2138,24

Bei Reihe A kommen immer 20 dazu, sie ist linear. Bei Reihe B ist jeder Wert das 1,2-Fache des vorigen (96:80=1,296 : 80 = 1{,}2 und 115,2:96=1,2115{,}2 : 96 = 1{,}2), sie ist exponentiell.

linear: B(t)=B0+d⋅texponentiell: B(t)=B0⋅qt\text{linear: } B(t) = B_0 + d \cdot t \qquad \text{exponentiell: } B(t) = B_0 \cdot q^t
Definition

Iterativ und explizit

Du kannst einen exponentiellen Prozess auf zwei Arten beschreiben. Iterativ gibst du den Startwert und die Vorschrift für den nächsten Schritt an und rechnest Schritt für Schritt. Explizit gibst du eine Formel an, mit der du jeden Wert direkt berechnest. Nach tt Schritten wurde tt-mal mit qq multipliziert.

Der Faktor qq folgt aus der Änderungsrate: Wächst eine Größe je Schritt um pp Prozent, ist q=1+p100q = 1 + \frac{p}{100}. Nimmt sie um pp Prozent ab, ist q=1−p100q = 1 - \frac{p}{100}.

iterativ: B(t+1)=q⋅B(t) mit B(0)=B0explizit: B(t)=B0⋅qt\text{iterativ: } B(t+1) = q \cdot B(t) \text{ mit } B(0) = B_0 \qquad \text{explizit: } B(t) = B_0 \cdot q^t
Definition

Zinseszinsformel

Wird ein Kapital K0K_0 zu pp Prozent pro Jahr angelegt und werden die Zinsen am Jahresende dem Kapital zugeschlagen, wächst das Kapital exponentiell mit q=1+p100q = 1 + \frac{p}{100}. Nach nn ganzen Jahren beträgt es KnK_n. Das ist die Zinseszinsformel. Ohne Zinseszins kämen jedes Jahr nur die Zinsen vom Startkapital dazu, das wäre lineares Wachstum.

Kn=K0⋅(1+p100)nK_n = K_0 \cdot \left(1 + \frac{p}{100}\right)^n
Beispiel

Linear oder exponentiell?

Prüfe, welche Wertetabelle linear und welche exponentiell ist, und gib die Gleichung an.

tt0123
a)581114
b)5102040
c)64483627
a)  8−5=3,  11−8=3,  14−11=3⇒B(t)=5+3tb)  10:5=2,  20:10=2,  40:20=2⇒B(t)=5⋅2tc)  48:64=0,75,  36:48=0,75,  27:36=0,75⇒B(t)=64⋅0,75t\begin{aligned} \text{a)}\; & 8 - 5 = 3,\; 11 - 8 = 3,\; 14 - 11 = 3 \Rightarrow B(t) = 5 + 3t \\ \text{b)}\; & 10 : 5 = 2,\; 20 : 10 = 2,\; 40 : 20 = 2 \Rightarrow B(t) = 5 \cdot 2^t \\ \text{c)}\; & 48 : 64 = 0{,}75,\; 36 : 48 = 0{,}75,\; 27 : 36 = 0{,}75 \Rightarrow B(t) = 64 \cdot 0{,}75^t \end{aligned}

In a) ist die Differenz konstant, der Prozess ist linear. In b) und c) sind die Quotienten konstant, beide sind exponentiell. Die Reihe c) ist ein Zerfall, denn q=0,75<1q = 0{,}75 < 1. Das sind 25 Prozent Abnahme je Schritt.

Beispiel

Zinseszins iterativ und explizit

2000 Euro werden mit 3 Prozent Zinsen pro Jahr angelegt. Berechne das Kapital nach 2 Jahren iterativ und nach 8 Jahren explizit. Vergleiche mit einer Anlage ohne Zinseszins.

K1=2000⋅1,03=2060K2=2060⋅1,03=2121,80K8=2000⋅1,038≈2533,54ohne Zinseszins: 2000+8⋅60=2480\begin{aligned} K_1 &= 2000 \cdot 1{,}03 = 2060 \\ K_2 &= 2060 \cdot 1{,}03 = 2121{,}80 \\ K_8 &= 2000 \cdot 1{,}03^8 \approx 2533{,}54 \\ \text{ohne Zinseszins: } & 2000 + 8 \cdot 60 = 2480 \end{aligned}

Iterativ multiplizierst du jedes Jahr mit 1,03. Explizit brauchst du nur eine Rechnung mit der Potenz. Ohne Zinseszins kämen jedes Jahr 3 Prozent von 2000 Euro dazu, also 60 Euro. Nach 8 Jahren wären es 2480 Euro. Der Unterschied von etwa 54 Euro entsteht durch die Zinsen auf die Zinsen.

Definition

Verdopplungszeit und Halbwertszeit

Bei exponentiellem Wachstum braucht die Größe immer gleich lang, um sich zu verdoppeln. Diese Zeit heißt Verdopplungszeit TVT_V. Bei exponentiellem Zerfall heißt die Zeit, nach der nur noch die Hälfte übrig ist, Halbwertszeit THT_H. Der Grund: Soll B0⋅qT=2B0B_0 \cdot q^T = 2 B_0 gelten, kürzt sich B0B_0, und es bleibt qT=2q^T = 2. Der Startwert spielt keine Rolle.

Kennst du TVT_V oder THT_H, schreibst du die Formel so, mit tt in derselben Zeiteinheit wie TT. Der Exponent zählt, wie viele Verdopplungen oder Halbierungen vergangen sind. Er darf auch ein Bruch sein, wenn tt kein Vielfaches von TT ist.

B(t)=B0⋅2tTVB(t)=B0⋅(12)tTHB(t) = B_0 \cdot 2^{\frac{t}{T_V}} \qquad B(t) = B_0 \cdot \left(\frac{1}{2}\right)^{\frac{t}{T_H}}
Beispiel

Halbwertszeit und Verdopplungszeit

a) Eine Substanz hat angenommen die Halbwertszeit 8 Tage. Zu Beginn sind es 80 g. Wie viel ist nach 24 Tagen und nach 4 Tagen übrig?
b) Ein Kapital wächst mit 5 Prozent pro Jahr. Schätze durch Probieren die Verdopplungszeit.

a)  B(24)=80⋅(12)248=80⋅(12)3=10B(4)=80⋅(12)48=802≈56,57b)  1,0510≈1,629,1,0514≈1,980,1,0515≈2,079\begin{aligned} \text{a)}\; & B(24) = 80 \cdot \left(\tfrac{1}{2}\right)^{\frac{24}{8}} = 80 \cdot \left(\tfrac{1}{2}\right)^3 = 10 \\ & B(4) = 80 \cdot \left(\tfrac{1}{2}\right)^{\frac{4}{8}} = \frac{80}{\sqrt{2}} \approx 56{,}57 \\ \text{b)}\; & 1{,}05^{10} \approx 1{,}629, \quad 1{,}05^{14} \approx 1{,}980, \quad 1{,}05^{15} \approx 2{,}079 \end{aligned}

In a) sind 24 Tage genau 3 Halbwertszeiten, also 80:2:2:2=1080 : 2 : 2 : 2 = 10 g. Bei 4 Tagen ist erst eine halbe Halbwertszeit vergangen, der Exponent ist 12\frac{1}{2}. Das Ergebnis liegt zwischen 80 g und 40 g. In b) suchst du TT mit 1,05T=21{,}05^T = 2. Nach 14 Jahren ist das Kapital noch nicht ganz verdoppelt, nach 15 Jahren schon. Die Verdopplungszeit liegt zwischen 14 und 15 Jahren, egal wie hoch das Startkapital ist. Genauer geht es mit Logarithmen, die in den nächsten Lektionen folgen.

Definition

Begrenztes Wachstum

Kein Wachstum läuft ewig exponentiell weiter: Ein Akku lädt nicht über 100 Prozent, ein Tee wird nicht kälter als der Raum. Bei begrenztem Wachstum nähert sich die Größe einer festen Grenze, der Schranke SS. Liegt der Startwert über SS, nimmt die Größe ab, wie bei einem heißen Tee, der sich der Raumtemperatur nähert. Der Abstand zur Schranke nimmt dabei exponentiell ab: S−B(t)=(S−B0)⋅qtS - B(t) = (S - B_0) \cdot q^t mit 0<q<10 < q < 1. Aufgelöst nach B(t)B(t) ergibt das die Formel unten. Ihr Graph hat die Gerade y=Sy = S als waagerechte Asymptote. Je näher die Größe an SS kommt, desto kleiner wird der Zuwachs je Schritt.

B(t)=S−(S−B0)⋅qt0<q<1B(t) = S - (S - B_0) \cdot q^t \qquad 0 < q < 1
Beispiel

Begrenztes Wachstum: Akku

Ein Akku hat 20 Prozent Ladung. In einem vereinfachten Modell (angenommen) sinkt der Teil, der noch bis 100 Prozent fehlt, in jeder Stunde auf 60 Prozent seines vorigen Werts. Es ist also S=100S = 100, B0=20B_0 = 20 und q=0,6q = 0{,}6. Berechne den Ladezustand nach 1, 2 und 3 Stunden.

B(t)=100−80⋅0,6tB(1)=100−48=52B(2)=100−28,8=71,2B(3)=100−17,28=82,72\begin{aligned} B(t) &= 100 - 80 \cdot 0{,}6^t \\ B(1) &= 100 - 48 = 52 \\ B(2) &= 100 - 28{,}8 = 71{,}2 \\ B(3) &= 100 - 17{,}28 = 82{,}72 \end{aligned}

Am Anfang fehlen 80 Prozent. Nach einer Stunde fehlen 80⋅0,6=4880 \cdot 0{,}6 = 48, nach zwei Stunden 48⋅0,6=28,848 \cdot 0{,}6 = 28{,}8, nach drei Stunden 28,8⋅0,6=17,2828{,}8 \cdot 0{,}6 = 17{,}28. Der Zuwachs je Stunde wird kleiner: 32, 19,2, 11,52. Die Ladung kommt 100 immer näher und erreicht es im Modell nie.

Häufige Fehler

Prozentsätze addieren

Eine Größe wächst jedes Jahr um 5 Prozent. Jemand sagt: „Nach 10 Jahren ist sie um 50 Prozent gewachsen.“

Richtig ist

Die 5 Prozent beziehen sich jedes Jahr auf den neuen, größeren Wert. Nach 10 Jahren ist der Faktor 1,0510≈1,6291{,}05^{10} \approx 1{,}629. Das sind etwa 62,9 Prozent mehr. Prozentsätze verschiedener Jahre darfst du nicht einfach addieren.

Häufige Fehler

Zwei Halbwertszeiten

Die Halbwertszeit einer Substanz ist 8 Tage. Jemand sagt: „Nach 16 Tagen ist nichts mehr übrig.“

Richtig ist

Nach 8 Tagen ist die Hälfte übrig, nach weiteren 8 Tagen wieder die Hälfte davon, also ein Viertel. Es gilt (12)2=14\left(\frac{1}{2}\right)^2 = \frac{1}{4}. Im Modell des exponentiellen Zerfalls wird die Menge immer kleiner, erreicht aber nie genau 0.

Zusammenfassung

  • Bei linearem Wachstum ist die Differenz benachbarter Werte konstant, bei exponentiellem der Quotient. Das prüfst du in einer Wertetabelle.

  • Exponentiell iterativ: B(t+1)=q⋅B(t)B(t+1) = q \cdot B(t). Explizit: B(t)=B0⋅qtB(t) = B_0 \cdot q^t. Bei pp Prozent Zunahme ist q=1+p100q = 1 + \frac{p}{100}, bei Abnahme q=1−p100q = 1 - \frac{p}{100}.

  • Zinseszinsformel: Kn=K0⋅(1+p100)nK_n = K_0 \cdot \left(1 + \frac{p}{100}\right)^n. Ohne Zinseszins wächst das Kapital nur linear.

  • Die Verdopplungszeit bei Wachstum und die Halbwertszeit bei Zerfall sind unabhängig vom Startwert. Es gilt B(t)=B0⋅2t/TVB(t) = B_0 \cdot 2^{t / T_V} und B(t)=B0⋅(12)t/THB(t) = B_0 \cdot \left(\frac{1}{2}\right)^{t / T_H}.

  • Bei begrenztem Wachstum nähert sich die Größe einer Schranke SS: B(t)=S−(S−B0)⋅qtB(t) = S - (S - B_0) \cdot q^t mit 0<q<10 < q < 1. Die Gerade y=Sy = S ist Asymptote.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Ein Kapital von 500 Euro wird mit 4 Prozent Zinsen pro Jahr angelegt. Wie viel Euro sind es nach 3 Jahren, auf Cent gerundet?

Aufgabe 2Multiple Choice

Welche Folge beschreibt exponentielles Wachstum?

Aufgabe 3Numerisch

Ein Pilz bedeckt 200 cm² und wächst angenommen jeden Tag um 10 Prozent. Wie viel Quadratzentimeter bedeckt er nach 2 Tagen?

Aufgabe 4Numerisch

Von 64 mg einer Substanz mit der Halbwertszeit 5 Tage sind nach 20 Tagen noch wie viel Milligramm übrig?

Aufgabe 5Numerisch

Ein Tee kühlt in einem Raum ab. Seine Temperatur in Grad Celsius nach tt Minuten ist T(t)=20+70⋅0,5t10T(t) = 20 + 70 \cdot 0{,}5^{\frac{t}{10}}. Welche Temperatur hat er nach 20 Minuten?

Aufgabe 6Freitext

Begründe, warum die Verdopplungszeit bei exponentiellem Wachstum nicht vom Startwert abhängt.