Lektion 3.1

Magnetfeld von Leiter und Spule, Elektromagnet

14 min Lesezeit

Auf einem Schrottplatz hebt ein Kran mit einer großen Scheibe schwere Metallteile an und lässt sie über dem Container wieder fallen. Die Scheibe ist ein Magnet, aber ein besonderer: Er hält die Last, solange der Kranführer den Schalter gedrückt hält, und lässt sie los, sobald er ihn löst. Ein Dauermagnet aus dem Unterricht in Klasse 5 und 6 kann das nicht, denn man kann ihn nicht ausschalten.

Du lernst, wie ein elektrischer Strom ein Magnetfeld erzeugt, wie eine Spule dieses Feld verstärkt und wie daraus ein Magnet wird, den man ein- und ausschalten kann.

Definition

Oersted-Versuch: Strom erzeugt ein Magnetfeld

Im Jahr 1820 beobachtete der dänische Physiker Hans Christian Oersted etwas Unerwartetes. Eine Magnetnadel zeigt im Erdmagnetfeld nach Norden. Über ihr wird ein Draht parallel zur Nadel gespannt. Ohne Strom passiert nichts. Schaltet man den Strom ein, dreht sich die Nadel aus ihrer Richtung heraus. Schaltet man aus, kehrt sie zurück. Polt man die Stromquelle um, schlägt die Nadel in die andere Richtung aus. Bei größerer Stromstärke schlägt sie stärker aus.

Die Nadel dreht sich nur, wenn eine magnetische Kraft auf sie wirkt. Also gibt es um den Draht ein Magnetfeld, aber nur, solange Strom fließt. Diesen Versuch machst du nur mit der Lehrkraft, denn ein Draht direkt an einer Batterie wird heiß.

Definition

Magnetfeld und Feldlinien des geraden Leiters

Ein Magnetfeld ist der Raum, in dem auf Magnete und magnetisierbare Körper Kräfte wirken. Man zeichnet es mit Feldlinien (Modell aus Klasse 5 und 6): An jeder Stelle zeigt die Linie dorthin, wohin der Nordpol einer kleinen Kompassnadel zeigt. Wo die Linien dicht liegen, ist das Feld stark.

Streut man Eisenfeilspäne auf ein Blatt, durch das ein gerader Draht senkrecht gesteckt ist, bilden sie Kreise um den Draht. Das Feldlinienbild des geraden Leiters besteht aus konzentrischen Kreisen (Kreisen mit gemeinsamem Mittelpunkt) in Ebenen senkrecht zum Draht. Nahe am Draht liegen sie dicht, nach außen wird das Feld schwächer. Die Linien sind geschlossen, sie haben weder Anfang noch Ende.

Die Richtung gibt die Rechte-Faust-Regel an: Zeigt der Daumen der rechten Hand in die technische Stromrichtung (von Plus nach Minus), zeigen die gekrümmten Finger in Richtung der Feldlinien.

Beispiel

Richtung der Feldlinien um einen Draht

Ein gerader Draht steht senkrecht auf deinem Blatt. Der Strom fließt aus dem Blatt heraus, auf dich zu. In welche Richtung laufen die Feldlinien?

Halte die rechte Faust so, dass der Daumen auf dich zeigt. Die Finger krümmen sich dann gegen den Uhrzeigersinn um den Draht. Die Feldlinien sind also Kreise gegen den Uhrzeigersinn.

Fließt der Strom in das Blatt hinein, zeigt der Daumen von dir weg, und die Feldlinien laufen im Uhrzeigersinn.

Definition

Magnetfeld der Spule

Eine Spule ist ein Draht, der in vielen Windungen aufgewickelt ist. Biegt man den Draht zu einem Ring, laufen die Feldlinien im Inneren des Rings alle in dieselbe Richtung und liegen dicht. Bei vielen Windungen addieren sich die Felder aller Windungen.

Das Feldlinienbild der Spule: Im Inneren verlaufen die Feldlinien parallel zur Achse und gleich dicht. Dort ist das Feld homogen, also überall gleich stark und gleich gerichtet. Außen laufen sie in großen Bögen von einem Ende zum anderen. Das gleicht dem Bild eines Stabmagneten: Die Spule hat einen Nordpol, an dem die Feldlinien austreten, und einen Südpol, an dem sie eintreten. Im Inneren laufen sie vom Süd- zum Nordpol zurück und schließen sich so.

Die Pole findest du mit der Rechte-Hand-Regel der Spule: Die gekrümmten Finger der rechten Hand zeigen in die technische Stromrichtung der Windungen. Dann zeigt der Daumen zum Nordpol.

Beispiel

Pole einer Spule bestimmen

Eine Spule liegt waagerecht vor dir. In den Windungen auf der Oberseite fließt der Strom auf dich zu, auf der Unterseite von dir weg. Wo liegt der Nordpol?

Krümme die Finger der rechten Hand so, dass sie oben auf dich zu und unten von dir weg zeigen. Der Daumen zeigt dann nach rechts. Der Nordpol liegt am rechten Ende der Spule.

Polt man die Stromquelle um, vertauschen sich die Pole, und der Nordpol liegt am linken Ende.

Definition

Was das Feld einer Spule stärker macht

Das Feld im Inneren einer Spule wird stärker, wenn

  • die Stromstärke II wächst,
  • die Windungszahl NN wächst (bei gleicher Länge),
  • die Länge ll bei gleicher Windungszahl kleiner wird, die Windungen also enger liegen,
  • ein Eisenkern in der Spule steckt.

Für eine lange, schlanke Spule ohne Eisenkern gilt als Näherung: Die Stärke des Feldes ist proportional zu N⋅Il\frac{N \cdot I}{l}. Verdoppelst du NN oder II, wird das Feld doppelt so stark. Halbierst du ll, wird es ebenfalls doppelt so stark.

Der Eisenkern verstärkt das Feld um ein Vielfaches: Das Feld der Spule richtet die Elementarmagnete im Eisen aus, und ihr Feld kommt hinzu. Man nimmt Weicheisen. Es lässt sich leicht magnetisieren und verliert den Magnetismus fast ganz wieder, sobald der Strom aus ist. Gehärteter Stahl bliebe dagegen magnetisch.

Beispiel

Stromstärke und Spulenlänge

Eine 20 cm lange Spule hat 200 Windungen. Bei 0,5 A erzeugt sie ein bestimmtes Feld. a) Welche Stromstärke braucht eine ebenso lange Spule mit 500 Windungen für dasselbe Feld? b) Wie ändert sich das Feld der ersten Spule bei 0,5 A, wenn man sie auf 10 cm zusammenschiebt?

a) Bei gleicher Länge und gleichem Feld muss das Produkt aus Windungszahl und Stromstärke gleich sein. Erste Spule: 200 mal 0,5 A = 100. Zweite Spule: 500 mal II = 100. Also ist II = 100 : 500 = 0,2 A. Mit mehr Windungen reicht ein kleinerer Strom.

b) Die Länge wird halbiert, NN und II bleiben gleich. Der Bruch N⋅Il\frac{N \cdot I}{l} wird doppelt so groß. Das Feld wird doppelt so stark.

Das Feld einer Spule

Erhöhe die „Stromstärke“: Die Feldlinien im Inneren rücken enger zusammen, und der Ablesesatz nennt eine größere Flussdichte, das Maß für die Stärke des Feldes. Erhöhe dann die „Windungszahl“. Wähle bei „Stromrichtung“ „oben heraus“ und „oben hinein“: Die Pole vertauschen sich. Prüfe das mit der Rechte-Hand-Regel. Die Kompassnadeln in der Zeichnung kannst du ziehen.

Definition

Elektromagnet

Ein Elektromagnet ist eine Spule mit Weicheisenkern. Er ist nur ein Magnet, solange Strom fließt. Das macht ihn nützlich:

  • Man schaltet ihn ein und aus. Beim Ausschalten fällt die Last ab.
  • Man regelt seine Stärke über die Stromstärke.
  • Man vertauscht seine Pole, indem man den Strom umpolt.

Er hebt nur magnetisierbare Stoffe wie Eisen und Stahl, keine Gegenstände aus Aluminium oder Kupfer. Du findest Elektromagnete im Schrottkran, in der Türklingel und im Relais. Ein Relais ist ein Schalter, den ein Elektromagnet betätigt: Ein schwacher Strom in der Spule zieht einen Eisenanker an, der einen Kontakt in einem zweiten Stromkreis schließt. In ihm kann ein starker Strom fließen, zum Beispiel für einen Motor.

Häufige Fehler

Feldlinien enden an den Polen

„Die Feldlinien laufen vom Nordpol zum Südpol und enden dort.“

Richtig ist

Feldlinien sind geschlossene Linien. Im Inneren der Spule und des Magneten laufen sie vom Südpol zum Nordpol zurück und schließen sich so zu Schleifen.

Häufige Fehler

Der Eisenkern macht die Spule magnetisch

„Der Eisenkern ist der Magnet. Ob Strom fließt, ist egal.“

Richtig ist

Das Weicheisen magnetisiert sich erst, wenn die Spule ein Feld erzeugt, und verliert den Magnetismus beim Ausschalten fast ganz. Das Feld stammt vom Strom. Der Eisenkern verstärkt es nur.

Häufige Fehler

Daumenregeln vertauscht

„Bei der Spule zeigt der Daumen in die Stromrichtung.“

Richtig ist

Die Rollen sind vertauscht. Beim geraden Leiter zeigt der Daumen in Stromrichtung, die Finger zeigen die Feldlinien. Bei der Spule zeigen die Finger in Stromrichtung der Windungen, der Daumen zeigt zum Nordpol.

Zusammenfassung

  • Ein stromdurchflossener Draht hat ein Magnetfeld (Oersted-Versuch), nur solange der Strom fließt.

  • Die Feldlinien eines geraden Leiters sind Kreise um den Draht. Ihre Richtung gibt die Rechte-Faust-Regel an.

  • Das Feld einer Spule ist innen homogen und gleicht außen dem eines Stabmagneten. Der Daumen der rechten Hand zeigt zum Nordpol, wenn die Finger in Stromrichtung zeigen.

  • Das Feld der Spule wird stärker mit mehr Stromstärke, mehr Windungen, kürzerer Länge und einem Eisenkern. Für eine lange Spule ohne Kern ist es proportional zu N mal I durch l.

  • Ein Elektromagnet ist eine Spule mit Weicheisenkern: Er lässt sich ein- und ausschalten, in der Stärke regeln und umpolen.

  • Feldlinien sind geschlossene Linien.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Bei einem Oersted-Versuch liegt ein Draht über einer Magnetnadel. Was beobachtest du, wenn der Strom eingeschaltet wird?

Aufgabe 2Multiple Choice

Ein gerader Draht steht senkrecht auf dem Blatt. Der Strom fließt von dir weg, in das Blatt hinein. Wie laufen die Feldlinien um den Draht?

Aufgabe 3Numerisch

Eine Spule hat 150 Windungen und wird von 2 A durchflossen. Eine zweite Spule gleicher Länge hat 600 Windungen. Welche Stromstärke in Ampere braucht sie für dasselbe Feld (beide ohne Eisenkern)?

Aufgabe 4Multiple Choice

Eine Spule liegt waagerecht vor dir. In den Windungen oben fließt der Strom von dir weg, unten auf dich zu. Wo liegt der Nordpol?

Aufgabe 5Freitext

Ein Schrottkran soll Eisenteile heben und über dem Container fallen lassen. Warum nimmt man einen Elektromagneten und keinen Dauermagneten? Nenne zwei Möglichkeiten, den Elektromagneten stärker zu machen.