Lektion 7.3

Elektrolyse und Korrosion

20 min Lesezeit

Kupfer in Stromleitungen muss sehr rein sein, denn schon kleine Verunreinigungen verschlechtern die Leitfähigkeit. Aus dem Erz gewinnt man zunächst nur Rohkupfer mit etwa 98 bis 99 Prozent Kupfer. Wie reinigt man es? Und wie gewinnt man ein Metall wie Aluminium, das so unedel ist, dass man es nicht mit einem anderen Metall aus seinen Verbindungen verdrängen kann?

Das Gegenstück ist die Korrosion: Ein Eisenzaun rostet, ohne dass jemand Strom anlegt. Beides sind Redoxreaktionen. Bei der Elektrolyse erzwingt man sie mit Strom, bei der Korrosion läuft sie von selbst in einem kleinen galvanischen Element ab.

Definition

Elektrolyse und Elektrolysezelle

Eine Elektrolyse ist eine durch äußere Gleichspannung erzwungene Redoxreaktion, die von selbst nicht abläuft. In der Elektrolysezelle tauchen zwei Elektroden in eine Lösung oder Schmelze mit beweglichen Ionen. Die Spannungsquelle drückt Elektronen auf die eine Elektrode und zieht sie von der anderen ab. An der Kathode (Minuspol) werden Teilchen reduziert, an der Anode (Pluspol) oxidiert. Im Elektrolyten wandern Kationen zur Kathode und Anionen zur Anode.

Gegenüber der galvanischen Zelle ist die Polung vertauscht, die Namen sind es nicht: Anode heißt immer die Elektrode der Oxidation. In der galvanischen Zelle ist sie der Minuspol, in der Elektrolysezelle der Pluspol.

Definition

Zersetzungsspannung

Die Zersetzungsspannung UZU_\mathrm{Z} ist die kleinste Spannung, bei der in einer Elektrolysezelle dauerhaft Strom fließt und Stoffe abgeschieden werden. Als Näherung ist sie so groß wie die Spannung der galvanischen Zelle, die aus den Produkten wieder die Edukte machen würde. Man berechnet sie aus den Standardpotenzialen. In der Praxis liegt sie höher, denn der Elektrolyt hat einen Widerstand, und an den Elektroden sind manche Vorgänge gehemmt (Überspannung, mehr dazu im Leistungskurs).

UZ≈E∘(Anodenvorgang)−E∘(Kathodenvorgang)U_\mathrm{Z} \approx E^\circ(\text{Anodenvorgang}) - E^\circ(\text{Kathodenvorgang})
Beispiel

Elektrolyse von Kupfer(II)-chlorid

Eine Lösung von CuCl2\mathrm{CuCl_2} (1 mol/L) wird mit Graphitelektroden elektrolysiert. Gib die Elektrodenvorgänge, die Gesamtgleichung und die theoretische Zersetzungsspannung an. Standardpotenziale: Cu2+/Cu\mathrm{Cu^{2+}/Cu} +0,34 V, Cl2/Cl−\mathrm{Cl_2/Cl^-} +1,36 V.

Kathode (Minuspol): Cu2++2 e−⟶CuAnode (Pluspol): 2 Cl−⟶Cl2+2 e−Gesamt: Cu2++2 Cl−⟶Cu+Cl2\begin{aligned} \text{Kathode (Minuspol):}\ & \mathrm{Cu^{2+}} + 2\,e^- \longrightarrow \mathrm{Cu} \\ \text{Anode (Pluspol):}\ & 2\,\mathrm{Cl^-} \longrightarrow \mathrm{Cl_2} + 2\,e^- \\[4pt] \text{Gesamt:}\ & \mathrm{Cu^{2+}} + 2\,\mathrm{Cl^-} \longrightarrow \mathrm{Cu} + \mathrm{Cl_2} \end{aligned}

An der Kathode scheidet sich rotbraunes Kupfer ab. An der Anode entsteht Chlor, ein giftiges Gas, der Versuch gehört in den Abzug. Zersetzungsspannung: UZ≈1,36 V−0,34 V=1,02 VU_\mathrm{Z} \approx 1{,}36\,\mathrm{V} - 0{,}34\,\mathrm{V} = 1{,}02\,\mathrm{V}. Bei deutlich kleinerer Spannung passiert nichts Dauerhaftes.

Definition

Kupferraffination

Beim Raffinieren ist das Rohkupfer die Anode, ein dünnes Reinkupferblech die Kathode, der Elektrolyt eine schwefelsaure Kupfer(II)-sulfat-Lösung. An beiden Elektroden läuft dasselbe Paar in entgegengesetzter Richtung ab: Anode Cu⟶Cu2++2 e−\mathrm{Cu} \longrightarrow \mathrm{Cu^{2+}} + 2\,e^-, Kathode Cu2++2 e−⟶Cu\mathrm{Cu^{2+}} + 2\,e^- \longrightarrow \mathrm{Cu}. Weil beide Halbzellen gleich sind, ist die Zersetzungsspannung theoretisch 0 V, und in der Praxis genügen etwa 0,3 V. Die Begleitstoffe trennen sich nach ihrer Stellung in der Spannungsreihe:

  • Unedlere Metalle (Eisen, Zink, Nickel) werden an der Anode mit oxidiert und bleiben als Ionen gelöst, weil sie bei dieser kleinen Spannung an der Kathode nicht abgeschieden werden.
  • Edlere Metalle (Silber, Gold, Platin) werden an der Anode nicht oxidiert und fallen beim Abtragen des Kupfers als wertvoller Anodenschlamm zu Boden.

Das Kathodenkupfer ist etwa 99,99 Prozent rein.

Definition

Aluminiumgewinnung durch Schmelzflusselektrolyse

Aluminium ist so unedel (E∘E^\circ von Al3+/Al\mathrm{Al^{3+}/Al} ist −1,66 V), dass in wässriger Lösung Wasserstoff statt Aluminium entstünde. Man elektrolysiert deshalb eine Schmelze. Aluminiumoxid Al2O3\mathrm{Al_2O_3} (aus Bauxit) schmilzt erst oberhalb von 2000 °C. In geschmolzenem Kryolith (Na3AlF6\mathrm{Na_3AlF_6}) gelöst, genügen etwa 950 °C. Die mit Kohlenstoff ausgekleidete Wanne ist die Kathode, Graphitblöcke sind die Anoden.

  • Kathode: Al3++3 e−⟶Al\mathrm{Al^{3+}} + 3\,e^- \longrightarrow \mathrm{Al}. Das flüssige Aluminium sinkt zu Boden und wird abgesaugt.
  • Anode (vereinfacht): C+2 O2−⟶CO2+4 e−\mathrm{C} + 2\,\mathrm{O^{2-}} \longrightarrow \mathrm{CO_2} + 4\,e^-. Die Anoden brennen nach und nach ab.
  • Gesamt: 2 Al2O3+3 C⟶4 Al+3 CO22\,\mathrm{Al_2O_3} + 3\,\mathrm{C} \longrightarrow 4\,\mathrm{Al} + 3\,\mathrm{CO_2}.

Der Prozess braucht sehr viel Strom, etwa 14 Kilowattstunden je Kilogramm Aluminium.

Definition

Korrosion: Sauerstoff- und Säurekorrosion

Korrosion ist die Zerstörung eines Werkstoffs, meist eines Metalls, durch Reaktion mit seiner Umgebung. Bei Metallen ist es eine Oxidation.

Sauerstoffkorrosion (Rosten von Eisen) läuft in feuchter Luft und in neutralem oder alkalischem Wasser ab. Es müssen Sauerstoff und Wasser (als Elektrolyt) da sein. Auf dem Eisen bilden sich kleine galvanische Elemente, Lokalelemente: Unter einem Wassertropfen ist in der Mitte wenig Sauerstoff, am Rand viel. Das Eisen unter der Mitte ist die Anode, am Rand wird Sauerstoff reduziert.

  • Anode: Fe⟶Fe2++2 e−\mathrm{Fe} \longrightarrow \mathrm{Fe^{2+}} + 2\,e^-
  • Kathode: O2+2 H2O+4 e−⟶4 OH−\mathrm{O_2} + 2\,\mathrm{H_2O} + 4\,e^- \longrightarrow 4\,\mathrm{OH^-}

Zusammen entsteht Fe(OH)2\mathrm{Fe(OH)_2} (2 Fe+O2+2 H2O⟶2 Fe(OH)22\,\mathrm{Fe} + \mathrm{O_2} + 2\,\mathrm{H_2O} \longrightarrow 2\,\mathrm{Fe(OH)_2}), das mit weiterem Sauerstoff zu wasserhaltigem Eisen(III)-oxid, dem Rost, oxidiert wird. Rost ist porös und schützt das Eisen darunter nicht.

Säurekorrosion läuft in sauren Lösungen ab. Statt Sauerstoff wird H3O+\mathrm{H_3O^+} reduziert: Fe+2 H3O+⟶Fe2++H2+2 H2O\mathrm{Fe} + 2\,\mathrm{H_3O^+} \longrightarrow \mathrm{Fe^{2+}} + \mathrm{H_2} + 2\,\mathrm{H_2O}. Sie betrifft Metalle mit negativem Standardpotenzial.

Berühren sich zwei Metalle in einem Elektrolyten (Kontaktkorrosion), korrodiert das unedlere, das edlere ist geschützt.

Beispiel

Welches Metall korrodiert?

Ein feuchter Stahlträger (Eisen) ist mit Kupferschrauben verbunden. Was geschieht? Was ändert sich, wenn die Schrauben aus Zink sind? Standardpotenziale: Zn2+/Zn\mathrm{Zn^{2+}/Zn} −0,76 V, Fe2+/Fe\mathrm{Fe^{2+}/Fe} −0,44 V, Cu2+/Cu\mathrm{Cu^{2+}/Cu} +0,34 V.

Eisen (−0,44 V) hat das kleinere Potenzial als Kupfer (+0,34 V). Es ist die Anode und löst sich, besonders um die Schrauben herum. An Kupfer wird Sauerstoff reduziert, es bleibt unversehrt. Bei Zinkschrauben ist Zink (−0,76 V) das unedlere Metall: Es korrodiert, und das Eisen ist geschützt. Das nutzt man beim Korrosionsschutz.

Definition

Korrosionsschutz: Überzüge, Opferanode und kathodischer Schutz

Passiver Schutz trennt das Metall von der Umgebung durch Lack, Fett, Kunststoff, Emaille oder ein anderes Metall (Verzinken, Verchromen). Die Schicht schützt, solange sie dicht ist. Ist sie verletzt, entscheidet die Spannungsreihe: Zink ist unedler als Eisen und löst sich im Kratzer an Stelle des Eisens. Zinn (Weißblech) ist edler als Eisen, darum rostet das Eisen im Kratzer sogar schneller.

Kathodischer Schutz macht das Eisen zur Kathode, sodass an ihm nur reduziert wird. Bei der Opferanode verbindet man das Eisen leitend mit einem unedleren Metall wie Magnesium, Zink oder Aluminium. Dieses wird anstelle des Eisens oxidiert (Mg⟶Mg2++2 e−\mathrm{Mg} \longrightarrow \mathrm{Mg^{2+}} + 2\,e^-), und die Elektronen fließen ins Eisen. Beispiele sind Zinkblöcke an Schiffsrümpfen und Magnesiumstäbe in Warmwasserspeichern und an erdverlegten Rohren. Die Opferanode wird verbraucht und muss erneuert werden. Beim Fremdstrom-Schutz legt man das Eisen, etwa eine Rohrleitung, an den Minuspol einer Gleichspannungsquelle. Eine Hilfselektrode liegt am Pluspol.

Häufige Fehler

Eisen rostet nur durch Sauerstoff

„Eisen rostet, weil Sauerstoff aus der Luft daran kommt. Wasser ist egal.“

Richtig ist

Rosten braucht Sauerstoff und Wasser, das den Elektrolyten der Lokalelemente bildet. In trockener Luft rostet Eisen kaum. Salze wie Streusalz beschleunigen das Rosten, weil sie das Wasser leitfähiger machen.

Häufige Fehler

Unedle Metalle zerfallen immer schnell

„Aluminium ist sehr unedel, also muss es an der Luft schnell zerstört werden.“

Richtig ist

Aluminium überzieht sich sofort mit einer dünnen, dichten Schicht aus Al2O3\mathrm{Al_2O_3}, die das Metall darunter schützt (Passivierung). Das Standardpotenzial sagt nur, ob eine Reaktion möglich ist, nicht, wie schnell sie abläuft.

Zusammenfassung

  • Eine Elektrolyse ist eine mit Gleichspannung erzwungene Redoxreaktion. An der Kathode (Minuspol) wird reduziert, an der Anode (Pluspol) oxidiert.

  • Die Zersetzungsspannung ist die kleinste Spannung für eine dauerhafte Elektrolyse, näherungsweise E∘(Anodenvorgang)−E∘(Kathodenvorgang)E^\circ(\text{Anodenvorgang}) - E^\circ(\text{Kathodenvorgang}). In der Praxis liegt sie höher.

  • Bei der Kupferraffination löst sich Rohkupfer an der Anode, reines Kupfer scheidet sich an der Kathode ab. Edlere Begleiter fallen als Anodenschlamm aus.

  • Aluminium gewinnt man durch Elektrolyse einer Schmelze aus Aluminiumoxid und Kryolith.

  • Rosten ist Sauerstoffkorrosion: Eisen wird an der Anode oxidiert, Sauerstoff an der Kathode reduziert, beides mit Wasser. In Säuren wird H3O+\mathrm{H_3O^+} reduziert (Säurekorrosion). Von zwei sich berührenden Metallen korrodiert das unedlere.

  • Korrosionsschutz: Schutzschichten, Opferanode mit einem unedleren Metall, Fremdstrom-Schutz.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Eine Lösung von Kupfer(II)-bromid wird elektrolysiert. An der Kathode entsteht Kupfer (E∘=+0,34E^\circ = +0{,}34 V), an der Anode Brom (Br2/Br−\mathrm{Br_2/Br^-}: E∘=+1,07E^\circ = +1{,}07 V). Wie groß ist die theoretische Zersetzungsspannung in Volt?

Aufgabe 2Multiple Choice

Rohkupfer enthält Spuren von Silber. Was geschieht mit dem Silber bei der Kupferraffination?

Aufgabe 3Multiple Choice

Eine Eisenleitung im Boden soll mit einer Opferanode geschützt werden. Standardpotenziale: Fe −0,44 V, Cu +0,34 V, Sn −0,14 V, Mg −2,37 V, Ag +0,80 V. Welches Metall eignet sich?

Aufgabe 4Numerisch

Wie viele Kilogramm Aluminium lassen sich aus 1,0 Tonnen Aluminiumoxid Al2O3\mathrm{Al_2O_3} höchstens gewinnen? Molare Massen: M(Al2O3)=102M(\mathrm{Al_2O_3}) = 102 g/mol, M(Al)=27M(\mathrm{Al}) = 27 g/mol. Runde auf ganze Kilogramm.

Aufgabe 5Freitext

Ein Stahlblech ist verzinkt, ein anderes verzinnt (Weißblech). Beide haben einen Kratzer bis aufs Eisen und liegen in feuchter Luft. Erkläre mit der Spannungsreihe, welches Blech im Kratzer rostet.