Lektion 7.5

Energieträger, Energiespeicherung und Nachhaltigkeit

18 min Lesezeit

Windräder liefern oft nachts viel Strom, wenn kaum jemand ihn braucht. An windstillen Winterabenden fehlt er dagegen. Ein Auto dagegen soll seine Energie in wenigen Minuten tanken und viele hundert Kilometer weit mitnehmen.

Beides verlangt Stoffe, in denen sich Energie speichern und transportieren lässt. Diese Lektion fragt: Welche Stoffe taugen als Energieträger, wie speichert man Energie chemisch, was wird aus den Stoffen nach der Nutzung, und wie bewertet man die Lösungen nach Umwelt und Kosten?

Definition

Energieträger und nachwachsende Rohstoffe

Ein Energieträger ist ein Stoff oder ein System, aus dem sich Energie nutzen lässt. Primärenergieträger findet man in der Natur: Kohle, Erdöl, Erdgas, Biomasse, Wind, Sonnenstrahlung. Sekundärenergieträger entstehen erst unter Verlusten aus ihnen: Strom, Benzin, Wasserstoff. Fossile Energieträger setzen bei der Verbrennung Kohlenstoffdioxid frei, das vor Millionen Jahren gebunden wurde.

Nachwachsende Rohstoffe stammen von Pflanzen oder Tieren und wachsen in überschaubarer Zeit nach, zum Beispiel Holz, Raps, Mais oder Zuckerrüben. Aus ihnen gewinnt man Energieträger: Bioethanol durch alkoholische Gärung von Zucker (C6H12O6⟶2 C2H5OH+2 CO2\mathrm{C_6H_{12}O_6} \longrightarrow 2\,\mathrm{C_2H_5OH} + 2\,\mathrm{CO_2}), Biodiesel aus Pflanzenölen (Fettsäuremethylester) und Biogas, ein Gemisch mit Methan aus der Gärung von Biomasse. Beim Verbrennen setzen sie im Wesentlichen das CO2\mathrm{CO_2} frei, das die Pflanze beim Wachsen aufgenommen hat. Im Idealfall ergibt sich ein geschlossener Kreislauf. Anbau, Düngung, Transport und Verarbeitung verursachen aber zusätzliche Emissionen, und die Anbauflächen fehlen für Nahrungsmittel.

Definition

Wasserstoff und Brennstoffzelle

Wasserstoff kommt auf der Erde fast nur gebunden vor, etwa in Wasser und Erdgas. Er ist deshalb ein Sekundärenergieträger: Man muss zuerst Energie aufwenden, um ihn herzustellen.

  • Elektrolyse von Wasser: 2 H2O⟶2 H2+O22\,\mathrm{H_2O} \longrightarrow 2\,\mathrm{H_2} + \mathrm{O_2} mit elektrischem Strom. Stammt der Strom aus Wind oder Sonne, nennt man das Ergebnis „grünen“ Wasserstoff.
  • Dampfreformierung von Erdgas: CH4+H2O⟶CO+3 H2\mathrm{CH_4} + \mathrm{H_2O} \longrightarrow \mathrm{CO} + 3\,\mathrm{H_2} bei hoher Temperatur mit Katalysator. Das CO\mathrm{CO} wird weiter mit Wasser zu CO2\mathrm{CO_2} und mehr H2\mathrm{H_2} umgesetzt. Dabei entsteht CO2\mathrm{CO_2}, das Produkt heißt „grauer“ Wasserstoff.

Wasserstoff hat je Kilogramm einen hohen Heizwert, etwa 120 MJ gegenüber etwa 43 MJ bei Benzin. Je Liter ist sein Energieinhalt dagegen klein, weil er gasförmig ist. Man speichert ihn deshalb stark komprimiert (350 bis 700 bar) oder bei −253 °C verflüssigt. Mit Luft ist er in einem weiten Mischungsbereich zündfähig.

Die Brennstoffzelle aus der Lektion über galvanische Zellen setzt Wasserstoff und Sauerstoff aus der Luft zu Wasser um und liefert Strom. Ihr Wirkungsgrad liegt im Betrieb bei etwa 50 bis 60 Prozent, ein Verbrennungsmotor im Auto erreicht im Alltag meist weniger als 35 Prozent. Am Fahrzeug entsteht nur Wasser. Insgesamt ist das Verfahren aber nur so klimafreundlich wie die Herstellung des Wasserstoffs.

Definition

Chemische Energiespeicherung

Bei der chemischen Energiespeicherung wird Energie in einem Stoff gespeichert: in Bindungen (Wasserstoff, Benzin) oder in den Elektroden von Batterien und Akkumulatoren. Batterien und Akkus nutzen die Redoxreaktionen galvanischer Zellen. Man vergleicht Speicher nach dem Energieinhalt je Kilogramm.

SpeicherEnergieinhalt je Kilogramm in kWh (gerundet)
Bleiakkumulator (Zelle)0,03 bis 0,04
Lithium-Ionen-Akku (Zelle)0,15 bis 0,25
Benzin12
Wasserstoff (ohne Tank)33

Akkus sind klein, schnell und effizient, speichern aber wenig Energie je Kilogramm und über kurze Zeiten. Wasserstoff eignet sich als Langzeitspeicher für Überschussstrom aus Wind und Sonne, hat aber größere Umwandlungsverluste. Beim Vergleich kommen das Gewicht von Tank und Batteriesystem sowie der Wirkungsgrad des Antriebs hinzu: Ein Elektromotor setzt etwa 90 Prozent der Energie um, ein Benzinmotor weniger als ein Drittel.

Beispiel

Strom speichern über Wasserstoff

Überschüssiger Windstrom von 100 kWh wird durch Elektrolyse in Wasserstoff umgewandelt (Wirkungsgrad angenommen 70 Prozent) und später in einer Brennstoffzelle wieder in Strom (angenommen 55 Prozent). Zum Vergleich: Ein Lithium-Ionen-Akku gibt angenommen 90 Prozent zurück. Wie viel Strom kommt jeweils zurück?

100 kWh⋅0,70⋅0,55=38,5 kWh100 kWh⋅0,90=90 kWh100\,\mathrm{kWh} \cdot 0{,}70 \cdot 0{,}55 = 38{,}5\,\mathrm{kWh} \qquad 100\,\mathrm{kWh} \cdot 0{,}90 = 90\,\mathrm{kWh}

Die Wirkungsgrade der Stufen werden multipliziert. Über Wasserstoff kommen nur etwa 39 Prozent zurück, über den Akku 90 Prozent. Trotzdem kann der Wasserstoffweg sinnvoll sein: Man kann ihn in großen Mengen über Monate speichern, einen Akku nicht. Der Wirkungsgrad ist also nur eines von mehreren Bewertungskriterien.

Definition

Recycling und Wertstoffkreislauf

Wertstoffe sind Stoffe in Altprodukten, die sich wiederverwenden lassen. In einem Wertstoffkreislauf wird ein Rohstoff zum Produkt, genutzt, gesammelt, aufbereitet und als Recyclingrohstoff erneut eingesetzt. Das spart Rohstoffe, Energie und Abfall. Ganz ohne Verluste geht es nicht: Stoffe gehen verloren, vermischen sich, und Sammeln und Trennen kosten Energie.

Altbatterien gehören nicht in den Hausmüll, sondern zur Rückgabe im Handel oder zu einer Sammelstelle. Sie enthalten Schwermetalle, Lithium-Zellen können Brände auslösen. Man zerkleinert sie und gewinnt die Metalle zurück: durch Schmelzen oder durch Auflösen in Säuren und anschließende Fällung oder Elektrolyse. Besonders lohnend ist es bei Aluminium: Beim Umschmelzen braucht man nur etwa 5 Prozent der Energie, die die Schmelzflusselektrolyse benötigt.

Beispiel

Energie sparen durch Aluminiumrecycling

Die Herstellung von Aluminium durch Elektrolyse braucht etwa 14 kWh je Kilogramm. Recycling spart etwa 95 Prozent davon. Wie viel Energie spart das Recycling von 3,0 kg Aluminium?

Egespart=3,0 kg⋅14 kWhkg⋅0,95=39,9 kWhE_\text{gespart} = 3{,}0\,\mathrm{kg} \cdot 14\,\frac{\mathrm{kWh}}{\mathrm{kg}} \cdot 0{,}95 = 39{,}9\,\mathrm{kWh}

Für die Elektrolyse bräuchte man 42 kWh, das Umschmelzen braucht nur 5 Prozent davon, also 2,1 kWh. Die Ersparnis ist 42 kWh − 2,1 kWh = 39,9 kWh.

Definition

Ökologische und ökonomische Bewertung

Eine Ökobilanz betrachtet den ganzen Lebensweg eines Produkts: Rohstoffgewinnung, Herstellung, Nutzung, Entsorgung oder Recycling. Ökologische Kriterien sind Energiebedarf, Treibhausgase (als CO2\mathrm{CO_2}-Äquivalente), Flächen- und Wasserverbrauch und Schadstoffe. Ökonomische Kriterien sind Kosten je Kilowattstunde, Investitionen, Lebensdauer und nötige Infrastruktur wie Tankstellen oder Netze.

Die Kriterien widersprechen sich oft. Ein Elektroauto fährt ohne Abgas, die Batterieherstellung belastet aber die Umwelt, und die Bilanz hängt vom Strommix ab. Wer bewertet, legt Kriterien fest, sammelt Daten, gewichtet begründet und entscheidet. Mit anderer Gewichtung kann ein anderes Ergebnis herauskommen. Ein Beispiel für die Sammlung von Kriterien:

KriteriumBiodiesel aus Raps
CO2\mathrm{CO_2} bei der Verbrennunggibt nur das zuvor von der Pflanze aufgenommene CO2\mathrm{CO_2} ab
Anbau und VerarbeitungDünger, Maschinen und Verarbeitung verursachen Emissionen
FlächeKonkurrenz zur Nahrungsmittelerzeugung
Kostenhängen von Erntepreisen und Förderung ab
Häufige Fehler

Biokraftstoffe sind klimaneutral

„Biodiesel setzt nur das CO₂ frei, das die Pflanze aufgenommen hat, also belastet er das Klima nicht.“

Richtig ist

Nur die Verbrennung ist annähernd ausgeglichen. Anbau, Düngung, Maschinen, Transport und Verarbeitung verursachen Emissionen, und Landnutzung kann zusätzliche Treibhausgase freisetzen. Entscheidend ist die gesamte Bilanz.

Häufige Fehler

Wasserstoff ist eine Energiequelle

„Wasserstoff fördert man wie Erdgas und verbrennt ihn dann.“

Richtig ist

Wasserstoff kommt auf der Erde praktisch nur gebunden vor. Man muss ihn unter Energieaufwand herstellen. Er ist ein Energieträger und Speicher, keine Energiequelle. Seine Klimabilanz hängt davon ab, woher die Energie für die Herstellung kommt.

Zusammenfassung

  • Primärenergieträger gibt es in der Natur, Sekundärenergieträger wie Strom und Wasserstoff werden aus ihnen unter Verlusten hergestellt.

  • Nachwachsende Rohstoffe liefern Bioethanol, Biodiesel und Biogas. Ihre Klimabilanz ist besser als die fossiler Stoffe, aber nicht neutral.

  • Wasserstoff ist ein Energieträger und Speicher. Er wird durch Elektrolyse (grün) oder Dampfreformierung von Erdgas (grau) hergestellt. Die Brennstoffzelle wandelt ihn mit Sauerstoff in Strom und Wasser um.

  • Akkus speichern Energie effizient, aber mit geringem Energieinhalt je Kilogramm. Wasserstoff eignet sich für große Mengen und lange Zeiten, hat aber höhere Umwandlungsverluste.

  • Recycling und Wertstoffkreisläufe sparen Rohstoffe und Energie. Altbatterien werden gesondert gesammelt.

  • Eine Bewertung betrachtet den ganzen Lebensweg und gewichtet ökologische und ökonomische Kriterien begründet.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Welcher dieser Stoffe oder Systeme ist ein Sekundärenergieträger?

Aufgabe 2Numerisch

Strom wird in Wasserstoff umgewandelt (Wirkungsgrad angenommen 75 Prozent) und in einer Brennstoffzelle zurückverwandelt (angenommen 60 Prozent). Wie viel Prozent des Stroms kommen insgesamt zurück?

Aufgabe 3Multiple Choice

Welche Aussage über Wasserstoff als Energieträger ist richtig?

Aufgabe 4Numerisch

Die Herstellung von Aluminium durch Elektrolyse braucht angenommen 14 kWh je Kilogramm. Recycling spart 95 Prozent davon. Wie viel Energie spart das Recycling von 2,0 kg Aluminium, in Kilowattstunden?

Aufgabe 5Freitext

Vergleiche den Weg Strom → Wasserstoff → Strom mit dem Weg Strom → Akku → Strom. Nenne einen Nachteil und einen Vorteil des Wasserstoffwegs.