Lektion 7.4

Nernst-Gleichung, Faraday-Gesetze und Überspannung

22 min Lesezeit

Die Standardpotenziale der Spannungsreihe gelten für Lösungen von 1 mol/L. Eine Batterie im Gebrauch hat aber längst andere Konzentrationen, und ihre Spannung sinkt. Bei der Elektrolyse von Wasser reicht die berechnete Spannung von 1,23 V in der Praxis nicht aus. Und wer Zink aus einer Lösung abscheiden will, fragt sich, wie lange der Strom fließen muss.

Drei Fragen, drei Werkzeuge: Die Nernst-Gleichung rechnet Potenziale bei beliebiger Konzentration aus, die Faraday-Gesetze verbinden Ladung und abgeschiedene Stoffmenge, und die Überspannung erklärt, warum die Praxis vom Standardwert abweicht.

Definition

Nernst-Gleichung

Für ein Redoxpaar Ox+z e−⇌Red\text{Ox} + z\,e^- \rightleftharpoons \text{Red} hängt das Potenzial von den Konzentrationen ab. Plausibel ist das mit dem Prinzip von Le Chatelier: Steigt c(Ox)c(\text{Ox}), verschiebt sich das Gleichgewicht nach rechts. Die oxidierte Form nimmt Elektronen leichter auf, das Potenzial steigt. Steigt c(Red)c(\text{Red}), sinkt es. Quantitativ beschreibt das die Nernst-Gleichung E=E∘+R Tz F ln⁡c(Ox)c(Red)E = E^\circ + \dfrac{R\,T}{z\,F}\,\ln\dfrac{c(\text{Ox})}{c(\text{Red})} mit der Gaskonstante R=8,314R = 8{,}314 J/(mol · K), der Temperatur TT und der Faraday-Konstante F=96 485F = 96\,485 C/mol. Bei 25 °C (T=298T = 298 K) ist R T/F⋅ln⁡10≈0,059R\,T/F \cdot \ln 10 \approx 0{,}059 V, und mit dem dekadischen Logarithmus lg⁡\lg vereinfacht sich die Gleichung zur Form unten. Für Feststoffe wie ein Metall setzt man c=1c = 1 ein, für Gase den Druck in bar. Bei einem Metall M\mathrm{M} in der Lösung seiner Ionen ist also E=E∘+0,059 Vz lg⁡c(Mz+)E = E^\circ + \dfrac{0{,}059\ \mathrm{V}}{z}\,\lg c(\mathrm{M}^{z+}). Streng gilt die Gleichung für Aktivitäten, in verdünnten Lösungen genügt die Konzentration.

E=E∘+0,059 Vz lg⁡c(Ox)c(Red)(25 ∘C)E = E^\circ + \frac{0{,}059\,\mathrm{V}}{z}\,\lg\frac{c(\text{Ox})}{c(\text{Red})} \quad (25\,^\circ\mathrm{C})
Beispiel

Daniell-Element bei anderen Konzentrationen

Im Daniell-Element ist c(Zn2+)=0,10c(\mathrm{Zn^{2+}}) = 0{,}10 mol/L und c(Cu2+)=0,010c(\mathrm{Cu^{2+}}) = 0{,}010 mol/L. Wie groß ist die Zellspannung bei 25 °C? Standardpotenziale: Zn2+/Zn\mathrm{Zn^{2+}/Zn} −0,76 V, Cu2+/Cu\mathrm{Cu^{2+}/Cu} +0,34 V.

E(Zn)=−0,76 V+0,059 V2 lg⁡0,10=−0,76 V−0,030 V=−0,79 VE(Cu)=+0,34 V+0,059 V2 lg⁡0,010=+0,34 V−0,059 V=+0,28 V\begin{aligned} E(\mathrm{Zn}) &= -0{,}76\,\mathrm{V} + \tfrac{0{,}059\,\mathrm{V}}{2}\,\lg 0{,}10 = -0{,}76\,\mathrm{V} - 0{,}030\,\mathrm{V} = -0{,}79\,\mathrm{V} \\ E(\mathrm{Cu}) &= +0{,}34\,\mathrm{V} + \tfrac{0{,}059\,\mathrm{V}}{2}\,\lg 0{,}010 = +0{,}34\,\mathrm{V} - 0{,}059\,\mathrm{V} = +0{,}28\,\mathrm{V} \end{aligned}

Zink ist der Minuspol, Kupfer der Pluspol. Die Zellspannung ist ΔE=0,28 V−(−0,79 V)≈1,07 V\Delta E = 0{,}28\,\mathrm{V} - (-0{,}79\,\mathrm{V}) \approx 1{,}07\,\mathrm{V}, etwas weniger als der Standardwert 1,10 V. Während die Zelle arbeitet, sinkt c(Cu2+)c(\mathrm{Cu^{2+}}) weiter und c(Zn2+)c(\mathrm{Zn^{2+}}) steigt: Die Spannung fällt langsam.

Definition

Konzentrationszelle

Eine Konzentrationszelle besteht aus zwei Halbzellen desselben Redoxpaares mit verschiedenen Konzentrationen. Weil beide dasselbe E∘E^\circ haben, entsteht die Spannung allein durch den Konzentrationsunterschied. Die verdünnte Halbzelle hat das kleinere Potenzial und ist der Minuspol: Dort löst sich das Metall, und die Konzentration steigt. In der konzentrierten Halbzelle, dem Pluspol, scheidet sich Metall ab, und die Konzentration sinkt. Die Zelle liefert Strom, bis beide Konzentrationen gleich sind und die Spannung 0 V beträgt. Die Differenz der beiden Nernst-Gleichungen ergibt bei 25 °C:

ΔE=0,059 Vz lg⁡ckonzcverd\Delta E = \frac{0{,}059\,\mathrm{V}}{z}\,\lg\frac{c_\text{konz}}{c_\text{verd}}
Beispiel

Kupfer-Konzentrationszelle

Zwei Kupferelektroden tauchen in Cu2+\mathrm{Cu^{2+}}-Lösungen mit c1=0,010c_1 = 0{,}010 mol/L und c2=1,0c_2 = 1{,}0 mol/L. Welche Spannung liefert die Zelle, und welche Halbzelle ist der Minuspol?

ΔE=0,059 V2 lg⁡1,00,010=0,0295 V⋅2=0,059 V\Delta E = \frac{0{,}059\,\mathrm{V}}{2}\,\lg\frac{1{,}0}{0{,}010} = 0{,}0295\,\mathrm{V} \cdot 2 = 0{,}059\,\mathrm{V}

Der Minuspol ist die verdünnte Halbzelle mit 0,010 mol/L. Dort gilt Cu⟶Cu2++2 e−\mathrm{Cu} \longrightarrow \mathrm{Cu^{2+}} + 2\,e^-, in der konzentrierten Halbzelle Cu2++2 e−⟶Cu\mathrm{Cu^{2+}} + 2\,e^- \longrightarrow \mathrm{Cu}. Konzentrationsunterschiede liefern also nur kleine Spannungen: Ein Faktor 100 gibt bei z=2z = 2 gerade 0,059 V.

Definition

Faraday-Gesetze

Die elektrische Ladung QQ, die in der Zeit tt bei der Stromstärke II fließt, ist Q=I⋅tQ = I \cdot t (Einheit Coulomb, 1 C=1 A⋅s1\,\mathrm{C} = 1\,\mathrm{A} \cdot \mathrm{s}). Ein Mol Elektronen trägt die Ladung F=96 485F = 96\,485 C/mol, die Faraday-Konstante. Die beiden Gesetze von Faraday sagen:

  • 1. Gesetz: Die abgeschiedene Stoffmenge ist proportional zur geflossenen Ladung.
  • 2. Gesetz: Bei gleicher Ladung verhalten sich die abgeschiedenen Stoffmengen umgekehrt wie die Ladungszahlen zz der Ionen.

Die Begründung ist einfach: Ein Ion Mz+\mathrm{M}^{z+} braucht zz Elektronen. Die Ladung QQ liefert Q/FQ/F mol Elektronen, davon werden n=Q/(z F)n = Q/(z\,F) mol Teilchen abgeschieden. Mit m=n⋅Mm = n \cdot M folgt:

n=I⋅tz⋅Fm=M⋅I⋅tz⋅Fn = \frac{I \cdot t}{z \cdot F} \qquad m = \frac{M \cdot I \cdot t}{z \cdot F}
Beispiel

Wie viel Kupfer scheidet sich ab?

Durch eine Kupfer(II)-sulfat-Lösung fließen 30 Minuten lang 2,00 A. Wie viel Kupfer scheidet sich an der Kathode ab? M(Cu)=63,5M(\mathrm{Cu}) = 63{,}5 g/mol.

Q=2,00 A⋅1800 s=3600 Cn(Cu)=3600 C2⋅96 485 C/mol=0,01866 molQ = 2{,}00\,\mathrm{A} \cdot 1800\,\mathrm{s} = 3600\,\mathrm{C} \qquad n(\mathrm{Cu}) = \frac{3600\,\mathrm{C}}{2 \cdot 96\,485\,\mathrm{C/mol}} = 0{,}01866\,\mathrm{mol}

Die Masse ist m=0,01866 mol⋅63,5 g/mol≈1,18 gm = 0{,}01866\,\mathrm{mol} \cdot 63{,}5\,\mathrm{g/mol} \approx 1{,}18\,\mathrm{g}. Bei einer Silbersalz-Lösung (z=1z = 1) schiede dieselbe Ladung doppelt so viele Teilchen ab, nämlich 0,0373 mol Silber.

Definition

Abscheidungspotenzial und Überspannung

Das Abscheidungspotenzial ist das Potenzial, das eine Elektrode haben muss, damit ein Stoff an ihr abgeschieden wird. Das Gleichgewichtspotenzial nach Nernst reicht dafür oft nicht: Manche Elektrodenvorgänge sind gehemmt und brauchen eine zusätzliche Spannung, die Überspannung η\eta. Sie ist besonders groß bei der Bildung von Gasen wie H2\mathrm{H_2} und O2\mathrm{O_2} und hängt vom Elektrodenmaterial und von der Stromdichte ab. An der Kathode liegt das Abscheidungspotenzial um η\eta unter dem Gleichgewichtspotenzial, an der Anode um η\eta darüber.

An der Kathode wird bei steigender Spannung zuerst der Vorgang mit dem höchsten (positivsten) Abscheidungspotenzial ablaufen, an der Anode zuerst der mit dem niedrigsten. Die Zersetzungsspannung ist dann die Differenz der Abscheidungspotenziale von Anode und Kathode. Sie ist größer als der aus den Standardpotenzialen berechnete Wert. Deshalb braucht die Wasserelektrolyse trotz der berechneten 1,23 V in der Praxis deutlich mehr, oft etwa 1,8 V bis 2 V. Auch entsteht bei der Elektrolyse von Kochsalzlösung an der Anode Chlor und nicht Sauerstoff, obwohl Sauerstoff ein niedrigeres Gleichgewichtspotenzial hat: Die Überspannung von Sauerstoff ist groß.

Beispiel

Zink aus schwach saurer Lösung abscheiden

Eine Zinksulfat-Lösung (c(Zn2+)=1c(\mathrm{Zn^{2+}}) = 1 mol/L, pH 4) wird elektrolysiert. Scheidet sich an der Kathode Zink oder Wasserstoff ab? Für die Überspannung von Wasserstoff an Zink wird η=0,7\eta = 0{,}7 V angenommen.

E(H3O+/H2)=−0,059 V⋅pH=−0,24 VEAbscheidung(H2)=−0,24 V−0,7 V=−0,94 VE(\mathrm{H_3O^+/H_2}) = -0{,}059\,\mathrm{V} \cdot \mathrm{pH} = -0{,}24\,\mathrm{V} \qquad E_\text{Abscheidung}(\mathrm{H_2}) = -0{,}24\,\mathrm{V} - 0{,}7\,\mathrm{V} = -0{,}94\,\mathrm{V}

Die Wasserstoffelektrode bei p(H2)=1p(\mathrm{H_2}) = 1 bar hat nach Nernst E=0,059 V2 lg⁡c(H3O+)2=−0,059 V⋅pHE = \tfrac{0{,}059\,\mathrm{V}}{2}\,\lg c(\mathrm{H_3O^+})^2 = -0{,}059\,\mathrm{V} \cdot \mathrm{pH}, bei pH 4 also −0,24 V. Ohne Überspannung würde Wasserstoff vor Zink (−0,76 V) abgeschieden. Mit der Überspannung liegt das Abscheidungspotenzial für Wasserstoff bei −0,94 V, also unter dem von Zink (−0,76 V). Zink hat das höhere Abscheidungspotenzial und wird zuerst abgeschieden. Auf diese Weise wird Zink technisch aus Zinksulfat-Lösung gewonnen.

Häufige Fehler

Die Tabellenwerte gelten immer

„Das Potenzial von Cu2+/Cu\mathrm{Cu^{2+}/Cu} ist immer +0,34 V.“

Richtig ist

Standardpotenziale gelten nur für 1 mol/L, 25 °C und 1 bar. Bei anderen Konzentrationen verschiebt sich das Potenzial nach der Nernst-Gleichung. Je kleiner c(Cu2+)c(\mathrm{Cu^{2+}}), desto kleiner das Potenzial.

Häufige Fehler

Gleiche Ladung scheidet gleiche Mengen ab

„Bei gleicher Stromstärke und Zeit scheiden sich Silber und Kupfer in gleicher Stoffmenge ab.“

Richtig ist

Bei gleicher Ladung fließt die gleiche Zahl von Elektronen. Silber braucht ein Elektron je Atom, Kupfer zwei. Es scheidet sich daher doppelt so viel Stoffmenge Silber wie Kupfer ab. Die Massen unterscheiden sich außerdem durch die molaren Massen.

Zusammenfassung

  • Die Nernst-Gleichung E=E∘+0,059 Vz lg⁡c(Ox)c(Red)E = E^\circ + \frac{0{,}059\,\mathrm{V}}{z}\,\lg\frac{c(\text{Ox})}{c(\text{Red})} gibt das Potenzial bei 25 °C für beliebige Konzentrationen. Feststoffe zählen mit c=1c = 1.

  • Eine Konzentrationszelle hat zwei Halbzellen desselben Paares. Die verdünnte Halbzelle ist der Minuspol, die Spannung sinkt auf 0 V, wenn die Konzentrationen gleich sind.

  • Faraday-Gesetze: Die abgeschiedene Stoffmenge ist proportional zur Ladung Q=I⋅tQ = I \cdot t, und es gilt n=Q/(z F)n = Q/(z\,F) mit F=96 485F = 96\,485 C/mol.

  • Die Überspannung ist die zusätzliche Spannung, die ein gehemmter Elektrodenvorgang braucht. Sie ist besonders bei Gasen wie H2\mathrm{H_2} und O2\mathrm{O_2} groß.

  • Das Abscheidungspotenzial ist das Gleichgewichtspotenzial, verschoben um die Überspannung. An der Kathode läuft zuerst der Vorgang mit dem höchsten Abscheidungspotenzial ab.

  • Die Zersetzungsspannung ist die Differenz der Abscheidungspotenziale und liegt über dem aus Standardpotenzialen berechneten Wert.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Wie groß ist das Potenzial einer Zink-Halbzelle mit c(Zn2+)=0,010c(\mathrm{Zn^{2+}}) = 0{,}010 mol/L bei 25 °C in Volt? E∘(Zn2+/Zn)=−0,76E^\circ(\mathrm{Zn^{2+}/Zn}) = -0{,}76 V. Rechne mit 0,059 V.

Aufgabe 2Numerisch

Eine Silber-Konzentrationszelle hat Halbzellen mit c(Ag+)=0,0010c(\mathrm{Ag^+}) = 0{,}0010 mol/L und 0,100{,}10 mol/L. Welche Spannung liefert sie bei 25 °C in Volt? Rechne mit 0,059 V.

Aufgabe 3Multiple Choice

An einer Kathode kommen drei Vorgänge in Frage. Angenommen sind diese Abscheidungspotenziale: Wasserstoff −0,95 V, Metall A −0,80 V, Metall B −1,20 V. Was wird bei langsam steigender Spannung zuerst abgeschieden?

Aufgabe 4Numerisch

Durch eine Silbernitrat-Lösung fließen 30 Minuten lang 5,0 A. Wie viel Silber scheidet sich ab, in Gramm? M(Ag)=107,9M(\mathrm{Ag}) = 107{,}9 g/mol, F=96 485F = 96\,485 C/mol.

Aufgabe 5Freitext

Eine Konzentrationszelle aus zwei Kupfer-Halbzellen liefert zunächst 0,059 V, nach einigen Stunden fast nichts mehr. Erkläre, warum die Spannung sinkt und welche Halbzelle der Minuspol ist.