Nernst-Gleichung, Faraday-Gesetze und Überspannung
Die Standardpotenziale der Spannungsreihe gelten für Lösungen von 1 mol/L. Eine Batterie im Gebrauch hat aber längst andere Konzentrationen, und ihre Spannung sinkt. Bei der Elektrolyse von Wasser reicht die berechnete Spannung von 1,23 V in der Praxis nicht aus. Und wer Zink aus einer Lösung abscheiden will, fragt sich, wie lange der Strom fließen muss.
Drei Fragen, drei Werkzeuge: Die Nernst-Gleichung rechnet Potenziale bei beliebiger Konzentration aus, die Faraday-Gesetze verbinden Ladung und abgeschiedene Stoffmenge, und die Überspannung erklärt, warum die Praxis vom Standardwert abweicht.
Nernst-Gleichung
Für ein Redoxpaar hängt das Potenzial von den Konzentrationen ab. Plausibel ist das mit dem Prinzip von Le Chatelier: Steigt , verschiebt sich das Gleichgewicht nach rechts. Die oxidierte Form nimmt Elektronen leichter auf, das Potenzial steigt. Steigt , sinkt es. Quantitativ beschreibt das die Nernst-Gleichung mit der Gaskonstante J/(mol · K), der Temperatur und der Faraday-Konstante C/mol. Bei 25 °C ( K) ist V, und mit dem dekadischen Logarithmus vereinfacht sich die Gleichung zur Form unten. Für Feststoffe wie ein Metall setzt man ein, für Gase den Druck in bar. Bei einem Metall in der Lösung seiner Ionen ist also . Streng gilt die Gleichung für Aktivitäten, in verdünnten Lösungen genügt die Konzentration.
Daniell-Element bei anderen Konzentrationen
Daniell-Element bei anderen Konzentrationen
Im Daniell-Element ist mol/L und mol/L. Wie groß ist die Zellspannung bei 25 °C? Standardpotenziale: −0,76 V, +0,34 V.
Zink ist der Minuspol, Kupfer der Pluspol. Die Zellspannung ist , etwas weniger als der Standardwert 1,10 V. Während die Zelle arbeitet, sinkt weiter und steigt: Die Spannung fällt langsam.
Konzentrationszelle
Eine Konzentrationszelle besteht aus zwei Halbzellen desselben Redoxpaares mit verschiedenen Konzentrationen. Weil beide dasselbe haben, entsteht die Spannung allein durch den Konzentrationsunterschied. Die verdünnte Halbzelle hat das kleinere Potenzial und ist der Minuspol: Dort löst sich das Metall, und die Konzentration steigt. In der konzentrierten Halbzelle, dem Pluspol, scheidet sich Metall ab, und die Konzentration sinkt. Die Zelle liefert Strom, bis beide Konzentrationen gleich sind und die Spannung 0 V beträgt. Die Differenz der beiden Nernst-Gleichungen ergibt bei 25 °C:
Kupfer-Konzentrationszelle
Kupfer-Konzentrationszelle
Zwei Kupferelektroden tauchen in -Lösungen mit mol/L und mol/L. Welche Spannung liefert die Zelle, und welche Halbzelle ist der Minuspol?
Der Minuspol ist die verdünnte Halbzelle mit 0,010 mol/L. Dort gilt , in der konzentrierten Halbzelle . Konzentrationsunterschiede liefern also nur kleine Spannungen: Ein Faktor 100 gibt bei gerade 0,059 V.
Faraday-Gesetze
Die elektrische Ladung , die in der Zeit bei der Stromstärke fließt, ist (Einheit Coulomb, ). Ein Mol Elektronen trägt die Ladung C/mol, die Faraday-Konstante. Die beiden Gesetze von Faraday sagen:
- 1. Gesetz: Die abgeschiedene Stoffmenge ist proportional zur geflossenen Ladung.
- 2. Gesetz: Bei gleicher Ladung verhalten sich die abgeschiedenen Stoffmengen umgekehrt wie die Ladungszahlen der Ionen.
Die Begründung ist einfach: Ein Ion braucht Elektronen. Die Ladung liefert mol Elektronen, davon werden mol Teilchen abgeschieden. Mit folgt:
Wie viel Kupfer scheidet sich ab?
Wie viel Kupfer scheidet sich ab?
Durch eine Kupfer(II)-sulfat-Lösung fließen 30 Minuten lang 2,00 A. Wie viel Kupfer scheidet sich an der Kathode ab? g/mol.
Die Masse ist . Bei einer Silbersalz-Lösung () schiede dieselbe Ladung doppelt so viele Teilchen ab, nämlich 0,0373 mol Silber.
Abscheidungspotenzial und Überspannung
Das Abscheidungspotenzial ist das Potenzial, das eine Elektrode haben muss, damit ein Stoff an ihr abgeschieden wird. Das Gleichgewichtspotenzial nach Nernst reicht dafür oft nicht: Manche Elektrodenvorgänge sind gehemmt und brauchen eine zusätzliche Spannung, die Überspannung . Sie ist besonders groß bei der Bildung von Gasen wie und und hängt vom Elektrodenmaterial und von der Stromdichte ab. An der Kathode liegt das Abscheidungspotenzial um unter dem Gleichgewichtspotenzial, an der Anode um darüber.
An der Kathode wird bei steigender Spannung zuerst der Vorgang mit dem höchsten (positivsten) Abscheidungspotenzial ablaufen, an der Anode zuerst der mit dem niedrigsten. Die Zersetzungsspannung ist dann die Differenz der Abscheidungspotenziale von Anode und Kathode. Sie ist größer als der aus den Standardpotenzialen berechnete Wert. Deshalb braucht die Wasserelektrolyse trotz der berechneten 1,23 V in der Praxis deutlich mehr, oft etwa 1,8 V bis 2 V. Auch entsteht bei der Elektrolyse von Kochsalzlösung an der Anode Chlor und nicht Sauerstoff, obwohl Sauerstoff ein niedrigeres Gleichgewichtspotenzial hat: Die Überspannung von Sauerstoff ist groß.
Zink aus schwach saurer Lösung abscheiden
Zink aus schwach saurer Lösung abscheiden
Eine Zinksulfat-Lösung ( mol/L, pH 4) wird elektrolysiert. Scheidet sich an der Kathode Zink oder Wasserstoff ab? Für die Überspannung von Wasserstoff an Zink wird V angenommen.
Die Wasserstoffelektrode bei bar hat nach Nernst , bei pH 4 also −0,24 V. Ohne Überspannung würde Wasserstoff vor Zink (−0,76 V) abgeschieden. Mit der Überspannung liegt das Abscheidungspotenzial für Wasserstoff bei −0,94 V, also unter dem von Zink (−0,76 V). Zink hat das höhere Abscheidungspotenzial und wird zuerst abgeschieden. Auf diese Weise wird Zink technisch aus Zinksulfat-Lösung gewonnen.
Die Tabellenwerte gelten immer
Die Tabellenwerte gelten immer
„Das Potenzial von ist immer +0,34 V.“
Standardpotenziale gelten nur für 1 mol/L, 25 °C und 1 bar. Bei anderen Konzentrationen verschiebt sich das Potenzial nach der Nernst-Gleichung. Je kleiner , desto kleiner das Potenzial.
Gleiche Ladung scheidet gleiche Mengen ab
Gleiche Ladung scheidet gleiche Mengen ab
„Bei gleicher Stromstärke und Zeit scheiden sich Silber und Kupfer in gleicher Stoffmenge ab.“
Bei gleicher Ladung fließt die gleiche Zahl von Elektronen. Silber braucht ein Elektron je Atom, Kupfer zwei. Es scheidet sich daher doppelt so viel Stoffmenge Silber wie Kupfer ab. Die Massen unterscheiden sich außerdem durch die molaren Massen.
Zusammenfassung
Die Nernst-Gleichung gibt das Potenzial bei 25 °C für beliebige Konzentrationen. Feststoffe zählen mit .
Eine Konzentrationszelle hat zwei Halbzellen desselben Paares. Die verdünnte Halbzelle ist der Minuspol, die Spannung sinkt auf 0 V, wenn die Konzentrationen gleich sind.
Faraday-Gesetze: Die abgeschiedene Stoffmenge ist proportional zur Ladung , und es gilt mit C/mol.
Die Überspannung ist die zusätzliche Spannung, die ein gehemmter Elektrodenvorgang braucht. Sie ist besonders bei Gasen wie und groß.
Das Abscheidungspotenzial ist das Gleichgewichtspotenzial, verschoben um die Überspannung. An der Kathode läuft zuerst der Vorgang mit dem höchsten Abscheidungspotenzial ab.
Die Zersetzungsspannung ist die Differenz der Abscheidungspotenziale und liegt über dem aus Standardpotenzialen berechneten Wert.
Übungen
Wie groß ist das Potenzial einer Zink-Halbzelle mit mol/L bei 25 °C in Volt? V. Rechne mit 0,059 V.
Eine Silber-Konzentrationszelle hat Halbzellen mit mol/L und mol/L. Welche Spannung liefert sie bei 25 °C in Volt? Rechne mit 0,059 V.
An einer Kathode kommen drei Vorgänge in Frage. Angenommen sind diese Abscheidungspotenziale: Wasserstoff −0,95 V, Metall A −0,80 V, Metall B −1,20 V. Was wird bei langsam steigender Spannung zuerst abgeschieden?
Durch eine Silbernitrat-Lösung fließen 30 Minuten lang 5,0 A. Wie viel Silber scheidet sich ab, in Gramm? g/mol, C/mol.
Eine Konzentrationszelle aus zwei Kupfer-Halbzellen liefert zunächst 0,059 V, nach einigen Stunden fast nichts mehr. Erkläre, warum die Spannung sinkt und welche Halbzelle der Minuspol ist.