Lektion 13.3

Normalverteilung

45 min Lesezeit

Nach dieser Lektion kannst du

  • erklären, warum man bei stetigen Größen wie Länge oder Gewicht Wahrscheinlichkeiten als Flächen unter einer Dichtefunktion beschreibt

  • die Gaußsche Glockenkurve mit ihren Parametern μ\mu und σ\sigma beschreiben und ihre Wendestellen herleiten

  • Wahrscheinlichkeiten normalverteilter Größen mit Standardisierung und Φ\Phi berechnen und Grenzen rückwärts bestimmen

  • Binomialverteilungen mit großem σ\sigma durch die Normalverteilung nähern und dabei die Stetigkeitskorrektur anwenden

Wenn es keine einzelnen Werte mehr gibt. Bisher hatten Zufallsgrößen einzelne Werte: 0,1,2,…0, 1, 2, \ldots Treffer. Viele Größen sind aber stetig: die Körpergröße eines Menschen, das Gewicht einer Packung Mehl, die Abweichung eines Messwerts. Sie können jeden Wert in einem Bereich annehmen.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand genau 175,000…175{,}000\ldots cm groß ist, auf unendlich viele Stellen genau? Sie ist 00. Es gibt unendlich viele mögliche Werte, und keiner hat ein eigenes Stück Wahrscheinlichkeit. Sinnvoll ist nur die Frage nach Bereichen: Wie wahrscheinlich ist eine Größe zwischen 170170 und 180180 cm?

Misst man die Körpergrößen vieler Menschen und zeichnet ein Histogramm, dessen Balkenflächen die relativen Häufigkeiten sind, so entsteht mit immer feineren Klassen eine glatte Kurve. Die Wahrscheinlichkeit eines Bereichs ist dann die Fläche unter dieser Kurve. Bei Körpergrößen, Messfehlern und vielen anderen Größen hat die Kurve immer dieselbe Glockenform. Sie heißt nach Carl Friedrich Gauß die Gaußsche Glockenkurve.

Vermute zuerst

Intelligenztests werden so geeicht, dass die Ergebnisse normalverteilt sind mit dem Mittelwert μ=100\mu = 100 und der Standardabweichung σ=15\sigma = 15. Welcher Anteil der Menschen hat einen Wert zwischen 8585 und 115115?

Wahrscheinlichkeiten als Flächen

Die gestrichelten Linien stehen bei μ\mu und bei μ±σ\mu \pm \sigma. Die Gesamtfläche unter der Kurve ist immer 11.

Probier es aus

Definition

Dichtefunktion einer stetigen Zufallsgröße

Eine stetige Zufallsgröße XX wird durch eine Dichtefunktion ff beschrieben. Die Wahrscheinlichkeit, dass XX zwischen aa und bb liegt, ist die Fläche unter dem Graphen von ff:

P(a≤X≤b)=∫abf(x) dx.\displaystyle P(a \le X \le b) = \int_a^b f(x)\,dx.

Eine Dichtefunktion muss zwei Bedingungen erfüllen: f(x)≥0f(x) \ge 0 für alle xx, und die Gesamtfläche ist 11. Daraus folgt:

  • P(X=a)=0P(X = a) = 0 für jeden einzelnen Wert, denn über einem Punkt liegt keine Fläche. Deshalb ist es egal, ob man ≤\le oder << schreibt.
  • Der Funktionswert f(x)f(x) selbst ist keine Wahrscheinlichkeit. Er sagt nur, wie dicht die Wahrscheinlichkeit in der Nähe von xx liegt, und kann größer als 11 sein.

Den Erwartungswert und die Varianz bildet man wie bei endlichen Zufallsgrößen, nur mit Integral statt Summe: μ=∫xf(x) dx\mu = \int x f(x)\,dx.

Definition

Normalverteilung

Eine Zufallsgröße XX heißt normalverteilt mit den Parametern μ\mu und σ>0\sigma > 0, wenn sie die Dichtefunktion

φμ,σ(x)=1σ2π⋅e−(x−μ)22σ2\displaystyle \varphi_{\mu,\sigma}(x) = \frac{1}{\sigma\sqrt{2\pi}} \cdot e^{-\frac{(x - \mu)^2}{2\sigma^2}}

hat. Man schreibt kurz X∼N(μ;σ2)X \sim N(\mu; \sigma^2). Dabei ist μ\mu der Erwartungswert und σ\sigma die Standardabweichung.

Was die Formel tut, lässt sich Stück für Stück lesen: (x−μ)2(x - \mu)^2 misst den quadrierten Abstand von der Mitte. Teilen durch 2σ22\sigma^2 misst ihn in Einheiten von σ\sigma. Das Minuszeichen im Exponenten sorgt dafür, dass e…e^{\ldots} mit wachsendem Abstand schnell gegen 00 fällt. Der Vorfaktor 1σ2π\frac{1}{\sigma\sqrt{2\pi}} ist genau so gewählt, dass die Gesamtfläche 11 wird: Eine breitere Glocke (großes σ\sigma) muss dafür niedriger sein.

Satz

Form der Glockenkurve

Der Graph von φμ,σ\varphi_{\mu,\sigma} ist symmetrisch zur Geraden x=μx = \mu, hat dort sein einziges Maximum und hat genau zwei Wendestellen:

xW=μ−σundxW=μ+σx_{W} = \mu - \sigma \quad \text{und} \quad x_{W} = \mu + \sigma
Definition

Standardisierung und die Funktion Φ

Die Fläche unter der Glockenkurve lässt sich nicht mit einer Stammfunktion aus bekannten Funktionen berechnen. Man braucht Tabellen oder den Rechner. Damit nicht jede Kombination von μ\mu und σ\sigma eine eigene Tabelle braucht, rechnet man um. Ist X∼N(μ;σ2)X \sim N(\mu; \sigma^2), so ist

Z=X−μσ\displaystyle Z = \frac{X - \mu}{\sigma}

standardnormalverteilt, also Z∼N(0;1)Z \sim N(0; 1). ZZ misst, um wie viele Standardabweichungen ein Wert über oder unter dem Erwartungswert liegt. Die Verteilungsfunktion von ZZ heißt Φ\Phi (groß Phi):

Φ(z)=P(Z≤z),P(X≤x)=Φ ⁣(x−μσ).\displaystyle \Phi(z) = P(Z \le z), \qquad P(X \le x) = \Phi\!\left(\frac{x - \mu}{\sigma}\right).

Nützlich ist die Symmetrie Φ(−z)=1−Φ(z)\Phi(-z) = 1 - \Phi(z). Auf dem Rechner heißt die Funktion oft „normalcdf“ oder „NormCD“. Dann gibt man μ\mu und σ\sigma direkt ein und braucht keine Umrechnung.

Schritt für Schritt

Unterfüllte Packungen

Eine Maschine füllt Mehl ab. Die Füllmenge XX ist normalverteilt mit μ=500\mu = 500 g und σ=4\sigma = 4 g. Wie groß ist der Anteil der Packungen mit weniger als 492492 g?

  1. Standardisieren:

    z=492−5004=−2z = \frac{492 - 500}{4} = -2
Schritt 1 von 2
Kurz geprüft

Wie groß ist bei derselben Maschine (μ=500\mu = 500 g, σ=4\sigma = 4 g) der Anteil der Packungen mit mehr als 510510 g? Gib vier Nachkommastellen an. (Φ(2,5)≈0,9938\Phi(2{,}5) \approx 0{,}9938)

Schritt für Schritt

Rückwärts: die Maschine richtig einstellen

Gesetzlich dürfen höchstens 1 %1\,\% der Packungen unter 492492 g liegen. Die Streuung σ=4\sigma = 4 g lässt sich nicht verbessern, aber der Mittelwert μ\mu ist einstellbar. Welches μ\mu muss man mindestens wählen?

  1. Gesucht ist das zz, unter dem genau 1 %1\,\% der Fläche liegt:

    Φ(z)=0,01  ⟺  z≈−2,326\Phi(z) = 0{,}01 \iff z \approx -2{,}326
Schritt 1 von 2

Warum taucht die Glocke überall auf? Bei den Sigma-Regeln hast du gesehen, dass Binomialverteilungen mit großem σ\sigma alle dieselbe Form haben. Das ist kein Zufall. Eine Binomialverteilung ist eine Summe vieler kleiner, unabhängiger Beiträge: Jeder Versuch trägt 00 oder 11 bei. Der zentrale Grenzwertsatz, einer der wichtigsten Sätze der Mathematik, besagt: Eine Summe vieler unabhängiger, nicht zu ungleicher Zufallsgrößen ist ungefähr normalverteilt, egal wie die einzelnen Summanden verteilt sind. Deshalb ist die Körpergröße (viele Gene, Ernährung, Umwelt) ungefähr normalverteilt, ebenso Messfehler (viele kleine Störungen). Im Versuch siehst du den Spezialfall der Binomialverteilung.

Die Glockenkurve über dem Binomial-Histogramm

Jeder Balken der Breite 11 steht für einen Wert kk und reicht von k−0,5k - 0{,}5 bis k+0,5k + 0{,}5. Will man die Balken von 1515 bis 2525 durch eine Fläche nähern, muss man deshalb von 14,514{,}5 bis 25,525{,}5 messen.

Probier es aus

Satz

Näherung der Binomialverteilung (de Moivre und Laplace)

Ist XX binomialverteilt mit μ=np\mu = np und σ=np(1−p)>3\sigma = \sqrt{np(1-p)} > 3, so gilt mit Stetigkeitskorrektur näherungsweise

P(X≤k)≈Φ ⁣(k+0,5−μσ),P(a≤X≤b)≈Φ ⁣(b+0,5−μσ)−Φ ⁣(a−0,5−μσ)P(X \le k) \approx \Phi\!\left(\frac{k + 0{,}5 - \mu}{\sigma}\right), \qquad P(a \le X \le b) \approx \Phi\!\left(\frac{b + 0{,}5 - \mu}{\sigma}\right) - \Phi\!\left(\frac{a - 0{,}5 - \mu}{\sigma}\right)
Beispiel

Stetigkeitskorrektur in Zahlen

XX ist binomialverteilt mit n=100n = 100 und p=0,3p = 0{,}3, also μ=30\mu = 30 und σ=21≈4,58\sigma = \sqrt{21} \approx 4{,}58. Gesucht ist P(X≤25)P(X \le 25).

P(X≤25)≈Φ ⁣(25,5−304,58)=Φ(−0,98)≈0,163P(X \le 25) \approx \Phi\!\left(\frac{25{,}5 - 30}{4{,}58}\right) = \Phi(-0{,}98) \approx 0{,}163

Der exakte Wert der Binomialverteilung ist 0,16310{,}1631. Ohne Korrektur, mit Φ(25−304,58)\Phi\big(\frac{25 - 30}{4{,}58}\big), erhielte man 0,1380{,}138, also einen deutlich schlechteren Wert. Heute rechnet der Taschenrechner die Binomialverteilung meist direkt aus. Die Näherung bleibt trotzdem wichtig, weil sie erklärt, warum die Sigma-Regeln gelten und warum alle großen Binomialverteilungen gleich aussehen.

Kurz geprüft

Die Körpergröße erwachsener Männer in einem Land ist ungefähr normalverteilt mit μ=178\mu = 178 cm und σ=7\sigma = 7 cm. Welche Größe überschreiten nur 10 %10\,\% der Männer? Runde auf ganze Zentimeter. (Φ(1,28)≈0,90\Phi(1{,}28) \approx 0{,}90)

Häufige Fehler

Den Funktionswert für eine Wahrscheinlichkeit halten

Man rechnet P(X=500)=φ(500)=142π≈0,0997P(X = 500) = \varphi(500) = \frac{1}{4\sqrt{2\pi}} \approx 0{,}0997.

Richtig ist

Bei stetigen Zufallsgrößen ist P(X=a)=0P(X = a) = 0. Der Wert der Dichte gibt keine Wahrscheinlichkeit an, erst eine Fläche tut das. Für „ungefähr 500500 g“ muss man einen Bereich angeben, etwa 499,5≤X≤500,5499{,}5 \le X \le 500{,}5.

Häufige Fehler

Durch die Varianz statt durch die Standardabweichung teilen

Bei N(500;16)N(500; 16) standardisiert man mit z=x−50016z = \frac{x - 500}{16}.

Richtig ist

In N(μ;σ2)N(\mu; \sigma^2) steht die Varianz. Bei N(500;16)N(500; 16) ist σ=4\sigma = 4, und man teilt durch 44. Am sichersten ist es, vor jeder Rechnung μ\mu und σ\sigma ausdrücklich hinzuschreiben.

Häufige Fehler

Die Seite verwechseln

Für P(X>510)P(X > 510) rechnet man Φ(2,5)≈0,994\Phi(2{,}5) \approx 0{,}994.

Richtig ist

Φ\Phi gibt immer die Fläche links von zz an. Für „größer als“ braucht man 1−Φ(z)1 - \Phi(z). Eine Skizze der Glocke mit der gesuchten Fläche verhindert diesen Fehler zuverlässig.

Zusammenfassung

  • Bei stetigen Zufallsgrößen sind Wahrscheinlichkeiten Flächen unter einer Dichtefunktion. Einzelne Werte haben die Wahrscheinlichkeit 00.

  • Die Normalverteilung N(μ;σ2)N(\mu; \sigma^2) hat die Glockenkurve φμ,σ(x)=1σ2πe−(x−μ)22σ2\varphi_{\mu,\sigma}(x) = \frac{1}{\sigma\sqrt{2\pi}} e^{-\frac{(x-\mu)^2}{2\sigma^2}} mit Maximum bei μ\mu und Wendestellen bei μ±σ\mu \pm \sigma.

  • Standardisierung: P(X≤x)=Φ(x−μσ)P(X \le x) = \Phi\big(\frac{x - \mu}{\sigma}\big), und Φ(−z)=1−Φ(z)\Phi(-z) = 1 - \Phi(z).

  • Rückwärts: Aus einer gegebenen Wahrscheinlichkeit findet man mit der Umkehrfunktion von Φ\Phi die Grenze.

  • Binomialverteilungen mit σ>3\sigma > 3 sind näherungsweise normalverteilt. Mit Stetigkeitskorrektur ±0,5\pm 0{,}5 wird die Näherung genau.

  • Der zentrale Grenzwertsatz erklärt, warum Summen vieler kleiner Einflüsse ungefähr normalverteilt sind.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

XX ist normalverteilt mit μ=50\mu = 50 und σ=5\sigma = 5. Berechne den standardisierten Wert zz von x=62x = 62.

Aufgabe 2Numerisch

Die Füllmenge ist N(500;42)N(500; 4^2)-verteilt. Berechne den Anteil der Packungen zwischen 495495 g und 505505 g auf vier Nachkommastellen. (Φ(1,25)≈0,8944\Phi(1{,}25) \approx 0{,}8944)

Aufgabe 3Multiple Choice

Zwei Normalverteilungen haben denselben Erwartungswert, aber σ1=2\sigma_1 = 2 und σ2=4\sigma_2 = 4. Wie verhalten sich die Maxima ihrer Dichtefunktionen?

Aufgabe 4Numerisch

Bei einem Test mit μ=100\mu = 100 und σ=15\sigma = 15: Welcher Anteil hat einen Wert über 130130? Gib vier Nachkommastellen an. (Φ(2)≈0,9772\Phi(2) \approx 0{,}9772)

Aufgabe 5Numerisch

Eine Maschine füllt mit σ=3\sigma = 3 g. Höchstens 5 %5\,\% der Packungen dürfen unter 250250 g liegen. Auf welchen Mittelwert muss man sie mindestens einstellen? Gib eine Nachkommastelle an. (Φ(−1,645)≈0,05\Phi(-1{,}645) \approx 0{,}05)

Aufgabe 6Numerisch

XX ist binomialverteilt mit n=100n = 100 und p=0,3p = 0{,}3. Nähere P(X≥36)P(X \ge 36) mit der Normalverteilung und Stetigkeitskorrektur. Gib drei Nachkommastellen an. (Φ(1,2)≈0,8849\Phi(1{,}2) \approx 0{,}8849)

Aufgabe 7Freitext

Begründe mit der zweiten Ableitung, dass die Dichtefunktion der Standardnormalverteilung φ(z)=12πe−z2/2\varphi(z) = \frac{1}{\sqrt{2\pi}} e^{-z^2/2} bei z=±1z = \pm 1 Wendestellen hat. Erkläre dann, was das für das Ablesen von σ\sigma an einem beliebigen Graphen einer Normalverteilung bedeutet.