Normalverteilung
Nach dieser Lektion kannst du
erklären, warum man bei stetigen Größen wie Länge oder Gewicht Wahrscheinlichkeiten als Flächen unter einer Dichtefunktion beschreibt
die Gaußsche Glockenkurve mit ihren Parametern und beschreiben und ihre Wendestellen herleiten
Wahrscheinlichkeiten normalverteilter Größen mit Standardisierung und berechnen und Grenzen rückwärts bestimmen
Binomialverteilungen mit großem durch die Normalverteilung nähern und dabei die Stetigkeitskorrektur anwenden
Wenn es keine einzelnen Werte mehr gibt. Bisher hatten Zufallsgrößen einzelne Werte: Treffer. Viele Größen sind aber stetig: die Körpergröße eines Menschen, das Gewicht einer Packung Mehl, die Abweichung eines Messwerts. Sie können jeden Wert in einem Bereich annehmen.
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand genau cm groß ist, auf unendlich viele Stellen genau? Sie ist . Es gibt unendlich viele mögliche Werte, und keiner hat ein eigenes Stück Wahrscheinlichkeit. Sinnvoll ist nur die Frage nach Bereichen: Wie wahrscheinlich ist eine Größe zwischen und cm?
Misst man die Körpergrößen vieler Menschen und zeichnet ein Histogramm, dessen Balkenflächen die relativen Häufigkeiten sind, so entsteht mit immer feineren Klassen eine glatte Kurve. Die Wahrscheinlichkeit eines Bereichs ist dann die Fläche unter dieser Kurve. Bei Körpergrößen, Messfehlern und vielen anderen Größen hat die Kurve immer dieselbe Glockenform. Sie heißt nach Carl Friedrich Gauß die Gaußsche Glockenkurve.
Intelligenztests werden so geeicht, dass die Ergebnisse normalverteilt sind mit dem Mittelwert und der Standardabweichung . Welcher Anteil der Menschen hat einen Wert zwischen und ?
Probier es aus
Dichtefunktion einer stetigen Zufallsgröße
Eine stetige Zufallsgröße wird durch eine Dichtefunktion beschrieben. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwischen und liegt, ist die Fläche unter dem Graphen von :
Eine Dichtefunktion muss zwei Bedingungen erfüllen: für alle , und die Gesamtfläche ist . Daraus folgt:
- für jeden einzelnen Wert, denn über einem Punkt liegt keine Fläche. Deshalb ist es egal, ob man oder schreibt.
- Der Funktionswert selbst ist keine Wahrscheinlichkeit. Er sagt nur, wie dicht die Wahrscheinlichkeit in der Nähe von liegt, und kann größer als sein.
Den Erwartungswert und die Varianz bildet man wie bei endlichen Zufallsgrößen, nur mit Integral statt Summe: .
Normalverteilung
Eine Zufallsgröße heißt normalverteilt mit den Parametern und , wenn sie die Dichtefunktion
hat. Man schreibt kurz . Dabei ist der Erwartungswert und die Standardabweichung.
Was die Formel tut, lässt sich Stück für Stück lesen: misst den quadrierten Abstand von der Mitte. Teilen durch misst ihn in Einheiten von . Das Minuszeichen im Exponenten sorgt dafür, dass mit wachsendem Abstand schnell gegen fällt. Der Vorfaktor ist genau so gewählt, dass die Gesamtfläche wird: Eine breitere Glocke (großes ) muss dafür niedriger sein.
Form der Glockenkurve
Der Graph von ist symmetrisch zur Geraden , hat dort sein einziges Maximum und hat genau zwei Wendestellen:
Standardisierung und die Funktion Φ
Die Fläche unter der Glockenkurve lässt sich nicht mit einer Stammfunktion aus bekannten Funktionen berechnen. Man braucht Tabellen oder den Rechner. Damit nicht jede Kombination von und eine eigene Tabelle braucht, rechnet man um. Ist , so ist
standardnormalverteilt, also . misst, um wie viele Standardabweichungen ein Wert über oder unter dem Erwartungswert liegt. Die Verteilungsfunktion von heißt (groß Phi):
Nützlich ist die Symmetrie . Auf dem Rechner heißt die Funktion oft „normalcdf“ oder „NormCD“. Dann gibt man und direkt ein und braucht keine Umrechnung.
Unterfüllte Packungen
Unterfüllte Packungen
Eine Maschine füllt Mehl ab. Die Füllmenge ist normalverteilt mit g und g. Wie groß ist der Anteil der Packungen mit weniger als g?
Standardisieren:
Wie groß ist bei derselben Maschine ( g, g) der Anteil der Packungen mit mehr als g? Gib vier Nachkommastellen an. ()
Rückwärts: die Maschine richtig einstellen
Rückwärts: die Maschine richtig einstellen
Gesetzlich dürfen höchstens der Packungen unter g liegen. Die Streuung g lässt sich nicht verbessern, aber der Mittelwert ist einstellbar. Welches muss man mindestens wählen?
Gesucht ist das , unter dem genau der Fläche liegt:
Warum taucht die Glocke überall auf? Bei den Sigma-Regeln hast du gesehen, dass Binomialverteilungen mit großem alle dieselbe Form haben. Das ist kein Zufall. Eine Binomialverteilung ist eine Summe vieler kleiner, unabhängiger Beiträge: Jeder Versuch trägt oder bei. Der zentrale Grenzwertsatz, einer der wichtigsten Sätze der Mathematik, besagt: Eine Summe vieler unabhängiger, nicht zu ungleicher Zufallsgrößen ist ungefähr normalverteilt, egal wie die einzelnen Summanden verteilt sind. Deshalb ist die Körpergröße (viele Gene, Ernährung, Umwelt) ungefähr normalverteilt, ebenso Messfehler (viele kleine Störungen). Im Versuch siehst du den Spezialfall der Binomialverteilung.
Probier es aus
Näherung der Binomialverteilung (de Moivre und Laplace)
Ist binomialverteilt mit und , so gilt mit Stetigkeitskorrektur näherungsweise
Stetigkeitskorrektur in Zahlen
Stetigkeitskorrektur in Zahlen
ist binomialverteilt mit und , also und . Gesucht ist .
Der exakte Wert der Binomialverteilung ist . Ohne Korrektur, mit , erhielte man , also einen deutlich schlechteren Wert. Heute rechnet der Taschenrechner die Binomialverteilung meist direkt aus. Die Näherung bleibt trotzdem wichtig, weil sie erklärt, warum die Sigma-Regeln gelten und warum alle großen Binomialverteilungen gleich aussehen.
Die Körpergröße erwachsener Männer in einem Land ist ungefähr normalverteilt mit cm und cm. Welche Größe überschreiten nur der Männer? Runde auf ganze Zentimeter. ()
Den Funktionswert für eine Wahrscheinlichkeit halten
Den Funktionswert für eine Wahrscheinlichkeit halten
Man rechnet .
Bei stetigen Zufallsgrößen ist . Der Wert der Dichte gibt keine Wahrscheinlichkeit an, erst eine Fläche tut das. Für „ungefähr g“ muss man einen Bereich angeben, etwa .
Durch die Varianz statt durch die Standardabweichung teilen
Durch die Varianz statt durch die Standardabweichung teilen
Bei standardisiert man mit .
In steht die Varianz. Bei ist , und man teilt durch . Am sichersten ist es, vor jeder Rechnung und ausdrücklich hinzuschreiben.
Die Seite verwechseln
Die Seite verwechseln
Für rechnet man .
gibt immer die Fläche links von an. Für „größer als“ braucht man . Eine Skizze der Glocke mit der gesuchten Fläche verhindert diesen Fehler zuverlässig.
Zusammenfassung
Bei stetigen Zufallsgrößen sind Wahrscheinlichkeiten Flächen unter einer Dichtefunktion. Einzelne Werte haben die Wahrscheinlichkeit .
Die Normalverteilung hat die Glockenkurve mit Maximum bei und Wendestellen bei .
Standardisierung: , und .
Rückwärts: Aus einer gegebenen Wahrscheinlichkeit findet man mit der Umkehrfunktion von die Grenze.
Binomialverteilungen mit sind näherungsweise normalverteilt. Mit Stetigkeitskorrektur wird die Näherung genau.
Der zentrale Grenzwertsatz erklärt, warum Summen vieler kleiner Einflüsse ungefähr normalverteilt sind.
Übungen
ist normalverteilt mit und . Berechne den standardisierten Wert von .
Die Füllmenge ist -verteilt. Berechne den Anteil der Packungen zwischen g und g auf vier Nachkommastellen. ()
Zwei Normalverteilungen haben denselben Erwartungswert, aber und . Wie verhalten sich die Maxima ihrer Dichtefunktionen?
Bei einem Test mit und : Welcher Anteil hat einen Wert über ? Gib vier Nachkommastellen an. ()
Eine Maschine füllt mit g. Höchstens der Packungen dürfen unter g liegen. Auf welchen Mittelwert muss man sie mindestens einstellen? Gib eine Nachkommastelle an. ()
ist binomialverteilt mit und . Nähere mit der Normalverteilung und Stetigkeitskorrektur. Gib drei Nachkommastellen an. ()
Begründe mit der zweiten Ableitung, dass die Dichtefunktion der Standardnormalverteilung bei Wendestellen hat. Erkläre dann, was das für das Ablesen von an einem beliebigen Graphen einer Normalverteilung bedeutet.