Lektion 13.4

Urnenmodelle und hypergeometrische Verteilung

40 min Lesezeit

Nach dieser Lektion kannst du

  • Ziehen mit und ohne Zurücklegen unterscheiden,

  • erklären, warum sich die Trefferwahrscheinlichkeit ohne Zurücklegen von Zug zu Zug ändert,

  • die hypergeometrische Formel für „kk Treffer in nn Zügen ohne Zurücklegen“ anwenden,

  • sagen, wann die Binomialverteilung eine brauchbare Näherung ist.

In einer Urne liegen 55 rote und 1515 weiße Kugeln. Du ziehst drei Kugeln. Legst du jede zurück, bleibt die Chance auf Rot bei jedem Zug 5/205/20. Legst du sie nicht zurück, hängt der zweite Zug davon ab, was der erste war: Nach einer roten Kugel sind es 44 von 1919.

Die Binomialverteilung braucht eine feste Trefferwahrscheinlichkeit. Ohne Zurücklegen ist das falsch. Die passende Verteilung heißt hypergeometrisch: Sie zählt, auf wie viele Arten man kk rote aus den vorhandenen roten und den Rest aus den weißen wählen kann.

Vermute zuerst

Urne: 22 rote, 22 weiße. Zwei Züge ohne Zurücklegen. Wie wahrscheinlich sind zwei rote Kugeln?

Ohne Zurücklegen: jeder Zug ändert die Urne

Sammelproblem: klassisches Urnenbild ohne Zurücklegen. Die hypergeometrische Verteilung unten zählt etwas anderes — eine feste Zahl von Zügen und die Treffer darin.

Probier es aus

Definition

Hypergeometrische Verteilung

Eine Urne enthält KK Treffer und N−KN-K Nieten, zusammen NN Kugeln. Man zieht nn Kugeln ohne Zurücklegen. XX = Anzahl der Treffer in der Ziehung.

P(X=k)=(Kk) (N−Kn−k)(Nn)\displaystyle P(X = k) = \frac{\binom{K}{k}\,\binom{N-K}{n-k}}{\binom{N}{n}},

für alle kk, bei denen die Binomialkoeffizienten sinnvoll sind (k≤Kk \le K, n−k≤N−Kn-k \le N-K).

Erwartungswert: E(X)=n⋅KNE(X) = n \cdot \dfrac{K}{N}. Dieselbe Form wie npnp, mit p=K/Np = K/N — aber die Varianz ist kleiner als bei der Binomialverteilung, weil die Züge sich ausgleichen.

Ist nn klein gegen NN (etwa n/N<0,05n/N < 0{,}05), ändert sich die Zusammensetzung kaum. Dann darf man mit p=K/Np = K/N binomial rechnen.

Schritt für Schritt

Drei Kugeln aus 55 roten und 1515 weißen, genau eine rote

N=20N = 20, K=5K = 5, n=3n = 3, k=1k = 1.

  1. Zähler: (51)(152)=5⋅105=525\binom{5}{1}\binom{15}{2} = 5 \cdot 105 = 525.

Schritt 1 von 3
Beispiel

Qualitätskontrolle

Eine Lieferung hat 100100 Teile, davon sind 44 defekt. Man prüft 1010 ohne Zurücklegen. Wahrscheinlichkeit, keinen Defekt zu finden: (40)(9610)/(10010)\binom{4}{0}\binom{96}{10}/\binom{100}{10}.

P(X=0)=(9610)(10010)P(X = 0) = \frac{\binom{96}{10}}{\binom{100}{10}}

Das ist kleiner als (0,96)10(0{,}96)^{10}, die Binomialnäherung, weil die ersten heilen Teile die Chance auf weitere heile Teile leicht senken — hier nur leicht, weil 1010 von 100100 noch überschaubar ist. In der Schule rechnet man den Bruch aus oder lässt ihn stehen.

Kurz geprüft

Wann ist die Binomialverteilung für eine Urne irreführend?

Häufige Fehler

Mit und ohne Zurücklegen in eine Formel pressen

„Drei Kugeln nacheinander“ ohne Zurücklegen ist keine Bernoulli-Kette, auch wenn man einen Baum zeichnet. Die Äste der zweiten Stufe haben andere Wahrscheinlichkeiten als die der ersten.

Wer (Nn)\binom{N}{n} im Nenner vergisst und nur (Kk)\binom{K}{k} hinschreibt, zählt Auswahlen der Treffer, aber nicht, wie viele Gesamtziehungen es gibt.

Richtig ist

Ohne Zurücklegen: hypergeometrisch. Mit Zurücklegen: binomial. Nenner (Nn)\binom{N}{n}.

Zusammenfassung

  • Mit Zurücklegen: pp fest, binomial. Ohne: pp ändert sich, hypergeometrisch.

  • P(X=k)=(Kk)(N−Kn−k)/(Nn)P(X=k) = \binom{K}{k}\binom{N-K}{n-k} / \binom{N}{n}.

  • E(X)=nK/NE(X) = n K/N, Varianz kleiner als binomial.

  • Kleine Stichprobe aus großer Urne: Binomial mit p=K/Np = K/N ist eine Näherung.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Wahrscheinlichkeit für zwei rote Kugeln bei 22 rot, 22 weiß, zwei Zügen ohne Zurücklegen. Als Dezimalzahl gerundet auf drei Stellen.

Aufgabe 2Numerisch

Erwartete Anzahl roter Kugeln, wenn aus 55 roten und 1515 weißen drei gezogen werden.

Aufgabe 3Multiple Choice

(Nn)\binom{N}{n} im Nenner der hypergeometrischen Formel zählt

Aufgabe 4Freitext

Warum ist E(X)=nK/NE(X) = n K/N auch ohne Zurücklegen richtig, obwohl die einzelnen Züge abhängig sind?