Lektion 1.1

Kennzeichen des Lebendigen und naturwissenschaftliches Arbeiten

15 min Lesezeit

Du siehst eine Kerzenflamme. Sie wird größer, wenn du Wachs nachlegst. Sie bewegt sich im Luftzug und braucht Luft zum Brennen. Ist sie deshalb lebendig? Und ein Auto, das fährt und Benzin „frisst“? Oder ein Samenkorn, das in der Schublade liegt und sich nicht rührt?

Du sagst sofort: Flamme und Auto leben nicht, das Samenkorn schon. Aber woran erkennst du das? Wer in der Biologie arbeitet, braucht feste Regeln und darf nicht raten.

Du lernst die fünf Kennzeichen des Lebendigen kennen. Du lernst auch, wie man in der Biologie vorgeht: beobachten, vermuten, ausprobieren und aufschreiben. Dazu kommen zwei einfache Tests, mit denen du Stärke und Fett in Lebensmitteln findest.

Definition

Lebewesen und ihre fünf Kennzeichen

Die Biologie ist die Wissenschaft von den Lebewesen. Ein Lebewesen zeigt im Lauf seines Lebens alle fünf Kennzeichen:

  • Stoffwechsel: Das Lebewesen nimmt Stoffe auf, baut sie im Körper um und gibt andere Stoffe wieder ab. Ein Hund frisst, trinkt, atmet und scheidet Stoffe aus. Eine Pflanze nimmt Wasser und Luft auf und gibt Sauerstoff ab.
  • Bewegung: Das Lebewesen bewegt sich von selbst. Auch Pflanzen bewegen sich, nur langsam. Ein Gänseblümchen öffnet seine Blüte am Tag und schließt sie am Abend.
  • Reizbarkeit: Ein Reiz ist ein Signal aus der Umgebung, zum Beispiel Licht, Wärme, Berührung oder ein Geräusch. Das Lebewesen nimmt ihn wahr und reagiert darauf. Du ziehst die Hand von der heißen Herdplatte weg. Eine Zimmerpflanze wächst zum Fenster hin.
  • Wachstum und Entwicklung: Das Lebewesen wird größer (Wachstum) und verändert seine Gestalt (Entwicklung). Aus einer Kaulquappe wird ein Frosch.
  • Fortpflanzung: Das Lebewesen bekommt Nachkommen und gibt so seine Art weiter. Nicht jedes einzelne Tier muss Junge haben. Es reicht, dass seine Art sich fortpflanzt.

Alles, was nicht lebt, nennen wir nicht lebendig: Steine, Wasser, Maschinen und Feuer.

Beispiel

Lebt es oder lebt es nicht?

Wir prüfen fünf Dinge mit den fünf Kennzeichen.

DingAlle fünf Kennzeichen im Lauf des Lebens?Begründung
KatzejaSie frisst, läuft, erschrickt bei Lärm, wächst und bekommt Junge.
TulpejaSie nimmt Wasser auf, öffnet die Blüte, wächst zum Licht und bildet Samen.
Samenkornruhend: derzeit kaum, nach dem Keimen alleEs ruht nur. Mit Wasser und Wärme keimt es und wächst.
AutoneinEs fährt, aber nur, weil jemand lenkt. Es wächst nicht und hat keine Nachkommen.
SalzkristallneinEr wächst in Salzwasser, aber nur, weil sich Salz von außen anlagert. Er nimmt nichts auf und reagiert auf nichts.

So gehst du vor: Prüfe die Kennzeichen der Reihe nach und frage, ob das Ding sie im Lauf seines Lebens alle zeigt. Fehlt eines für immer, ist es kein Lebewesen. Bei der Fortpflanzung gilt: Ein einzelnes Tier muss nicht selbst Junge bekommen, es reicht, dass seine Art sich fortpflanzt. Beim Auto und beim Salzkristall fehlen mehrere Kennzeichen, zum Beispiel Reizbarkeit und Fortpflanzung. Das Samenkorn ist ein Sonderfall: Solange es ruht, zeigt es kaum etwas. Nach dem Keimen zeigt es alle fünf Kennzeichen. Darum lebt es.

Definition

Beobachten, Vergleichen, Ordnen und die Lupe

Beobachten heißt, genau hinzusehen und aufzuschreiben, was du wahrnimmst, ohne es zu deuten. „Der Käfer hat sechs Beine“ ist eine Beobachtung. „Der Käfer ist traurig“ ist keine.

Beim Vergleichen suchst du Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Beim Ordnen sortierst du nach einem Merkmal, zum Beispiel Tiere nach der Zahl ihrer Beine.

Die Lupe hilft beim Beobachten, denn sie vergrößert das Bild. So benutzt du sie: Halte die Lupe dicht vor dein Auge. Bringe den Gegenstand langsam näher, bis das Bild scharf ist.

Definition

Vermutung, Experiment und Protokoll

Aus Beobachtungen entstehen Fragen. Auf eine Frage gibst du zuerst eine Vermutung. Das ist eine begründete Antwort, die noch nicht geprüft ist. Prüfen kannst du sie mit einem Experiment, einem Versuch, den du vorher planst.

Dabei gilt: Du änderst immer nur eine Sache und hältst alles andere gleich. Willst du wissen, ob eine Bohne Licht braucht, stellst du eine Bohne ans Fenster und eine ins Dunkle. Erde, Wasser und Wärme sind bei beiden gleich. Sonst wüsstest du nicht, was die Wirkung hatte.

Im Protokoll schreibst du alles auf, damit andere den Versuch wiederholen können. Es hat sechs Teile: Frage, Vermutung, Material, Durchführung, Beobachtung, Ergebnis.

Definition

Nachweisreaktionen: Stärke und Fett

Eine Nachweisreaktion ist ein einfacher Test, der zeigt, ob ein bestimmter Stoff in einer Probe steckt. Zwei Tests kennst du bald aus der Schule:

  • Stärkenachweis: Stärke ist ein Nährstoff, der in Kartoffeln, Reis, Brot und Mehl steckt. Du gibst einen Tropfen Iod-Lösung auf die Probe. Die Lösung ist gelbbraun. Wo Stärke ist, färbt sie sich blauschwarz. Ohne Stärke bleibt sie gelbbraun.
  • Fettfleckprobe: Du reibst die Probe auf ein Blatt Papier und hältst es gegen das Licht. Fett macht einen Fleck, der durchscheinend bleibt, auch wenn das Papier trocken ist. Wasser macht auch einen Fleck, aber der verschwindet beim Trocknen.

Iod-Lösung ist nichts zum Essen und färbt Haut und Kleidung. Du arbeitest nur mit deiner Lehrkraft damit.

Beispiel

Ein Protokoll zum Stärkenachweis

Du möchtest wissen, welche Lebensmittel Stärke enthalten, und schreibst ein Protokoll.

  • Frage: Welche Lebensmittel enthalten Stärke?
  • Vermutung: Kartoffel und Mehl enthalten Stärke, Zucker nicht.
  • Material: eine Kartoffelscheibe, etwas Mehl, etwas Zucker, Iod-Lösung, Pipette, drei Teller.
  • Durchführung: Du legst jede Probe auf einen eigenen Teller und gibst auf jede einen Tropfen Iod-Lösung.
  • Beobachtung: Kartoffel und Mehl färben sich blauschwarz. Der Zucker bleibt gelbbraun.
  • Ergebnis: Die Vermutung ist bestätigt. Kartoffel und Mehl enthalten Stärke, Zucker nicht.

Hätte sich der Zucker blauschwarz gefärbt, wäre die Vermutung falsch gewesen. Auch das wäre ein gutes Ergebnis.

Definition

Modell

Ein Modell ist eine vereinfachte Nachbildung der Wirklichkeit. Ein Globus ist ein Modell der Erde. Ein Skelettmodell zeigt dir die Knochen, ohne dass du ein echtes Skelett brauchst.

Ein Modell zeigt nur, was für die Frage wichtig ist, und lässt anderes weg. Auf dem Globus kannst du keine Berge besteigen. Ein Modell hilft beim Verstehen, ist aber nicht das Original.

Häufige Fehler

Was sich bewegt, lebt

„Eine Wolke bewegt sich, also lebt sie. Ein Baum bewegt sich nicht, also lebt er nicht.“

Richtig ist

Bewegung allein reicht nicht. Auch Wolken, Autos und Uhrzeiger bewegen sich. Ein Lebewesen muss alle fünf Kennzeichen zeigen. Ein Baum zeigt sie, nur sehr langsam. Eine Wolke zeigt keines davon.

Häufige Fehler

Falsche Vermutung heißt Fehler

„Mein Versuch hat meine Vermutung nicht bestätigt, also habe ich etwas falsch gemacht.“

Richtig ist

Eine Vermutung darf falsch sein. Dafür prüfst du sie ja. Wenn der Versuch sie nicht bestätigt, hast du etwas gelernt. Du schreibst dann ins Protokoll, was du beobachtet hast, und stellst eine neue Vermutung auf.

Zusammenfassung

  • Lebewesen zeigen im Lauf ihres Lebens fünf Kennzeichen: Stoffwechsel, Bewegung, Reizbarkeit, Wachstum und Entwicklung, Fortpflanzung.

  • Nicht Lebendiges wie Feuer, Auto oder Salzkristall zeigt nicht alle fünf, auch wenn es sich bewegt oder wächst.

  • Beobachten heißt genau hinsehen, ohne zu deuten. Vergleichen und Ordnen helfen, Muster zu finden. Die Lupe vergrößert.

  • Ein Experiment prüft eine Vermutung. Du änderst dabei immer nur eine Sache.

  • Das Protokoll hat sechs Teile: Frage, Vermutung, Material, Durchführung, Beobachtung, Ergebnis.

  • Iod-Lösung färbt Stärke blauschwarz. Fett macht auf Papier einen durchscheinenden Fleck, der bleibt.

  • Ein Modell ist eine vereinfachte Nachbildung der Wirklichkeit und nicht das Original.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Welches dieser Dinge ist ein Lebewesen?

Aufgabe 2Multiple Choice

Du tropfst Iod-Lösung auf ein Stück Brot. Die Stelle wird blauschwarz. Was schließt du daraus?

Aufgabe 3Numerisch

Du testest fünf Proben mit Iod-Lösung: Reis, Zucker, Kartoffel, Salz und Mehl. Reis, Kartoffel und Mehl färben sich blauschwarz. Bei wie vielen Proben bleibt die Lösung gelbbraun?

Aufgabe 4Numerisch

Ein Protokoll hat sechs Teile: Frage, Vermutung, Material, Durchführung, Beobachtung und Ergebnis. Du hast schon Frage, Vermutung und Material geschrieben. Wie viele Teile fehlen noch?

Aufgabe 5Freitext

Tim sagt: „Eine Rose ist kein Lebewesen, weil sie sich nicht bewegt.“ Erkläre, warum Tim sich irrt. Nenne mindestens drei Kennzeichen, die die Rose zeigt.

Aufgabe 6Freitext

Du willst herausfinden, ob Bohnensamen Licht zum Keimen brauchen. Schreibe eine Vermutung auf und beschreibe einen Versuch, in dem du nur eine Sache änderst.