Verhalten von Tieren
Dein Hund wedelt mit dem Schwanz. Die Katze macht einen Buckel und faucht. Im Frühjahr singt ein Rotkehlchen laut im Busch. Ein frisch geschlüpftes Entenküken läuft hinter seiner Mutter her. Was bedeutet das alles? Und woher wissen die Tiere, was sie tun müssen? Hat es ihnen jemand beigebracht, oder können sie es von Geburt an?
Du lernst, wie man Tierverhalten beobachtet und aufschreibt, wie Tiere sich verständigen und wie Verhalten entsteht: angeboren oder durch Lernen.
Verhalten und Ethogramm
Verhalten ist alles, was ein Tier tut und wie es auf seine Umgebung reagiert: Bewegungen, Körperhaltung und Laute. Die Wissenschaft, die Verhalten untersucht, heißt Verhaltensforschung.
Dabei beschreibt man zuerst nur, was man sieht. „Der Hund wedelt mit dem Schwanz“ ist eine Beobachtung. „Der Hund freut sich“ ist eine Deutung. Ein Ethogramm ist eine Liste aller Verhaltensweisen einer Tierart. Zu jeder gehört eine genaue Beschreibung und die vermutete Bedeutung.
Jagd-, Revier-, Balz- und Brutpflegeverhalten
Viele Verhaltensweisen lassen sich nach ihrem Zweck ordnen:
- Jagdverhalten: Das Tier fängt Beute. Die Katze beschleicht die Beute, duckt sich, springt und beißt zu. Das tut sie auch, wenn sie satt ist. Wölfe jagen gemeinsam im Rudel, also in der Gruppe.
- Revierverhalten: Ein Revier ist ein Gebiet, das ein Tier gegen Artgenossen verteidigt. Dort findet es Nahrung und einen Platz für sein Nest. Das Rotkehlchen singt, um sein Revier zu markieren, und der Hund markiert mit Duftmarken. Eindringlinge werden zuerst bedroht und erst dann angegriffen.
- Balzverhalten: Das Tier wirbt um einen Partner. Der Pfau schlägt sein Rad, der Hirsch röhrt, Haubentaucher führen einen Tanz auf.
- Brutpflegeverhalten: Die Eltern kümmern sich um Eier und Junge. Amseln füttern ihre Küken, die Katze säugt ihre Jungen, das Stichlingsmännchen bewacht das Nest.
Signale und Verständigung
Ein Signal ist ein Zeichen, das ein Tier aussendet und das ein anderes Tier wahrnimmt. Tiere verständigen sich so miteinander. Es gibt mehrere Arten von Signalen:
- Laute: Vogelgesang und Warnrufe der Amsel.
- Gerüche: Ameisen legen eine Duftspur zur Futterquelle.
- Körperhaltung: Die Katze droht mit Buckel und gesträubtem Fell.
- Bewegung: Honigbienen verraten durch den Schwänzeltanz, wo Futter ist.
Viele Signale sind artspezifisch, besonders Gesang und Balz. Das heißt, sie gelten für eine Art, und nur Artgenossen verstehen sie richtig. Jede Vogelart singt anders. So erkennt das Weibchen ein Männchen der eigenen Art. Andere Signale verstehen auch andere Arten. Der Warnruf der Amsel warnt auch andere Vögel, und der Katzenbuckel droht auch einem Hund.
Sinnesleistungen und Verhalten
Tiere reagieren auf das, was ihre Sinne melden. Weil die Sinne verschieden sind, nehmen sie die Welt anders wahr als wir:
- Hunde riechen viel besser als Menschen und hören sehr hohe Töne.
- Katzen sehen in der Dämmerung viel besser als wir.
- Fledermäuse stoßen sehr hohe Töne aus und hören das Echo. So finden sie Beute im Dunkeln.
- Bienen sehen ultraviolettes Licht, das wir nicht sehen. Viele Blüten haben für sie Muster.
Ein Ethogramm für die Katze
Ein Ethogramm für die Katze
Wir beobachten eine Katze und tragen ein, was wir sehen und wie wir es deuten.
| Beobachtung | Mögliche Bedeutung |
|---|---|
| Schwanz steil nach oben, Katze kommt auf dich zu | freundliche Begrüßung |
| Katze reibt den Kopf an deinem Bein | setzt Duftmarken, Begrüßung |
| Buckel, gesträubtes Fell, Fauchen | Drohen oder Angst |
| Ohren eng an den Kopf gelegt | Angst oder Kampfbereitschaft |
Du schreibst zuerst die Beobachtung auf, nur das, was du sehen kannst. Erst danach überlegst du, was sie bedeuten kann. Beim Deuten schaust du auf das ganze Tier, denn ein Zeichen allein kann täuschen.
Angeborenes und erlerntes Verhalten, reaktionsauslösende Reize
Angeborenes Verhalten zeigt ein Tier, ohne es gelernt zu haben. Eine Spinne baut ihr Netz, obwohl sie es nie bei einer anderen gesehen hat. Ein Küken pickt gleich nach dem Schlüpfen nach Körnern.
Erlerntes Verhalten entsteht durch Erfahrung. Ein Hund lernt, auf „Sitz“ zu hören.
Angeborenes Verhalten startet oft durch einen einfachen Reiz. Man nennt ihn reaktionsauslösenden Reiz oder Schlüsselreiz. Ein Schlüsselreiz passt zum Verhalten wie ein Schlüssel zum Schloss. Das Stichlingsmännchen greift im Frühjahr jeden Eindringling mit roter Unterseite an. Das Rotkehlchen greift in seinem Revier schon ein Büschel roter Federn an, denn der rote Fleck an der Brust ist sein Schlüsselreiz.
Der Stichling und die Attrappen
Der Stichling und die Attrappen
Ein Forscher hält einem Stichlingsmännchen im Frühjahr drei Nachbildungen (Attrappen) ins Aquarium. Attrappe A ist ein lebensechter Fisch ohne Rot. Attrappe B ist ein grober Klotz mit rotem Unterbauch. Attrappe C ist ein lebensechter Fisch mit rotem Unterbauch.
Das Männchen greift B und C an. A beachtet es nicht, obwohl sie am echtesten aussieht.
Der Schluss: Nicht das ganze Aussehen löst den Angriff aus, sondern das Rot am Bauch. Das ist der Schlüsselreiz. Das Verhalten ist angeboren, denn das Männchen musste es nicht lernen.
Prägung
Bei der Prägung lernt ein Jungtier in einer kurzen Zeit nach dem Schlüpfen oder der Geburt, wem es folgen soll. Es merkt sich das erste bewegte Lebewesen, das es sieht, und läuft ihm nach. Der Forscher Konrad Lorenz zog Graugänse auf, die ihm überall hinterherliefen, als wäre er ihre Mutter. Prägung bleibt meist ein Leben lang erhalten. In der Natur ist das erste bewegte Wesen fast immer die Mutter. Dann ist die Prägung sinnvoll.
Klassische und operante Konditionierung
Tiere können lernen, Dinge zu verknüpfen. Zwei wichtige Wege heißen Konditionierung:
- Klassische Konditionierung: Das Tier verknüpft zwei Dinge, die oft zusammen auftreten. Der Forscher Iwan Pawlow läutete jedes Mal eine Glocke, wenn sein Hund Futter bekam. Futter lässt Speichel fließen, das ist angeboren. Nach vielen Wiederholungen floss der Speichel schon beim Läuten. Der Hund hatte gelernt: Glocke bedeutet Futter. Auch deine Katze läuft in die Küche, wenn sie den Dosenöffner hört.
- Operante Konditionierung: Das Tier lernt aus den Folgen seines eigenen Tuns. Verhalten, das belohnt wird, zeigt es öfter. Ein Hund setzt sich und bekommt ein Leckerli, also setzt er sich bald auf Zeichen. Beim Training mit dem Klicker zeigt ein Klickton: „Das war richtig.“ Dann folgt die Belohnung. Training mit Belohnung ist schonender als mit Strafe.
Schwanzwedeln heißt immer Freude
Schwanzwedeln heißt immer Freude
„Der Hund wedelt mit dem Schwanz, also freut er sich und darf von mir gestreichelt werden.“
Schwanzwedeln zeigt Erregung und kann auch Unsicherheit oder Drohen bedeuten. Du musst das ganze Tier ansehen: Ohren, Körperhaltung, Zähne und Blick. Fasse fremde Hunde nie an, ohne die Besitzerin zu fragen.
Alles Verhalten wird gelernt
Alles Verhalten wird gelernt
„Die junge Spinne baut ihr Netz, weil sie es bei ihrer Mutter gesehen hat.“
Spinnen sehen ihre Mutter nie beim Netzbau, und trotzdem bauen sie ein richtiges Netz. Das Verhalten ist angeboren. Viele Tiere zeigen Verhalten, das sie nicht lernen müssen. Anderes wird erst durch Erfahrung gelernt, wie das „Sitz“ beim Hund.
Zusammenfassung
Verhalten ist alles, was ein Tier tut. Beim Beobachten beschreibst du nur, was du siehst, und deutest erst danach. Ein Ethogramm ordnet die Verhaltensweisen einer Art.
Jagd-, Revier-, Balz- und Brutpflegeverhalten sind wichtige Verhaltensbereiche.
Signale wie Laute, Düfte, Haltungen und Tänze dienen der Verständigung. Gesang und Balz sind meist artspezifisch, Warnrufe und Drohen verstehen oft auch andere Arten.
Tiere nehmen die Welt mit ihren Sinnen anders wahr als wir, zum Beispiel Hunde mit der Nase und Fledermäuse mit Echo.
Angeborenes Verhalten braucht kein Lernen. Oft löst ein Schlüsselreiz es aus, wie das Rot beim Stichling.
Prägung ist Lernen in einer kurzen Zeit nach der Geburt. Bei der klassischen Konditionierung verknüpft das Tier zwei Dinge, bei der operanten Konditionierung lernt es aus Belohnung.
Übungen
Eine junge Spinne baut ihr erstes Netz, ohne es je gesehen zu haben. Was für ein Verhalten ist das?
Ein Hund bekommt jedes Mal ein Leckerli, wenn er sich auf Zeichen hinsetzt. Nach einigen Tagen setzt er sich sofort hin. Wie hat er das gelernt?
Ein Stichlingsmännchen im Frühjahr sieht fünf Attrappen: 3 haben einen roten Unterbauch, 2 haben keinen. Es greift jede Attrappe mit Rot an und keine ohne Rot. Wie viele Attrappen greift es an?
Du übst mit einem Hund 4 Tage lang. An jedem Tag übst du 6 Mal „Sitz“ und gibst bei jedem richtigen Sitz ein Leckerli. Wie viele Leckerli sind das, wenn immer alles richtig klappt?
Ein Rotkehlchen sitzt auf einem Ast und singt. Als ein fremdes Rotkehlchen in das Gebiet fliegt, greift es dieses an. Wie heißt dieses Verhalten, und welchen Zweck hat es?
Erkläre am Beispiel der Graugans, was Prägung ist. Warum ist Prägung in der Natur meist sinnvoll?