Lektion 6.1

Wahrscheinlichkeit: Laplace-Experimente und Ereignisse

14 min Lesezeit

Bei einem Brettspiel brauchst du eine 6, um aus dem Startfeld zu kommen. Dein Bruder sagt: „Das ist reines Glück, da kann man nichts ausrechnen.“ Doch, man kann etwas ausrechnen, nämlich wie groß die Chance auf eine 6 ist.

In Klasse 5-6 hast du Chancen mit Brüchen verglichen und mit relativen Häufigkeiten geschätzt. Jetzt bekommt die Chance eine feste Zahl. Sie heißt Wahrscheinlichkeit.

Außerdem geht es um eine Frage, die jede Losbude betrifft: Ein Spiel kostet 1 Euro Einsatz. Du wirfst einen Würfel und bekommst bei einer 6 genau 6 Euro, sonst nichts. Ist das gerecht? In dieser Lektion lernst du die Schreibweisen und die Regeln, mit denen du so etwas ausrechnest.

Definition

Ergebnismenge, Ereignis und Gegenereignis

Zufallsexperiment, Ergebnis und Ereignis kennst du aus Klasse 5-6. Jetzt schreibst du sie kurz auf. Alle möglichen Ergebnisse zusammen heißen Ergebnismenge. Du schreibst sie in geschweifte Klammern und nennst sie Ω\Omega (gesprochen „Omega“, ein griechischer Buchstabe). Beim Würfel ist Ω={1,2,3,4,5,6}\Omega = \{1, 2, 3, 4, 5, 6\}.

Ein Ereignis ist eine Auswahl aus diesen Ergebnissen, auch in geschweiften Klammern. Das Ereignis A: „Die Augenzahl ist gerade“ ist A={2,4,6}A = \{2, 4, 6\}. Die Ergebnisse darin heißen günstig für A.

Das Gegenereignis enthält alle Ergebnisse, die nicht zu A gehören. Du schreibst es A‾\overline{A} und sagst „nicht A“. Hier ist es die Menge der ungeraden Augenzahlen.

Ω={1,2,3,4,5,6}A={2,4,6}A‾={1,3,5}\Omega = \{1, 2, 3, 4, 5, 6\} \qquad A = \{2, 4, 6\} \qquad \overline{A} = \{1, 3, 5\}
Definition

Wahrscheinlichkeit und Laplace-Experiment

Die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses A ist eine Zahl von 0 bis 1. Du schreibst sie P(A)P(A). Das P steht für das englische Wort „probability“. Ein unmögliches Ereignis hat die Wahrscheinlichkeit 0, ein sicheres die Wahrscheinlichkeit 1. Du kannst sie als Bruch, als Dezimalzahl oder in Prozent angeben.

Oft sind alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich, zum Beispiel bei einem fairen Würfel, einer Münze oder einer Kugel, die blind aus einem Beutel gezogen wird. Ein solches Experiment heißt Laplace-Experiment, nach dem französischen Mathematiker Laplace. Dann zählst du nur: Wie viele Ergebnisse sind günstig, und wie viele gibt es insgesamt?

P(A)=Anzahl der gu¨nstigen ErgebnisseAnzahl aller ErgebnisseP(A) = \frac{\text{Anzahl der günstigen Ergebnisse}}{\text{Anzahl aller Ergebnisse}}
Beispiel

Wahrscheinlichkeiten zählen

a) Ein fairer Würfel wird geworfen. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit für „Die Augenzahl ist größer als 4“ und für „Die Augenzahl ist eine Primzahl“?

b) Ein Beutel enthält 5 rote, 3 blaue und 2 gelbe Kugeln. Du ziehst blind eine Kugel. Wie groß ist P(rot)P(\text{rot})?

P(gro¨ßer als 4)=26=13P(Primzahl)=36=12P(rot)=510=12P(\text{größer als } 4) = \frac{2}{6} = \frac{1}{3} \qquad P(\text{Primzahl}) = \frac{3}{6} = \frac{1}{2} \qquad P(\text{rot}) = \frac{5}{10} = \frac{1}{2}

Größer als 4 sind die Augenzahlen 5 und 6. Das sind 2 günstige Ergebnisse von 6. Primzahlen sind 2, 3 und 5, also 3 von 6. Im Beutel liegen 5 + 3 + 2 = 10 Kugeln. Jede Kugel ist ein Ergebnis, und die blauen und gelben zählst du bei „alle Ergebnisse“ mit. Fünf davon sind rot. Die Wahrscheinlichkeit für Rot ist also 0,5, das sind 50 Prozent.

Definition

Gegenereignis und Additionsregel

Entweder tritt A ein oder das Gegenereignis, beides zugleich geht nicht. Zusammen sind sie sicher. Deshalb ergeben ihre Wahrscheinlichkeiten zusammen 1. Das hilft, wenn das Gegenereignis leichter zu zählen ist.

Haben zwei Ereignisse A und B kein gemeinsames Ergebnis, addierst du ihre Wahrscheinlichkeiten, um die Wahrscheinlichkeit von „A oder B“ zu bekommen. Das ist die Additionsregel. Beim Würfel gilt zum Beispiel für A={1,2}A = \{1, 2\} und B={6}B = \{6\}: P(A oder B)=26+16=36P(A \text{ oder } B) = \frac{2}{6} + \frac{1}{6} = \frac{3}{6}.

P(A‾)=1−P(A)P(A oder B)=P(A)+P(B)P(\overline{A}) = 1 - P(A) \qquad P(A \text{ oder } B) = P(A) + P(B)
Beispiel

Glücksrad mit Gegenereignis

Ein Glücksrad hat 8 gleich große Felder mit den Zahlen 1 bis 8. Ereignis A: „Die Zahl ist kleiner als 3.“ Ereignis B: „Die Zahl ist größer als 6.“ a) Wie groß ist P(A oder B)P(A \text{ oder } B)? b) Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass weder A noch B eintritt?

P(A oder B)=28+28=48=121−12=12P(A \text{ oder } B) = \frac{2}{8} + \frac{2}{8} = \frac{4}{8} = \frac{1}{2} \qquad 1 - \frac{1}{2} = \frac{1}{2}

Zu A gehören die Zahlen 1 und 2, zu B die Zahlen 7 und 8. Die Ereignisse haben kein gemeinsames Ergebnis, also darfst du addieren. Bei b) ist „weder A noch B“ das Gegenereignis von „A oder B“. Du rechnest 1 − 1/2 = 1/2. Zur Probe: Übrig bleiben 3, 4, 5 und 6, das sind 4 von 8 Feldern.

Definition

Gesetz der großen Zahlen

Bei vielen Zufallsexperimenten kannst du die Wahrscheinlichkeit nicht zählen, du musst sie schätzen. Dann hilft die relative Häufigkeit. Eine Klasse würfelt und zählt die Sechsen (angenommene Werte):

Zahl der Würfe606006000
Anzahl der Sechsen131071004
Relative Häufigkeit0,2170,1780,167

Die Wahrscheinlichkeit für eine Sechs ist 16≈0,167\frac{1}{6} \approx 0{,}167. Je mehr Würfe, desto näher liegt die relative Häufigkeit meist an dieser Zahl. Das ist das Gesetz der großen Zahlen. Es sagt aber nichts darüber, was beim nächsten Wurf kommt.

Definition

Erwartungswert und faires Spiel

Bei einem Spiel zahlst du einen Einsatz. Je nach Ergebnis bekommst du eine Auszahlung. Der Erwartungswert der Auszahlung sagt, wie viel du bei sehr vielen Spielen im Durchschnitt pro Spiel bekommst. Du multiplizierst jede mögliche Auszahlung mit ihrer Wahrscheinlichkeit und addierst alles. Hier steht a1,a2,…a_1, a_2, \ldots für die möglichen Auszahlungen und p1,p2,…p_1, p_2, \ldots für ihre Wahrscheinlichkeiten.

Ist der Erwartungswert gleich dem Einsatz, heißt das Spiel fair. Auf lange Sicht verliert und gewinnt dann niemand. Das Spiel aus der Einleitung ist fair, denn 6⋅16=16 \cdot \frac{1}{6} = 1 Euro ist der Einsatz. Der Erwartungswert muss keine Auszahlung sein, die wirklich vorkommt.

Erwartungswert=a1⋅p1+a2⋅p2+…\text{Erwartungswert} = a_1 \cdot p_1 + a_2 \cdot p_2 + \ldots
Beispiel

Ist das Spiel fair?

Du zahlst 2 Euro Einsatz und wirfst einen Würfel. Bei 1 oder 2 bekommst du nichts. Bei 3, 4 oder 5 bekommst du 2 Euro. Bei 6 bekommst du 6 Euro. Ist das Spiel fair?

0⋅26+2⋅36+6⋅16=0+1+1=20 \cdot \frac{2}{6} + 2 \cdot \frac{3}{6} + 6 \cdot \frac{1}{6} = 0 + 1 + 1 = 2

Die Auszahlungen sind 0, 2 und 6 Euro. Ihre Wahrscheinlichkeiten sind 2/6, 3/6 und 1/6. Der Erwartungswert ist 2 Euro, genau der Einsatz. Das Spiel ist fair. Würde der Einsatz 3 Euro kosten, würdest du im Durchschnitt 1 Euro pro Spiel verlieren. Bei 1 Euro Einsatz würdest du im Durchschnitt 1 Euro pro Spiel gewinnen.

Häufige Fehler

Alles zählen, was möglich ist

Mit zwei Würfeln gibt es die Augensummen 2 bis 12. Das sind 11 Möglichkeiten. Jemand rechnet: „Die Wahrscheinlichkeit für die Summe 12 ist 111\frac{1}{11}.“

Richtig ist

Die Formel gilt nur, wenn alle gezählten Ergebnisse gleich wahrscheinlich sind. Die Summen sind es nicht. Gleich wahrscheinlich sind die Paare (roter Würfel | blauer Würfel). Nach dem Zählprinzip aus Klasse 5-6 gibt es 6⋅6=366 \cdot 6 = 36 Paare. Die Summe 12 gibt es nur bei (6|6), also ist die Wahrscheinlichkeit 136\frac{1}{36}. Die Summe 7 gibt es bei (1|6), (2|5), (3|4), (4|3), (5|2) und (6|1): 636=16\frac{6}{36} = \frac{1}{6}.

Häufige Fehler

Addieren trotz gemeinsamer Ergebnisse

A ist „Die Augenzahl ist gerade“, B ist „Die Augenzahl ist größer als 3“. Jemand rechnet P(A oder B)=36+36=1P(A \text{ oder } B) = \frac{3}{6} + \frac{3}{6} = 1 und sagt, das Ereignis sei sicher.

Richtig ist

Die Ergebnisse 4 und 6 gehören zu beiden Ereignissen und werden doppelt gezählt. Die Additionsregel gilt nur, wenn A und B kein gemeinsames Ergebnis haben. Zähle hier direkt: „A oder B“ ist {2,4,5,6}\{2, 4, 5, 6\}. Das sind 4 von 6 Ergebnissen, also 46=23\frac{4}{6} = \frac{2}{3}. Die Augenzahl 1 und die 3 fehlen.

Zusammenfassung

  • Die Ergebnismenge Ω\Omega enthält alle möglichen Ergebnisse. Ein Ereignis ist eine Auswahl daraus, das Gegenereignis A‾\overline{A} der Rest.

  • Die Wahrscheinlichkeit P(A)P(A) liegt zwischen 0 (unmöglich) und 1 (sicher).

  • Bei einem Laplace-Experiment sind alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich. Dann ist P(A)P(A) die Zahl der günstigen Ergebnisse geteilt durch die Zahl aller Ergebnisse.

  • Es gilt P(A‾)=1−P(A)P(\overline{A}) = 1 - P(A). Haben A und B kein gemeinsames Ergebnis, gilt P(A oder B)=P(A)+P(B)P(A \text{ oder } B) = P(A) + P(B).

  • Gesetz der großen Zahlen: Bei sehr vielen Versuchen liegt die relative Häufigkeit meist nahe an der Wahrscheinlichkeit. Über den nächsten Versuch sagt es nichts.

  • Der Erwartungswert ist die Summe aus Auszahlung mal Wahrscheinlichkeit. Ist er gleich dem Einsatz, ist das Spiel fair.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

In einer Lostrommel liegen 20 Lose, davon 3 Gewinnlose. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, mit einem Zug ein Gewinnlos zu ziehen? Gib sie in Prozent an.

Aufgabe 2Multiple Choice

Bei welchem Experiment sind alle Ergebnisse gleich wahrscheinlich, sodass du die Wahrscheinlichkeit durch Zählen berechnen kannst?

Aufgabe 3Numerisch

Ein Glücksrad hat 10 gleich große Felder, 3 davon sind rot. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Rad nicht auf Rot stehen bleibt? Gib sie in Prozent an.

Aufgabe 4Numerisch

In einer Trommel liegen 20 Kugeln mit den Zahlen 1 bis 20. Du ziehst blind eine Kugel. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit für das Ereignis „Die Zahl ist durch 5 teilbar oder sie ist 1 oder 2“? Gib sie in Prozent an.

Aufgabe 5Numerisch

Ein Glücksrad hat 4 gleich große Felder mit den Auszahlungen 0 Euro, 1 Euro, 3 Euro und 6 Euro. Wie groß ist der Erwartungswert der Auszahlung in Euro?

Aufgabe 6Freitext

Du zahlst 1 Euro Einsatz und wirfst einen Würfel. Bei einer 1 oder 2 bekommst du 3 Euro, sonst nichts. Ist das Spiel fair? Begründe mit dem Erwartungswert.