Lektion 6.2

Ganzrationale Funktionen

16 min Lesezeit

Aus einem quadratischen Karton mit 12 cm Seitenlänge schneidest du in jeder Ecke ein kleines Quadrat mit der Seitenlänge xx (in cm) heraus. Dann faltest du die Ränder hoch. So entsteht eine offene Schachtel mit der Höhe xx und einem quadratischen Boden mit der Seitenlänge 12−2x12 - 2x. Ihr Volumen in cm³ ist V(x)=x⋅(12−2x)2V(x) = x \cdot (12 - 2x)^2.

Für welche xx ist das Volumen null? Wie sieht der Graph von VV aus? Und was passiert, wenn xx sehr groß wird? Lineare und quadratische Funktionen kennst du. Hier steckt x3x^3 im Term. In dieser Lektion lernst du, solche Funktionen zu untersuchen, ohne viele Werte auszurechnen.

Definition

Ganzrationale Funktion

Eine Funktion heißt ganzrational (oder Polynomfunktion), wenn ihr Term die Form in der Formel unten hat: Vielfache von Potenzen xnx^n mit ganzzahligem Exponenten n≥0n \ge 0, die addiert werden. Die Zahlen a0,a1,…,ana_0, a_1, \dots, a_n heißen Koeffizienten. Der höchste Exponent nn mit an≠0a_n \ne 0 heißt Grad, und ana_n heißt Leitkoeffizient. Der Koeffizient a0a_0 ist das Absolutglied. Es ist f(0)=a0f(0) = a_0, also der yy-Achsenabschnitt.

Beispiele: 2x−32x - 3 hat den Grad 1, x2−4xx^2 - 4x den Grad 2 und −x4+2x3−5-x^4 + 2x^3 - 5 den Grad 4 mit dem Leitkoeffizienten −1-1. Nicht ganzrational sind 1x\frac{1}{x}, x\sqrt{x} und 2x2^x, denn dort steht xx nicht nur als Potenz mit ganzzahligem Exponenten n≥0n \ge 0.

f(x)=anxn+an−1xn−1+⋯+a1x+a0(an≠0)f(x) = a_n x^n + a_{n-1} x^{n-1} + \dots + a_1 x + a_0 \qquad (a_n \ne 0)
Definition

Verhalten an den Rändern

Für sehr große ∣x∣|x| entscheidet das Glied mit der höchsten Potenz. Bei f(x)=x3−4x2f(x) = x^3 - 4x^2 und x=100x = 100 ist x3=1 000 000x^3 = 1\,000\,000, aber 4x24x^2 nur 40 00040\,000. Die übrigen Glieder fallen kaum ins Gewicht.

Du schreibst x→+∞x \to +\infty („xx geht gegen plus unendlich“), wenn xx beliebig groß wird, und x→−∞x \to -\infty, wenn xx beliebig klein, also stark negativ wird. f(x)→+∞f(x) \to +\infty heißt: Die Funktionswerte werden beliebig groß. Bei geradem Exponenten ist xnx^n für positive und negative xx positiv. Bei ungeradem Exponenten hat xnx^n das Vorzeichen von xx. Daraus folgt:

GradLeitkoeffizientFür x→−∞x \to -\inftyFür x→+∞x \to +\infty
geradean>0a_n > 0f(x)→+∞f(x) \to +\inftyf(x)→+∞f(x) \to +\infty
geradean<0a_n < 0f(x)→−∞f(x) \to -\inftyf(x)→−∞f(x) \to -\infty
ungeradean>0a_n > 0f(x)→−∞f(x) \to -\inftyf(x)→+∞f(x) \to +\infty
ungeradean<0a_n < 0f(x)→+∞f(x) \to +\inftyf(x)→−∞f(x) \to -\infty
Beispiel

Randverhalten bestimmen

Beschreibe das Verhalten von f(x)=−2x3+5xf(x) = -2x^3 + 5x und g(x)=0,5x4−3x2+1g(x) = 0{,}5x^4 - 3x^2 + 1 an den Rändern.

f:  Grad 3 (ungerade),  a3=−2<0x→−∞:  f(x)→+∞x→+∞:  f(x)→−∞g:  Grad 4 (gerade),  a4=0,5>0x→−∞:  g(x)→+∞x→+∞:  g(x)→+∞\begin{aligned} f:\; & \text{Grad 3 (ungerade)},\; a_3 = -2 < 0 \\ & x \to -\infty:\; f(x) \to +\infty \qquad x \to +\infty:\; f(x) \to -\infty \\ g:\; & \text{Grad 4 (gerade)},\; a_4 = 0{,}5 > 0 \\ & x \to -\infty:\; g(x) \to +\infty \qquad x \to +\infty:\; g(x) \to +\infty \end{aligned}

Nur der Grad und der Leitkoeffizient zählen. Der Graph von ff kommt von links oben und fällt nach rechts unten. Der Graph von gg zeigt an beiden Enden nach oben, wie eine Parabel. Zur Probe: f(10)=−1 950f(10) = -1\,950 und f(−10)=1 950f(-10) = 1\,950.

Definition

Nullstellen und faktorisierte Form

Eine Nullstelle ist ein xx mit f(x)=0f(x) = 0. Dort schneidet oder berührt der Graph die xx-Achse. Ein Produkt ist null, wenn ein Faktor null ist (Satz vom Nullprodukt). Deshalb kannst du bei der faktorisierten Form f(x)=a (x−x1)(x−x2)⋯(x−xk)f(x) = a\,(x - x_1)(x - x_2) \cdots (x - x_k) die Nullstellen x1,…,xkx_1, \dots, x_k sofort ablesen. Die Faktoren (x−xi)(x - x_i) heißen Linearfaktoren. Beispiel: f(x)=2(x+1)(x−3)f(x) = 2(x + 1)(x - 3) hat die Nullstellen −1-1 und 33.

Eine ganzrationale Funktion vom Grad nn hat höchstens nn Nullstellen. Kommt ein Linearfaktor mehrfach vor, etwa (x−2)2(x - 2)^2, ist die Nullstelle mehrfach. Bei einer geraden Anzahl (zum Beispiel doppelt) berührt der Graph die xx-Achse nur und wechselt nicht das Vorzeichen. Bei einer ungeraden Anzahl schneidet er die Achse. Zum Faktorisieren nutzt du Ausklammern, die binomischen Formeln und die Lösungsformel für quadratische Gleichungen.

Beispiel

Nullstellen und Schachtel

a) Faktorisiere f(x)=x3−2x2−3xf(x) = x^3 - 2x^2 - 3x und gib die Nullstellen an. b) Wann ist das Volumen V(x)=x(12−2x)2V(x) = x(12 - 2x)^2 der Schachtel null?

a)  f(x)=x (x2−2x−3)=x (x−3)(x+1)Nullstellen: 0,  3,  −1b)  V(x)=x⋅(−2)2(x−6)2=4x (x−6)2Nullstellen: 0 (einfach),  6 (doppelt)\begin{aligned} \text{a)}\; & f(x) = x\,(x^2 - 2x - 3) = x\,(x - 3)(x + 1) \\ & \text{Nullstellen: } 0,\; 3,\; -1 \\ \text{b)}\; & V(x) = x \cdot (-2)^2 (x - 6)^2 = 4x\,(x - 6)^2 \\ & \text{Nullstellen: } 0 \text{ (einfach)},\; 6 \text{ (doppelt)} \end{aligned}

In a) klammerst du zuerst xx aus. Die Gleichung x2−2x−3=0x^2 - 2x - 3 = 0 löst du mit der Lösungsformel: x=1±1+3=1±2x = 1 \pm \sqrt{1 + 3} = 1 \pm 2. Daher ist x2−2x−3=(x−3)(x+1)x^2 - 2x - 3 = (x - 3)(x + 1). In b) ist 12−2x=−2 (x−6)12 - 2x = -2\,(x - 6), und das Quadrat davon ist 4 (x−6)24\,(x - 6)^2. Ausmultipliziert ist V(x)=4x3−48x2+144xV(x) = 4x^3 - 48x^2 + 144x: Grad 3, Leitkoeffizient 4. Das Volumen ist null für x=0x = 0 (keine Höhe) und x=6x = 6 (kein Boden). Bei x=6x = 6 berührt der Graph die xx-Achse nur. Für die Schachtel zählt allerdings nur 0<x<60 < x < 6.

Definition

Symmetrie zur y-Achse und zum Ursprung

Der Graph ist symmetrisch zur yy-Achse, wenn f(−x)=f(x)f(-x) = f(x) für alle xx gilt: Die linke Hälfte ist das Spiegelbild der rechten. Er ist symmetrisch zum Ursprung, wenn f(−x)=−f(x)f(-x) = -f(x) gilt: Eine Drehung um 180∘180^\circ um den Ursprung bildet ihn auf sich ab.

Bei ganzrationalen Funktionen siehst du das an den Exponenten. Es ist (−x)n=xn(-x)^n = x^n für gerade nn und (−x)n=−xn(-x)^n = -x^n für ungerade nn. Kommen nur gerade Exponenten vor (das Absolutglied zählt als x0x^0), ist der Graph symmetrisch zur yy-Achse. Kommen nur ungerade Exponenten vor, ist er symmetrisch zum Ursprung. Kommen beide Arten vor, ist er zu keinem von beiden symmetrisch.

f(−x)=f(x)oderf(−x)=−f(x)f(-x) = f(x) \qquad\text{oder}\qquad f(-x) = -f(x)
Beispiel

Symmetrie prüfen

Untersuche f(x)=x4−3x2+1f(x) = x^4 - 3x^2 + 1, g(x)=x3−4xg(x) = x^3 - 4x und h(x)=x3+x2h(x) = x^3 + x^2.

f(−x)=(−x)4−3(−x)2+1=x4−3x2+1=f(x)g(−x)=(−x)3−4(−x)=−x3+4x=−g(x)h(1)=2,h(−1)=−1+1=0\begin{aligned} f(-x) &= (-x)^4 - 3(-x)^2 + 1 = x^4 - 3x^2 + 1 = f(x) \\ g(-x) &= (-x)^3 - 4(-x) = -x^3 + 4x = -g(x) \\ h(1) &= 2, \quad h(-1) = -1 + 1 = 0 \end{aligned}

Bei ff kommen nur gerade Exponenten vor (4, 2 und 0 beim Absolutglied). Der Graph ist symmetrisch zur yy-Achse. Bei gg kommen nur ungerade Exponenten vor. Der Graph ist symmetrisch zum Ursprung. Bei hh kommen 3 und 2 vor. Ein Gegenbeispiel genügt: h(−1)=0h(-1) = 0 ist weder h(1)=2h(1) = 2 noch −h(1)=−2-h(1) = -2. Der Graph von hh ist also weder zur yy-Achse noch zum Ursprung symmetrisch.

Der Graph von g

Fahre mit der Maus über den Graphen und vergleiche Stellen mit x und -x: Die Funktionswerte unterscheiden sich nur im Vorzeichen. Wo schneidet der Graph die x-Achse? Mit + und − änderst du den Ausschnitt. Wie verläuft der Graph am linken und am rechten Rand?

Definition

Vom Graphen auf Grad und Term schließen

Aus dem Graphen liest du Schritt für Schritt Eigenschaften der Funktion ab:

  • Das Verhalten an den Rändern verrät, ob der Grad gerade oder ungerade ist und welches Vorzeichen der Leitkoeffizient hat.
  • Jede Nullstelle gibt einen Linearfaktor. Der Grad ist mindestens so groß wie die Zahl der Linearfaktoren. Eine Stelle, an der der Graph die Achse nur berührt, zählt doppelt.
  • Ein Graph vom Grad nn hat höchstens n−1n - 1 Hochpunkte und Tiefpunkte. (Das beweist man mit der Ableitung in der Oberstufe.) Hat er zwei, ist der Grad also mindestens 3.
  • Symmetrie zeigt, ob nur gerade oder nur ungerade Exponenten vorkommen.
  • Der Faktor aa in der faktorisierten Form folgt aus einem weiteren Punkt des Graphen, der nicht auf der xx-Achse liegt.
Beispiel

Term aus Eigenschaften bestimmen

Der Graph einer ganzrationalen Funktion schneidet die xx-Achse bei −1-1, 22 und 33. Er kommt von links unten, geht nach rechts oben und verläuft durch P(1∣8)P(1 \mid 8). Bestimme einen Term.

f(x)=a (x+1)(x−2)(x−3)f(1)=a⋅2⋅(−1)⋅(−2)=4a=8  ⇒  a=2f(x)=2 (x+1)(x−2)(x−3)=2x3−8x2+2x+12\begin{aligned} f(x) &= a\,(x + 1)(x - 2)(x - 3) \\ f(1) &= a \cdot 2 \cdot (-1) \cdot (-2) = 4a = 8 \;\Rightarrow\; a = 2 \\ f(x) &= 2\,(x + 1)(x - 2)(x - 3) = 2x^3 - 8x^2 + 2x + 12 \end{aligned}

Drei Nullstellen brauchen drei Linearfaktoren. Wir nehmen den kleinsten möglichen Grad 3. Links unten und rechts oben bedeutet ungerader Grad und a>0a > 0. Das passt zu a=2a = 2. Zur Probe: f(0)=2⋅1⋅(−2)⋅(−3)=12f(0) = 2 \cdot 1 \cdot (-2) \cdot (-3) = 12 und der ausmultiplizierte Term gibt ebenfalls f(0)=12f(0) = 12.

Häufige Fehler

Grad 3 heißt drei Nullstellen

Jemand sagt: „Eine ganzrationale Funktion dritten Grades hat immer genau drei Nullstellen.“

Richtig ist

Sie hat höchstens drei. Bei f(x)=x3+x=x (x2+1)f(x) = x^3 + x = x\,(x^2 + 1) ist x2+1x^2 + 1 immer positiv, also gibt es nur die Nullstelle 00. Bei ungeradem Grad gibt es mindestens eine, denn der Graph kommt von einer Seite der xx-Achse auf die andere.

Häufige Fehler

Das Absolutglied stört die Symmetrie

Jemand sagt: „f(x)=x4−3x2+1f(x) = x^4 - 3x^2 + 1 ist nicht symmetrisch, weil hinten ein +1+1 steht.“

Richtig ist

Das Absolutglied ist ein Glied mit dem geraden Exponenten 0, denn 1=x01 = x^0. Der Graph ist symmetrisch zur yy-Achse. Anders ist es bei x3+1x^3 + 1: Dort kommen ein ungerader und ein gerader Exponent vor.

Zusammenfassung

  • Ganzrationale Funktionen haben die Form anxn+⋯+a1x+a0a_n x^n + \dots + a_1 x + a_0 mit an≠0a_n \ne 0. nn ist der Grad, ana_n der Leitkoeffizient und a0=f(0)a_0 = f(0) das Absolutglied.

  • An den Rändern entscheidet das Glied mit der höchsten Potenz: Bei geradem Grad zeigen beide Enden in dieselbe Richtung, bei ungeradem in entgegengesetzte. Das Vorzeichen von ana_n legt die Richtung fest.

  • Aus der faktorisierten Form a (x−x1)⋯(x−xk)a\,(x - x_1) \cdots (x - x_k) liest du die Nullstellen ab. Es gibt höchstens so viele Nullstellen wie der Grad. Bei einer doppelten Nullstelle berührt der Graph die Achse nur.

  • Nur gerade Exponenten bedeuten Symmetrie zur yy-Achse, nur ungerade Exponenten Symmetrie zum Ursprung. Das Absolutglied zählt als gerader Exponent.

  • Vom Graphen schließt du auf den Term: Randverhalten und Symmetrie legen Grad und Vorzeichen fest, die Nullstellen die Linearfaktoren, ein weiterer Punkt den Faktor aa.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Welche dieser Funktionen ist ganzrational?

Aufgabe 2Multiple Choice

Wie verläuft der Graph von f(x)=−3x4+xf(x) = -3x^4 + x an den Rändern?

Aufgabe 3Numerisch

Wie viele verschiedene Nullstellen hat f(x)=(x−1)(x+2)2(x−4)f(x) = (x - 1)(x + 2)^2(x - 4)?

Aufgabe 4Numerisch

Eine ganzrationale Funktion hat die Nullstellen −3-3, 11 und 22 und den Grad 3. Ihr Graph verläuft durch P(0∣−12)P(0 \mid -12). Welchen Wert hat aa in f(x)=a (x+3)(x−1)(x−2)f(x) = a\,(x + 3)(x - 1)(x - 2)?

Aufgabe 5Numerisch

Der Graph einer ganzrationalen Funktion ist symmetrisch zum Ursprung, und es gilt f(3)=5f(3) = 5. Wie groß ist f(−3)f(-3)?

Aufgabe 6Freitext

Der Graph einer ganzrationalen Funktion schneidet die xx-Achse dreimal, kommt von links oben und verläuft nach rechts unten. Was kannst du über den Grad und den Leitkoeffizienten sagen?