Lektion 6.1

Sinus- und Kosinusfunktion, periodische Vorgänge

16 min Lesezeit

Ein Riesenrad hat einen Radius von 10 m. Seine Achse liegt 12 m über dem Boden. Eine Umdrehung dauert, angenommen, 120 Sekunden. Eine Gondel startet in Höhe der Achse und fährt nach oben. Wie hoch ist sie nach 10 Sekunden, wie hoch nach 30 Sekunden? Und wie beschreibst du ihre Höhe zu jedem Zeitpunkt mit einer Formel?

Die Höhe steigt, fällt und steigt wieder, immer im gleichen Rhythmus. Solche Vorgänge heißen periodisch. Auch ein Pendel, eine Schallwelle, Ebbe und Flut oder der Wechselstrom aus der Steckdose verhalten sich so.

Sinus und Kosinus kennst du bisher nur aus dem rechtwinkligen Dreieck, also für Winkel unter 90°. Die Gondel fährt aber weiter. In dieser Lektion erweiterst du Sinus und Kosinus auf beliebige Winkel und machst Funktionen daraus.

Definition

Einheitskreis, Sinus und Kosinus

Der Einheitskreis ist der Kreis um den Ursprung (0∣0)(0 \mid 0) mit dem Radius 1. Ein Punkt PP startet bei (1∣0)(1 \mid 0) und läuft gegen den Uhrzeigersinn über den Kreis. Der Winkel xx liegt zwischen der positiven xx-Achse und der Strecke vom Ursprung zu PP. Du gibst ihn im Bogenmaß an: Das ist die Länge des Kreisbogens, den PP zurückgelegt hat. Dabei entsprechen 180∘180^\circ der Zahl π\pi und 360∘360^\circ der Zahl 2π2\pi. Läuft PP im Uhrzeigersinn, ist der Winkel negativ.

Der Kosinus von xx ist die xx-Koordinate von PP. Der Sinus von xx ist die yy-Koordinate von PP. Für einen spitzen Winkel ist das dasselbe wie im rechtwinkligen Dreieck mit der Hypotenuse 1. Neu ist, dass es nun für jeden Winkel gilt, auch für 150∘150^\circ, 270∘270^\circ oder 400∘400^\circ.

xx (Bogenmaß)Gradsin⁡x\sin xcos⁡x\cos x
000∘0^\circ0011
π6\frac{\pi}{6}30∘30^\circ12\frac{1}{2}32\frac{\sqrt{3}}{2}
π4\frac{\pi}{4}45∘45^\circ22\frac{\sqrt{2}}{2}22\frac{\sqrt{2}}{2}
π3\frac{\pi}{3}60∘60^\circ32\frac{\sqrt{3}}{2}12\frac{1}{2}
π2\frac{\pi}{2}90∘90^\circ1100
π\pi180∘180^\circ00−1-1
3π2\frac{3\pi}{2}270∘270^\circ−1-100
2π2\pi360∘360^\circ0011
P(x)=(cos⁡x∣sin⁡x)P(x) = \left(\cos x \mid \sin x\right)
Beispiel

Ein Winkel über 90°

Bestimme sin⁡150∘\sin 150^\circ und cos⁡150∘\cos 150^\circ am Einheitskreis und gib 150∘150^\circ im Bogenmaß an.

x=150∘180∘⋅π=5π6P(30∘)=(32∣12)⇒P(150∘)=(−32∣12)sin⁡150∘=12cos⁡150∘=−32\begin{aligned} x &= \frac{150^\circ}{180^\circ} \cdot \pi = \frac{5\pi}{6} \\ P(30^\circ) &= \left(\tfrac{\sqrt{3}}{2} \mid \tfrac{1}{2}\right) \quad\Rightarrow\quad P(150^\circ) = \left(-\tfrac{\sqrt{3}}{2} \mid \tfrac{1}{2}\right) \\ \sin 150^\circ &= \tfrac{1}{2} \qquad \cos 150^\circ = -\tfrac{\sqrt{3}}{2} \end{aligned}

Der Winkel 150∘150^\circ liegt zwischen 90∘90^\circ und 180∘180^\circ. Es fehlen 30∘30^\circ bis zur negativen xx-Achse. Der Punkt P(150∘)P(150^\circ) ist deshalb das Spiegelbild von P(30∘)P(30^\circ) an der yy-Achse. Er liegt gleich hoch, also bleibt der Sinus 12\frac{1}{2}. Seine xx-Koordinate wechselt das Vorzeichen, also ist der Kosinus negativ. Im rechtwinkligen Dreieck gäbe es diesen Winkel nicht.

Definition

Graphen von Sinus und Kosinus, Periode

Trägst du xx waagerecht und sin⁡x\sin x senkrecht ab, entsteht die Sinuskurve. Sie beginnt bei (0∣0)(0 \mid 0) und steigt zum Hochpunkt (π2∣1)(\frac{\pi}{2} \mid 1), dem obersten Punkt der Welle. Dann fällt sie über die Nullstelle bei π\pi zum Tiefpunkt (3π2∣−1)(\frac{3\pi}{2} \mid -1), dem untersten Punkt, und kehrt bei 2π2\pi zu 00 zurück. Danach wiederholt sie sich, nach rechts und nach links ohne Ende. Alle Funktionswerte liegen im Intervall [−1; 1][-1;\, 1].

Eine Funktion, deren Verlauf sich nach einer festen Länge wiederholt, heißt periodisch. Die kleinste solche Länge ist die Periode pp. Für Sinus und Kosinus ist p=2πp = 2\pi. Die Kosinuskurve hat dieselbe Form, ist aber um π2\frac{\pi}{2} nach links verschoben: Sie startet im Hochpunkt (0∣1)(0 \mid 1), denn cos⁡0=1\cos 0 = 1.

sin⁡(x+2π)=sin⁡xcos⁡(x+2π)=cos⁡xcos⁡x=sin⁡(x+π2)\sin(x + 2\pi) = \sin x \qquad \cos(x + 2\pi) = \cos x \qquad \cos x = \sin\left(x + \frac{\pi}{2}\right)
Definition

Sinusfunktion mit Parametern

Wie bei der quadratischen Funktion in Scheitelform verändern vier Parameter den Graphen der Grundfunktion. Die allgemeine Form ist f(x)=a⋅sin⁡(b (x−c))+df(x) = a \cdot \sin(b\,(x - c)) + d mit b>0b > 0. Für den Kosinus gilt dasselbe.

  • dd verschiebt den Graphen nach oben (bei negativem dd nach unten). Die Gerade y=dy = d ist die Mittellinie, um die die Welle schwingt.
  • aa streckt den Graphen in yy-Richtung. Der Betrag ∣a∣|a| heißt Amplitude: der Abstand des Hochpunkts von der Mittellinie. Der Höchstwert ist d+∣a∣d + |a|, der Tiefstwert d−∣a∣d - |a|. Ist aa negativ, wird die Welle an der Mittellinie gespiegelt.
  • bb staucht oder streckt den Graphen in xx-Richtung. Die Periode ist p=2πbp = \frac{2\pi}{b}, denn b (x−c)b\,(x - c) muss auf der Länge pp genau um 2π2\pi wachsen.
  • cc verschiebt den Graphen um cc nach rechts (bei negativem cc nach links).
f(x)=a⋅sin⁡(b (x−c))+dp=2πbf(x) = a \cdot \sin\bigl(b\,(x - c)\bigr) + d \qquad p = \frac{2\pi}{b}
Beispiel

Parameter ablesen

Beschreibe den Graphen von f(x)=3sin⁡(2(x−π4))+1f(x) = 3 \sin\left(2\left(x - \frac{\pi}{4}\right)\right) + 1.

Mittellinie:y=1Amplitude:3, also Ho¨chstwert 1+3=4 und Tiefstwert 1−3=−2Periode:p=2π2=πVerschiebung:π4 nach rechtsHochpunkt:x=π4+π4=π2,f(π2)=4\begin{aligned} \text{Mittellinie:}\quad & y = 1 \\ \text{Amplitude:}\quad & 3, \text{ also Höchstwert } 1 + 3 = 4 \text{ und Tiefstwert } 1 - 3 = -2 \\ \text{Periode:}\quad & p = \frac{2\pi}{2} = \pi \\ \text{Verschiebung:}\quad & \frac{\pi}{4} \text{ nach rechts} \\ \text{Hochpunkt:}\quad & x = \frac{\pi}{4} + \frac{\pi}{4} = \frac{\pi}{2}, \quad f\left(\frac{\pi}{2}\right) = 4 \end{aligned}

Die Welle beginnt bei (π4∣1)(\frac{\pi}{4} \mid 1) auf der Mittellinie und steigt. Ihr Hochpunkt kommt nach einer Viertelperiode, also π4\frac{\pi}{4} weiter rechts, bei x=π2x = \frac{\pi}{2}. Die Probe bestätigt es: f(π2)=3sin⁡(2⋅π4)+1=3⋅1+1=4f(\frac{\pi}{2}) = 3 \sin(2 \cdot \frac{\pi}{4}) + 1 = 3 \cdot 1 + 1 = 4.

Der Graph aus dem Beispiel

Fahre mit der Maus über den Graphen: Unter dem Bild stehen x und der Funktionswert. Suche den Höchstwert 4 und den Tiefstwert -2. Wie oft wiederholt sich die Welle zwischen x = -6 und x = 6? Das passt zur Periode π. Mit + und − änderst du den Ausschnitt.

Beispiel

Das Riesenrad

Die Gondel startet in Höhe der Achse (12 m), der Radius ist 10 m, eine Umdrehung dauert 120 s. Stelle die Höhe h(t)h(t) in Metern nach tt Sekunden auf und berechne sie für t=10t = 10 und t=30t = 30. Wie tief kommt die Gondel?

d=12,a=10,b=2π120=π60,c=0h(t)=12+10sin⁡(π60 t)h(10)=12+10sin⁡π6=12+10⋅12=17h(30)=12+10sin⁡π2=12+10=22Tiefstwert:12−10=2\begin{aligned} d &= 12, \quad a = 10, \quad b = \frac{2\pi}{120} = \frac{\pi}{60}, \quad c = 0 \\ h(t) &= 12 + 10 \sin\left(\frac{\pi}{60}\, t\right) \\ h(10) &= 12 + 10 \sin\frac{\pi}{6} = 12 + 10 \cdot \frac{1}{2} = 17 \\ h(30) &= 12 + 10 \sin\frac{\pi}{2} = 12 + 10 = 22 \\ \text{Tiefstwert:}\quad & 12 - 10 = 2 \end{aligned}

Die Achse ist die Mittellinie, der Radius die Amplitude. Aus der Umlaufzeit folgt die Periode p=120p = 120 und damit b=2π120b = \frac{2\pi}{120}. Die Gondel startet auf der Mittellinie und steigt, wie die Sinuskurve bei 00. Deshalb ist c=0c = 0. Nach 10 s ist sie 17 m hoch, nach 30 s am höchsten Punkt, 22 m hoch. Am tiefsten Punkt, nach 90 s, ist sie 2 m über dem Boden.

Beispiel

Gleichung aus Eigenschaften aufstellen

Eine Schwingung hat den Höchstwert 5, den Tiefstwert −1-1 und die Periode 4. Bei x=0x = 0 liegt sie auf der Mittellinie und steigt. Gib eine Gleichung der Form f(x)=asin⁡(bx)+df(x) = a \sin(bx) + d an.

d=5+(−1)2=2a=5−(−1)2=3b=2π4=π2f(x)=3sin⁡(π2 x)+2\begin{aligned} d &= \frac{5 + (-1)}{2} = 2 \qquad a = \frac{5 - (-1)}{2} = 3 \qquad b = \frac{2\pi}{4} = \frac{\pi}{2} \\ f(x) &= 3 \sin\left(\frac{\pi}{2}\, x\right) + 2 \end{aligned}

Die Mittellinie liegt genau zwischen Höchst- und Tiefstwert. Die Amplitude ist der halbe Abstand der beiden. Aus p=2πbp = \frac{2\pi}{b} folgt b=2πpb = \frac{2\pi}{p}. Probe: f(1)=3sin⁡π2+2=5f(1) = 3 \sin\frac{\pi}{2} + 2 = 5 ist der Höchstwert, f(3)=3sin⁡3π2+2=−1f(3) = 3 \sin\frac{3\pi}{2} + 2 = -1 der Tiefstwert.

Häufige Fehler

Falsche Winkeleinstellung am Taschenrechner

Jemand berechnet sin⁡π2\sin\frac{\pi}{2} mit dem Taschenrechner, der auf Gradmaß (DEG) steht, und erhält etwa 0,027.

Richtig ist

Der Rechner liest π2≈1,57\frac{\pi}{2} \approx 1{,}57 dann als 1,57∘1{,}57^\circ. Stelle ihn auf Bogenmaß (RAD) um. Dann ist sin⁡π2=1\sin\frac{\pi}{2} = 1.

Häufige Fehler

b ist nicht die Periode

Jemand sagt: „Die Funktion f(x)=sin⁡(3x)f(x) = \sin(3x) hat die Periode 3.“

Richtig ist

Die Periode ist 2π3≈2,09\frac{2\pi}{3} \approx 2{,}09. Ein größeres bb macht die Welle schneller: Auf der Länge 2π2\pi passen drei Wellen. Die Probe: sin⁡(3(x+2π3))=sin⁡(3x+2π)=sin⁡(3x)\sin(3(x + \frac{2\pi}{3})) = \sin(3x + 2\pi) = \sin(3x).

Häufige Fehler

Verschiebung ohne Ausklammern ablesen

Jemand liest bei f(x)=sin⁡(2x−π)f(x) = \sin(2x - \pi) eine Verschiebung um π\pi nach rechts ab.

Richtig ist

Die Form verlangt b (x−c)b\,(x - c). Klammere zuerst bb aus: 2x−π=2(x−π2)2x - \pi = 2\left(x - \frac{\pi}{2}\right). Der Graph ist also nur um π2\frac{\pi}{2} nach rechts verschoben.

Zusammenfassung

  • Am Einheitskreis (Radius 1) ist P(x)=(cos⁡x∣sin⁡x)P(x) = (\cos x \mid \sin x). Der Winkel xx steht im Bogenmaß, und 180∘180^\circ entsprechen π\pi. Das gilt für jeden Winkel, auch über 90∘90^\circ und negative.

  • Die Graphen von Sinus und Kosinus sind Wellen mit Werten zwischen −1-1 und 11 und der Periode 2π2\pi. Der Kosinus ist der um π2\frac{\pi}{2} nach links verschobene Sinus.

  • Bei f(x)=asin⁡(b (x−c))+df(x) = a \sin(b\,(x - c)) + d gilt: Mittellinie y=dy = d, Amplitude ∣a∣|a|, Periode 2πb\frac{2\pi}{b}, Verschiebung cc nach rechts.

  • Höchstwert und Tiefstwert sind d+∣a∣d + |a| und d−∣a∣d - |a|. Aus ihnen berechnest du dd als Mittelwert und ∣a∣|a| als halben Abstand.

  • Periodische Vorgänge wie ein Riesenrad, Gezeiten oder Wechselstrom beschreibst du mit solchen Funktionen. Mit dem Taschenrechner im Bogenmaß (RAD) berechnest du die Werte.

Übungen

Aufgabe 1Multiple Choice

Welchen Wert hat cos⁡π\cos \pi?

Aufgabe 2Numerisch

Wie lang ist die Periode von f(x)=2sin⁡(π3 x)+1f(x) = 2\sin\left(\frac{\pi}{3}\,x\right) + 1?

Aufgabe 3Numerisch

Wie groß ist der größte Funktionswert von g(x)=−2cos⁡x+5g(x) = -2\cos x + 5?

Aufgabe 4Multiple Choice

Welche Funktion hat die Amplitude 2, die Periode π\pi und die Mittellinie y=1y = 1?

Aufgabe 5Numerisch

Die Höhe der Gondel ist h(t)=12+10sin⁡(π60 t)h(t) = 12 + 10\sin\left(\frac{\pi}{60}\,t\right) in Metern, tt in Sekunden. Wie hoch ist die Gondel nach 20 Sekunden in Metern? Stelle den Taschenrechner auf Bogenmaß und runde auf zwei Nachkommastellen.

Aufgabe 6Freitext

Der Wasserstand in einem Hafen schwankt zwischen 1 m und 5 m. Angenommen, eine Periode dauert genau 12 Stunden. Um 0 Uhr liegt der Wasserstand in der Mitte und steigt. Stelle eine Funktion W(t)W(t) auf (tt in Stunden) und berechne den Wasserstand um 2 Uhr.