Lektion 6.4

Umkehrfunktion

14 min Lesezeit

Mit der Formel F=1,8⋅C+32F = 1{,}8 \cdot C + 32 rechnest du Grad Celsius in Grad Fahrenheit um. 20 °C sind 1,8⋅20+32=681{,}8 \cdot 20 + 32 = 68 °F. Jemand nennt dir 86 °F. Wie viel Grad Celsius sind das? Du machst die Rechnung rückwärts: erst 32 abziehen, dann durch 1,8 teilen. Es ergibt sich 86−321,8=30\frac{86 - 32}{1{,}8} = 30 °C.

Bei einem Quadrat führt die Seitenlänge ss zur Fläche A=s2A = s^2. Zurück von der Fläche zur Seitenlänge kommst du mit der Wurzel. Aber nimm die Funktion f(x)=x2f(x) = x^2 für alle Zahlen: Der Wert 9 entsteht aus 33 und aus −3-3. Wohin soll der Rückweg von 9 führen?

In dieser Lektion klärst du, wann es einen Rückweg gibt, wie du seinen Term findest und wie sein Graph aussieht.

Definition

Umkehrfunktion

Eine Funktion ff ordnet jedem xx aus ihrem Definitionsbereich DfD_f (den erlaubten xx-Werten) genau einen Wert f(x)f(x) zu. Die Werte, die dabei vorkommen, bilden den Wertebereich WfW_f. Die Umkehrfunktion f−1f^{-1} macht die Zuordnung rückgängig: Sie ordnet jedem Wert yy aus WfW_f das xx zu, aus dem er entstanden ist. Also gilt f−1(f(x))=xf^{-1}(f(x)) = x und f(f−1(y))=yf(f^{-1}(y)) = y. Die beiden Bereiche tauschen die Rollen: Df−1=WfD_{f^{-1}} = W_f und Wf−1=DfW_{f^{-1}} = D_f.

Das geht nur, wenn jeder Wert yy von höchstens einem xx stammt. Dann heißt ff umkehrbar. Am Graphen siehst du es so: Jede waagerechte Gerade schneidet ihn höchstens einmal. Eine Funktion, die auf ihrem ganzen Definitionsbereich immer weiter steigt (oder immer weiter fällt), ist umkehrbar.

Achtung: f−1f^{-1} ist nicht der Kehrwert 1f\frac{1}{f}. Die hochgestellte −1-1 bedeutet hier „Umkehren“.

f−1(f(x))=xDf−1=WfWf−1=Dff^{-1}(f(x)) = x \qquad D_{f^{-1}} = W_f \qquad W_{f^{-1}} = D_f
Definition

Term und Graph der Umkehrfunktion

So findest du den Term von f−1f^{-1}:

  • Schreibe y=f(x)y = f(x).
  • Löse die Gleichung nach xx auf.
  • Vertausche die Namen xx und yy, damit die Eingabe von f−1f^{-1} wieder xx heißt.
  • Bestimme den Definitionsbereich: Df−1=WfD_{f^{-1}} = W_f.

Für den Graphen gilt: Liegt der Punkt (a∣b)(a \mid b) auf dem Graphen von ff, dann ist f(a)=bf(a) = b und deshalb f−1(b)=af^{-1}(b) = a. Der Punkt (b∣a)(b \mid a) liegt auf dem Graphen von f−1f^{-1}. Beim Vertauschen der Koordinaten wird ein Punkt an der Geraden y=xy = x gespiegelt. Diese Gerade, die durch (0∣0)(0 \mid 0), (1∣1)(1 \mid 1) und (2∣2)(2 \mid 2) geht, heißt erste Winkelhalbierende. Der Graph der Umkehrfunktion ist also der an der ersten Winkelhalbierenden gespiegelte Graph von ff.

Beispiel

Umkehrfunktion einer linearen Funktion

Bestimme die Umkehrfunktion von f(x)=2x+3f(x) = 2x + 3 und prüfe sie an drei Punkten.

y=2x+3  ⇒  x=y−32  ⇒  f−1(x)=x−32f:  (0∣3),  (1∣5),  (−1∣1)f−1:  (3∣0),  (5∣1),  (1∣−1)f−1(f(x))=(2x+3)−32=x\begin{aligned} y &= 2x + 3 \;\Rightarrow\; x = \frac{y - 3}{2} \;\Rightarrow\; f^{-1}(x) = \frac{x - 3}{2} \\ f:\; & (0 \mid 3),\; (1 \mid 5),\; (-1 \mid 1) \\ f^{-1}:\; & (3 \mid 0),\; (5 \mid 1),\; (1 \mid -1) \\ f^{-1}(f(x)) &= \frac{(2x + 3) - 3}{2} = x \end{aligned}

Du stellst nach xx um und tauschst dann die Namen. Es ist der Rückweg wie bei Celsius und Fahrenheit: erst abziehen, dann teilen. Die Punkte zeigen die Spiegelung. Aus (1∣5)(1 \mid 5) auf dem Graphen von ff wird (5∣1)(5 \mid 1) auf dem Graphen von f−1f^{-1}, und tatsächlich ist f−1(5)=5−32=1f^{-1}(5) = \frac{5 - 3}{2} = 1.

Definition

Einschränkung des Definitionsbereichs

Die Funktion f(x)=x2f(x) = x^2 mit Df=RD_f = \mathbb{R} ist nicht umkehrbar: f(2)=f(−2)=4f(2) = f(-2) = 4, und die Gerade y=4y = 4 schneidet die Parabel zweimal. Du machst sie umkehrbar, indem du den Definitionsbereich einschränkst auf einen Bereich, in dem sie nur steigt oder nur fällt. Für x≥0x \ge 0 (rechter Ast der Parabel) ist die Umkehrfunktion die Wurzelfunktion x\sqrt{x}. Für x≤0x \le 0 (linker Ast) ist sie −x-\sqrt{x}.

Beispiel

Umkehrfunktion mit eingeschränktem Definitionsbereich

Bestimme die Umkehrfunktion von f(x)=(x−1)2+2f(x) = (x - 1)^2 + 2 mit Df=[1; ∞[D_f = [1;\, \infty[. Gib ihren Definitionsbereich an und prüfe sie an einem Punkt.

y=(x−1)2+2  ⇒  (x−1)2=y−2x−1=y−2  ⇒  x=1+y−2f−1(x)=1+x−2,Df−1=[2; ∞[f(3)=22+2=6,f−1(6)=1+4=3\begin{aligned} y &= (x - 1)^2 + 2 \;\Rightarrow\; (x - 1)^2 = y - 2 \\ x - 1 &= \sqrt{y - 2} \;\Rightarrow\; x = 1 + \sqrt{y - 2} \\ f^{-1}(x) &= 1 + \sqrt{x - 2}, \qquad D_{f^{-1}} = [2;\, \infty[ \\ f(3) &= 2^2 + 2 = 6, \qquad f^{-1}(6) = 1 + \sqrt{4} = 3 \end{aligned}

Wegen x≥1x \ge 1 ist x−1≥0x - 1 \ge 0. Deshalb nimmst du beim Wurzelziehen nur die positive Wurzel. Die Wertemenge von ff beginnt beim Scheitelpunkt: Wf=[2; ∞[W_f = [2;\, \infty[. Das ist der Definitionsbereich der Umkehrfunktion. Für den linken Ast (x≤1x \le 1) wäre das Ergebnis 1−x−21 - \sqrt{x - 2}.

Definition

Wurzel- und Logarithmusfunktion als Umkehrfunktionen

Die Potenzfunktion f(x)=xnf(x) = x^n für x≥0x \ge 0 hat die Umkehrfunktion f−1(x)=xnf^{-1}(x) = \sqrt[n]{x}. So ist x\sqrt{x} die Umkehrfunktion von x2x^2 und x3\sqrt[3]{x} die von x3x^3 (jeweils für x≥0x \ge 0).

Die Exponentialfunktion f(x)=axf(x) = a^x mit a>0a > 0 und a≠1a \ne 1 nimmt nur positive Werte an und steigt oder fällt immer weiter. Sie ist also umkehrbar. Ihre Umkehrfunktion ist die Logarithmusfunktion f−1(x)=log⁡axf^{-1}(x) = \log_a x mit dem Definitionsbereich ]0; ∞[]0;\, \infty[ und der Wertemenge R\mathbb{R}. Das passt zur Erklärung des Logarithmus: log⁡ab\log_a b ist der Exponent, mit dem du aa potenzieren musst, um bb zu erhalten. Die Graphen von axa^x und log⁡ax\log_a x liegen spiegelbildlich zur ersten Winkelhalbierenden.

log⁡a(ax)=xalog⁡ax=x(x>0)\log_a\left(a^x\right) = x \qquad a^{\log_a x} = x \quad (x > 0)
Beispiel

Logarithmus als Umkehrung

Bestimme die Umkehrfunktion von f(x)=2x+1f(x) = 2^x + 1 und gib ihren Definitionsbereich an.

y=2x+1  ⇒  2x=y−1  ⇒  x=log⁡2(y−1)f−1(x)=log⁡2(x−1),Df−1=]1; ∞[f(3)=23+1=9,f−1(9)=log⁡28=3\begin{aligned} y &= 2^x + 1 \;\Rightarrow\; 2^x = y - 1 \;\Rightarrow\; x = \log_2(y - 1) \\ f^{-1}(x) &= \log_2(x - 1), \qquad D_{f^{-1}} = ]1;\, \infty[ \\ f(3) &= 2^3 + 1 = 9, \qquad f^{-1}(9) = \log_2 8 = 3 \end{aligned}

Du isolierst zuerst die Potenz 2x2^x. Dann wendest du den Logarithmus zur Basis 2 an. Weil 2x2^x immer positiv ist, sind alle Werte von ff größer als 1: Wf=]1; ∞[W_f = ]1;\, \infty[. Genau diese xx darf f−1f^{-1} einsetzen. Probe: Die Potenz 23=82^3 = 8 gibt f(3)=9f(3) = 9, und f−1(9)f^{-1}(9) ist der Exponent von 2, der 8 ergibt, also 3.

Häufige Fehler

Die Umkehrfunktion ist nicht der Kehrwert

Jemand sagt: „Die Umkehrfunktion von f(x)=2xf(x) = 2x ist f−1(x)=12xf^{-1}(x) = \frac{1}{2x}.“

Richtig ist

f−1f^{-1} macht ff rückgängig. Es gilt f−1(x)=x2f^{-1}(x) = \frac{x}{2}, denn f−1(f(3))=f−1(6)=3f^{-1}(f(3)) = f^{-1}(6) = 3. Mit 12x\frac{1}{2x} käme 112\frac{1}{12} heraus.

Häufige Fehler

Wurzel als Umkehrung von x² für alle x

Jemand sagt: „x\sqrt{x} ist die Umkehrfunktion von f(x)=x2f(x) = x^2.“ Zur Probe: f(−3)=9f(-3) = 9 und 9=3\sqrt{9} = 3.

Richtig ist

Die Probe scheitert, denn 3≠−33 \ne -3. x\sqrt{x} ist nur die Umkehrfunktion von x2x^2 mit eingeschränktem Definitionsbereich x≥0x \ge 0. Ohne Einschränkung ist x2x^2 nicht umkehrbar.

Häufige Fehler

An der falschen Achse spiegeln

Jemand zeichnet den Graphen der Umkehrfunktion, indem er den Graphen von ff an der yy-Achse spiegelt.

Richtig ist

Gespiegelt wird an der ersten Winkelhalbierenden y=xy = x. Nur dabei werden die Koordinaten eines Punktes vertauscht: Aus (a∣b)(a \mid b) wird (b∣a)(b \mid a).

Zusammenfassung

  • Die Umkehrfunktion f−1f^{-1} macht ff rückgängig: f−1(f(x))=xf^{-1}(f(x)) = x. Dabei tauschen Definitionsbereich und Wertebereich die Rollen. f−1f^{-1} ist nicht 1f\frac{1}{f}.

  • Eine Funktion ist umkehrbar, wenn jede waagerechte Gerade ihren Graphen höchstens einmal schneidet, zum Beispiel wenn sie immer steigt oder immer fällt.

  • Den Term findest du durch Auflösen von y=f(x)y = f(x) nach xx und Vertauschen der Namen xx und yy.

  • Der Graph von f−1f^{-1} ist der an der ersten Winkelhalbierenden y=xy = x gespiegelte Graph von ff. Aus (a∣b)(a \mid b) wird (b∣a)(b \mid a).

  • Ist ff nicht umkehrbar, schränkst du den Definitionsbereich ein, etwa x2x^2 auf x≥0x \ge 0.

  • Wurzelfunktionen sind Umkehrfunktionen von Potenzfunktionen mit x≥0x \ge 0. Die Logarithmusfunktion log⁡ax\log_a x ist die Umkehrfunktion von axa^x.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Es sei f(x)=3x−5f(x) = 3x - 5. Wie groß ist f−1(7)f^{-1}(7)?

Aufgabe 2Multiple Choice

Welche dieser Funktionen ist auf ganz R\mathbb{R} umkehrbar?

Aufgabe 3Numerisch

Es sei f(x)=(x+2)2−3f(x) = (x + 2)^2 - 3 mit x≥−2x \ge -2. Wie groß ist f−1(6)f^{-1}(6)?

Aufgabe 4Numerisch

Es sei f(x)=2xf(x) = 2^x. Wie groß ist f−1(32)f^{-1}(32)?

Aufgabe 5Multiple Choice

Der Graph von ff geht durch den Punkt (2∣5)(2 \mid 5). Durch welchen Punkt geht der Graph von f−1f^{-1}?

Aufgabe 6Freitext

Erkläre, warum f(x)=x2f(x) = x^2 mit Df=RD_f = \mathbb{R} keine Umkehrfunktion hat. Wie schränkst du den Definitionsbereich ein, damit es eine gibt, und wie lautet sie dann?