Newton-Verfahren und iterative Nullstellenbestimmung
Nach dieser Lektion kannst du
erklären, warum man viele Gleichungen nur näherungsweise lösen kann und was ein iteratives Verfahren ist
die Newton-Formel aus der Tangentengleichung herleiten
Newton-Schritte von Hand und mit einer Tabelle ausführen und ein sinnvolles Abbruchkriterium wählen
erkennen, wann das Verfahren versagt: waagerechte Tangente, Zyklus, Sprung zu einer anderen Nullstelle
Gleichungen ohne Lösungsformel. Für gibt es die Mitternachtsformel. Schon bei wird es mühsam, und für eine so harmlos aussehende Gleichung wie gibt es überhaupt keine Formel, die die Lösung exakt angibt. Trotzdem braucht man solche Lösungen ständig: in der Physik, in der Technik, in jedem Taschenrechner, der eine Wurzel zieht.
Der Ausweg ist ein iteratives Verfahren (von lateinisch *iterare*, wiederholen). Man beginnt mit einer groben Schätzung und verbessert sie mit einer festen Rechenvorschrift. Das Ergebnis eines Schritts ist der Startwert des nächsten. Die Intervallhalbierung aus der Lektion über Stetigkeit ist so ein Verfahren: Sie halbiert bei jedem Schritt die Unsicherheit. Für sechs richtige Nachkommastellen braucht sie etwa zwanzig Schritte. Isaac Newton hatte eine bessere Idee, und sie beruht auf der Ableitung.
Die Idee: Kurve durch Gerade ersetzen. Die Nullstelle einer Kurve zu finden ist schwer. Die Nullstelle einer Geraden zu finden ist leicht. In der Nähe eines Punktes sieht ein differenzierbarer Graph aber fast aus wie seine Tangente. Also ersetzt man den Graphen durch die Tangente und nimmt deren Nullstelle als neue Schätzung. Weil die Tangente den Graphen nur in der Nähe gut beschreibt, trifft man die Nullstelle nicht genau, kommt ihr aber meist viel näher. Dann wiederholt man das Ganze vom neuen Punkt aus.
Gesucht ist , also die positive Nullstelle von . Man startet bei und wendet die Tangenten-Idee immer wieder an. Wie viele Schritte braucht man ungefähr, bis sechs Nachkommastellen von stimmen?
Probier es aus
Die Newton-Formel herleiten
Die Newton-Formel herleiten
Wir haben eine Näherung und wollen die nächste, , ausrechnen. Dazu brauchen wir nur die Tangentengleichung aus der Lektion über die Ableitung.
Tangente an den Graphen von im Punkt :
Newton-Verfahren
Gegeben ist eine differenzierbare Funktion und ein Startwert in der Nähe einer Nullstelle. Man berechnet nacheinander
und hört auf, wenn sich zwei aufeinanderfolgende Näherungen um weniger als eine vorher gewählte Genauigkeit unterscheiden, zum Beispiel . Diese Bedingung heißt Abbruchkriterium.
Die Zahlen bilden eine Folge von Näherungen. Wenn sie sich einer Zahl beliebig nähern, sagt man, die Folge konvergiert gegen . Ist stetig differenzierbar und , dann ist dieser Grenzwert eine Nullstelle von .
Ein Rechenbeispiel von Hand:
Ein Rechenbeispiel von Hand:
In der Lektion über Stetigkeit haben wir mit dem Zwischenwertsatz gezeigt, dass zwischen und eine Nullstelle hat. Jetzt bestimmen wir sie. Startwert .
Ableitung bilden:
Führe für mit dem Startwert einen Newton-Schritt aus. Wie groß ist ?
Vereinfache die Newton-Iteration für . Schreib als Term in (tippe dafür einfach ).
Quadratische Konvergenz beim Wurzelziehen
Für mit und jeden Startwert gilt für den Fehler der nächsten Näherung
Eine Gleichung ohne Formel:
Eine Gleichung ohne Formel:
Gesucht ist die Stelle, an der der Kosinus seinem Argument gleich ist ( im Bogenmaß). Wir bringen alles auf eine Seite: mit .
Mit : , , , . Nach drei Schritten stehen sechs Stellen fest: . Für diese Zahl gibt es keinen geschlossenen Ausdruck. Das Newton-Verfahren ist hier der einzige Weg zu einem Zahlenwert.
Probier es aus
Wenn es schiefgeht. Das Newton-Verfahren ist schnell, aber nicht unfehlbar. Es kann auf drei Arten scheitern:
- Waagerechte Tangente. Ist , schneidet die Tangente die Achse nicht. Liegt nur in der Nähe eines Hoch- oder Tiefpunkts, ist die Tangente fast waagerecht, und landet sehr weit weg.
- Zyklus. Die Näherungen springen immer zwischen denselben Werten hin und her und kommen nie an.
- Falsche Nullstelle. Hat mehrere Nullstellen, kann das Verfahren bei einer anderen ankommen, als man erwartet hat.
Der folgende Versuch zeigt ein berühmtes Beispiel für einen Zyklus.
Probier es aus
Das Vorzeichen in der Formel
Das Vorzeichen in der Formel
Man rechnet .
Es heißt minus. Anschaulich: Ist und steigt (also ), dann liegt die Nullstelle links von , man muss also nach links gehen. Mit Plus würde man sich von der Nullstelle entfernen.
Die Ableitung an der falschen Stelle
Die Ableitung an der falschen Stelle
Man berechnet einmal am Startwert und verwendet diesen Wert in allen Schritten weiter.
In jedem Schritt braucht man die Tangente am aktuellen Punkt, also und neu. Eine Tabelle mit den Spalten , , , hilft, nichts zu vergessen.
Aufhören, sobald klein ist
Aufhören, sobald klein ist
Man bricht ab, weil ist, und hält für genau.
Ein kleiner Funktionswert heißt nicht, dass nahe an der Nullstelle liegt. Bei einem sehr flachen Graphen kann man noch weit weg sein. Deshalb prüft man besser, ob sich zwei Näherungen nur noch wenig unterscheiden, und gibt nur so viele Stellen an, wie sich nicht mehr ändern.
Zusammenfassung
Iterative Verfahren verbessern eine Näherung Schritt für Schritt. Sie lösen Gleichungen, für die es keine Formel gibt.
Newton-Idee: Den Graphen durch die Tangente ersetzen und deren Nullstelle als nächste Näherung nehmen.
Newton-Iteration: , nur für .
In der Nähe einer Nullstelle verdoppelt sich die Zahl der richtigen Stellen pro Schritt ungefähr (quadratische Konvergenz).
Abbruch, wenn kleiner als die gewünschte Genauigkeit ist.
Das Verfahren kann versagen: bei waagerechten Tangenten, durch Zyklen oder indem es zu einer anderen Nullstelle läuft. Ein guter Startwert aus einem Vorzeichenwechsel hilft.
Übungen
Berechne für mit die erste Newton-Näherung .
Für und : Berechne auf drei Nachkommastellen.
Stelle die vereinfachte Newton-Iteration für auf. Schreib als Term in (tippe für ).
Für wählt man den Startwert . Was passiert im ersten Schritt?
Die Gleichung soll mit Newton gelöst werden: , , Startwert . Berechne auf drei Nachkommastellen ().
Nach der Fehlerformel : Wie groß ist ungefähr der Fehler von , wenn beim Berechnen von um zu groß ist?
Erkläre anhand einer Skizze, warum das Newton-Verfahren für mit einem Startwert nahe bei (zum Beispiel ) zunächst sehr weit nach rechts springt. Berechne und begründe, warum das Verfahren trotzdem bei ankommt.