Lektion 4.4

Elektromagnetische Induktion: magnetischer Fluss, Induktionsgesetz und Lenzsche Regel

18 min Lesezeit

Ein Fahrraddynamo liefert Strom, ohne dass eine Batterie angeschlossen ist: Ein Magnet dreht sich vor einer Spule. Auch im Labor lässt sich das nachbauen. Hält man einen Magneten ruhig in eine Spule, zeigt das Messgerät nichts. Schiebt man ihn hinein, schlägt das Gerät aus, beim Herausziehen schlägt es in die andere Richtung aus.

Die Spannung entsteht also nur, solange sich etwas ändert. Wovon hängt sie ab, in welche Richtung fließt der Strom, und wie nutzt man das in Generator und Transformator?

Definition

Magnetischer Fluss

Der magnetische Fluss Φ\Phi gibt an, wie viel Magnetfeld eine Fläche durchsetzt. Steht eine ebene Fläche AA senkrecht zu einem homogenen Feld BB, ist Φ=B A\Phi = B\,A. Ist die Fläche geneigt, zählt nur die Komponente von B⃗\vec{B} senkrecht zur Fläche: Φ=B Acos⁡φ\Phi = B\,A\cos\varphi, mit dem Winkel φ\varphi zwischen B⃗\vec{B} und der Flächennormalen (der Senkrechten auf der Fläche). Anschaulich zählt Φ\Phi die Feldlinien, die durch die Fläche treten. Durchsetzt das Feld NN Windungen, ist der Gesamtfluss NΦN\Phi.

Φ=B⋅A⋅cos⁡φ,[Φ]=1 T⋅m2=1 Vs=1 Wb\Phi = B \cdot A \cdot \cos\varphi, \qquad [\Phi] = 1\,\text{T} \cdot \text{m}^2 = 1\,\text{Vs} = 1\,\text{Wb}
Beispiel

Fluss durch eine Leiterschleife

Eine rechteckige Leiterschleife (5,0 cm × 8,0 cm) liegt senkrecht zu einem Feld von 0,30 T. Wie groß ist Φ\Phi, und wie groß ist der Fluss, nachdem man die Schleife um 60° gedreht hat?

Φ1=0,30 T⋅4,0⋅10−3 m2=1,2 mWb,Φ2=Φ1⋅cos⁡60∘=0,60 mWb\Phi_1 = 0{,}30\,\text{T} \cdot 4{,}0 \cdot 10^{-3}\,\text{m}^2 = 1{,}2\,\text{mWb}, \qquad \Phi_2 = \Phi_1 \cdot \cos 60^\circ = 0{,}60\,\text{mWb}

Die Fläche ist 0,050 m⋅0,080 m=4,0⋅10−3 m20{,}050\,\text{m} \cdot 0{,}080\,\text{m} = 4{,}0 \cdot 10^{-3}\,\text{m}^2. Nach der Drehung schließt die Flächennormale mit B⃗\vec{B} den Winkel 60° ein, und cos⁡60∘=0,5\cos 60^\circ = 0{,}5. Der Fluss ist nur noch halb so groß.

Definition

Induktion und Induktionsgesetz

Ändert sich der Fluss durch eine Leiterschleife, wird in ihr eine Spannung induziert, die Induktionsspannung UindU_{\text{ind}} (Faraday, 1831). Der Fluss kann sich auf drei Arten ändern: durch ein veränderliches BB (Magnet bewegen, Strom in einer Nachbarspule ändern), durch eine veränderliche Fläche AA (Leiterstück verschieben) oder durch einen veränderlichen Winkel φ\varphi (Schleife drehen). Entscheidend ist die Änderung, nicht der Fluss selbst: Ein ruhender Magnet erzeugt keine Spannung, auch ein sehr starker nicht.

Je schneller sich der Fluss ändert, desto größer ist die Spannung. Für eine Spule mit NN Windungen gilt, wenn sich der Fluss in der Zeit Δt\Delta t um ΔΦ\Delta\Phi ändert (mittlere Änderungsrate, ein Differenzenquotient):

Uind=−N ΔΦΔtU_{\text{ind}} = -N\,\frac{\Delta\Phi}{\Delta t}
Beispiel

Induktionsspannung in einer Spule

Eine Spule mit 200 Windungen und der Querschnittsfläche 25 cm² liegt mit ihrer Achse parallel zu einem Feld, das in 0,10 s gleichmäßig von 0 auf 0,50 T wächst. Wie groß ist die Induktionsspannung (Betrag)?

∣Uind∣=N ΔB⋅AΔt=200⋅0,50 T⋅2,5⋅10−3 m20,10 s=2,5 V|U_{\text{ind}}| = N\,\frac{\Delta B \cdot A}{\Delta t} = 200 \cdot \frac{0{,}50\,\text{T} \cdot 2{,}5 \cdot 10^{-3}\,\text{m}^2}{0{,}10\,\text{s}} = 2{,}5\,\text{V}

Es ist A=25 cm2=2,5⋅10−3 m2A = 25\,\text{cm}^2 = 2{,}5 \cdot 10^{-3}\,\text{m}^2 und ΔΦ=0,50⋅2,5⋅10−3 Wb=1,25⋅10−3 Wb\Delta\Phi = 0{,}50 \cdot 2{,}5 \cdot 10^{-3}\,\text{Wb} = 1{,}25 \cdot 10^{-3}\,\text{Wb}. Weil der Fluss gleichmäßig wächst, ist die Änderungsrate zu jedem Zeitpunkt gleich: Die Spannung beträgt während der ganzen 0,10 s konstant 2,5 V.

Magnet und Spule

Der Magnet bewegt sich in der Spule. Lies unter der Zeichnung Induktionsspannung und Geschwindigkeit ab: Steht der Magnet für einen Moment still, ist die Spannung null. Erhöhe den Regler "Frequenz": Der Magnet bewegt sich schneller, und die Spannungswerte werden größer. Erhöhe die "Windungszahl": Die Spannung wächst im gleichen Verhältnis. Bei "Bewegung des Magneten" auf "von Hand" bewegst du den Magneten mit dem Regler "Lage des Magneten" selbst.

Definition

Lenzsche Regel

Lenzsche Regel: Der Induktionsstrom ist stets so gerichtet, dass sein Magnetfeld der Flussänderung entgegenwirkt, die ihn verursacht. Nimmt der Fluss zu, erzeugt der Strom ein Feld gegen das äußere Feld. Nimmt er ab, erzeugt er ein Feld in Richtung des äußeren Feldes. Das Minuszeichen im Induktionsgesetz steht dafür.

Beispiel: Schiebt man den Nordpol eines Magneten in eine Spule, wird deren zugewandtes Ende zum Nordpol und stößt den Magneten ab. Zieht man ihn heraus, wird es zum Südpol und zieht ihn an. Man verrichtet in beiden Fällen Arbeit gegen die Kraft, und diese Arbeit erscheint als elektrische Energie. Die Lenzsche Regel ist daher Energieerhaltung: Würde der Strom die Änderung verstärken, entstünde Energie aus dem Nichts.

Definition

Generator und Wechselspannung

Dreht sich eine Spule (Fläche AA, NN Windungen) mit der Frequenz ff gleichmäßig in einem homogenen Feld, ist φ=ωt\varphi = \omega t mit ω=2πf\omega = 2\pi f und Φ(t)=BAcos⁡(ωt)\Phi(t) = B A \cos(\omega t). Die Kosinuskurve ist beim Nulldurchgang am steilsten, mit der Steigung ωBA\omega B A. Die Induktionsspannung ist deshalb sinusförmig: eine Wechselspannung mit dem Scheitelwert U^=NBAω\hat{U} = N B A \omega. So arbeitet ein Generator.

Der Effektivwert UeffU_{\text{eff}} ist die Gleichspannung, die an einem Widerstand dieselbe Leistung umsetzt. Die Netzspannung von 230 V ist ein Effektivwert, ihr Scheitelwert beträgt etwa 325 V.

U(t)=U^ sin⁡(ωt),U^=N B A ω,Ueff=U^2U(t) = \hat{U}\,\sin(\omega t), \qquad \hat{U} = N\,B\,A\,\omega, \qquad U_{\text{eff}} = \frac{\hat{U}}{\sqrt{2}}
Beispiel

Spannung eines Generators

Eine Spule mit 100 Windungen und der Fläche 200 cm² dreht sich mit 50 Umdrehungen je Sekunde (f=50 Hzf = 50\,\text{Hz}) in einem Feld von 0,050 T. Wie groß sind Scheitelwert und Effektivwert?

U^=100⋅0,050 T⋅0,0200 m2⋅2π⋅50 s−1=31,4 V,Ueff=31,4 V2=22,2 V\hat{U} = 100 \cdot 0{,}050\,\text{T} \cdot 0{,}0200\,\text{m}^2 \cdot 2\pi \cdot 50\,\text{s}^{-1} = 31{,}4\,\text{V}, \qquad U_{\text{eff}} = \frac{31{,}4\,\text{V}}{\sqrt{2}} = 22{,}2\,\text{V}

Es ist A=200 cm2=0,0200 m2A = 200\,\text{cm}^2 = 0{,}0200\,\text{m}^2 und ω=2π⋅50 s−1=314 s−1\omega = 2\pi \cdot 50\,\text{s}^{-1} = 314\,\text{s}^{-1}. Das Produkt NBA=0,10 WbN B A = 0{,}10\,\text{Wb} mal ω\omega gibt 31,4 V.

Definition

Transformator

Ein Transformator besteht aus zwei Spulen auf einem gemeinsamen Eisenkern. An die Primärspule (N1N_1 Windungen) legt man die Wechselspannung U1U_1. Sie erzeugt im Kern einen wechselnden Fluss, der beide Spulen durchsetzt und in der Sekundärspule (N2N_2 Windungen) die Spannung U2U_2 induziert. Dieselbe Flussänderung ΔΦ/Δt\Delta\Phi/\Delta t gilt für jede Windung, also ist im unbelasteten Fall U1/U2=N1/N2U_1/U_2 = N_1/N_2. Ein idealer, verlustfreier Transformator gibt so viel Leistung ab, wie er aufnimmt: U1I1=U2I2U_1 I_1 = U_2 I_2. Die Ströme verhalten sich also umgekehrt wie die Spannungen.

Mit Gleichspannung arbeitet er nicht, denn dann ist der Fluss konstant. Überlandleitungen übertragen Energie bei Hochspannung: Bei gleicher Leistung ist der Strom klein, und in den Leitungen entsteht wenig Wärme (P=I2RP = I^2 R).

U1U2=N1N2,I1I2=N2N1\frac{U_1}{U_2} = \frac{N_1}{N_2}, \qquad \frac{I_1}{I_2} = \frac{N_2}{N_1}
Beispiel

Netzteil mit Transformator

Ein Netzteil soll aus 230 V (Primärspule mit 1150 Windungen) eine Spannung von 12 V erzeugen. Wie viele Windungen braucht die Sekundärspule? Welcher Primärstrom fließt beim idealen Transformator, wenn sekundär 0,50 A entnommen werden?

N2=N1 U2U1=1150⋅12 V230 V=60,I1=I2 U2U1=0,50 A⋅12230=26 mAN_2 = N_1\,\frac{U_2}{U_1} = 1150 \cdot \frac{12\,\text{V}}{230\,\text{V}} = 60, \qquad I_1 = I_2\,\frac{U_2}{U_1} = 0{,}50\,\text{A} \cdot \frac{12}{230} = 26\,\text{mA}

Es ist 1150/230=51150/230 = 5, also N2=5⋅12=60N_2 = 5 \cdot 12 = 60. Die Leistung ist sekundär 12 V⋅0,50 A=6,0 W12\,\text{V} \cdot 0{,}50\,\text{A} = 6{,}0\,\text{W}. Primär muss beim idealen Transformator dieselbe Leistung ankommen: 6,0 W/230 V=26 mA6{,}0\,\text{W} / 230\,\text{V} = 26\,\text{mA}. Echte Netzteile haben Verluste durch Wärme in Spulen und Kern.

Häufige Fehler

Ein starkes Feld induziert eine Spannung

„Ein starker Magnet in der Spule erzeugt eine hohe Spannung, auch wenn er ruhig liegt.“

Richtig ist

Entscheidend ist die Änderung des Flusses, ΔΦ/Δt\Delta\Phi/\Delta t, nicht der Fluss selbst. Ein ruhender Magnet gibt Uind=0U_{\text{ind}} = 0, wie stark er auch ist.

Häufige Fehler

Der Induktionsstrom schwächt immer das äußere Feld

„Nach Lenz erzeugt der Induktionsstrom immer ein Feld, das dem äußeren Feld entgegengerichtet ist.“

Richtig ist

Er wirkt der Änderung des Flusses entgegen. Nimmt der Fluss zu, ist sein Feld dem äußeren entgegengerichtet. Nimmt der Fluss ab, hat sein Feld die Richtung des äußeren Feldes und stützt es.

Zusammenfassung

  • Der magnetische Fluss Φ=BAcos⁡φ\Phi = B A \cos\varphi wird in Weber gemessen, 1 Wb=1 Vs1\,\text{Wb} = 1\,\text{Vs}.

  • Eine Spannung wird induziert, wenn sich der Fluss ändert, durch BB, AA oder φ\varphi. Ein konstanter Fluss gibt keine Spannung.

  • Induktionsgesetz: Uind=−N ΔΦ/ΔtU_{\text{ind}} = -N\,\Delta\Phi/\Delta t, mit der mittleren Änderungsrate des Flusses.

  • Lenzsche Regel: Der Induktionsstrom wirkt der Flussänderung entgegen. Das ist Energieerhaltung.

  • Ein Generator erzeugt Wechselspannung U^=NBAω\hat{U} = N B A \omega. Der Effektivwert ist U^/2\hat{U}/\sqrt{2}.

  • Der Transformator wandelt Wechselspannungen um: U1/U2=N1/N2U_1/U_2 = N_1/N_2 und I1/I2=N2/N1I_1/I_2 = N_2/N_1 (ideal).

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Eine Spule hat die Fläche 50 cm². Ein homogenes Feld von 0,20 T schließt mit der Flächennormalen den Winkel 60° ein. Wie groß ist der Fluss durch eine Windung in mWb?

Aufgabe 2Numerisch

Der Fluss durch eine Spule mit 400 Windungen sinkt gleichmäßig in 0,050 s von 2,0 mWb auf 0,5 mWb. Wie groß ist der Betrag der Induktionsspannung in V?

Aufgabe 3Multiple Choice

Der Nordpol eines Stabmagneten wird auf das Ende einer Spule zubewegt. Was erzeugt der Induktionsstrom an diesem Spulenende?

Aufgabe 4Numerisch

Die Primärspule eines Transformators hat 920 Windungen und liegt an 230 V. Sekundär sollen 6,0 V entstehen. Wie viele Windungen braucht die Sekundärspule?

Aufgabe 5Numerisch

Eine Spule mit 50 Windungen und der Fläche 100 cm² dreht sich mit 25 Hz in einem Feld von 0,20 T. Wie groß ist der Scheitelwert der Spannung in V?

Aufgabe 6Freitext

Erkläre, warum ein Transformator mit Gleichspannung keine Spannung auf der Sekundärseite liefert.