Lektion 4.2

Lorentzkraft und Bewegung geladener Teilchen im Magnetfeld

17 min Lesezeit

Polarlichter entstehen, wenn geladene Teilchen des Sonnenwinds auf die Atmosphäre treffen. Das Erdmagnetfeld lenkt sie ab, und vor allem in der Nähe der Pole gelangen sie tief hinein. In einer alten Fernsehröhre lenkten Spulen den Elektronenstrahl über den Bildschirm. Auf eine bewegte Ladung wirkt im Magnetfeld offenbar eine Kraft.

Wie groß ist diese Kraft, wohin zeigt sie, und welche Bahn nimmt ein Teilchen? Mit den Antworten lässt sich sogar die Ladung je Masse eines Elektrons messen.

Definition

Lorentzkraft: Betrag

Auf eine Ladung qq, die sich mit der Geschwindigkeit vv durch ein Magnetfeld der Flussdichte BB bewegt, wirkt die Lorentzkraft. Steht v⃗\vec{v} senkrecht auf B⃗\vec{B}, hat sie den Betrag F=q v BF = q\,v\,B. Allgemein gilt F=∣q∣ v B sin⁡φF = |q|\,v\,B\,\sin\varphi, mit dem Winkel φ\varphi zwischen v⃗\vec{v} und B⃗\vec{B}. Fliegt das Teilchen parallel zu den Feldlinien, wirkt keine Kraft, und ein ruhendes Teilchen erfährt auch keine.

Herleitung aus der Kraft auf einen Leiter (F=B I lF = B\,I\,l): In einem Leiterstück der Länge ll driften NN Ladungsträger mit der Geschwindigkeit vv. Sie durchlaufen das Stück in der Zeit t=l/vt = l/v. Also ist I=Nq/tI = Nq/t und I l=NqvI\,l = N q v. Die Kraft F=BIl=NqvBF = B I l = N q v B verteilt sich auf NN Teilchen, auf jedes entfällt qvBq v B.

F=q⋅v⋅B(v⃗⊥B⃗)F = q \cdot v \cdot B \qquad (\vec{v} \perp \vec{B})
Definition

Lorentzkraft: Richtung

Die Kraft steht senkrecht auf v⃗\vec{v} und senkrecht auf B⃗\vec{B}. Für eine positive Ladung gilt die Drei-Finger-Regel der rechten Hand: Daumen in Bewegungsrichtung v⃗\vec{v} (bei einem Strom: technische Stromrichtung), Zeigefinger in Feldrichtung B⃗\vec{B}, dann zeigt der Mittelfinger in Richtung der Kraft F⃗\vec{F}. Für Elektronen kehrt sich die Kraft um. In Zeichnungen steht ⊗\otimes für ein Feld, das in die Zeichenebene hineinzeigt, und ⊙\odot für eines, das herauszeigt. Als Vektorgleichung lautet das Gesetz F⃗=q v⃗×B⃗\vec{F} = q\,\vec{v} \times \vec{B}.

Weil F⃗\vec{F} immer senkrecht auf v⃗\vec{v} steht, verrichtet die Lorentzkraft keine Arbeit. Sie ändert die Richtung der Geschwindigkeit, nicht ihren Betrag.

Beispiel

Kraft auf ein Elektron

Ein Elektron fliegt mit v=2,0⋅106 m/sv = 2{,}0 \cdot 10^{6}\,\text{m/s} senkrecht zu einem Feld von 0,50 mT. Wie groß ist die Lorentzkraft?

F=e v B=1,60⋅10−19 C⋅2,0⋅106 ms⋅5,0⋅10−4 T=1,6⋅10−16 NF = e\,v\,B = 1{,}60 \cdot 10^{-19}\,\text{C} \cdot 2{,}0 \cdot 10^{6}\,\frac{\text{m}}{\text{s}} \cdot 5{,}0 \cdot 10^{-4}\,\text{T} = 1{,}6 \cdot 10^{-16}\,\text{N}

Es ist 2,0⋅106⋅5,0⋅10−4=1,0⋅1032{,}0 \cdot 10^{6} \cdot 5{,}0 \cdot 10^{-4} = 1{,}0 \cdot 10^{3}. Mal 1,60⋅10−191{,}60 \cdot 10^{-19} ergibt 1,6⋅10−161{,}6 \cdot 10^{-16} N. Das ist winzig, aber die Masse des Elektrons ist nur 9,11⋅10−319{,}11 \cdot 10^{-31} kg. Die Beschleunigung beträgt a=F/m≈1,8⋅1014 m/s2a = F/m \approx 1{,}8 \cdot 10^{14}\,\text{m/s}^2.

Definition

Bahnformen im homogenen Magnetfeld

Die Bahn hängt vom Winkel zwischen v⃗\vec{v} und B⃗\vec{B} ab.

  • v⃗∥B⃗\vec{v} \parallel \vec{B}: keine Kraft, geradlinige gleichförmige Bewegung.
  • v⃗⊥B⃗\vec{v} \perp \vec{B}: Die Kraft hat konstanten Betrag und zeigt stets zum Mittelpunkt. Das Teilchen läuft auf einer Kreisbahn in einer Ebene senkrecht zu B⃗\vec{B}. Die Lorentzkraft ist die Zentripetalkraft: qvB=mv2/rq v B = m v^2/r.
  • schräg: Man zerlegt v⃗\vec{v}. Der Anteil parallel zu B⃗\vec{B} bleibt unverändert, der senkrechte Anteil läuft auf einem Kreis. Zusammen ergibt das eine Schraubenlinie. So wandern Teilchen des Sonnenwinds entlang der Feldlinien zu den Polen.

Für die Kreisbahn folgen aus qvB=mv2/rq v B = m v^2/r der Bahnradius und die Umlaufdauer:

r=m vq B,T=2πrv=2πmq Br = \frac{m\,v}{q\,B}, \qquad T = \frac{2\pi r}{v} = \frac{2\pi m}{q\,B}
Beispiel

Elektron auf der Kreisbahn

Ein Elektron wird aus der Ruhe mit U=300 VU = 300\,\text{V} beschleunigt und fliegt senkrecht in ein homogenes Feld von 1,0 mT. Berechne Geschwindigkeit, Bahnradius und Umlaufdauer.

v≈1,03⋅107 ms,r≈5,8 cm,T≈36 nsv \approx 1{,}03 \cdot 10^{7}\,\frac{\text{m}}{\text{s}}, \qquad r \approx 5{,}8\,\text{cm}, \qquad T \approx 36\,\text{ns}

Aus eU=12mv2e U = \tfrac{1}{2} m v^2 folgt v=2eU/m=2⋅1,60⋅10−19⋅300/(9,11⋅10−31) m/s=1,03⋅107 m/sv = \sqrt{2 e U/m} = \sqrt{2 \cdot 1{,}60 \cdot 10^{-19} \cdot 300 / (9{,}11 \cdot 10^{-31})}\,\text{m/s} = 1{,}03 \cdot 10^{7}\,\text{m/s}. Das sind etwa 3 % der Lichtgeschwindigkeit, klassisch gerechnet ist es also genau genug. Mit dem ungerundeten Wert v=1,027⋅107 m/sv = 1{,}027 \cdot 10^{7}\,\text{m/s} ist r=mveB=9,11⋅10−31⋅1,027⋅1071,60⋅10−19⋅1,0⋅10−3 m=0,058 mr = \frac{m v}{e B} = \frac{9{,}11 \cdot 10^{-31} \cdot 1{,}027 \cdot 10^{7}}{1{,}60 \cdot 10^{-19} \cdot 1{,}0 \cdot 10^{-3}}\,\text{m} = 0{,}058\,\text{m} und T=2πmeB=3,6⋅10−8 sT = \frac{2\pi m}{e B} = 3{,}6 \cdot 10^{-8}\,\text{s}.

Definition

Spezifische Ladung des Elektrons und Fadenstrahlrohr

Aus eU=12mv2e U = \tfrac{1}{2} m v^2 und r=mv/(eB)r = m v/(eB) folgt r2B2=2mU/er^2 B^2 = 2 m U/e. Misst man UU, BB und rr, erhält man die spezifische Ladung e/me/m, die Ladung je Masse. Mit diesem Aufbau bestimmt man nur das Verhältnis, nicht ee und mm einzeln.

Im Fadenstrahlrohr beschleunigt eine Elektronenkanone Elektronen in einem Glaskolben mit wenig Gas (Druck etwa 1 Pa). Sie fliegen senkrecht in das homogene Feld eines Helmholtz-Spulenpaars, zweier gleicher Spulen im Abstand ihres Radius. Stoßen sie mit Gasatomen, leuchten diese auf, und die Bahn erscheint als heller Kreis. Man liest den Durchmesser ab. Die Flussdichte folgt aus dem Spulenstrom II, der Windungszahl NN je Spule und dem Spulenradius RR: B=(4/5)3/2 μ0NI/RB = (4/5)^{3/2}\,\mu_0 N I/R.

em=2UB2r2\frac{e}{m} = \frac{2U}{B^2 r^2}
Beispiel

Spezifische Ladung auswerten

Im Fadenstrahlrohr werden Elektronen mit U=250 VU = 250\,\text{V} beschleunigt. Die Spulen haben je N=130N = 130 Windungen und den Radius R=0,15 mR = 0{,}15\,\text{m} und führen I=1,5 AI = 1{,}5\,\text{A}. Der Kreis hat den Durchmesser 9,2 cm. Wie groß ist e/me/m?

em=2⋅250 V(1,17⋅10−3 T)2⋅(0,046 m)2=1,73⋅1011 Ckg\frac{e}{m} = \frac{2 \cdot 250\,\text{V}}{(1{,}17 \cdot 10^{-3}\,\text{T})^2 \cdot (0{,}046\,\text{m})^2} = 1{,}73 \cdot 10^{11}\,\frac{\text{C}}{\text{kg}}

Zuerst die Flussdichte: (4/5)3/2=0,716(4/5)^{3/2} = 0{,}716 und B=0,716⋅4π⋅10−7⋅130⋅1,5/0,15 T=1,17 mTB = 0{,}716 \cdot 4\pi \cdot 10^{-7} \cdot 130 \cdot 1{,}5 / 0{,}15\,\text{T} = 1{,}17\,\text{mT}. Der Radius ist die Hälfte des Durchmessers: r=4,6r = 4{,}6 cm. Der Literaturwert ist 1,76⋅1011 C/kg1{,}76 \cdot 10^{11}\,\text{C/kg}, der Messwert weicht um etwa 2 % ab. Mit e=1,60⋅10−19e = 1{,}60 \cdot 10^{-19} C (Millikan-Versuch) folgt m=e/(e/m)≈9,2⋅10−31m = e/(e/m) \approx 9{,}2 \cdot 10^{-31} kg.

Elektronen auf der Kreisbahn

Verändere den Regler "Spulenstrom" und den Regler "Beschleunigungsspannung" und lies unter der Zeichnung Flussdichte, Bahnradius und Umlaufdauer ab. Mehr Spulenstrom gibt mehr Flussdichte und einen kleineren Kreis, mehr Spannung ein schnelleres Elektron und einen größeren Kreis. Welcher der beiden Regler ändert die Umlaufdauer?

Häufige Fehler

Die Lorentzkraft macht das Teilchen schneller

„Im Magnetfeld wirkt eine Kraft auf das Elektron, also wird es schneller.“

Richtig ist

Die Lorentzkraft steht senkrecht auf der Geschwindigkeit. Sie ändert nur die Richtung, nicht den Betrag von vv, und verrichtet keine Arbeit. Die kinetische Energie bleibt konstant. Schneller wird ein Teilchen erst in einem elektrischen Feld.

Häufige Fehler

Regel für positive Ladungen auf Elektronen angewendet

„Das Elektron fliegt nach rechts, B⃗\vec{B} zeigt in die Zeichenebene hinein. Die Rechte-Hand-Regel gibt die Kraft nach oben.“

Richtig ist

Die Drei-Finger-Regel der rechten Hand gilt für positive Ladungen. Ein Elektron wird in die Gegenrichtung gelenkt, hier nach unten.

Zusammenfassung

  • Auf eine bewegte Ladung wirkt im Magnetfeld die Lorentzkraft F=q v B sin⁡φF = q\,v\,B\,\sin\varphi. Sie steht senkrecht auf v⃗\vec{v} und B⃗\vec{B} und verrichtet keine Arbeit.

  • Die Richtung gibt die Drei-Finger-Regel der rechten Hand für positive Ladungen. Bei Elektronen kehrt sie sich um.

  • Parallel zum Feld fliegt ein Teilchen geradeaus, senkrecht dazu auf einem Kreis, schräg auf einer Schraubenlinie.

  • Der Kreis hat den Radius r=mv/(qB)r = m v/(qB) und die Umlaufdauer T=2πm/(qB)T = 2\pi m/(qB), die nicht von vv abhängt.

  • Aus UU, BB und rr ergibt sich die spezifische Ladung e/m=2U/(B2r2)e/m = 2U/(B^2 r^2), zum Beispiel im Fadenstrahlrohr.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Ein Elektron fliegt mit 3,0 · 10^6 m/s senkrecht zu einem Magnetfeld von 20 mT. Wie groß ist die Lorentzkraft in Einheiten von 10^-15 N? (Elementarladung 1,60 · 10^-19 C)

Aufgabe 2Multiple Choice

Ein Elektron fliegt in der Zeichenebene nach rechts. Das Magnetfeld zeigt aus der Zeichenebene heraus, auf dich zu. In welche Richtung wirkt die Lorentzkraft?

Aufgabe 3Numerisch

Ein Elektron wird aus der Ruhe mit 100 V beschleunigt und fliegt senkrecht in ein homogenes Feld von 0,50 mT. Wie groß ist der Bahnradius in cm? (e/m = 1,76 · 10^11 C/kg)

Aufgabe 4Multiple Choice

Die Flussdichte wird bei gleicher Geschwindigkeit verdoppelt. Wie ändern sich Bahnradius r und Umlaufdauer T?

Aufgabe 5Numerisch

Ein Proton (m = 1,67 · 10^-27 kg) fliegt mit 1,0 · 10^6 m/s senkrecht zu einem Feld von 0,50 T. Wie groß ist der Bahnradius in cm?

Aufgabe 6Freitext

Warum erhält man im Fadenstrahlrohr nur die spezifische Ladung e/m und nicht die Masse des Elektrons?