Lektion 4.1

Magnetisches Feld: Flussdichte, Feldlinienbilder und Spule

16 min Lesezeit

Eine Kompassnadel zeigt nach Norden, weil die Erde ein Magnetfeld hat. Hältst du einen Draht, durch den Strom fließt, in die Nähe der Nadel, schlägt sie aus (Versuch von Oersted, 1820). Ein Kran hebt mit einem Elektromagneten Schrott, ein Kühlschrankmagnet hält dagegen nur ein Blatt Papier. Es gibt also starke und schwache Magnetfelder, und elektrische Ströme erzeugen sie.

Diese Lektion klärt drei Fragen. Wie zeichnet man ein Magnetfeld? Wie misst man seine Stärke? Und von welchen Größen hängt das Feld einer Spule ab?

Definition

Magnetfeld und Feldlinien

Ein Magnetfeld ist ein Raumbereich, in dem Kräfte auf Magnete, auf Eisen und auf bewegte Ladungen wirken. Seine Richtung an einem Ort ist die Richtung, in die dort der Nordpol einer kleinen Kompassnadel zeigt. Feldlinien machen das Feld sichtbar: Die Tangente an eine Linie gibt die Feldrichtung an, und wo die Linien dichter liegen, ist das Feld stärker.

Anders als elektrische Feldlinien haben magnetische weder Anfang noch Ende: Sie sind geschlossen. Beim Stabmagneten laufen sie außen vom Nordpol zum Südpol und innen im Magneten weiter vom Südpol zum Nordpol. Einzelne Pole (Monopole) hat man bisher nicht nachgewiesen: Teilt man einen Magneten, entstehen zwei kleinere Magnete mit je zwei Polen. Feldlinien schneiden sich nie, denn an jedem Ort gibt es nur eine Feldrichtung. Zwischen den Schenkeln eines Hufeisenmagneten verlaufen die Linien nahezu parallel und gleich dicht: Das Feld ist dort (annähernd) homogen.

Definition

Feldlinienbilder von Leiter und Spule

Gerader Leiter: Die Feldlinien sind Kreise um den Leiter, in Ebenen senkrecht zu ihm. Die Richtung gibt die Rechte-Hand-Regel: Zeigt der Daumen in die technische Stromrichtung, zeigen die gekrümmten Finger in Feldrichtung. Mit wachsendem Abstand vom Leiter werden die Linien lockerer, das Feld wird schwächer.

Kreisförmige Windung: Die Feldlinien verdichten sich im Innern des Rings.

Spule: Viele Windungen hintereinander. Im Innern verlaufen die Linien parallel zur Achse und gleich dicht, das Feld ist nahezu homogen. Außen gleicht das Bild dem eines Stabmagneten: Die Linien treten an einem Ende aus (Nordpol), am anderen ein (Südpol). Rechte-Hand-Regel für die Spule: Zeigen die Finger in Richtung des Stroms in den Windungen, zeigt der Daumen zum Nordpol.

Definition

Magnetische Flussdichte

Die Stärke des Feldes beschreibt die magnetische Flussdichte BB. Man misst sie mit einem Leiterstück der Länge ll, das senkrecht zu den Feldlinien liegt und vom Strom II durchflossen wird. Im Feld wirkt auf das Stück eine Kraft, deren Betrag FF zu II und zu ll proportional ist. Der Quotient hängt nur vom Feld ab und definiert BB (hier zählt nur der Betrag der Kraft):

B=FI⋅l,[B]=1 T=1 NA⋅m=1 Vsm2B = \frac{F}{I \cdot l}, \qquad [B] = 1\,\text{T} = 1\,\frac{\text{N}}{\text{A} \cdot \text{m}} = 1\,\frac{\text{Vs}}{\text{m}^2}
Beispiel

Flussdichte aus einer Kraftmessung

Ein 5,0 cm langes Leiterstück liegt senkrecht zu einem homogenen Feld. Bei 4,0 A wirkt die Kraft 0,060 N. Wie groß ist BB?

B=FI⋅l=0,060 N4,0 A⋅0,050 m=0,30 TB = \frac{F}{I \cdot l} = \frac{0{,}060\,\text{N}}{4{,}0\,\text{A} \cdot 0{,}050\,\text{m}} = 0{,}30\,\text{T}

Zuerst die Länge in Meter: 5,0 cm = 0,050 m. Der Nenner ist 4,0 A · 0,050 m = 0,20 A·m. Dann gilt 0,060 N : 0,20 A·m = 0,30 T. Zum Vergleich: Das Erdfeld hat etwa 50 µT (waagerecht in Deutschland etwa 20 µT), ein Kühlschrankmagnet an seiner Oberfläche einige mT, ein Kernspintomograf 1,5 bis 3 T.

Definition

Feld der langen Spule

Eine Spule heißt lang, wenn ihre Länge ll viel größer ist als ihr Durchmesser. Dann ist das Feld im Innern homogen, mit der Flussdichte B=μ0⋅NI/lB = \mu_0 \cdot N I / l. Dabei ist NN die Windungszahl und μ0=4π⋅10−7 Vs/(Am)\mu_0 = 4\pi \cdot 10^{-7}\,\text{Vs/(Am)} die magnetische Feldkonstante.

Plausibel ist die Formel so: Jede Windung trägt ein Feld bei, und im Innern addieren sich die Beiträge. Doppelt so viele Windungen oder doppelter Strom geben also doppelte Flussdichte. Drückt man dieselben Windungen auf die halbe Länge zusammen, liegen sie dichter und das Feld verdoppelt sich: Darum steht ll im Nenner, und es zählt nur N/lN/l, die Windungen je Meter. An den Enden der Spule ist BB nur etwa halb so groß wie in der Mitte.

Beispiel

Flussdichte einer Spule

Eine Spule hat 500 Windungen auf 25 cm Länge und führt 2,0 A. Wie groß ist BB im Innern, und welcher Strom gibt 20 mT?

B=4π⋅10−7 VsAm⋅500⋅2,0 A0,25 m=5,0⋅10−3 TB = 4\pi \cdot 10^{-7}\,\frac{\text{Vs}}{\text{Am}} \cdot \frac{500 \cdot 2{,}0\,\text{A}}{0{,}25\,\text{m}} = 5{,}0 \cdot 10^{-3}\,\text{T}

Die Windungen je Meter sind 500 · 2,0 A : 0,25 m = 4000 A/m. Mal 4π⋅10−74\pi \cdot 10^{-7} gibt 5,0 mT. Für 20 mT stellst du die Formel um: I=B lμ0N=0,020⋅0,254π⋅10−7⋅500 A≈8,0 AI = \frac{B\,l}{\mu_0 N} = \frac{0{,}020 \cdot 0{,}25}{4\pi \cdot 10^{-7} \cdot 500}\,\text{A} \approx 8{,}0\,\text{A}.

Das Feld der Spule

Verändere die Regler "Stromstärke" und "Windungszahl" und lies unter der Zeichnung die Flussdichte am gewählten Kompass ab: Sie wächst im gleichen Verhältnis wie Stromstärke und Windungszahl. Ziehe die Kompassnadeln aus der Spule heraus, dann wird das Feld schwächer. Mit "Stromrichtung" kehrst du das Feld um.

Definition

Superposition von Feldern

Sind mehrere Quellen vorhanden, addieren sich ihre Flussdichten an jedem Ort vektoriell: B⃗=B⃗1+B⃗2\vec{B} = \vec{B}_1 + \vec{B}_2. Jede Quelle erzeugt ihr Feld, als wäre die andere nicht da (Superpositionsprinzip). Stehen B⃗1\vec{B}_1 und B⃗2\vec{B}_2 senkrecht aufeinander, ist B=B12+B22B = \sqrt{B_1^2 + B_2^2}. Das Gesamtfeld schließt mit B⃗1\vec{B}_1 den Winkel α\alpha ein, für den tan⁡α=B2/B1\tan\alpha = B_2/B_1 gilt.

Beispiel

Spule und Erdfeld

Eine lange Spule mit 200 Windungen auf 0,50 m liegt in Ost-West-Richtung. In ihrer Mitte steht ein Kompass, dessen Nadel ohne Strom nach Norden zeigt. Die waagerechte Komponente des Erdfeldes sei BE=20 μTB_E = 20\,\mu\text{T} (angenommener Wert). Es fließen 0,040 A. Um welchen Winkel dreht sich die Nadel?

BS=4π⋅10−7 VsAm⋅200⋅0,040 A0,50 m≈20 μT,tan⁡α=BSBE=1B_S = 4\pi \cdot 10^{-7}\,\frac{\text{Vs}}{\text{Am}} \cdot \frac{200 \cdot 0{,}040\,\text{A}}{0{,}50\,\text{m}} \approx 20\,\mu\text{T}, \qquad \tan\alpha = \frac{B_S}{B_E} = 1

Das Spulenfeld zeigt nach Osten oder Westen (je nach Stromrichtung), das Erdfeld nach Norden: Beide stehen senkrecht aufeinander. Wegen BS≈BEB_S \approx B_E ist tan⁡α≈1\tan\alpha \approx 1, also α≈45∘\alpha \approx 45^\circ. Die Nadel zeigt nach Nordost oder Nordwest. Die Gesamtflussdichte ist 202+202 μT≈28 μT\sqrt{20^2 + 20^2}\,\mu\text{T} \approx 28\,\mu\text{T}.

Definition

Materie im Magnetfeld

Ein Stoff im Magnetfeld verändert es. Füllt man eine Spule mit ihm, wächst die Flussdichte um die Permeabilitätszahl μr\mu_r: B=μr μ0 NI/lB = \mu_r\,\mu_0\,N I/l.

  • Diamagnetische Stoffe (Kupfer, Wasser, Wismut) schwächen das Feld ein wenig: μr\mu_r ist etwas kleiner als 1.
  • Paramagnetische Stoffe (Aluminium, Platin) verstärken es ein wenig: μr\mu_r ist etwas größer als 1.
  • Ferromagnetische Stoffe (Eisen, Kobalt, Nickel) verstärken es stark: μr\mu_r liegt je nach Sorte bei einigen Hundert bis zu vielen Tausend.

Ferromagnetika bestehen aus kleinen Bereichen (Weiss-Bezirken), in denen die atomaren Elementarmagnete gleich ausgerichtet sind. Ein äußeres Feld richtet die Bereiche aus und verstärkt so das Feld. Sind alle ausgerichtet, geht es nicht weiter: Der Stoff ist gesättigt (Eisen etwa ab 2 T). Darum ist μr\mu_r nur bei kleinen Feldern ungefähr konstant.

Häufige Fehler

Feldlinien beginnen am Nordpol und enden am Südpol

„Magnetische Feldlinien laufen vom Nordpol zum Südpol und hören dort auf, wie elektrische Feldlinien bei einer Ladung.“

Richtig ist

Magnetische Feldlinien sind geschlossen. Im Innern des Magneten laufen sie vom Südpol zum Nordpol weiter, bei der Spule schließen sie sich durch das Innere. Es gibt keine einzelnen Pole, an denen Linien enden könnten.

Häufige Fehler

Nur die Windungszahl zählt

„Mit mehr Windungen wird das Feld der Spule stärker, egal wie lang die Spule ist.“

Richtig ist

Entscheidend ist N/lN/l, die Windungen je Meter. 200 Windungen auf 0,50 m geben dieselbe Flussdichte wie 100 Windungen auf 0,25 m. Zieht man eine Spule bei gleicher Windungszahl in die Länge, wird das Feld schwächer.

Zusammenfassung

  • Magnetische Feldlinien sind geschlossen: außen von Nord nach Süd, im Magneten von Süd nach Nord. Dichte Linien bedeuten ein starkes Feld.

  • Das Feld eines geraden Leiters besteht aus Kreisen um den Leiter (Rechte-Hand-Regel). Eine Spule hat innen ein nahezu homogenes Feld und außen das Bild eines Stabmagneten.

  • Die Flussdichte B=F/(I l)B = F/(I\,l) wird in Tesla gemessen, 1 T=1 N/(A⋅m)1\,\text{T} = 1\,\text{N/(A·m)}.

  • Die lange Spule hat innen B=μ0 NI/lB = \mu_0\,N I/l mit μ0=4π⋅10−7 Vs/(Am)\mu_0 = 4\pi \cdot 10^{-7}\,\text{Vs/(Am)}.

  • Felder mehrerer Quellen addieren sich vektoriell (Superposition).

  • Diamagnetische Stoffe schwächen das Feld minimal, paramagnetische verstärken es minimal, ferromagnetische stark, bis zur Sättigung.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Auf ein 20 cm langes Leiterstück, das senkrecht zu einem homogenen Magnetfeld liegt, wirkt bei 3,0 A die Kraft 0,018 N. Wie groß ist die Flussdichte in mT?

Aufgabe 2Multiple Choice

Welche Aussage über die Feldlinien eines Stabmagneten ist richtig?

Aufgabe 3Numerisch

Eine lange Spule hat 800 Windungen auf 40 cm Länge und führt 1,5 A. Wie groß ist die Flussdichte im Innern in mT? Rechne mit μ0 = 4π · 10^-7 Vs/(Am).

Aufgabe 4Multiple Choice

Eine Spule wird bei gleicher Windungszahl und gleichem Strom auf die doppelte Länge auseinandergezogen. Wie ändert sich die Flussdichte im Innern?

Aufgabe 5Numerisch

An einem Ort überlagern sich ein Feld von 30 µT (nach Osten) und ein Feld von 40 µT (nach Norden). Wie groß ist die Flussdichte des Gesamtfeldes in µT?

Aufgabe 6Freitext

Eine Spule mit Eisenkern erzeugt bei gleichem Strom ein viel stärkeres Feld als dieselbe Spule ohne Kern. Erkläre das und nenne eine Grenze der Verstärkung.