Lektion 4.3

Hall-Effekt, Geschwindigkeitsfilter, Massenspektrometer und Teilchenbeschleuniger

18 min Lesezeit

Drehzahlsensoren im Auto und Magnetsensoren in Smartphones arbeiten häufig mit dem Hall-Effekt: Ein Magnetfeld erzeugt in einem Plättchen eine kleine elektrische Spannung. Am CERN halten Magnete Protonen auf einem Ring von etwa 27 km Umfang, und ein Massenspektrometer im Labor sortiert Ionen nach ihrer Masse.

Alle diese Geräte nutzen elektrische und magnetische Kräfte auf geladene Teilchen.

Definition

Hall-Effekt

Ein dünner Streifen (Dicke dd, Breite bb) führt den Strom II und wird von einem Magnetfeld BB senkrecht zur Fläche durchsetzt. Die Lorentzkraft lenkt die bewegten Ladungsträger zu einem Rand. Dort sammelt sich Ladung, am gegenüberliegenden Rand fehlt sie. Quer zum Strom entsteht ein elektrisches Feld EHE_H und zwischen den Rändern die Hall-Spannung UHU_H.

Das Feld wächst, bis seine Kraft die Lorentzkraft ausgleicht: eEH=evBe E_H = e v B mit der Driftgeschwindigkeit vv, also UH=EH b=vBbU_H = E_H\,b = v B b. Sind nn Ladungsträger je Volumen vorhanden, ist I=nevbdI = n e v b d. Daraus folgt v=I/(nebd)v = I/(n e b d) und:

UH=1n e⋅I Bd=RH I BdU_H = \frac{1}{n\,e}\cdot\frac{I\,B}{d} = R_H\,\frac{I\,B}{d}
Definition

Hallsonde

Bei fester Stromstärke ist UHU_H proportional zu BB. Eine Hallsonde misst damit Flussdichten. Die Hall-Konstante RH=1/(ne)R_H = 1/(n e) ist groß, wenn es wenige Ladungsträger gibt. Darum nimmt man Halbleiter, deren nn um viele Zehnerpotenzen kleiner ist als in Metallen. Positive und negative Träger werden zum selben Rand gelenkt, laden ihn aber verschieden auf. Das Vorzeichen von UHU_H zeigt daher die Art der Ladungsträger (n- oder p-leitend).

Beispiel

Hall-Spannung in Kupfer und Germanium

Ein Kupferstreifen (n=8,5⋅1028 m−3n = 8{,}5 \cdot 10^{28}\,\text{m}^{-3}, d=50 μmd = 50\,\mu\text{m}) führt 5,0 A. Ein Germaniumstreifen (angenommen n=1,2⋅1021 m−3n = 1{,}2 \cdot 10^{21}\,\text{m}^{-3}, d=1,0 mmd = 1{,}0\,\text{mm}) führt 30 mA. Beide liegen in einem Feld von 0,50 T. Wie groß ist UHU_H?

UH,Cu=5,0⋅0,508,5⋅1028⋅1,60⋅10−19⋅5,0⋅10−5 V≈3,7 μVU_{H,\text{Cu}} = \frac{5{,}0 \cdot 0{,}50}{8{,}5 \cdot 10^{28} \cdot 1{,}60 \cdot 10^{-19} \cdot 5{,}0 \cdot 10^{-5}}\,\text{V} \approx 3{,}7\,\mu\text{V}

In Kupfer ist die Spannung winzig. Für Germanium gilt dieselbe Formel mit den anderen Werten, das Ergebnis ist rund 20000-mal größer:

UH,Ge=0,030⋅0,501,2⋅1021⋅1,60⋅10−19⋅1,0⋅10−3 V≈78 mVU_{H,\text{Ge}} = \frac{0{,}030 \cdot 0{,}50}{1{,}2 \cdot 10^{21} \cdot 1{,}60 \cdot 10^{-19} \cdot 1{,}0 \cdot 10^{-3}}\,\text{V} \approx 78\,\text{mV}
Hall-Spannung vergleichen

Stelle den Regler "Flussdichte" auf 0,50 T. Wähle bei "Material" nacheinander Kupfer, n-Germanium und p-Germanium und lies unter der Zeichnung die Hall-Spannung ab: Sie sollte etwa 3,7 µV und 78 mV betragen. Bei p-Germanium haben die Randladungen das umgekehrte Vorzeichen. Verändere dann die Flussdichte und beobachte, wie die Hall-Spannung mitwächst.

Definition

Geschwindigkeitsfilter (Wien-Filter)

Beim Geschwindigkeitsfilter stehen ein homogenes elektrisches Feld EE (zwischen zwei Platten im Abstand dd mit der Spannung UU) und ein homogenes Magnetfeld BB senkrecht aufeinander und senkrecht zur Flugrichtung. Man nennt sie gekreuzte Felder. Die beiden Kräfte zeigen entgegengesetzt. Die elektrische Kraft qEqE hängt nicht von vv ab, die Lorentzkraft qvBqvB wächst mit vv. Nur bei einer Geschwindigkeit heben sie sich auf, und das Teilchen fliegt geradeaus durch eine Blende. Schnellere und langsamere werden abgelenkt. Aus qE=qvBqE = qvB folgt, unabhängig von Ladung und Masse:

v=EB=Ud Bv = \frac{E}{B} = \frac{U}{d\,B}
Definition

Massenspektrograph

Ein Massenspektrograph trennt Ionen nach ihrer Masse. Die Ionen (Ladung qq) werden mit der Spannung UU beschleunigt oder durch einen Geschwindigkeitsfilter ausgewählt. Dann fliegen sie senkrecht in ein homogenes Magnetfeld, laufen auf einem Halbkreis vom Radius rr und treffen im Abstand 2r2r vom Eintritt auf eine Fotoplatte oder einen Detektor. Aus qU=12mv2qU = \tfrac{1}{2} m v^2 und r=mv/(qB)r = m v/(qB) folgt:

m=q B2 r22 Um = \frac{q\,B^2\,r^2}{2\,U}
Beispiel

Neon-Isotope trennen

Einfach geladene Neon-Ionen mit den Massen 20 u und 22 u (1 u=1,66⋅10−27 kg1\,\text{u} = 1{,}66 \cdot 10^{-27}\,\text{kg}) werden mit U=2000 VU = 2000\,\text{V} beschleunigt und durchlaufen ein Feld von 0,50 T. Wie weit liegen die Auftreffpunkte auseinander?

r=1B2 m Uq:r20=5,76 cm,r22=6,04 cm,Δs=2 (r22−r20)=5,6 mmr = \frac{1}{B}\sqrt{\frac{2\,m\,U}{q}}: \quad r_{20} = 5{,}76\,\text{cm}, \quad r_{22} = 6{,}04\,\text{cm}, \quad \Delta s = 2\,(r_{22} - r_{20}) = 5{,}6\,\text{mm}

Die Formel für rr folgt aus m=qB2r2/(2U)m = qB^2r^2/(2U). Für 20 u ist m=3,32⋅10−26m = 3{,}32 \cdot 10^{-26} kg und 2mU/q=8,3⋅10−42mU/q = 8{,}3 \cdot 10^{-4} in SI-Einheiten. Die Wurzel ist 0,02880{,}0288, geteilt durch 0,500{,}50 ergibt sich r20=0,0576 mr_{20} = 0{,}0576\,\text{m}. Für 22 u ist rr um den Faktor 22/20=1,049\sqrt{22/20} = 1{,}049 größer. Die Linien liegen im Abstand 2r2r vom Eintritt, bei 11,5 cm und 12,1 cm.

Definition

Zyklotron

Im Zyklotron liegen zwei halbkreisförmige, hohle Metalldosen (Duanten) mit einem schmalen Spalt in einem homogenen Magnetfeld. Zwischen ihnen liegt eine Wechselspannung. Im Spalt beschleunigt das elektrische Feld das Teilchen, in den Duanten ist es feldfrei, und das Magnetfeld biegt die Bahn zum Halbkreis. Die Umlaufdauer T=2πm/(qB)T = 2\pi m/(qB) hängt nicht vom Radius ab. Die Spannung kann daher eine feste Frequenz f=qB/(2πm)f = qB/(2\pi m) haben, und das Teilchen kommt immer im richtigen Moment am Spalt an. Bei jedem Spaltdurchgang gewinnt es die Energie qU0q U_0, sein Kreis wird größer, es läuft eine Spirale nach außen. Am Außenradius RR ist v=qBR/mv = qBR/m und die kinetische Energie:

Ekin=q2B2R22 mE_{\text{kin}} = \frac{q^2 B^2 R^2}{2\,m}
Beispiel

Protonen im Zyklotron

Ein Zyklotron hat B=1,5 TB = 1{,}5\,\text{T} und R=0,50 mR = 0{,}50\,\text{m}. Welche Frequenz braucht die Spannung für Protonen (mp=1,67⋅10−27 kgm_p = 1{,}67 \cdot 10^{-27}\,\text{kg}), und welche Energie erreichen sie?

f=eB2πmp≈23 MHz,Ekin=e2B2R22 mp≈4,3⋅10−12 J≈27 MeVf = \frac{e B}{2\pi m_p} \approx 23\,\text{MHz}, \qquad E_{\text{kin}} = \frac{e^2 B^2 R^2}{2\,m_p} \approx 4{,}3 \cdot 10^{-12}\,\text{J} \approx 27\,\text{MeV}

Für ff: 1,60⋅10−19⋅1,5/(2π⋅1,67⋅10−27)=2,3⋅107 Hz1{,}60 \cdot 10^{-19} \cdot 1{,}5 / (2\pi \cdot 1{,}67 \cdot 10^{-27}) = 2{,}3 \cdot 10^{7}\,\text{Hz}. Für EkinE_{\text{kin}}: Der Zähler ist (1,60⋅10−19)2⋅1,52⋅0,502=1,44⋅10−38(1{,}60 \cdot 10^{-19})^2 \cdot 1{,}5^2 \cdot 0{,}50^2 = 1{,}44 \cdot 10^{-38}, der Nenner 3,34⋅10−273{,}34 \cdot 10^{-27}. Mit 1 eV=1,60⋅10−19 J1\,\text{eV} = 1{,}60 \cdot 10^{-19}\,\text{J} sind das 27 MeV. Die Endgeschwindigkeit ist etwa ein Viertel der Lichtgeschwindigkeit.

Definition

Linearbeschleuniger und Synchrotron

Beim Linearbeschleuniger laufen die Teilchen durch hintereinander liegende Metallröhren. Eine Wechselspannung polt benachbarte Röhren abwechselnd um, sodass die Teilchen in jedem Spalt beschleunigt werden. In den Röhren sind sie feldfrei. Weil sie schneller werden, die Halbperiode T/2T/2 aber gleich bleibt, müssen die Röhren länger werden: l=v T/2l = v\,T/2. Ein Magnet ist nicht nötig, die Anlage wird aber lang.

Beim Synchrotron laufen die Teilchen auf einem Ring mit festem Radius rr. Ablenkmagnete halten sie auf der Bahn, Hochfrequenzresonatoren beschleunigen sie. Aus p=qBrp = q B r folgt: Mit wachsendem Impuls pp muss BB wachsen, und die Frequenz der Resonatoren wird angepasst. Beim Large Hadron Collider (Krümmungsradius der Ablenkmagnete 2,8 km) braucht man für Protonen mit p c≈7 TeVp\,c \approx 7\,\text{TeV} etwa B=p/(e r)≈8,3 TB = p/(e\,r) \approx 8{,}3\,\text{T}.

Definition

Relativistische Massenzunahme

Nahe der Lichtgeschwindigkeit cc gilt die klassische Mechanik nicht mehr. Hier genügt das Ergebnis der speziellen Relativitätstheorie: Die träge Masse eines Teilchens mit der Ruhemasse m0m_0 wächst mit der Geschwindigkeit, und vv erreicht cc nie. m0c2m_0 c^2 ist die Ruheenergie, die Energie des ruhenden Teilchens.

m=γ m0,γ=11−v2/c2,Ekin=(γ−1) m0c2m = \gamma\,m_0, \qquad \gamma = \frac{1}{\sqrt{1 - v^2/c^2}}, \qquad E_{\text{kin}} = (\gamma - 1)\,m_0 c^2
Beispiel

Grenze des Zyklotrons

Protonen haben die Ruheenergie m0c2=938 MeVm_0 c^2 = 938\,\text{MeV}. Im Zyklotron erreichen sie Ekin=100 MeVE_{\text{kin}} = 100\,\text{MeV}. Um wie viel ändert sich ihre Umlaufdauer, und wie schnell sind sie?

γ=1+100 MeV938 MeV=1,107,T=2π γ m0qB,v=c1−1/γ2=0,43 c\gamma = 1 + \frac{100\,\text{MeV}}{938\,\text{MeV}} = 1{,}107, \qquad T = \frac{2\pi\,\gamma\,m_0}{qB}, \qquad v = c\sqrt{1 - 1/\gamma^2} = 0{,}43\,c

Mit m=γm0m = \gamma m_0 gilt T=2πγm0/(qB)T = 2\pi\gamma m_0/(qB). Die Umlaufdauer ist also um den Faktor γ=1,107\gamma = 1{,}107 länger, rund 11 %. Die feste Frequenz passt nicht mehr, die Protonen kommen aus dem Takt. Darum liegt die Grenze des einfachen Zyklotrons für Protonen bei einigen zehn MeV.

Häufige Fehler

Der Geschwindigkeitsfilter sortiert nach der Masse

„Der Wien-Filter lässt nur Teilchen einer bestimmten Masse durch.“

Richtig ist

Die Bedingung v=E/Bv = E/B enthält weder mm noch qq. Der Filter wählt eine Geschwindigkeit aus, gleich welche Masse. Erst das Magnetfeld im Massenspektrographen trennt nach m/qm/q, denn rr hängt davon ab.

Häufige Fehler

Im Zyklotron beschleunigt das Magnetfeld

„Das Magnetfeld im Zyklotron gibt dem Teilchen seine Energie.“

Richtig ist

Das Magnetfeld verrichtet keine Arbeit. Es hält das Teilchen nur auf der Kreisbahn. Die Energie liefert allein das elektrische Feld im Spalt zwischen den Duanten.

Zusammenfassung

  • Im Hall-Effekt entsteht quer zum Strom die Spannung UH=IB/(ned)U_H = I B/(n e d). Eine Hallsonde misst damit BB. Ihr Vorzeichen zeigt die Art der Ladungsträger, Halbleiter geben viel größere Spannungen als Metalle.

  • Im Geschwindigkeitsfilter mit gekreuzten Feldern passieren Teilchen mit v=E/Bv = E/B, unabhängig von Masse und Ladung.

  • Der Massenspektrograph trennt Ionen nach m/qm/q: m=qB2r2/(2U)m = qB^2r^2/(2U).

  • Das Zyklotron beschleunigt mit fester Frequenz f=qB/(2πm)f = qB/(2\pi m), solange die Masse konstant ist. Linearbeschleuniger und Synchrotron vermeiden seine Grenzen.

  • Bei vv nahe cc wächst die Masse um γ\gamma. Dann passt die feste Frequenz nicht mehr.

Übungen

Aufgabe 1Numerisch

Ein Geschwindigkeitsfilter hat Platten im Abstand 2,0 cm mit der Spannung 400 V. Das Magnetfeld hat 20 mT. Welche Geschwindigkeit passiert ungehindert, in Einheiten von 10^6 m/s?

Aufgabe 2Numerisch

Eine Hallsonde aus Halbleiter (Dicke 0,50 mm, n = 2,0 · 10^21 m^-3) führt 20 mA. Sie zeigt eine Hall-Spannung von 15 mV. Wie groß ist die Flussdichte in mT? (e = 1,60 · 10^-19 C)

Aufgabe 3Multiple Choice

Welche Aussage über das Zyklotron stimmt?

Aufgabe 4Numerisch

Einfach geladene Ionen mit der Masse 28 u (1 u = 1,66 · 10^-27 kg) werden mit 1000 V beschleunigt und durchlaufen senkrecht ein Feld von 0,20 T. Wie groß ist der Bahnradius in cm?

Aufgabe 5Numerisch

Mit welcher Frequenz in MHz muss die Spannung eines Zyklotrons für Protonen (m = 1,67 · 10^-27 kg) bei einem Feld von 1,0 T wechseln?

Aufgabe 6Freitext

Warum funktioniert ein einfaches Zyklotron bei Energien von mehreren hundert MeV nicht mehr, und was ändert ein Synchrotron?